Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 64 (1923)
- Issue
- Heft 34 (23.8.1923)
- Date
- 1923-08-23
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 34 Seite 8 23. August 1923 _ darf keine Kampforganisation sein. Die §§ 2 a und 5 müssen mehr positiv gehalten sein. Wenn sich das Wort „anerkanntermaßen" gegen die Gemeindeorthodorie beziehe, ebenso gegen Misrachi, .so müßte er dagegen scharfe Verwahrung einlegen. Er erinnert an die Mithilfe der Zionisten bei dem Kampfe um das badische Gebetbuch. Herr Jacob Rosenheim beantwortet die Kritik Unnas. Wer die Motive der beanstandeten Satzungen berücksichtigt, wird den Verdacht nicht hegen, daß man jemand, nur weil er der zionistischen Organisation angehört, als Roscho dahinstelle. Nichts wäre der Aguda sehnlicher erwünscht, als eine Vereinigung mit allen Gesinnungsgenossen. Die ausschließenden Paragraphen können sich nur auf diejenigen beziehen, die nicht treu zur Thora halten. Die Leitung der Aguda erfordert indes einen ganzen Mann, und wessen Seele geteilt ist, der sollte es selbst ablehnen, in die Leitung zu treten. Es steht ihm frei, Mitglied der Organisation zu sein. Die Leitung muß aber in Händen solcher bleiben, die mit ihrer ganzen Neschomo der Organisation angehören. Sicher ist es, daß Misrachi noch einmal der Aguda danken wird für ihre Arbeit. Abg. Kirsch braun-Warschau widerlegt an Hand von Beweisen und Beispielen aus seiner eigenen Erfahrung die Ansicht über die Friedensliebe der Zionisten. Rabbiner Kalma n o w i tz aus Rakow betont, daß die Aguda, -gleich der Versammlung am Sinai, das „Naasseh" dem „Nischmoh" vorangehen ließ. Erst wurde gearbeitet, dann die große Versammlung einberufen. Man müsse das gesamte Judentum ^auf die Religionsverfolgungen in Rußland Hinweisen, und alle Regierungen zur Hilfe anrufen, eine Aktion, die naturgemäß nicht von Polen, sondern von Westen ausgehen kann. Dep. Rabb. L e w i n, Sambor, spricht für milde Taktik und für den Versuch einer Vereinigung mit Misrachi. Die Aguda darf keine Partei fein, sie muß das Judentum sein, in diesem Sinne müsse er sich gegen Kirschbraun aussprechen. Dem gegenüber schlägt Rabb. Weber, Pisteany Tschechoslowakei sehr kräftige Töne an gegen diejenigen, die mit dem Scholaum im Munde den wahren Frieden untergraben. Der rm muß den Scholaum beherrschen. Rabb. Klatzki, Lublin, begrüßt den Kongreß mit Thoraworten. Rabb. Kestenbaum, Radom, weist auf die Leiden der Rabbiner in Polen hin und die Verfolgungen, denen sie von Seiten der Zionisten ausgesetzt sind, sofern sie ihnen nicht zu Willen sind. Nation ohne Religion ist wie der Golem, dem man das Haschem aus dem Munde genommen hat, ein lebloser Organismus. Man müsse sehen, auch die Arbeiter¬ und Handwerkerorganisationen für die Aguda zu gewinnen. Es spricht nun Oberrabb. Dr. Ritter, Rotterdam, für Holland. An Hand von Vibel- und Talmudsätzen führt er in geistreicher Deutung aus, daß die Einheit ohne trübende Mischung vor sich gehen muß. Am ersten Adar, so sagt die Mischna, begann man mit der Sammlung der Schekalim und mit der Verwarnung bezüglich der Kilaim. Schekalim, Symbol der nationalen Einheit, erreichen ihren Zweck, wenn Kilaim, ungesunde Mischungen, ausgeschaltet werden. Es ist bereits vorgerückte Mittagsstunde und 2s sind noch 