Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 64 (1923)
- Issue
- Heft 35 (30.8.1923)
- Date
- 1923-08-30
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 Nr. 35 Der Israelit 80. August 1923 \ Die Kenessio Gedaulo wird bei allen Beschlüssen im Auge zu behalten haben, datz sie ein Werk vollbringt für und an ganz Israel. Das Mandat hierzu erhielt sie in der Stunde, in der die Agudas Jisroel gegründet wurde, denn wahrlich, was damals unsere Führer bewogen hatte, das Banner der Agudas Jisroel zu entfalten, war nicht, kleinlich und ängstlich zu sorgen für den eigenen Kreis. Es ist nicht richtig, wenn man behauptet hat, die einzige Sorge wäre der Gedanke gewesen, wie man dasjenige erhält, was noch vorhanden war als Rest aus dem furchtbaren Kampfe der Haskala, Reform und Nationalisierung,- vielmehr war es den Gründern darum zu tun, wieder die abgesprengten Teile zu gewinnen, aufzuklären die Verführten und auch den Völkern der Welt Rechenschaft abzulegen über dasjenige, was der Lenker der Geschichte mit Israel wollte, und wie Israel diesem Ruf Folge leistet oder sich ihm versagte. Ehrlichkeit des Wollens, Ehrlichkeit des Wortes, Treue zur Idee zwingt auch den fernsten Gegner zur Anerkennung. Und darum ergeht unsere Bitte an jeden, der an der Kenessio Gedaulo das Wort ergreift, an das Plenum für die Augenblicke, in denen es Beschlüsse saßt, die Fragen, 'die es würdigt, oder ablehnt: Man möge bedenken, es gilt für alle und an alle." Die in Straßburg erscheinende jüdische Zeitung „Le tribunal juife" schließt eine Betrachtung über die tagenden Kongresse mit den Worten: .Die Kenessio Gedaulo verdient gewiß von allen ernst- und rechtdenkenden Juden aus herzlichste begrüßt zu werden. Angesichts der Ueberhandnahme der so vielen unberufenen Elemente, die aus ganz assimilierten Kreisen aus den Ruf des Zionismus, den sie nicht recht verstanden haben, herbeigeeilt kamen, um sich anstelle der von ihnen wiederholt versuchten und mißlungenen Assimilation ein eigenes, ungestörtes .Heidentum" in der Dtttte unseres schönen altehrwürdigen Judentums bequem aufzurichten: angesichts dieses einreißenden unheilvollen Uebels bietet uns die Kenessio-Gedaulo ein sehr erwünschtes Gegengewicht. Sie wird gewiß friedliche Mittel und Wege finden, um das Prestige unseres gesunden traditionellen Judentums zu festigen, den gesunkenen - rrvnn tdd zu heben und unsere Jugend vor der großen Gefahr des Einflusses jener neuen unverantwortlichen Lehrer zu retten, die ihre Ideen ins Judentum hineingeschmuggelt haben und sie für echtes und wahres Judentum bei der leider sehr wenig jüdisch orientierten Jugend in Kurs setzen. Erfreulicherweise ist auch bei der Aguda in letzter Zeit ein ernster Wille zu praktischen Aufbauarbeiten in Erez-Jsrael unverkennbar zu merken, und wie die neuesten Meldungen berichten, wird auch in diesem Kreise ein Friede, der natürlich nicht aus Kosten unserer Thora geschlossen werden kann, wirklich herbeigesehnt. Mit dem Misrachi werden seit einiger Zeit Verhandlungen gepflogen, die früher oder später zu der lang erwünschten Einigung führen werden." Die in Wien erscheinende angesehene Zeitschrift „Die Stunde" bringt in ihrer Nummer vom 27. August eine stimmungsvolle Betrachtung zum „Kongresse der orthodoxen Juden", der wir folgende Stellen entnehmen: Vor und in dem Zirkus Renz in der Leopoldstadt geht es feit einigen Tagen recht ledhaft zu. In den feit Jahren fast unbenützten Räumlichkeiten des früher so populären Gebäudes in der Zirkusgasse tagt seit Mittwoch die „Kenessio Gedaulo der Agudas Jisroel", die große Versammlung der israelitischen