Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 64 (1923)
- Issue
- Heft 33 (16.8.1923)
- Date
- 1923-08-16
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2450238-2450268--70717-2528013- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 6 Nr. 33 De r Israelit 16. August 1923 rrotf war, der „zerbrochenen Nation", die er, Bialik, in seinem aviNM doch so gut kennt,- weiß überhaupt nichts vom 'MN# dem das "TOT und das folgen, er hält seinen Sabbat am Arbeitstische mit seinen Vereinsfreunden. Das wird mit der größten Selbstverständlichkeit der Welt den Zöglingen-erzählt. Kann doch wohl nur den einen Sinn haben: „Seht Binder, auch der größte Mensch unserer Zeit hält nichts auf den Sabbat! . . Daß Bialik der „Nabi" unserer Zeit ist, ist übrigens so ausgemacht und angenommen und feststehender Glaubenssatz des nationalen pDND ’ONr daß wer daran zweifelt — wie es einmal der Ironiker David Frischmann getan — auf den Inder kommt. Der, wie wir übrigens wissen, Bialik selbst widerliche Personenkult geht bis zu der folgenden Geschmacklosigkeit, mit der die genannte „Hatkupha" in einer späteren Nummer zu Bialiks Jubiläum auswartet: „Der heutige zehnte Teweth wandelte sich von einem Fasttage in einen Freudentag, das Fest der jüdischen Seele. Die Himmlischen vereinigten sich heute, den Ehrentag des jüdischen Hortes festlich zu begehen . . ." Es folgt eine Schilderung des Festes und des Mahles, das an diesem Tage — dem zehnten Teweth — zu Ehren des Dichters veranstaltet wurde. Man merke wohl auf die Tendenz und vor allem die Methodik: Erst muß Bialik der Jugend mitten in seiner schöpferischen Arbeit gezeigt werden — am hellen Sabbat, um ihr dann zu erzählen, wie „alle Engel und heiligen Wesen" des „Sabbat"dichters (nicht Besingers des Sabbat) Lob singen. Und von hier aus wird die jüdische Schule in Polen, Litauen und auch Palästina mit dem „jüdischen Geiste" beliefert. Ein Eingeweihter im Warschauer „Jud", dem wir die Angaben über die Warschauer Bialikfeier verdanken, ruft die „KenessioGedaulo" an, angesichts dieser schweren Eeistesnot helfend einzugreifen. Diese Hilfsarbeit kann natürlich nur positiv gemeint sein. Es muß für Lehrer, Lehranstalten und Lehrmittel in jüdischem Sinne gesorgt werden, wie überhaupt alle Erziehungsprobleme einer Lösung zugeführt werden, die die jüdischen Schulen im Osten, soweit sie noch jüdisch sind 'und sein wollen, von den nationalen Lehrern und der nationalen Schulliteratur befreit. Die ersten Folgen- Die Blockpolitik in Litauen zeitigt bereits die ersten traurigen Folgen. Einen Vergleich mit dem ersten Gründungsseym stellt Dr. Rachmilewitsch im „Jüdischen Leben" an. Im ersten litauischen Landtag saßen unter 112 Deputierten nicht mehr als sechs Juden, also weniger als 5 Prozent. Und dennoch war zuweilen der Einfluß dieser sechs Juden geradezu entscheidend. Kein Gesetz konnte durchgehen, kein Ministerkabinett zusammengesetzt werden ohne die Unterstützung der Juden. Die Regierung suchte förmlich die Mitarbeit der Juden und wem diese Mitarbeit nicht erwünscht war, der blieb eben aus dem Ministerium draußen. Die Juden waren vertreten in sämtlichen Kommissionen. Der Gedanke, daß der Jude gegen die Staatsinteressen arbeite, war so absurd, daß selbst die Ultra'-eakt-onären nicht gewagt hätten, ihn nur auszusprechen. Jetzt sind wir glücklich soweit, daß für öie Juden alle Kommissionen geschlossen sind. Man vertraut ihnen, mit einem Worte, die Staatsgeschäfte nicht mehr an. Zu einem Ausnahmegesetz nach zaristischem Muster ist nur noch ein