Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 64 (1923)
- Issue
- Heft 35 (30.8.1923)
- Date
- 1923-08-30
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Zy. August 1923 Der Is r a e I i t srr. 38 Sette 8 Volke eine Heimstätte im.heiligen Lande zu gewähren; wird von der Orthodoxie im vollsten Matze geteilt. Wir geben uns keinen Täuschungen über die Schwierigkeiten hin, die wir beim Erez Jisroel-Aufbauwerk in der" Zukunft noch zu überwinden haben werden. Die Orthodoxie wird sicherlich diejenige Gruppe im Judentum sein, die am zähesten am Aufbau Erez Jisroels festhält, denn dieser Ausbau ist eine Mizwoh und Mizwos gibt das jüdische Volk niemals preis. Zu keiner Zeit und um keinen Lohn. Wir hegen die Ueberzeugung, daß je matzvoller, je politisch reservierter, die Außenpolitik des jüdischen Volkes geführt wird, desto größer ihr Erfolg sein werde. Wir hegen ferner die Ueberzeugung, daß es gelingen wird, die bedauerlichen Gegensätze, die sich in den letzten Jahren zwischen dem arabischen und jüdischen Volke herausgebildet haben, durch eine geduldige Arbeit M überwinden. Wir glauben, daß hierbei das thoratreue jüdische Volk, das wir vertreten, zuerst die Aufgabe hat mitzuhelsen, damit diese Gegensätze überwunden werden. Jahrhunderte stellten eine innige Verbindung zwischen dem arabischen Volke und dem thoratreuen Judentum her. Arabische Denker haben den jüdischen Gottesgedanken aufgegriffen und gestaltet. Eine große philosophische Literatur, die tief in die religiösen Traditionen des Judentums hineingreift, hat seit Jahrhunderten eine in der Tiefe der Volksseele wirkende Verbindung zwischen dem arabischen Volke und den Juden geschaffen. Alles was an idealen Charakterzügen in dem Arabertum lebt, und was uns an die gemeinsame Abstammung in ferner Vergangenheit erinnert, wird die Grundlage bilden zu einem Freundschaftsverhältnis zwischen den Arabern im heiligen Lande und in den dem heiligen Lande benachbarten Gebieten und den Juden, die sich zurücksehnen aus den Boden ihrer Väter. (Lebhafter Beifall.) Das Wort ergreift Rabbiner Dr. Pinchas Kohn zu seinem Referate über die Arbeit in^der iynerpolitischen Kommission. Die mnerpolitische Kommission beschäftigte sich eingehend mit den äußerst zart anzufassenden Ausgaben dieser Kommission und hat sich jetzt wie bisher vom Willen nach Frieden leiten lassen. Die Verhandlungen mit Ungarn bewegten sich aus geistiger Höhe und waren vom sittlichen Ernst getragen. Ferner wurde mit den Hekren aus Amerika über „Misrachi" verhandelt. Praktisches Resultat ist ein Uebereinkommen des Rabbinischen Rates sowie Eeschästsführenden Ausschusses mit dem amerikanischen Bevollmächtigten, wonach beide Seiten nach Maßgabe ihres Einflusses das Beste tun werden und daß, - unbeschadet der Notwendigkeit der theoretischen Auseinandersetzungen persönliche Angriffe in der Presse und der Propaganda zu unterlassen wären. Es besteht dadurch, die Garantie, daß die Atmosphäre entgiftet wird und man dadurch menschlich, näher kommt, sodatz man auch sachlich zu klaren und reinlichen Darlegungen kommen werde. Die amerikanische Delegation erklärte sich mit diesen Beschlüssen hochbefriedigt. Ebenso ist bereits aus dem Geschäftsbericht bekannt, daß die Verhandlungen mit der Zeire Emune Jisroel in vielen Städten Deutschlands zu vollster Befriedigung geführt