Gesamtheit. Also kurz: ein Kongreß. Aber ein Kongreß von Raritätswert. Zum ersten Mal feit der Diaspora, seit fast zwei Jahrtausenden, versammeln sich die geistlichen Würdenträger und geistigen Repräsentanten des glaubenstreuen Judentums von Ost und West, von Nord und Süd, von Polen und der Schweiz, von Holland und Detzarabien, von Kleinasien und Südamerika zu einer einheitlichen programmatischen Stellungnahme. Eine tausendjährige Gemeinschaft will eine neue Organisation schassen, und schon aus dem ersten Kongreß vertreten etwa fünfhundert Delegierte über sechshunderttausend Anhänger. Das find nicht diejenigen, die der Krieg aus ihrer Heimat vertrieben hat und die jetzt auf dem Schottenring und Umgebung die Kurse erwarten, Knopflöcher und Lust waggonweise verkaufen. Es sind die Leute, aus denen die Märtyrer des Glaubens geschnitzt werden, die an den Satzungen der heiligen Lehren und Ueberlieserungen allen Verfolgungen von außen und Verhöhnungen von innen zum Trotz seit Jahrtausenden festgehalten haben und Jahrtausende noch sesthalten wollen. Das Programm des Kongresses: Rückblick auf zwei Jahrtausende und Ausblick auf eine mindestens so weite Zeitspanne, daneben auch organisatorische, kulturelle und Wohlfahrtsfragen, eine reichhaltige Karte, deren Absolvierung nicht nur die Tage, sondern auch die Abende der Kongreßwoche vollständig in Anspruch nimmt und aller Wahrscheinlichkeit nach eine ^Verlängerung der Kongreßdauer zur Folge haben wird. Außerhalb des Beratungssaales die gewohnten Unannehmlichkeiten und Unarten internationaler Kongresse. Polizei muß die Ordnung ausrechterhalten, eine Reihe von Ordnerketten muß passiert werden, bis man Einlaß in den Saal findet. Der Riesenraum ist voll besetzt. Zur Besserung der erbärmlich schlechten Akustik sind die Logen mit Decken verhängt. Auf der -Präsidentenestrade Patriarchengestalten. Sie sitzen würdevoll und lauschen dem. Redner. So sind die römischen Senatoren gesessen, als die Gallier in den Sitzungssaal eindrangen. Die Beratungssprache ist deutsch. Das heißt nicht ganz. Ein eleganter Herr, gekleidet nach neuester Fasson, mit einem wohlgepflegten Henri - quatre-Bart, mit dem er selbst im französischen Parlament Furore machen würde, spricht in herrlichstem Jargon, während ein greiser Oberrabbiner im Kaftan und Stirnlocken ein Hochdeutsch anschlägt, das jedem deutschen Parlamentarier zur Ehre gereichen könnte. Die Redner wirken auf die Zuhörer faszinierend und werden wiederholt durch stürmischen Applaus unterbrochen. Vor der Präsidentenestrade sitzen die Mitglieder des Rabbinatsrates, die geistlichen Oberhäupter der orthodoxen Gemeinden. Ehrfurchtsvoll gehen an ihren Sitzen die Laienmitglieder des Kongresses vorbei, wie überhaupt Ehrfurcht und Pietät die ganze Versammlung beherrscht. 'Wenn ein ganz Großer den' Saal betritt, erheben sich alle Anwesenden von ihren Sitzen, der Redner unterbricht seinen Speech und wartet, bis der East seinen Platz eingenommen hat. Da es viele „ganz Große" gibt, so wiederholt sich dieser Vorgang. Besonders liebevolle Aufmerksamkeit widmen die Anwesenden einem gebrechlichen, winzig kleinen Greis, der in den Saal nicht geführt, sondern getragen wird. Er ist kein Seelenhirt, bekleidet keine öffentliche Funktion, sondern ist Schriftsteller und Gelehrter, bekannt unter dem Namen „Ehosez Chajim", der Verfasser einer großen Zahl religiös-philosophischer und ethischer Werke. Er bleibt nur einige Minuten im Saale und wird dann wieder aus dem Saale getragen. Für die Presse ist — was sonst an Kongressen zu den Seltenheiten gehört — verständnisvoll gesorgt. Vertreter der