Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 64 (1923)
- Issue
- Heft 33 (16.8.1923)
- Date
- 1923-08-16
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 33 Seite 3 n; ti it 5 0 16. August 1923 _ Das war die Geburtsstunde des von Gott selber organisierten jüdischen Volkes, das war die Geburtsstunde der „Agudas Jisroel" als ewiger geschichtlicher Aufgabe der jüdischen Menschengemeinschaft. Wie damals so befindet sich das jüdische Volt wiederum — seit zwei Jahrtausenden wiederum — auf der wehevollen Wanderschaft durch die Wüste,- furchtbarer als Sonnenglut und Wüstensand, Skorpionenbiß und Schlangengift hat die Tno, die Wüste der Völker an seinem Marke gezehrt. Aber wie damals ists eine Wüstenwanderung zum Lande der Verheißung: verdient sein will dessen Besitz durch die hingebungsvolle Vollendung jener großen organisatorischen Aufgabe, des Aufbaues* eines von der Thora belebten Volksorganismus, die wir mit dem teuren, uns nun schon geheiligten Namen bezeichnen: Agudas Jisroel. Nicht die Entstehungsgeschichte der Agudas Jisroel oder des Aguda-Gedankens zu kennzeichnen ist in diesem Augenblicke meine Aufgabe; über die historischen Bedingungen, die den Gedanken haben reifen und Wirklichkeit werden lassen, ist in Kattowitz und seit Kattowitz genug gesagt und geschrieben worden. Zeitlos, im innersten Wesen des jüdischen Volkes mit Notwendigkeit begründet und in den "OiD bildhaft für die Jahrtausende zum Vorbilde gestaltet, erscheint mir Agudas Jisroel nicht ein Seiendes, sondern ein Sein-sollendes, die historische Aufgabe zunächst des Golus-Jsrael. Will man Agudas Jisroels Wesensart erkennen, so bieten sich demnach zwei einander ergänzende und kontroll'erende methodische Wege dar — die ästhetische Anschauung und die logische Deduktion. Vor unsrem schauenden Auge erheben sich die Lagergruppen der Wüste, in gleichen Abständen peripherisch ein Zentrum umkreisend: die (ade mit dem Thoragesetz, die Stätte der ny>Dt£\ und die vor ihm schützend gelagerten □’OrD und cn'i'? — das Ganze das Bild eines Organismus, von dessen Kraftzentrum alles ausströmt, alles gehalten und gebunden, alles geeint wird; jedes Glied aber, jede Lagergruppe wieder ein Organismus, nach oben gekettet an den beherrschenden Mittelpunkt des Ganzen, nach unten je drei Stämme einend und diese wiederum ihre Familien und Einzelnen erfassend, die ja selbst bis in ihre Zellen hinab das Bild des Großen im Kleinen widerspiegeln, den Geist Der 3 st a e lit der schechina-gekrönten Thora hinunterleiten bis in die unterste Zelle des Volksorganismus und alles Wollen, Denken, Fühlen der Hirne und Herzen auf den Altar des Thoradienstes in feuriger Opferlohn emportragen. Läßt sich nicht das ganze Kompendium der Aguda-Jdeologie, alles was Agudas Jisroel sein soll, was sie charakterisiert und scheidet, ja in weiterem Sinne, auch was sie durch politisches Wollen zu verwirklichen strebt, ablesen, besser ab-schauen von diesem Bilde? Allein es wird doch wohl nötig sein, auch den zweiten Weg in dieser Stunde zu gehen und analysierend, aus dem Bilde des als geschichtliche Aufgabe erkannten Aguda-Organismus sein Programm abzuleiten. I. Darüber ist kein Zweifel: das Wesen eines Organismus liegt in seinem beherrschenden Mittelpunkte, seiner Seele. Israels Seele aber ist — das Bild aus der Wüste sagt es wie die historische Erfahrung der Jahrtausende — seine Thora. Nicht wie in der Vorzeit um die Lade, die die sterblichen Reste Vater Jaakobs barg: nicht wie die Engel, um d'e über alles Menschliche erhabene Wesenheit Gottes — um die Lade des Gesetzes haben sich die Stämme des jüdischen Volkes zur E'nheit zu sammeln, nicht Stamm es-Rassen- oder Völksbewußtsein, ebensowenig die abstrakte Konfesson, sondern Gottes Thora gewordener Wille allein, der Gesamtkomplex der NUN m'iDsm nmrDn, muß wiederum das Lebensprinzipium, der alles erfüllende Gesamtwille des jüdischen Volkes werden, das als Organismus in Agudas Jisroel zum ersten Male wieder seit Jahrtausenden zum Bewußtsein seiner wahrhaftigen Nationalaufgabe erwachen will. Dieser Einheitsfunktion des Organismus die rechten