20 Redner zu Worte gemeldet. Es wird nun beschlossen, nur noch zwei zu Worte kommen zu lassen und die Debatte auf Sonntag zu vertagen. Es spricht nun Herr I. M. Lew in, Warschau. Wir wollen selbstverständlich den Scholaum, aber nur auf den Grundlagen. auf denen das jüdische Volk beruht. Seine Worte bilden einen wirksamen Auftakt für den nun folgenden Höhepunkt dieser und aller bisherigen Sitzungen. Der greise „Chofez Chajim" steht auf dem Podium zwischen zwei Rabbinern und spricht wieder weise Worte an den Kongreß: Der 35 r a e l i t , Im Himmelreiche, sagt er, ergehe es ähnlich wie in der Organisation des irdischen Staates. In der Hauptstadt wird der König von seinen ersten Ministern begleitet, in der Provinz von den Beamten niederen Grades, kommt er ins Dorf, so ist es Ausgabe des letzten Polizisten über rhn zu wachen. Früher waren es die Generäle, die Größten, die über Gottes Herrlichkeit zu wachen hatten, Moses und Josua, später war es Ausgabe der Großen minderen Ranges, der Newiim» Tanaim usw. usw. Gottes Ehre zu wahren. Wenn wir in unserer Zeit auch nicht diese Großen haben, so dürfen wir uns doch nicht der Pflicht entziehen, gleich jenem Dorfp»lizisten die Ehre Gottes zu verbreiten. Gottes Herrlichkeit zieht durch unseren Bezirk. Und auf diesem Platze sind wir die Verantwortlichen, ohne uns einbilden zu wollen, an jene Großen heranzureichen. Die Kenessto hat den Willen Tausender aus allen Ländern zur Thorä gezeigt, wir suchen Gott, dann wird er uns schon nahe sein. Der Wilnaer Gaon wurde einstens von seinen Schülern gefragt, wie es thoralose Juden überhaupt geben könne, nachdem wir doch Abkömmlinge so großer Väter sind und ein talmudischer Grundsatz lautet: minn '^dd^ bv mmn. Der Gaon antwortete ungefähr : Wenn jemand um die Mitternacht an einem Gasthos pocht, aber, keinen Einlaß findet, so nützt es nichts, sich daraus zu berufen, daß man schon immer hier emgekehrt sei, daß schon die Väter und Väters Väter hier ihr Domizil gesunden hatten. Oeffnen sich die Tore nicht, so wird man sich wohl am besten eine andere Unterkunft suchen. Die Thora sucht ihre Herberge. Wenn ihr aber diese verweigert wird, was bliebe ihr anders übrig, als ihren Wohnsitz anderswo auszuschlagen? So wandert die Thora von dahin dorthin. Nun suchen wir sie alle, Jung und Alt, Ost und West Und sie wird ihr altes Domizil wieder auffuchen. Ueber die positive Arbeit sagt er, es nütze nicht, die Finsternis mit dem Besen verjagen zu wollen, man bringe Licht, dann ist die Finsternis verschwunden. Immer und immer wieder legt er mit eindringlichen Worten den Rabbinern ans Herz, ja er fleht sie unter Tränen an, mehr für die Jüdifchkeit zu sorgen» von Zeit zu Zeit in die Provinz hinauszusahren, um dort nach dem Rechten zu sehen, eingerissene Uebel abzustellen und Besserungen in jeder Beziehung herbeizusühren. Der Vorsitzende Rabb. Schapiro, Sanok, gibt den Inhalt der bedeutsamen Worte mit kräftiger Stimme wieder und knüpft dann eine Schlußrede an, deren Wirkung im Saal 'mit Worten sich nicht beschreiben läßt. Diese grandiose Zusammenkunft und Vereinigung von Männern, die nach Bildung, Sprache, Art und Kleidung so sehr voneinander verschieden sind, ist die Erklärung für die agadische Talmudstelle, wonach der erste Mensch, eine unmittelbare