Wiener und auswärtigen Presse sind zahlreich vertreten. Zu den eifrigsten Besuchern des Kongresses gehört der Mitarbeiter der — „Reichspost". Sicherlich wird er die Ueberzeugung gewonnen haben, daß die personifizierten „Weisen von Zion" — denn er sieht diese vor sich — keine Proselytenmacher find und die Beherrschung der Welt nicht anstreben. Politik kat* erochen ist aus den Beratungen ausgeschaltet. Wohl figuriert aus dem Programm die Erörterung innerer und äußerer politischen. Fragen. Unter Politik verstehen _^rber die Leiter des Kongresses, nur die Vertretung ^er jüdischen Idee nach außen. Also keine Weltpolitik und keine Einmengung in die inneren Angelegenheiten der einzelnen Länder. Einen breiten Raum im Rahmen der Verhandlungen nimmt die Palästinasrage ein. Die Orthodoxen stehen da im krassen Gegensatz zu de« nationalen Juden, den Zionisten. Die Bruderparteien bekämpfen sich auf das heftigste und eine Ausgleichung der Gegensätze wird auch dieser Kongreß nicht bringen. Das „AUgemeene Handelsblad", Amsterdam vom 22. August zählt die Leistungen der Aguda seit Kattowitz auf, gibt die Ziele an und schildert das farbenprächtige Bild der Eröffnungssitzung. Dann schreibt sie: r Herz und Blut des jüdischen Volkskörpers ist die heilige Thora, erklärte der greise Gaon Meier Hakohen (Chosez Chajim) bevor er in feiner Eröffnungsrede der Versammlung den Segen erteilte, „und mit der Eröffnung der Kenessio Gedaulo, beginnt die Rückkehr des jüdischen Volkes zu Sinai", sagte Rabbi Epstein, der Rektor der weltberühmten Jeschiwo in Slobotka ... Es ist vorauszusehen, datz diese Orthodoxie noch ein sehr wichtrgerFaktor imDasein des jüdischen Volkes werden wird. Die alten und jungen Rabbinen, die hier zusammengekommen sind, sind sehr enthusiastisch und bereit für ihre Idee zu streiten und auch zu jedem Opfer bereit , . . Die Begeisterung bei der Eröffnung kannte keine Grenzen und der Eindruck war geradezu überwältigend. So z. B. als der greise Chofez Chajim die Versammlung mit den Worten segnete: Die Thora und die Einigkeit in unseren Reihen wird uns alle retten. Uad als Schapiro aus Sannok (Polen) dle Versammlung begrüßte und sie erinnerte, datz Abraham vor keinem Opfer zurückschreckte. ja nicht vor der Opferung feines eignen Sohnes." Die „Jüdische Rundschau" in Berlin knüpft gewisse Hoffnungen an die Kenessio und kann es bei der Gelegenheit nicht unterlassen, der Aguda ein wenig Moral wegen ihres Verhaltens zum Keren Hajessod zu predigen. Wir werden auf die sachlichen Ausführungen des zionistischen Organes gelegentlich zurückkommen. Erez Jsroel-Resolntionen der Kenessio-Gedaulo. Ehinuch in Erez Jisroel. 1. Die Kenessio Gedaulo drückt ihren tiefen Schmerz über die Tatsache aus, oaß es Schulen in Erez Jisroel gibt, welche nicht nur gegen den Willen der Thoraautoritäten des heiligen Landes unjüdische Weltanschauungen den Kindern übermitteln, sondern geradezu ostentativ alle Heiligtümer des jüdischen Volkes dadurch gefährden, daß sie den Gegensatz zum Gotteswort in die Herzen der Kinder hineinzulegen versuchen. Die traurige religiöse Lage bei der Heranwachsenden Jugend in Erez Jisroel ist vor allem den unreligiösen Schulen zuzuschreiben. Deshalb beschließt die Kenessio Gedaulo eine. energische Tätigkeit bei der Förderung der bereits bestehenden allen Talmudthoras, welche im Geiste der Thora geführt sind, zu entfalten und allüberall, wo nur irgendwie die Möglichkeit gegeben ist, Schulen in dem nämlichen Geist zu gründen. Neben der Sorge für die Talmudthoras und die Jeschiwos hat Agudas Jjsroel auch insbesondere zu sorgen für a) Schulen in den Kolonien, b) orthodoxe Mädchenschulen, c) orthodoxe Kindergärten. Zu diesem Zwecke ist ein eigener Fonds unter dem Namen Keren Hathauro einzurichten. 