Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 64 (1923)
- Issue
- Heft 35 (30.8.1923)
- Date
- 1923-08-30
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Gott als eine Hölle, die Menschheit ohne Gott als ein Abgrund des tiefsten Unglücks erscheint. Israel — das ist unsere Anschauung — ist als Menschengrupppe über die ganze Welt zerstreut, als ein Bild der Schwachen und Wehrlosen. Die Art und Weise,, wie die Mächtigen der Erde, Fürsten oder Völker diesen Schwachen begegnen, ist ein Maßstab, ist ein leises Anklingen oder ein völliges Verwehen der Kunde von einer Zeit der Erlösung. Aber wie immer die Welt sich zu uns verhält, wir bieten ihr Herz und Seele, wir schauen sie. mit den Augen unserer Propheten, wir grüßen sie mit dem verhallenden Seufzer unserer Märtyrer. In der Organisation des Völkerbundes ahnen wir das erste keusche Sichtbarwerden der Sehnsucht nach dem Frieden, des Bewußtseins der Freiheit auf sittlicher Höhe. Die Enkel Abrahams, der einst für sich und seinen Schöpfer einen Segensgruß aus dem Munde des Königs von Jerusalem empfing, segnen diesen Bund und erwarten von ihm, daß er in künstlerischer Vollendung darstellt das Gefäß, in dem der Allmächtige für seine Welt das Los des Glückes birgt. Versöhnung ist sein Ziel. Der Versöhnung muß vorausgehen, ein Weltbund der Verzeihung, ein Weltenbund des Ausgleiches zwischen den verschiedenen Weltanschauungen, denn wenn auch unerkannt, haben immer noch in den waffenstarrenden Menschen Gedanken miteinander' gerungen und deshalb erwarten wir, daß in irgend einer Form, in dem Gefügt des Völkerbundes sich ein Platz findet für die Vertreter der weltbewegenden und weltdurchzitternden Anschauungen, sodaß die irdischen Mächte gemeinsam tagen und raten mit den Vertretern der überirdischen Welten der Gedanken, Ideen und Hoffnungen. Denn finden die zarten Gespinste des Sinnens und Trachtens denkender Menschen den Weg zueinander, dann baut sich aus den entworrenen Fäden eine Brücke, auf der sich alles Edle findet. Die kulturgeschichtliche Mission der Juden bestand darin, daß sie aus allen Kulturphasen ihrer Umwelt dasjenige auszuwählen halten, was Ewigkeitswert in sich birgt, und diese Ewigkeitswerte zu vermählen mit dem Erbe ihrer Väter. Das ist der Sinn der wundersam geheimnisvollen Kunde, daß die Erlösung erst dann kommen kann, wenn jüdische Kinder allüberall in der Welt nach dem lodernden oder verglimmenden Funken der .Wahrheit gesucht, diese Funken vereinigt und zu einem Hellen Licht der Wahrheit entfacht haben. Und siehe da, diese Lichtspur ringt in den Völkern sich an den Tag. Millionen von Herzen harren atemlos der Erfüllung dieser Tat. Wir geloben feierlichst ,daß wir in diesen Wiederbeginn einer Kulturepoche nach einer Periode der Zerstörung, unsere besten Kräfte weihen und wir erwarten von jedem Juden auf dem Erdenrund, daß er die Gedankenwelt, die an der Wiege des Völkerbundes stand, mit.Herz und Geist, mit Wort und Tat unterstütze. Wenn Sie, meine Verehrten, in diesem Gedankengange mit dem G. A. der Agudas Iisroel einig sind, so bitten wir Sie in feierlicher Form durch Erhebung von den Sitzen die nachfolgende Resolution Ihrer Zustimmung zu würdigen. (Resolution,' siehe Bericht über die Eröffnung.) Netto der Kenessio. Von H. Hokdschmidt in KakSerstadt. Es war kein Zufall, daß vor Schluß der Kenessio Eedaulo mehrere Redner hintereinander wenn auch jeder in seiner Art, jeder in anderer Ausdeutung, zum Ausgang ihrer Ansprache das Neilo-Wort gewählt haben: psach lonu schaar be-ejs n eilas schaar. Neilo- Stimmung lagerte über den Köpfen im gefüllten Saal und auf den Tribünen. Neilo-Gefühl wärmte die Herzen, beschattete die Augen, machte die Hände zittern und die Mundflügel zucken. Verhaltene'Tränen in einer sonst klangvollen, elektrisierenden Stimme wurden zu nie gehörter, hinreißenden Musik. Von