Träger zu schaffen, ist die wichiigste Aufgabe der „Agudas Jisroel", eine Aufgabe, die — ich betone das mit besonderem Nachdruck — eine Generation nur beginnen, kaum lösen kann. Aber bedarf es erst des Nachweises, daß es sich wahrlich lohnt, schon dieser Aufgabe allein die gesammelte Kraft der Besten aus unserer Mitte in unablässigem, zähem, von keinem Mißerfolg entmutigtem Schaffen zu weihen? Unsere r)KT»ni minn allein, in deren Ge'stesleben das göttliche Wort organisches Leben gewonnen, deren Fühlen und Wollen in den Kreisen ihres Volkes als getreuer Ausdruck der Sinaiwahrheil verehrt wird, können die Träger der Einheitsfunktion in Agudas Jisroel sein. Zerrissenen Herzens — vielleicht hat keine Zeit feit Iran pin es so empfunden wie unsre Generation —, zerrissenen Herzens schauen die Getreuen des jüdischen Volkes an allen Enden der Erde auf jene besseren Tage der Vergangenheit zurück, da in der rpwn rots6 die wahre Einheit der jüdischen Gesamtheit verankert war, ja auf jene nicht so weit zurückliegenden Zeiten, da in den Methiwtcks zu Erez Jisroel und Babylonien, in den Hochschulen der Gaonen Individuen, Gemeinden und Länder das zusammenhaltende Zentrum erblickten, das den ganzen Organismus vor geistiger Zerstreuung und Auflösung schützte. Unendlich schwer hat das Eolus mit seiner differenzierenden Gewalt die Wiederherstellung der Einheitsfunklion gemacht. Die Differenzierung hat den Reichtum der geistigen Entfaltung schon auf dem Boden selber der Thoraforschung und des religiösen Seelenlebens überhaupt unendlich gesteigert — in den einzelnen, verschiedensten Kultur-Umwelten anhelmgegebenen Landesgruppen eine Fülle von Nuancen und Methoden des Lernens und Denkens geschaffen und diese zu hoher, oft wunderbar verfeinerter Vollendung gesteigert: aber es ist wahrlich Zeit, das so zur geistigen Selbständigkeit Emporgewachsene in das breite Strombett eines einheitlichen rabbinischen Geisteslebens einmünden zu lassen, auf daß in gegenseitiger Befruchtung und Durchdringung dem mächtig gewachsenen Einheitssehnen der jüdischen Seele, dem Fragebedürfnis einer in unendliche Wirrnis verstrickten Zeit die beglückende Antwort aus dem einen, reichen Born der siebzigfältig sich spiegelnden Gotteswahrheit nicht fehle. Wahrheit» Wärme, Willensbestimmung erwartet, ersehnt Israels Gesamtheit, soweit sie in „Agudas Jisroel" den Boden ihrer Auferstehung erblickt, von diesem beherrschenden Zentrum des jüdischen Geistes. Als Aufgabe steht es vor uns — n.o^ 'pnnriDi nöJt, es wird werden und wachsen gleichzeitig mit den sich vollendenden und zusammenschlietzenden Einzelorganen und Einzelzellen des Gesamtheitskörpers. n. Hier vor allem, in diesem Zusammenschluß hat sich denn doch — vielleicht ist es der einzige tröstliche Gedanke, den auch der Rückblick auf das Vergangene gewährt — die erzieherische Kraft der in Kattowitz verkündeten Idee bereits bewährt: die furchtbare Entfremdung der einzelnen Landesjudenheiten und Gruppen voneinander, jene pathologische Seelenblindheit, die das "pED "|Sh:> njnm in den geistigen Tiefen, ob auch gottlob nicht in der vraktimeinbelebens. Die israelitischen Gemeinden der Diaspora waren jahrhundertelang — und sind es vielfach auch heute noch — für ihre Bedürfnisse lediglich aus sich angewiesen ohne" staatliche Beihilfe irgendwelcher Art. Es war die freie Tat des Pflichtbewutztseins und der begeisterten Hingebung an das überlieferte. Gesetz, die diese Gemeinden schuf und unterhielt, und so war und ist es auch die freie Tat des Pflichtbewutztseins und der Hingebung an die Zwecke.der Menschenliebe, und die Erkenntnis, datz in der Vereinigung die Kraft liegt, die alle die edlen Vereinigungen innerhalb der jüdischen Gemeinden auf dem Gebiete der npiü und des -|Dn schuf, mit .so mannigfachen und vielseitigen Zwecken, wie nur immer vielseitig und mannigfach die Bedürftigkeit und die Not des Lebens der Abhilfe heischte, Vereine >ür “HpDi für Bekleidung armer Kinder. Aussteuerungsvereine für unbemittelte Töchter -Vereine, Krankenkassen!»ereine, Vereine für Unterstützung Durchreisender, Leihkassen, Vereine zum Beistand der Sterbenden und zur Bestattung der Toten, DQtf 1DH, und wie sie alle heißen diese zahlreichen Vereine, die in ihrer vielseitigen hingebenden Wirksamkeit eine unversiegbare Quelle des Segens geworden sind für die jüdischen Gemeinden. — Wer vermag nur die ganze Summe reichen Segens voll zu erfassen, der durch solche Vereine im Laufe der Jahrhunderte gestiftet worden, welcher Segen durch Ausftattungsvereine DDiDn in der Ermöglichung der Gründung ehrbarer, bescheidener Haushaltungen in den Gemeinden gestiftet worden und welchen Wert solche Vereine für die sittliche und wirtschaftliche Bedeutung der Gemeinden gewinnen mutzten, welchen Segen die -fips -Vereine zumal in Zeiten oder Orten, an welchen es keine Hospitalpflege gab und gibt, und vor allem die ehrwürdigen rVKtf'Hp m"Qn verbreiteten. Für die kommunale Armenpflege der jüdischen Eei meinde wie für die private Wohltätigkeit des einzelnen, wie der Vereine innerhalb der Gemeinden hat sich aber eine Institution des jüdischen Lebens von ganz besonders wirksamer Förderung erwiesen und zwar die Institution (Vorschrift) des sogenannten-n^ZD-Gebens, die Bestimmung, nach welcher jeder von seinem jährlichen Verdienste und von neuerworbenem Kapital nach dem erstmaligen Erwerb 3/n—A/io für die Zwecke der Wohltätigkeit ausscheidet. Diese Bestimmung, indem sie die Erwerbstätigkeit des engherzig egoistischen Selbstzweckes entkleidet, stellt sie die Erwerbstätigkeit zugleich in den Dienst der Menschenliebe, der ethische Erfolg liegt aber auch auf Seiten des Empfängers solcher Gabe — denn das Bewutzlsein, mit solcher dem entstammenden Gabe nur empfangen zu haben, was auf Grund erfolgreicher Erwerbstätigkeit verliehen und zu wohltätigen Zwecken ausgeschieden wurde, nimmt für den Empfänger der Gabe jede Erniedrigung. Diese Bestimmung und die gewissenhafte Befolgung, die sie bis auf den heutigen Tag findet, stellt aber zugleich den-,Vpv'Eebenden als Verwalter eines kleineren oder größeren Wohltätigkeitsfonds hin, und wenn dann die Gelegenheit zum Wohltun an ihn herantritt, so findet sie parate Mittel. Dieser in Talmud und Codices gelehrte Geist der HplS/ welchen ich hier nur kurz skizzieren konnte, uyd dieses sich ergänzende Zusammenwirken der Kommunalwohltötigkeit der israelitischen Gemeinden neben der Privatwohltätigkeit der Vereine und des einzelnen, das war es, was die Armenpflege und wohltätige Nächstenliebe zu einem so erfolgreichen Faktox im jüdischen Gemeindeleben gestaltete und erhob, stnter der Aegide der also geübten und geleiteten Wohltätigkeit winkte der Armut und dem Elend, wo sie eintraten, immer vielseitigste Hilfe, und daher kam es, datz die Armut im jüdischen Kreise im großen ganzen selten erblich war. Die schonende und auf die Erhaltung der Erwerbstätigkeit gerichtete Armenpflege hielt den Mut und die Arbeitsfähigkeit und Lust aufrecht und gar oft erwies es sich, datz die Kinder armer Eltern bald sich zu beitragenden Spendern aufgeschwungen hatten und durch ihr wohltätiges Wirken den Segen lohnten, den die Gesamtheit ihren Eltern erwiesen. Und wenn gewiß diese Armenpflege auch nicht der einzige Faktor ist, der die sittliche und wirtschaftliche Erhaltung der jüdischen Gemeinden unter jahrhundertelangem Druck bewirkte, wenn vielmehr vor allem die treue Hingabe an das überlieferte Gesetz, die Integrität der jüdischen Ehen, die hohe, achtunggebietende Stellung der Frauen im jüdischen Kreise, das musterhafte Verhältnis zwischen Eltern und Kinder, das unerschütterliche Vertrauen in die nn^H rr>tO-iD und noch andere' Potenzen die Grundlage und Voraussetzung waren für eine solche Armenpflege, so wgx aber andererseits diese Organisation der Armenpflege in ihrem Zusammenwirken der kommunalen, privaten und Vereinstätigkeit hie Phalanr, in welcher gegenüber dem Druck und der Beschränkung der Jahrhunderte der Kampf mit Armut und Not und deren traurigen Folgen siegreich bestanden wurde. kleines Feuilleton. Der Ursprung des „Mögen Dovid". ' Don Rabbiner Dr. Jimner in Kör«. Unter dieser Ueberschrist brachten Sie in Nr. 31 Ihres Blattes vom 2. August einen Aufsa des?! f-ji ü,':