Schritt. Gewiß liegt die Schuld im wesentlichen nicht an den Juden. Die Wandlung in der Gesinnung der Regierung war vielleicht auf dem Wege; daß aber die jüdische Oppositionspolitik, das Zusammengehen der Juden mit den Minderheiten diesen Prozeß beschleunigt hatte, dürfen wir uns nicht verhehlen. Solange die Juden im Seym ihre jüdischen Interessen vertraten, weil sie, litauische Staatsbürger, die Rechte ihres Glaubens als Teil des litauischen Verfassungsrechts wünsch'en, hatte man dies bis auf die äußerste rechte Ecke des Hauses verstanden. Nun aber, da s e ein Minderheitsvolk, gleich anderen Vö kern im litauischen Staatsgebäude, nationale Rechte erheischen, sind sie in den Augen des Hasser ein Fremdvolk, dem man alles Menschenrecht versagen, ja ein Fremdkörper, den man mit allen Mitteln ausrotten müsse. Und die Vertreter der Minoritäten? Sie haben ihre eigenen Sorgen und Jn'eressen und noch selten die Zeit und den Willen, für die Juden eine Lanze zu brechen. Man spricht schon sogar von einer Schulreform mit einem Numerus clausus und die Hetze gegen die Schechita ist ebenfalls ein deutliches Symptom der letzten Entwicklung. Und das Schlimmste: Statt die Fehler einzusehen und aus der Erfahrung zu lernen, versteift man sich noch weiter auf die unfruchtbare und gefährliche Kampfpolitik. Es kommt die Zeit, da diese Politik wird aufgegeben werden müssen. Ob aber die gemachten Fehler noch gut zu machen sein werden, ist mehr wie fraglich. Selbstachtung. Kritische Betrachtung von Hauptlehrer a. D. S. Kifstnger in Zlrspringen. Äbwehr und Wiederaufbau! Unter diesen Zeichen steht heute das Streben des deutschen Volkes! Für uns Juden ist es nicht nur eine nationale sondern auch eine religiöse Pflicht, an der Wiedergenesung unseres geliebten Vaterlandes nach Kräften mitzuhelfen. Uns Juden aber, wenigstens denen, denen das Judentum keine hohle Phrase, sondern ein unser ganzes Leben durchdringendes Gesetz ist, obliegt noch eine andere Pflicht, d. i. Abwehr und Wiederaufbau auf dem Gebiete des religiösen Lebens, Abwehr aller destruktiven Bestrebungen, deren Endziel die Zersetzung des religiösen Lebens ist und Wiederaufbau des durch die Zeitverhältnisse und den Krieg stark in Mitleidenschaft gezogenen thoratreuen Pflichtenlebens. Die Auswirkung des Krieges nach dieser Richtung zeigt sich bei einem großen Teil der Judenheit, auch bei einem Teil der sich noch orthodox nennenden, in erschreckender Weise. Man hat keine Mittel mehr für die msD an riCD/ für die am niDD und für die Lichter am riDttn» für das rvöö m'IWD an O'-ns 'ür Anschaffung von niDJD ya-ia pVcn, rv6to und für die Erfüllung der heiligsten Pflichten der Frauen ist bei vielen Alles zu teuer, im Haufe sieht man keine und WD'in mehr, das Lesen einer jüdischen Zeitschrift neben den Tagesblättern, die Anschaffung eines belehrenden Buches aus religiöser Literatur wird als unmöglich bezeichnet und für die Besoldung der Kultusbeamten, die Vertreter ihrer vitalsten Angelegenheiten, hat man in vielen Gemeinden eine geradezu unbegreifliche Hartherzigkeit und ein an Zynismus grenzendes Verhalten an den Tag gelegt. Ich frage nun: Sagt man denn auch bei anderen Anforderungen des Lebens auch sofort: Non possumus — das können wir nicht leisten? Leistet man sich da nicht häufig viel mehr als das Allernotwendigste, auf das man sich heute in den Nöten der Zeit beschränken sollte? Und wenn wir heute vielfach über Mißachtung des Judentums klagen hören» so frage ich: Woher soll denn die Achtung kommen, wenn man in nichtjüdischen Kreisen