unseren Frauen sang der vibrierende Laut, von unseren jüdischen Frauen, deren Gott verherrlichendes Leben nicht nur die Erlösung aus Mizrer-Ioch, sondern auch in allen Goluszeiten die Erhaltung unseres Volkes bewirkt hat; von unseren Frauen, deren Priesterschaftshöhe ihr Fernbleiben von den Verhandlungen in der Oeffentlichkeit bedungen hat und ohne deren Wallen im Zelt der große Kiddusch Haschern der ganzen Kenessio Gedaulo undenkbar gewesen wäre, weil ihnen, ihnen in erster Reihe, die Gesinnung und die Heiligung, der Tat unserer großen Männer zu danken ist. Still, ganz still war es in dem großen Hause geworden, in dem bis dahin ein geschäftig Kommen und Gehen war. Wie atemlos lauschte die Menge. Gegen ein Schluchzen kämpfte vergeblich der Sprecher inmitten der tiefen Stille um ihn und unterlag dem Sturm in der Herzenskammer. Da brach auch bei den Hörern die mühsam gewahrte Fassung, und hemmungslos gaben sie sich der Wucht der Stunde gefangen. Greise weinten wie Kinder, und in jungen Kehlen hallte es dumpf. Was war das? War es Schmerz, Leid? Wahrlich nicht. Bei den Führern war es die Lösung der Spannung aus Sorge. Gab es doch ihrer manch einen, der Wochen hindurch dreimal alltäglich in seiner Tefillo gefleht hatte zum Allmächtigen, daß durch keinen Chilul Haschejm das Wagnis der Großen Versammlung Seiner Verurteilung verfalle. Und yun, da in der Reilo-Stunde ein schneller, schüchterner Rückblick zeigte, daß das angstvoll Gefürchtete ausgeblieben, das zaghaft Erhoffte in ungeahnter Fülle und Schöne zum Ereignis geworden war; nun, da jeder Winkel des geweihten Raumes. Eottesstimmen entlud: rozoh Haschejm es maasecho — da jauchzten weinend dankerfüllte Herzen auf. — — Andere waren übermannt von dem Ergebnis heißen Ringens während der zehntägigen Verhandlungen: Freunde hatten miteinander gekämpft um die Frage, ob und inwieweit das allen gemeinsame Aguda - Prinzip von Kwaud Haschejm und Kwaud hatauro durch die letzten Konsequenzen von Ahawas Iisroel unbeeinträchtigt bleibe. Bis zum Aeußersten waren die allerfeinsten Regungen des Gewissens hervorgetreten. Run war der Kampf leschejm schomajim beendet, die Entscheidung gefallen, war das Gewissen frei und ließ der Freudenträne ihren Lauf.- Wieder andere hatten wie benommen die Größten des Geistes, die Höchsten sittlicher Kraft, die Gewaltigen an Ansehen in Israel vor und neben sich geschaut und waren bis zum Schlüsse außerstande, sich ganz Rechenschaft zu geben von der Bedeutung dieses ungeheuren Geschehnisses. Jetzt in der Kenessio Neilostunde überkam sie die volle Klarheit, was es heiße, daß sie den-Chofez Ehajim von Angesicht zu Angesicht geschaut, daß unserer Fürsten Wort an ihr Ohr gedrungen, daß Träger von Keduscho und Taharo räumlich mit ihnen vereint waren — und erschauernd bargen sie das Gesicht in den Händen, um die fließenden Tränen nicht sehen zu lassen.- Die Sonne steht westwärts. Unsere Skenim erheben sich am Präsidium. Der Chofez Ehajim spricht vierzig Minuten, Hoffnung weckend, Zuversicht und Mut einflößend, Eifer anspornend. Mit allen Zeichen der Ergriffenheit nimmt der greise Lubliner Raw Klatzkin Abschied von der Großen Versammlung. Auf die Bitte der Aerzte bleibt die wunderschöne Gestalt Rabbi Perlmutters aus Warschau bei seiner Ansprache zunächst sitzen, erhebt sich dann aber in der Aufregung und bringt aufrecht und kraftvoll der entzückten Menge seine Wünsche und Grüße. Wie eine Zusammenfassung der Pismaunin dringen diese Reden ans Ohr. Und man meint fast, nun die Schejmaus.zu hören, als der Poniwescher Raw mit Schmäh Iisroel einsetzt und schließt und das Neilo-Gefühl in den Versammelten zum letzten Ausmaß steigert. Doch in rückhaltlose Freude schlägt sodann die Stimmung um, wie sie sich nach der Schluß-Tekioh zu wan- IIII .11 Jl ..Müll, U.HII.» .1 . I, dein pflegt, als der Feuerkopf von Sanok