2. Agudas Jisroel hat auch die Ausgabe, in denjenigen Schulen, welche dem Thorageiste entfremdet sind, die Jugend wieder für die alte jüdische Wahrheit zurückzugewinnen. ' 3. Agudas Jisroel wendet sich an alle thoratreuen Juden mit der heißen Bitte, bei der Unterstützung des Erziehungswerkes in Erez Jisroel im Geiste der Thora behilflich zu fein. 4. Besonderes Augenmerk hat Agudas Jisroel auf die Erziehung der Kinder der sefardifchen Gemeinden zu legen, da diese sonst dem thoratreuen Judentum völlig entfremdet werden. Bei der Unterstützung der palästinensischen Juden ist ein bestimmter Prozentsatz für die sefardifchen Schulen zu verwenden. 5. Agudas Jisroel soll die Gründung einer großen Jeschiwah in die Wege leiten, deren Besucher sich aus dem besten Bachurim der übrigen Jerusalemer Jeschiwohs zusammensetzen sollen. 6. Die Kenessio Gedaulo drückt ihren tiefen Dank an die Leiter der Thoraanstalten' in Erez Jisroel und ihren Förderer in der Diaspora aus. 7. Die für Erez Jisroel zu schaffenden Vevwaltungsorgane werden, sofern die obigen Beschlüffe keine andere Wahl vorsehen, durch den Geschästsausschuß gewählt. CHisuk Hadaß. 1. In Kenntnis der traurigen Lage des religiösen Lebens in den Kolonien von Erez Jisroel beschließt die Kenessio Gedaulo die moralische und materielle Unterstützung aller religiösen Institutionen in den Kolonien, insbesondere die Sorge für Schulen, Synagogen, Lehrer, Schochtim, Mohalim, sowie die Beihilfe zur Erfüllung aller Pflichten, wie Trumo, Masser und Schmitto. 2. Die Kenessio Gedaulo übernimmt die Verpflichtung, nach besten Kräften die Landesorganisation der Agudas Jisroel in Erez Jisroel sowie deren Presseorgan „Kol Jisroel" zu fördern. 3. Agudas Jisroel hat die Verpflichtung, ein Einwanderungsamt für Chaluzim in Jerusalem und Jaffa emzurichten, um diesen in den ersten Tagen ihrer Ankunft behilflich zu sein und dafür Sorge zu tragen, daß das Milieu für wahrhaft thoratreue Chaluzim geschaffen wird. 4. Die von der Agudas Jisroel gegründete Krankenstation in Jaffa soll weiter ausgebaut werden. Wirtschaftliche Arbeit. Bezüglich der praktischen Erez Jisroel-Arbeit begrüßt die Kenessio Gedaulo jegliche Privatinitiative in Erez Jisroel und wünscht, daß der Waad Hakloli jeder praktischen Arbeit von Einzelpersonen weitgehendste Förderung angedeihen läßt. Insbesondere soll der Waad Hapoel die Vermittlung unrer einzelnen Industrien übernehmen und alle Auskünfte für dieselben durch eine ehestens zu schaffende Wirtschastsvertretung in Erez Jisroel vermitteln. Die wirtschaftliche Erez Jisroel-Arbeit der Agudas Jisroel soll sich zunächst erstrecken aus, Bodenerwerb, Häuserbau, Landwirtschaft und Industrie. Zur Durchführung dieser Programmpunkte soll der Waad Hapoel eine Aktiengesellschaft mit dem Sitz in London oder Jerusalem gründen, die nach kaufmännischen Grundsätzen zu leiten ist. Die Reihenfolge der Ausführung der einzelnen Projekte wird dem Waad Hakloli. übertragen. Der Waad Hapoel wird beauftragt, sofort in Erez. Jisroel Schritte zum Ankauf von Ländereien zu unternehmen, sobald die hierzu erforderlichen Mitteln vorhanden sind.? Organisation. Für die Arbeit der Agudas Jisroel in Erez Jisroel > wird bei jeder Landesorganisation ein Merkas Erez Jisroel errichtet. Dieser entsendet je ein Mitglied in den Merkas Kloli (Allgemeine P'alästmazentrale). Der Palästina-Zentralrat wählt eine Exekutive (Waad Hapoel), der die Ausführung aller Beschlüsse des Palästina-Zentral-- rates obliegt.