Schöpfung Gottes, so geschaffen war, daß die Erde für den Kopf aus der heiligen Erde Erez Jisroels, den Körper aus Babel, die anderen Gliedmaßen aus den anderen Ländern verwetten Gotteswelt bezogen wurde. Wenn Redner vor Einberufung des Kongresses sich über die Möglichkeit einer solchen Zusammenkunft und Verständigung der so verschieden Gearteten Gedanken machte, so flüchtete er sich mit seinen Gedanken zu der GeMoro und lernte die erste Mischna des Talmuds pTO nNpTip inoND. Er lernte auch Raschi, Taussaus und die anderen Kommentare dazu. Da überkam es ihn: Die Mischna ist in Palästtna entstanden, die Gemoro in Babel, Raschi lebte in Deutschland, die Tosofisten in Frankreich, die anderen Dezisoren und Kommentatoren da und dort. Länder und Zeiten trennen diese Männer voneinander. Welches Wunder hatte sie zusammengebracht, daß sie hier alle Distanzen, Entfernungen und Verschiedenheiten überwindend, sich in der einen Frage zusammenfinden: „wann lieft man das Abendschema?" Wir haben hier die talmudische Agava über das Wesen der Gottesschöpfung: der Kopf, die Mischna, aus Erez Jisroel, der Körper, die Gemoro, aus Babel, alle anderen Gliedmaßen, die Mischna und Gemoro umrahmenden Kommentare, aus allen anderen Ländern und Zeiten. Das ist auch das Bild der Kenessto, die aus der ewigen jüdischen Urkraft entsprossen, Rücksicht aus Zeit und Raum nicht kennt und uns alle vereinigt in der einen Frage, in der einen Sorge, wie man das Schema des Abends anstimmt. Schema ist das heilige Wort, mit dem das Leben des jüdischen Tages beginnt und schließt, das des jüdischen Kindes Ohr zuerst streift und mit dem der Jude seine Seele aushaucht. Es ist Schema des Abends, ein Schema, das in der Mitternacht des Golusleides, umbrandet von Not und Nebel und Drangsal ohnegleichen, anzustimmen gilt. Es wird dies unserer gemeinsamen Kraft gelingen. Dieses hier erlebte göttliche Einheitswunder möge nun seinen Ausdruck finden in der V er trauensresolution. Dank und Vertrauen der bisherigen Leitung, Dank und Vertrauen dem Manne, der bisher mit aufopferungsvoller Hingabe dieser Leitung die ganze Kraft seiner Seele gewidmet hat, Jacob Rosenheim. Die Begeisterung, mit der diese Worte und diese Resolution ausgenommen wurden, kann in Wortbild nicht gefaßt werden. Ein Jubel ging durch den Saal, wie wir ihn noch nicht erlebt hatten. Man schloß kurz nach 4 Uhr, das Herz voller Wärme, voll jüdischer Innigkeit, als hätte man durch ein Wunder in eine bessere, reine Welt schauen dürfen und dort wundersame Töne vernehmen, die so gar nichts gemein haben mit den Tönen dieser Erde. So gingen wir dem Sabbat entgegen. Die Sonntagssitzung. Sonntag vormittag begann die Sitzung gegen zehn Uhr ' morgens unter Vorsitz des Deputierten Oberrabbiner Lewin, Sambor. Sie beginnt mit offiziellen Referaten des Herrn Rabbiner Dr. Jung, Amerika, über den Sabbat, und des Herrn Sejmdeputierten Oberrabbiner Lew in über die Schechita. Der Inhalt dieser beiden Referate soll noch berichtet werden. Sejmdep. Kirschbraun bittet, in der Debatte die Frage der Schechita nicht mit der polnischen Politik zu vermengen. Darauf hält Dep. Oberrabbiner Schapiro, Sanok, ein grobangelegtes, fast dreistündiges Referat über die Erziehung. Er entwirft sehr ergreifende Bilder vom geistigen Kinderelend