mit Schöfarkraft das Wort in den Raum schmettert: - „Die nächste Kenessio Gedaulo ist in Jeruscholajim,," Da ist die Ergriffenheit, die Erschütterung, der Abschiedsschmerz gebannt, da sind der Ehrfurcht Schauer überwunden; da tost der Jubel, branden die Beifallsstürme. „Es lebe die Agudas Iisroel!" Das ist der Ruf, in den sie alle einstimmen, beglückt, stürmisch, laut und froh. Noch ein Glockenzeichen, das letzte: Dr. Pinchas Kohn steht am Präsidentenpult. Nach einer langen Ovation hören Delegierte und Gäste ihm fast andächtig zu, jeden Satz mit Händeklatschen beantwortend, bis zum Olejnu-Ruf: „Die Kenessio Gedaulo ist geschlossen!" Löste sich dann die Versammlung auf und ging auseinander? Nein, keineswegs. Zwar sprangen alle, alle auf. Doch sie blieben stehen und brachten der Kenessio Gedaulo eine wieder zu Tränen rührende, lang andauernde Huldigung. In überströmendem Glück umarmten und,, küßten einander viele Teilnehmer und beglückwünschten einander mitheftigem Händedruck. . Einer von denen, die Wochen hindurch Tag und Nacht an den Vorbereitungen in unbeschreiblicher Hingabe gearbeitet hatte, wurde auf Schultern durch den Saal getragen. An einer Seite wurde der Gesang angestimmt: boruch elaukenu scheboronu lichwaüdau .... und tanzend, klatschend und trampelnd stimmte die Versammlung ein. Der Sokolower Rebbe und der Sanoker Raw fingen einen Mizwo-Tanz an, an dem die Jugend jubelnd teilnahm, und nochmals waren Ost und West in Simcho schel mizwo innig vereint. Gleich danach darschente im selben Saale R-abbiner Schapiro; die Aguda-Arbeit hatte bereits wieder begonnen und zeitigte die erste Frucht der eben geschlossenen Kenessio Gedaulo. Pressestimmen zur Kenessio Gedaulo. Von den großen politischen Tageszeitungen brachten die „Neue Freie Presse" Wien und die „Frankfurter Zeitung" Berichte über den Gang der Verhandlungen. Erstere wie fast alle Wiener Zeitungen täglich. Ihre Berichterstattung ist, wiewohl ohne eigene Stellungnahme zu den einzelnen Fragen, durchwegs in sympathischem Tone gehalten. Don den jüdischen Blättern ließen „Jüdische Presse". Wien, wie der „Iud" in Warschau tägliche Kenessionummern erscheinen. Mit Festnummern stellte sich auchin Jerusalem und die gesinnungsverwandten Blätter in Kowno und Riga ein. Die Wiener „Jüdische Presse" bringt an der Spitze ihrer ersten Kongreßnummer einen Artikel „Für alle", dem wir folgendes entnehmen: „Fü alle Juden tagt die Kenessio Gedaulo. Cs wäre ein verhängnisvoller Irrtum, wollt man glauben, daß die thoratreuen Juden zusammentreten, ohne an die Gesamtheit zu denken. Sie sind sich bewußt, daß sie vom geschichtlichen Standpunkt aus, die einzig gradlinige Fortsetzung sind der Juden, die mit Esra nach Palästina zogen, der Juden, für welche Rabbi Jochanan Ben Sakai unter den. berstenden Mauern Jerusalems von dem grausamen Zwingherrn Javne erbat und erhielt. Sie wissen aber auch, daß sie vor dem Allmächtigen und vor der Geschichte verantwortlich sind für die Gesamtheit Israels, und wenn es der Agudas Iisroel noch nicht gelungen ist, diejenige erzieherische Wirkung auszuSben, die es ermöglicht hat, daß alle jüdischen Kinder sich unter das Panier der Aguda scharen, so hat sie schon trotzdem etwas Großes geleistet, wenn sie diese Möglichkeit als gegeben ausstellt und dadurch ein unendliches, heiliges Vertrauen zu allen Kindern jüdischer Mütter bekundet. So kann die Kenessio Gedaulo der Gesamtheit nicht besser dienen, als wenn sie sich selbst erstellt zur selbstlosen und treuen Hüterin der Grundgedanken des Bestandes des jüdischen Volkes. Kann es einen heißeren Sehnsuchtsruf nach Einheit geben, als die Bitte: „Kommt zu uns!" Wir schämen uns auch gar nicht, es offen zu bekunden, daß wir der Helfer gar viele brauchen, nicht der Helfer mit Geld, nicht der Helfer mit leeren Worten, sondern der Helfer mit Herz und Tat. m