wurden. In der Diskussion bringt Oberrabbiner K atz-Neutra einen Vorschlag der Slowakischen Landsmannschaft ein auf Schaffung einer gesicherten finanziellen Basis für die praktische Arbeit kn Erez Jisroel. Es soll zu diesem Zwecke ein Aufruf der orthodoxen Rabbiner an die slowakische Judenheit ergehen zur Entrichtung von je einer Goldkrone als ».Käufer Nefesch". Diese Einrichtung, die in der Slowakei mit kommendem Roschhaschonoh in Kraft tritt, wird allen Ländern zur Nachahmung empfohlen. / Oberrabbiner Hirschler regt die 'Schaffung eines Unterstützungsfonds für Rabbiner an. Darauf berichtet Dr. Mar Cohen-Köln über die Arbeit der sozialenKommission. Seine Vorschläge lauten: 1. Das Jüdische Hilsswerk der Agudas Jisroel untersteht dem Zentralrat. 2. Die Tätigkeit des Jüdischen Hilfswerkes ist: a) die Zusammenfassung der bestehenden sozialen Institutionen, die auf religiöser Grundlage geführt werden, zwecks Systematisierung des Verwaltungswesens; b) Gründung und Erhaltung von sozialen Instituten; c) Schaffung und Ausbau von Fürsorge- und Beratungsstellen; d) Gründung und Erhaltung von gemeinnützigen Werken zur Förderung der Interessen von Kausleuten und Gewerbetreibenden; e) Errichtung von Büros für Rechtsschutz und Berufsberatung; f) rascheste Organisierung einer besonderen Hilfsaktion für den Fall eines plötzlich eintretenden Massenelends. Wenn auch nichts alle diese Punkte im Augenblicke zur Durchführung gelangen können, so mußten wenigstens die Komplexe aufgeteilt werden, die das Gesamtprogramm der sozialen Tätigkeit der Agudas Jisroel umfassen. Es wird jede Landsmannschaft ausgefordert, solche Kräfte in den Verwaltungsrat des Hilfswerkes zu entsenden, die geeignet und befähigt sind, die außerordentlich wichtige Arbeit mit Sachkenntnis in der Hoffnung auf ein gutes Gelingen zu leiten. Die Eingänge bilden: a) laufende Subventionen von Körperschaften und einzelnen Personen; b) Spenden; c) Sammlungen bei Privaten und bei verschiedenen Gelegenheiten; d) Erträgnis von Unternehmungen des Jüdischen Hilfswerkes; e) VeranstaltÜng größerer Sammelaktionen. Der Punkt e) bezieht sich aus die Propaganda. Dieselbe kann nur gelingen, wenn von allen Landesjugendorganisationen eifrigst mitgearbeitet wird. Es wird gebraucht: a) die Presse, die Berichte des Jüdischen Hilfswerkes an auffallender Stelle abdruckt. Ebenso müssen die Spendenausweise und sonstige Nachrichten abgedruckt werden; b) es müssen ständig Vorträge für das Publikum eingerichtet und in den einzelnen Aguda- Ortsgruppen aufklärende Vorträge gehalten werden; c) es sind eventuell unentgeltlich Broschüren und Tätigkeitsberichte abzugeben. Etwaige Erträgnisse haben dem Jüdischen Hilfswerk zugute zu kommen. Zur Organisation des Jüdischen Hilfswerkes wird vorgeschlagen: a) Die Leitung hat das „Jüdische Hilfswerk" in W i e n inne und zur Leitung des Jüdischen Hilfswerks besteht ein aus fünf Mitgliedern gebildetes Direktorium, das seinen Sitz am Platze des Zentralrates hat. Diesem Direktorium ist ein Verwaltungsrat beigegeben, in welchen jede Landesorganisation ihre Delegierten entsendet. Die höchste Zahl des Verwaltungsrates beträgt 12 Mitglieder. Der Verwaltungsrat hat mindestens einmal im Jahre zu einer Sitzung zusammenzutreten, seine Beschlüsse zu fassen und dem Zentralrat über die Tätigkeit Bericht zu geben. b) Das Hauptbüro, das mit den Sekretären die Referate streng mit ihren Kompetenzen einzuteilen hat, untersteht dem Direktorium. 