in Polen aus Mangel an Erziehungsanstalten und an Geldern, sie zu errichten und zu erhalten. Der Pont hat für die religiöse Erziehung im Osten nichts übrig, es sei denn um einen Preis, den wir nicht leisten können, nämlich unter Einschränkung des religiösen Charakters der Schulen. Es ist ein Jammer, zu sehen, wieviel jüdische Talente auf diese Weise in Polen zu Grunde gehen. „Kommt uns zur Hilfe", lautet sein Donnerruf, besonders an Amerika, „und wir garantieren euch für jede hundert Dollar eine jüdische Kapazität!" Es ist die sicherste wertbeständigste Anleihe, die je ein Staat ausgegeben hat. Misrachi ist in dieser Beziehung der Orthodoxie wenig zu Hilfe gekommen. Eine Vereinbarung scheiterte daran, daß sich Misrachi mit angebotenen 50 o/0 der amerikanischen Gelder nicht zufriedengab. Er brandmarkt die Machenschaften einiger, Misrachiführer gegen die Aguda. Noch schlimmer steht es um Ostgalizien. Mit scharfen Worten geißelt Redner die Auswüchse der nationalen Presse, die die Jugend moralisch vergiftet. Die Orthodoxie litt bis jetzt an dem Mangel, an dem auch am ersten Abend der Kenessio-Saal gelitten hatte, Mangel der Akustik. Man hörte sie in der Welt zu wenig. Durch geeignete Maßnahmen wurde die Akustik gehoben. Das sei Symbol. Wir müssen es fertigbringen, daß unsere Stimme in der Welt gehört wird. Sein Appell an die Welt ertönt so machtvoll, daß man glaubt, er könne wirklich nirgends unerhört bleiben. Zu seinen praktischen Vorschlägen gehört in erster Reihe ein solcher auf eine Reorganisation der I e s ch i w a u s , in der Weise, daß jeder Bezirk seine Jeschiwo haben muß, die alle von einer großen Zentrale geleitet werden. Grundschule ist die Talmudthora, die im letzten jüdischen Dorfe nicht fehlen darf. Alle Länder sind in Erziehungssachen autonom, unterliegen aber alle den Entscheidungen des Rates der Thoragrößen. Kein Jude darf sich der Steuer für den Erziehungsfond nach Selbsteiusch ätzung entziehen. Unter großem Beifall regt er noch die Gründung eines Agudat a g e s f ch i u r an, in der Weise, daß alle Agudisten an den gleichen Tagen den gleichen Traktat lernen, sodaß sich Agudisten mit der Materie grüßen können aus der Talmudstelle des Tages, ja als Tagesdatum diene stets die betreffende Talmudseite. (Stürmischer Beifall.) Der Vorsitzende begrüßt den in den Saal tretenden Czortkower Rebbe und erteilt ihm das Wort. Er spricht still und schlicht, nur für die Nächsten vernehmbar. Wie die Tefilin uns an die Lehren und Gesetze des Tages binden, (□mwpi) so müssen die Auswirkungen der Kenessio ihre ganze Bedeutung zeigen. Es herrsche Einheit und Einigkeit, sodaß die Kleinen sich den Großen unterordnen und die Großen in Milde und Liebe die Kleinen belehren. Der Segen, darin bestehend, daß wir dem Sande dem Meere gleichen, muß von uns selbst zu dem anderen höheren Segen erhoben werden, der uns den Sternen am Himmel gleichstellt. Gegen 2 Uhr schließt der Vorsitzende die an Anregungen und Eindrücken reiche 5. Sitzung mit der Verlesung einer eingelaufenen Begrüßung des Brodyer Oberrabbiner und geschäftlichen Mitteilungen über Sitzungen von Kommissionen und Ausschüssen. Die sechste Sitzung. Nach nicht allzulanger Mittagspause versammelte man sich am Sonntag gegen 5 Uhr zur Nachmittagssitzung. Saal und Galerien