Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 64 (1923)
- Issue
- Heft 36-37 (7.9.1923)
- Date
- 1923-09-07
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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7. September 1923 Nr. 36 Seite 3 anbahnen — ist das nicht reiche Hoffnung auf ein neues gesegnetes Jahr? Was bedeutet des Einzelnen Geschick; wenn nur die Gesamtheit zur Selbstbesinnung fortschreitet und sich findet! Schaffen und wirken, das ist leben, und im Bunde mit Edlen geistige Werte schaffen und fördern, das krönt unser Dasein. Dazu möge uns die Jahreswende entflammen, dann werden wir den Segen des Himmels gewinnest. Wochenrundschau. Sammlung. Sammlung, Einkehr, ist die Forderung der ernsten Elul- und Tischritage, aber die Sammlung an den bevorstehenden Tagen heiliger Weihe und nachfolgender Gottesfreude darf nicht nach außen hin Ausdrucksformen finden, die in einer Zeit der Hochspannung irgend Anstoß erregen, vor allem werde aus unserer Sammlung keine Ansammlung, die in Andacht und Festfreude erworbenen Jnnenwerte brauchen nicht in Samt und Seide und Edelsteinen in eine feindliche Welt hinauszufunkeln, wo sie Neid und Haß erregen und Leidenschaften wecken, die nur des geringsten Anlasses bedürfen, ,um sich in tobender Wildheit zu entladen. Nicht als ob wir nicht das Recht hätten, gleich Anderen unsere gehobene Stimmung auch nach außen zu zeigen; nicht als ob wir gerade in dieser Beziehung bekennen müßten M UDttfa dV .Wir wissen es und die Welt weiß es: die Quelle des Unglückes liegt anderswo, und jüngere Leute, die in Ermangelung von Tradition und Gemeinschaftsgefühl die leichtverdienten Mengen von wertunbeständigen Papiernoten rasch in Tand und Flitter, Kleider und Schmuck umsetzen, um dann mit diesen Feigenblättern des glitzernden Luxus die innere Nacktheit, die Blößen ihres Seelen- und Geisteslebens zu bedecken, gibt es leider heute allerorts, in allen Schichten und bei allen Konfessionen. Vor den Synagogen dürsten sie am wenigsten vertreten sein . . . Vielleicht sind sie dort gerade in denen vertreten, die einzeln und in Scharen die hochgestimmt aus dem Gotteshause strömenden Beter gelegentlich mit unflätigen Reden belästigen, als gälte es für sie, gegen das wvd rto nyttnn zu demonstrieren. Aber es ist nicht Zweck dieser Zeilen, sich mit diesen Ausgeburten des Hasses auseinanderzusetzen, auch nicht die Frage zu erörtern, ob das bübische Treiben verhetzter Elemente so viel Rücksicht verdient, daß sie obige Mahnung recht- „Berge Gottes" und im „Hause des Gottes Jakobs" das Ziel ihres Ganges durch die Geschichte sehen. Sie werden trotz alledem die besondere Sendung Israels als solche anerkennen, indem sie nämlich nur einen Teil der Wege unseres Geseheslebens nachwandeln werden. Sie werden nur von seinen Wegen etliche, nicht alle erforschen wollen. Bis jetzt ist diese Einsicht selbst zu Zeiten größten Verständnisses für Israel noch nirgends durchgedrungen. Fragt doch z. B. selbst Lesjing: „Was ist das für ein Gott, der jemand eignet?" um mit dieser Frage gegen unseren Auserwählungsglauben zu protestieren, ohne welchen doch unsere Treue zum uns angeerbten Gesetze ihren inneren Wert verlieren müßte. Zum Gesetze der Thora dürfen wir unsererseits niemanden bekehren und auch nicht leicht jemandem zum Eintritt in unsere Gemeinschaft nach bekundetem Willen dazu aufmuntern, dessen Abstammung nicht selber unserem Gesetze entspricht. Aber zum Befolgen der sieben noachidischen Gebote, welche doch das Fundament aller menschlichen Kultur bilden, auch die übrigen Menschen anzuhalten, kann nur ein gottgefälliges Werk, wenn auch meist keine uns naheliegende. Mizwa sein. Kurz bevor die Sendboten der heute herrschenden Religion ihren Siegeslauf durch die Welt antraten, hatten von Alexandria und ähnlichen Zentren des Wissens aus jüdische Gelehrte Bekehrungsschriften