1. Es hat im ständigen Kontakt - mit dem Zentralrat zu bleiben und sowohl über die laufende Tätigkeit, als auch über die Notwendigkeit von Neugründungen auf dem Laufenden zu sein. 2. Für eine große Propaganda-Aktion und die technische Durchführung von Neugründungen, sind jederzeit Fachleute bereit zu halten. Jene Landeszentrale hat dafür zu sorgen, daß in den Städten ihres Landes sich Kommissionen aus freiwilligen Kräften konstituieren, die im Bedarfsfälle die Arbeit in ihrem Wirkungskreis leisten. Der Landeszentrale obliegt jeden ersten des Monats, der Zentrale über ihre Tätigkeit zu berichten und 5 Prozent der Einkünfte als Bürospesen abzuliesern. Das Direktorium hat in gutsituierten Städten einen Not- und Dispositionsfond im allgemeinen durch eine großzügige Sammelpropaganda im Wege des betreffenden Landes zur Durchführung zu bringen. In diesem Falle entscheidet das Direktorium, über den Verteilungsmodus. Nachdem Springer und Rabb. Kalmanowicz-Rakow über verschiedene Detailfragen das Wort ergreifen, werden die Anträge und Resolutionen der Kommission für soziale Hilfe zum Beschluß erhoben. Hierauf ergreift das Wort Oberrabbiner Sejmdeputierter Schapiro-Sanok zum Berichte der Kommission für Chinuch und Ch is u k Hadas. Seine Ausführungen bewegen sich im Sinne seines großen Referates am Sonntag, und seine noch wiederzugebenden Resolutionen werden angenommen. Ebenso ein von ihm verlesener Aufruf bezüglich des Chinuch. Es wird bei dieser Gelegenheit auch der amerikanischen Judenheit und dem Zentral Relief-Komitee Dank ausgesprochen. Nach der Mincho-Pause sprechen Rabbiner Blum-Podembice und I. M. Lew in-Warschau, der im Namen der Zeire Emune Jisroel unbedingten Gehorsam gegen den Mat der Thoragrößen verspricht. Im gleichen Sinne lautet eine Erklärung Lew ins im Namen der orthodoxen Arbeiterschaft. Kn ob lew itz -Hamburg spricht über die Ausbildung von Chaluzim, Silber st ein- Lodz über die Aufgaben der orthodoxen Arbeiter im Rahmen der Agudas Jisroel, Jtzkowitz und Heber wünschen die Schaffung einer guten Arbeiterliteratur. Diese sachlichen und ermüdenden Verhandlungen wurden gekrönt von einer Art Schlußwort des „Chofez Chajim", der stets aufs Ganze geht. Wer bei den langwierigen, zum Teil langweiligen Verhandlungen ausgeharrt, kam auf seine Rechnung. Wenn' das Wort „Chofez Chajim" von oben herab ertönt, dann kommt Leben und Bewegung in den Saal und alles drängt nach der Tribüne, um die Worte unmittelbar aus dem Munde des Großen zu hören. Da nützt kein Polizeiverbot, keine Mahnung des Präsidenten und kein Ordnungsdienst. Der^ Rabbi sagte - ungefähr folgendes: „Es sieht sehr schlecht aus in der Welt und es wird immer schlechter. Da gibt es nur ein Mittel und einen Weg, die Rückkehr zu Gott. Je rascher es geschieht, umso rascher hat die Not ihr. Ende erreicht. Alle Quacksalbereien und Heilungen sind nutzlos, solange nicht der Puls geweckt, dem Herzen neues Blut zugeführt wird, was nur durch die Thora geschehen kann. Wer selbst nicht Mittel und Möglichkeiten hat, Thora zu lernen, der unterstütze andere, daß sie lernen können. Die Mizwaus, das sind die 613 Lichter, die aus der großen Sonne, aus der Thora ausstrahlen." Da noch mehrere Redner zu Worte