sieht, wie leichtfertig und arrogant man sich über die heiligsten Religionsgesetze hinwegsetzt? Wie kann unser Ansehen erhalten werden, wenn man se'ne engeren Beamten hungern und darben läßt, wenn man sie Beschäftigungen in die Hände treibt, die absolut mit dem Stand unvereinbar sind? Früher hat man den Opfersinn der Juden behördlicherseits zum Oef.e.en öffentlich anerkannt, den sie für die Erhaltung ihrer Bildungsanstalten an den Tag legten, heute dagegen läßt man sie untergehen und zum Teil ein kümmerliches Dasein fristen. Wie oft schon haben nichtjüdische Geistliche die Juden z. B. an der Beobachtung ihrer Sabbate und Feiertage in ihren Predigten als Muster angeführt, heute scheuen sich oft junge Leute nicht, an den Feiertagen und Samstagen ohne Rücksicht auf ihre religiös-fühlenden Ellern anzukommen und abzureisen. Da ich gerade bei der Nichtachtung unserer eigenen Sache stehe, möchte ich auf einen sehr wunden Punkt Hinweisen. Gegen nichtjüdische Beamte zeigt man oft ein geradezu von Seriösiiät strotzendes, rücksichtsvolles Benehmen, während man häufig gegen die eigenen jüdischen Beamten mit einer geradezu zynischen Gleichgültigkeit sich verhält. Ich bin gewiß der Letzte, der die Verletzung der konventionelien Pflichten gegen Andersgläubige das Wort redet und habe dies während meiner 45 jährigen Dienstzeit zur Genüge bewiesen, allein ich verlange die gleiche Rücksicht und Anerkennung auch für den jüdischen Beamten sowohl in dienstlicher als auch in gesellschaftlicher Hinsicht. Ich fasse meine Ausführungen in das Resümee zusammen und sage: Selbstachtung müssen wir üben, Selbstachtung bezüglich unserer religiösen Pf.ich'en, Hochachtung gegen die eigenen Beamten und ihre Bildungsstätten, Achtung all dessen, was den Juden erst recht zu einem Juden stempelt. Wir müssen den von Herrn Reg.-Rat Goslar in einer Versammlung in Frankfurt a. M. gemachten Ausführungen, daß wir den Antisemitismus am besten bekämpfen, wenn w’% alle ganze Juden sind, uneingeschränkt beipflichten. Erst wenn sich das Prophetenwort “pD"inD Wä*» "pDö "pmnDi d. h., w e der unvergeßliche Mendel Hirsch übersetzt: wenn die, die dich zerstören und niederreißen wollen, aus dir verschwinden, erst dann wird für uns wieder das Morgenrot besserer Tage anbrechen und die Selbstach'ung wird uns auch die Achtung unserer nichtjüdischen Mitmenschen als Lohn einbringen nach dem bekannten Ausspruch -HZDa -o" "DDK „Wer mich ehrt, den werde ich wieder ehren lassen." Korrespondenzen « ßacbricbten krrogim und Culowim. Frankfurt a. M., 10. Aug. Die „Freie Vereinigung für die In» teressen des orthodoxen Judentums- E. V." schreibt uns: Um das Publikum vor jeder über die Notwendigkeit hinausgehenden Belastung zu schützen, hatten wir. im Juni mit dem Reichskommissar für Aus- und Ein» ührbewilligungen ein Abkommen dahin getroffen, daß bas gesamte Einfuhrgeschäft für Esrogim und Lulowim unsrer Kontrolle unterliegen sollte. Es wäre dadurch ein billiger Interessenausgleich zwischen Händlern und Publikum gesichert worden. Leider ist das Abkommen — offenbar infolge einer gewissen Desorganisation bei den Behörden — von diesen nicht ein ge halten worden. Wir sind daher genötigt, jede Verantwortung für die Preise und die Einfuhr überhaupt abzulehnen. Es ist dringend zu empfehlen', daß jede Gemeinde eine Anzahl Arba Minim aus§ G e m e indem i'tteln bestellt und anzahlt,! damit auch diejenigen Gemeindemitglie-, der, die nicht imstande find, die hohen Preise zu bezahlen, die Mizwo im Laufe jedes Festtags nacheinander erfüllen können. -