über das ganze römische Weltreich verbreitet, deren Inhalt aus Belehrung über die Nichtigkeit der griechischen und der damals sich mit ihr vermischenden morgenländischen Götzenkult und über die Unzulänglichkeit der damals herrschenden Moralbegriffe bestand. Diese Schriften hatten gelegentlich dem Geiste der dann erstandenen Religion und der Predigt ihrer Sendboten im Voraus den Boden bereitet. (Fortsetzung folgt.) Der Israelit fertige. Die Welt zu einer höheren Auffassung des Lebens zu erziehen, gehört zu unseren höheren Aufgaben, vorderhand liegt es leider nicht in unserer Kraft, „dem Unrecht den Mund zu schließen", „die Herrschaft des Uebermutes" zu brechen. Wir müssen mit den Dingen rechnen, wie sie sin d. Und sie sind so, daß wir nicht genug zur Bescheidenheit, zur Einfachheit, zu diskreter Zurückhaltung mahnen können, zur Vermeidung all dessen in Art, Aeußerung und Kleidung, was zu Neid und Haß und Zusammenstoß führen könnte. Sammlung — keine Ansammlungen! Einkehr — keine auffällige Hervorkehrung der Schönseite des Lebens. Nach innen gekehrt, finden wir in diesen das, was uns in diesen Zeiten des großen Wandels und Wankens allein Heil und Halt bietet, finden wir den, der, erhaben über den Dingen und Erscheinungen, unser Leben in Bahnen der Ewigkeit und Unwandelbarkeit zieht. Darum: ■d "Ottr? DiK di -rot^ nbw Die Herabsetzung der Esrogim- und Lulowim-Preise. Wir. haben vor einigen Wochen eine Mitteilung der „Freien Vereinigung" veröffentlicht, in der diese Körperschaft im Hinblick auf mangelhafte Unterstützung durch die Behörden die Verantwortung für die Gestaltung der Dinge auf dem Esrogim-Markte ablehnte. In der Tat hörte man von recht hohen preisen: 40—50 italienische Lire wurden von den Händlern verlangt und auch vom Publikum vorausbezahlt. Inzwischen ist es nun der „Freien Vereinigung" nachträglich doch gelungen, eine Vereinbarung mit dem Großhandel zu treffen, der das Preisniveau auf eine vernünftige Höhe bringt. Wie man uns mitteilt, werden die Importeure die Händler zu Preisen beliefern, die den Verkauf von Arba Minim (Durchschnittsware) zu 24—30 Lire gestatten. Wir möchten auf Grund einer uns zugehenden Anregung den Vorschlag machen, daß alle Esrogim-Käufer, die bereits 15—20 Lire zuviel eingezahlt, sich dieses Betrages also zu Gunsten des Mizwazweckes bereits entäußert hatten,.diesen Mehrbetrag dem „Bund gesetzestreuer Gemeinden" oder der „Freien Vereinigung" zur Verwendung für notleidende Beamte, Ritualien und sonstige dringliche Gesamtheitsanliegen zur Verfügung stellen. (Siehe die Korrespondenz „Frankfurt".) Kleines Feuilleton. Spruch zum Roschhaschonotage 5684. Von Kart Aarmstädter. riö piaro ns„ HD PiB Was soll das Plauderwort und das Idyll, Was soll der Sang von lieblichen Bezirken Wo Fäulnis stißt im morschesten Gebälk Und Lava flutet aus entfachten Kratern?- Ich könnte von dem Knaben und dem Greis Euch sagen, die im Gotteshause weilen; Vom hohen Fest, das Hirt und Herde sammelt; Vom Ruf des Hornes, seltsam wie sein Ursprung; Vom Frieden, der die Feiernden umhegt, Vom Gang zum Strom und bildvollen Gebete- Was soll die Rede dienen, um den Schleier Süßen Vergessens auf die Zeit zu breiten? Soll glütentflammt das Zornwort dieses sagen: Daß fürchterliche Schuld aus Vielen ruht Und daß die Führer blinder sind als Blinde? Soll Donnerstimme jesaianisch rufen Und mit den Meersturm zeigen, der schon braust?... Dies alles ist vergebens und zu spät. Vielleicht wird bald ein Iirmijohu kauern Aus windumtosten Trümmern toter Welt. . . — Ist dies ein Festgrutz, Unheilkünder, du. Liehst Du die Stimme vom Gekrächz der Raben, Statt Nachtigall zu sein zur Abendzeit? — Optimismus oder Selbsttäuschung? Das deutsche Misrachiorgan, die „Jüdische Presse" in Berlin, erklärt sich mit den Erfolgen des abgelaufenen Zionistenkongresses sehr zufrieden. Die Erfolge waren