gemeldet sind, wird zum erstenmal eine Nachtsitzung beschlossen. Die elfte Sitzung. Um 11.30 Uhr sammelte man sich im Saale nach schwerer Tagesarbeit zur Nachtsitzung. Aber es war keine Spur von Müdigkeit und Schlaffheit wahrzunehmen, als nach dem Berichte Dr. Isaak Breuers für die Statutenkommission die Debatte über die einzelnen Satzungen einsetzte. Nach einigen Aenderungsanträgen wurden die drei ersten Paragraphen der Satzungen mit absoluter Mehrheit angenommen. Eine lebhaftere Diskussion entwickelte sich über den 8 4, der ebenfalls mit Stimmenmehrheit angenommen wird. Der 8 6 wird mit einer kleinen Aenderung, die 88 5—9 und 10—12 in der alten Fassung einstimmig angenommen. Die 88 12 und 14 gelangen nach lebhafter Diskussion ebenfalls zur einstimmigen Annahme. 8 17 wurde gestrichen. Die 88 18—21 werden mit geringfügigen Aenderungen einstimmig angenommen. Die Statuten finden die Leser int Zusammenhänge und in ihrer stellenweise geänderten Form an anderer Stelle unseres Blattes. Zum Schluß der Nachtsitzung, gegen 2 Uhr, macht Rabbiner Dr. P. Kohn die mit Freuden aufgenommene Mitteilung, daß nach Verhandlungen mit der ungarischen Delegation die Aussicht besteht, daß die 230.000 Seelen zählende Orthodoxie Ungarns sich der Agudas Jisroel korporativ anschließen wird. Sollte der korporative Anschluß der staatlich anerkannten autonomen ungarischen und transsylvanischen Orthodoxie erfolgen, so soll im Sinne des 8 4 Abs. 2 der Satzung ein statutarischer Zusatz ausgenommen werden, wonach in diesen beiden Ländern die Mitgliedschaft von der Zugehörigkeit zur orthodoxen Organisation bedingt ist. Das Gleiche gilt schon heute für die Tschecho-Slowakei, wo die Orthodoxie staatlich organisiert ist und naturgemäß keine die Einheit gefährdende, nach anderen Gesichtspunkten aufgebaute Organisation neben sich aufkommen lassen will. Ein Neues besagt der Eventualzusatz nicht, der denn auch mit großer Mehrheit angenommen wird. Um 2 Uhr nachts wurde die Plenarsitzung geschlossen, während der Permanenz-Ausschuß noch bis in die frühen Morgenstunden hinein weiter „tagte". Die Schlußsitzung. Mittwoch Vormittag, 10.30 Uhr, füllen sich Saal und Galerien, ähnlich wie bei der Eröffnung; denn nun sollte die Arbeit einer Woche beschlossen werden. Zum Gefühl der Freude und Genugtuung gesellte sich auch ein solches der Wehmut. Abschiedsstimmung, übergoldet von der glühenden Hoffnung, all das Erlebte festzuhalten, all das Beschlossene in lebendige Taten, in Kraft und Energie für unsere geistig wie materiell bedrängte Gemeinschaft umzufetzen. Den Vorsitz in dieser denkwürdigsten aller Sitzungen führte Senator Oberrabbiner Zirlsohn. Zunächst verliest Leo Wreschner die vom Permanenzausschuß vorgeschlagene Liste für den Geschäftsführenden Ausschuß und den Z e n 1 r a l r a t. Die erstere enthält folgende Namen: In Wien: Rabb. Dr. Pinchas Kohn. Wolf Pappenheim, Rabb. Beer Friedmann, Rabb. Josef Baumgarten. Kalmann Pappenheim, Kommerzialrat Siegmund Bondi. Direktor David Schlesinger; in Frankfurt: Jacob Rosenhelm. Jacob Strauß, Leo Wreschner, Dr. I. Breuer, Dr. S. Ehrmann, Jul. Holländer, Heinrich Eisenmann; in Wa rs ch a u: Sejmdep. Rabb. M. Schapira, I. M. Lewin, I. Trockenkeim, Sejmdep. Kirschbraun, Senator Deutscher, G. M.'Priwes, R. Rofenfeld; in Kischinew: Senator Oberrabbiner Zirlsohn; in Wilna: