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Der Israelit · 1923-08-16 · Heft 33 (16.8.1923) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
64 (1923)
Issue
Heft 33 (16.8.1923)
Date
1923-08-16
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 . Nr. 33___ zierth eit dieser nwas offenbart, dieser große Organismus des Weltall? spiegelt sich in seiner grandiosen, gegensätzlichen Spannung wider durch die ganze Stufenleiter der natürlichen und geschichtlichen Gebilde hinunter, die den Kosmos erfüllen. lleberall konstituiert sich aus den sich ergänzenden Weltbegriffen, aus Einheit und Mannigfaltigkeit, höchster Seelenkraft und reichster Weltentfaltung, aus VITp.und TOD/ aus dem zentrierenden in** "D und dem sich entfaltenden ino!?O TOD der lebendige Organismus des Weltalls, der Menschheit, des Einzelvolkes, des Individuums, und der Inhalt der Weltgeschichte, der Menschheitsgeschichte, der. nationalen Geschichte, ja des Einzellebens in seinen 70 Jahren, ist nichts anderes als das Ringen um die rechte Organisation. Wer die aktive Kraft, die herrschende Seele, wer König ist im Organismus, und wie die an jene herrschende Einheit gebundenen Glieder zu einander stehen, zu ihrer Seele und zur Umwelt, das ist die vierfache Frage, nach der sich Tat und Schicksal der Organismen entscheiden, mögen diese ' Organismen Sternenwelten sein oder Völkerfamilien, Nationen und Staaten «oder vernunftbegabte Einzelwesen sein. Eine ungeheure Krise der Organisation, der Beziehungen der Teile zueinander und zu Gott, dem König der Völker, war und ist der große Krieg, der den Organismus der Menschheit erschüttert hat, mag auch der tiefste Sinn dieser Krise im einzelnen erst ferner Zukunft sich entschleiern. Vor dem vom Geiste der Thora und der Propheten erleuchteten Auge des Juden steht ja die Menschheit der Zukunft am Ziele des großen Kampfes der Geschichte als vollendeter Organismus da, gegliedert in die Fülle der Kulturnationen, eine jede ihre besondere seelische Haltung zur Welt in Wissenschaft und Kunst, Ethik und Politik als mannigfaltige Offenbarung der Gottesherrlichkeit auf den Altar der Königshuldigung zu Moria niederlegend. „Und Gott wird zum König über die ganze Erde,- an jenem Tag wird Gott e inz i g sein und Sein Name einzig" Es freuen sich die Himmel, es jauchzet die Erde, da man sagen wird unter - den Völkern: Gott hat die Herrschaft ange-, treten. Solange aber diese Gottesherrschaft, deren einheitliche Heiligkeit sich in aller diffe- D er Israelis 5 renzierten Kulturleistung der Völker als tod IDOfo widerspiegelt, nicht als OV, äls Bell) u ß t s e i n in den Gemütern der Völker äufgegangen ist, so länge das: „Gebet Gott, ihr Familien der Völker, Erkennet Gott zu seine Offenbarungsherrlichkeit und Macht" Heroldsruf bleibt, ohne Wirklichkeit zu werben, so lange taumelt der aus Nationen und Staaten als Einzelzellen konstituierte Organismus der Geschichtsmenschheit von Krise zu Krise. Die Zellen und Glieder ringen in tödlichen, dunklen Trieben halb unbewußt um Weltgeltung, um Macht und Bodenbesitz miteinander und über der zerstreuenden Richtung auf die Welt, ist die konzentrierende Richtung auf Gott, auf den gebietenden, regierenden, seelischen Mittelpunkt des Menschheilsorganismus verloren gegangen. —— Geläufiger und klarer als bei dem doch immerhin fernerliegenden Begriffe der D ö l k e rgemeinschaft, der Menschheit, ist die Wahrheit, die hier vertreten werden soll, der Kampf um die rechte Organisation als Inhalt der Geschichte bei der untersten Gruppe der geschichtlichen Größen, dem Einzelmenschen. , Der jüdische Mensch, der ein Leben lang seinen Schöpfer segnet, weil er ihn zur Heiligung aufgerufen durch seine Mizwos, der in seiner Beziehung zur sinnlichen Umwelt innerhalb und außerhalb seines eigenen Ichs vor. dem |Ol ~2b nriK Tin um der n&ITp willen gewarnt, aber doch mit tausend rP8TiT niDTD sOTli roo^nimit herrlichen Segenssprüchen an die leuchtende, tönende, schwingende Welt da draußen geknüpft wird, der mit dem Schofarruf des Geistes nach oben gerufen ward zu Gott und doch mit den Fesseln der Mizwos an die Welt gebunden wird, weil es ja gilt, dieser Welt Gottes Willen aufzuprägen — der jüdische Mensch empfindet, daß auch in dieser Spannung der Gegensätze im Individuum nichts anderes als die große Weltaufgabe der Vollendung des Organisationsprozesses zutage tritt: sich selbst zur n)oa6 hddtd zu vollenden, nach oben zu leben zu der von Gott in die irdische Umschränkung gesandten aktiven Seele und nach unten zur Welt, die in reichster Mannigfaltigkeit vondieser Seele ergriffen, erhoben sein will, ohne daß chie Seele in der Welt ertrinkt. Allein nun zeigt sich ein Eigentümliches, ein Zeugnis für die Uebereinstimmung der überlieferten jüdischen Wahrheit, mit dem, was sich dem philosophischen Denken langsam erst als Wahrheit enthüllt. >7',?> _ „; r 16. August IM? Selbst dort, -wo das jüdische Individuum zur H eiligkeit, älsö zur höchsten seelischen E r h e b u n g, zur AnähMüng an 'das Absolute, an Gott, deikUrquell der Heiligkeit^ emstorgehoben werden soll, heißt es i'ütehp" Ttt>8, in der Ule h rzahl, erscheint es überraschender Weise nicht als Individuüm, sondern wiederum^ als Gjjed eines h ö her e n Organismus, Glied, neben anderen Gliedern, und auch nicht unmittelbar als Glied der Menschheit, sondern als Einzelzelle seines Volkes? ,, Zwischen das Individuum und die. Mensche heit, beide Subjekte und Objekte des großen, den Inhalt der Weltgeschichte bildenden Organisationsprozesses, .hat Gott die Nation gestellt und unter den Nationen, die in tausend Farben-Nuancen das wechselnde Bild organischen Lebens repräsentieren, ein Volk erwählt, in dessen Mitte — wie nirgends sonst auf Erden — die organisierende Seele, nicht eingesenkt und verhaftet allein in den dunklen Urgründen des Blutes und des Samens, sondern frei leuchtend im Hellen Lichte des denkenden Bewußtseins leben und herrschen sollte dasjüdische Volk mit seiner Thora als organisierender Seele. Als Individuum hatte Abraham in freiem Aufschwung der Seele den - Weg zu Gott gefunden, als Individuum, als Familie, als Stamm und Stämme waren seine Kinder, durch die Bande des Blutes, der Familienüberlieferung, des Geschickes geeint, nach Aegypten und aus Aegypten gezogen, aber ein Volksorganismus ward Israel erst an jenem Tage, da Gottes Thora von S'nais Höhen in die Mitte der ungegliederten Dürsse eintrat und der Eliederungsprozeß, der Organisa'ions- . prozeß begann, am ersten Tage des zweiten Monats, als um die das Gotteswort bergende Lade sich die Myriaden der ZehntausendeIsraels, in Slammesgruppen, Stämme, Vaterhäuser, Familien gegliedert, um die Thora als seelisches Zentrum zum organisierten Körper zusammenschlossen. Da erhob sich' zum ersten Male jm plastischen Bilde organischen Werdens ein Größeres, Herrlicheres für allen Lauf der Geschichte, als die dem jüdischen Volke verpönte Plastik des in Gten Marmor gehauenen menschlichen Elnzellörpers dem ästhetischen Bedürfnis je hätte gewähren können, da erhob sich m i 1 t e n im Sand der Wüste, ohne Leben gebärenden Boden unter den Füßen ein ganz von ewigem Geiste gestaltetes lebendiges Volk: ro 1DL" irrn Einiges über die Armenpflege im alten Israel.^ Aus einem Dortrag. Ms erhabenste und verdienstvollste Aufgabe der Armenpflege steht im Talmud und den Codices diejenige Armenpflege da, die in der heutigen Wissenschaft tref- *) Unter dem Titel „Iustizrat Dr. Naphtali Hirsch — Ein Blick in seine Eeisteswerkstätte" — ist eine Auswahl aus den Schriften Iustizrat Haschs erschienen, die eine wertvolle Bereicherung der jüdischen religionsphilosophischen Literatur bedeutet. Aus Pietät geboren — das Buch ist von den Bindern des Iustizrat Hirsch herausgegeben — ist es ein Sammelwerk von allgemeinem Interesse, und der Verlag „Sänger und Friedberg" hat damit, reine ideale Zwecke verfolgend, deni Judentum einen guten Dienst geleistet. Aus den auf 242 sich erstreckenden 14 Aufsätzen, die zum Teil noch sehr zeitgemäß anmuten, geben wir hier obigen Aufsatz nach einem Vortrag wieder. send „vorbeugende Armenpflege" genannt wird, also diejenige auf die Erhaltung der Erwerbssähigkeit und der Erwerbstätigkeit des Hilfsbedürftigen gerichtete Wirksamkeit, also die materielle Beihilfe zur Erhaltung des Geschäftsbetriebes und im Falle der Arbeitslosigkeit Gewährung von Arbeit oder Nachweis von Arbeitsgelegenheit, damit er nicht sinke und der Armenunterstützung benötigt werde. iw nbynb ir npiso nibyb hidw — acht Stufengrade der npT8/ der Armenpflege, führt O"DQT im Anschluß an die Lehren des Talmuds auf, und als höchste Stufe, MOO. nbVüb n^nin r\byt2 führt er auf, wer den Sinkenden durch eine Gabe, sei es L fonds perdu, sei es als zinsloses Darlehen oder als Geschäftsbeteiligung, TDN^ß 1^> JOJiDQ 18 oder durch Gewährung oder Nachweis von Erwerbsgelegenheit beisteht y-p pinb *HD/ und diese Art der Armenpflege — O npTnni TOM ITT by) — hat die heilige Schrift im Auge mit dem Ausspruche: ripM.TI. Und mit so tiefem psychologischem Verständnis des menschlichen Wesens war man sich der hohen sittlichen Bedeutsamkeit der in solcher vorbeugenden Armenpflege liegenden Schonung und Erhaltung der Energie, Tatkraft und Schaffensfreudigkeit des Hilfsbedürftigen bewußt, daß diese Art als die höchste Stufe gilt, wie denn andererseits stets die Schonung der Ehre des Hilfsbedürftigen, die freundliche Zuwendung, das -QD niD’1 O'ID» die sich durcb Erwägung der Lage des Hilfsbedürftigen und durch Ratserteilung kundgebende Teilnahme dem rpTU ijoi. dem kommunalen Armenpfleger, wie dem privaten Spender zur heiligsten Pflicht gemacht hat. Von diesem Gesichtspunkte aus nimmt in den Codices die kommunale Wohltätigkeit überhaupt insofern nur eine subsidiäre Stellung ein, als solange möglich im Interesse der Schonung des Ansehens und der Selbständigkeit des Hilfsbedürftigen die Privatwohltätigkeit vorherrschend sein soll. Die kommunale Armenpflege wird überhaupt niemals der Privatarmenpflege entbehren können. Auch im Staate muH die kommunale Armenpflege auf die Mitwirkung der Privatwohltätigkeit rechnen und es ist eines der von ihr angestrebten Ziele, eine Verbindung der öffentlichen Armenpflege mit der Prwatwdhltätigkeit zu finden. Jm altjüdischen Eemeindeleben nimmt die Privatarmenpflege die erste Stelle ein, denn ihre Wirksamkeit vollzieht sich in d.er Stille, 'sie ist daher mit größerer Schonung und mit größerer Berücksichtigung der Individualität des einzelnen Falles verbunden, und sie. weiß dem einzelnen Bedürfnisse im einzelnen Falle besser gerecht zu werden als die öffentliche Armenpflege. Die Privatwohltätigkeit im jüdischen Gemeindeleben hat sich aber von je nicht nur aus das engere Gebiet der npTä' Spenden beschränkt, sondern nicht minder auch aus dem verwandten, aber umfassenderen Gebiet des 'TDIT ni^DI» der durch persönliche Leistungen zu übenden Menschenliebe. Diese Wirksamkeit der Privatwohltätigkeit auf dem Gebiete der npT2 wie des npn neben brr Wohltätigkeit der Gemeinden tritt im jüdischen Gemekndeleben in zweifacher Weise in die Erscheinung: als die stille Wirksamkeit deseinzelnen für sich, in Spenden, Leistungen und Stiftungen, und andererseits für Zwecke, deren Umfang und Anforderungen die Leistungsfähigkeit des einzelnen übersteigen, im Wege der Vereinigung.^ Hat sich ja doch überhaupt das Vereinswesen von eminentester Bedeutung für die Entwickelung und Erhaltung der jüdischen Gemeinden und die Verwirklichung ihrer Aufgaben und Zwecke erwiesen, und nicht nur auf dem Gebiete der Wohltätigkeit, sondern ganz ebenso auch für andere nicht minder wichtige Seiten des Ge--

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