zwar, wie jeder weiß, auf Seiten der Leitung, und Misrachi war in der Opposition. Aber als Erfolg verzeichnet es das Misrachiblatt, daß die Idee des Weltkongresses Verständnis gefunden-und daß die vom Kongreß angenommene Resolution in Sachen der „Jewish Agency" nicht ganz den ursprünglichen Plänen Weizmanns entspricht. Was Misrachi erreicht hat, liege zwar nicht auf der Schauseite des Geschehens komme aber als Jmponderabile mit in Rechnung. Besäße aber der Misrachi in Wirklichkeit die Macht innerhalb des Zionismus, deren er sich im Artikel rühmt, es wäre sicherlich nicht bei Imponderabilien geblieben. Denn es gab für Misrachi auch festen Boden zu erkämpfen in diesem Kongresse, er hat, trotz relativer Stärke und Geschlossenheit der Fraktion, keinen Fußbreit davon errungen. Das Absolutorium konnte nicht verhindert werden und die neugewählte Exekutive unterscheidet sich von der früheren in nichts. Man durfte nicht auf dem negativen Standpunkte verharren, meint das Blatt, um nicht die Position in Palästina zu verlieren, wo eine eigene Exekutive gebildet wird. Die „eigene" Exekutive ist eine zionistische Exekutive, aber unter Mitwirkung des Misrachi. Was er sich von dieser eigenen Exekutive, in der ^Männer der neuen Geisteskultur das führende Wort haben werden, verspricht, ist nicht klar. Das Blatt verzeichnet mit Freude, daß So ko low in seinem Schlußworte zum ersten Male einen Appell zur Heiligung des Sabbats und Jnnehaltung des Religionsgesetzes im öffentlichen Leben ausgesprochen hat. Ja, „zum ersten Male" und im „öffentlichen Leben", und schließlich ein Appell aus dem Munde eines Mannes, in dessen privatem wie öffentlichem Leben Sabbat und Religionsgesetz keine große Rolle spielen. Wird der Nachhall dieses Appells in der Palästina- Exekutive stark genug sein, um den Misrachi- Vertretern den Kampf um Sabbat und Religionsgesetz in Erez Iisroel zu ersparen oder nur zu erleichtern? Das zu glauben, wäre mehr wie Optimismus. Wie ein Kind, das in Furcht die Augen schließt und sich dann Mut ansingt, mutet Misrachi an, wenn er in seinem deutschen Zentralorgane nach dem XIII. Zionistenkongresse schreibt: „Es war eine historische Stunde, als unter den Entrüstungsrusen der Tribüne bei ungeheurer Erregung des Hauses der Misrachi geschlossen gegen das Ab- Die Sommervögel hüllen sich in Schweigen, Auf leeren Feldern hockt die schwarze Krähe, Bald seid ihr ihren heis'ren Ruf gewohnt. — Doch füg ich nicht nur Schwarzgewölk zum Spruch; Es sei das Fest euch allen groß und heilig, Versäumt nicht, es als Opfer darzubringen Auf dem Altar der Erstlinge der Zeiten; Verschönt es durch die Ueberlieferungen: Kehrt heim und bet et und gedenkt derNöt! Versagt euch alles, was der Feind erspäht: Den frechen Prunk mit sündhaftem Geschmeide; Höhnt nicht das Grabgewand im Gotteshaus Durch eure Fetzen, die im Sumpf errafft sind. Weckt nicht den Fluch der Armen, die euch schauen. Daß ihr besteht, wenn das Verhängnis naht, Wenn furchtbar droht das Schofar des Gerichtes. Last ihr die Mär vom Rabbi, der des Hornes Gebotenen Ton nicht blies und seltsam schwieg? Er sah den Heiligen, gelobt sei Er, Wie er in fernen Ewigkeiten thronte Und seines letzten Kindes Fleh'n ausnahm . . . Da wartete der Weise und versank In tiefes Sinnen und entrücktes Schweigen. So sei dies Gleichnis. Spruch und — Gruß zum Fest: Kraftlos, der Welt Verhängnis noch zu wenden, Zu schwach, den Blinden Lichtquell neu zu wecken Verstrickt in Unrecht, Schuld und Eigennot Bleibt uns nur dies: tief unser Haupt zu neigen, Iahrtausendaltem Schofarton zu lauschen, Erschüttert Vorzeitworte neu zu prägen Und demutvoll das Knie vor Gott zu beugen . . . Liegt heilige Stille, die Ruf zerbricht, Verhalten über uns und fernster Welt, Dann brause Schicksal furchtbar aus uns ein, Zerreiße, schlage, töte und vernichte- West' Stimme soll der Weltsturm übertönen?