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Der Israelit · 1923-08-09 · Heft 32 (9.8.1923) · page 15

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Journal
Der Israelit
Volume
64 (1923)
Issue
Heft 32 (9.8.1923)
Date
1923-08-09
Page
– (sequence 15)
Language
German
Belongs to
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9. August 1923 Nr. 17 Seite 3 zahlt wird, werden die „NichtziomsLen" den neutralen Leeren Hajessod ernster nehmen können. Aus dieser Darstellung ist es ersichtlich, dah in der breiten zionistischen Oeffentlichkeit das ganze Organisationsproblem unter dem Gesichtswinkel „Zionist" — „Nichtzionist" betrachtet wurde. Wir von unserem orthodoxen StandpuEe aus, sehen das Problem unter dem Gesichtswinkel religiös - areligiös. Wir 'glauben überhaupt. datz heute die Bezeichnung Zionist- Nichtzionist-Antizionist etwas überholt ist. Es gibt keine nennenswerten Gruppen mehr im jüdischen Volke, die an der Palästinaarbeit. sich aus prinzipiellen Gründen nicht beteiligen möchten. Also in diesem umfassenden Sinne ist heute fast jeder Jude ein Palästinenser. Unseres Erachtens nach sind es ganz andere Komplexe von Problemen, die die heutige Iudenheit erfüllen. Die Sozialisten wollen in Palästina ihr soziales Ideal verwirklichen. Die Nationalisten ihr nationales Ideal. Die Philantropen wollen in Palästina ein Asyl für ihre verfolgten Brüder schaffen. All diese Gruppen haben gemeinsam, datz sie ihr Ideal infolge einer weit fortgeschrittenen Assimilierung dem modernen europäischen Leben entnehmen. Jene Juden aber, die ihr Ideal nach der Thora gebildet haben, die ihren Lebenszweck und somit auch die Aufgabe des jüdischen Voltes in der Verwirklichung dieses Ideals erblicken, ersehnen in Erez Israel die Vollendung dieses von einer Assimilation kaum angekränkelten Ideals. Also wir erhoffen eine Gesundung und eine ruhige Entwicklung, wenn einmal die Parteien auf diesen tatsächlich vorhandenen Grundlagen sich organisieren. Es wird sich auf dieser Grundlage eher die Möglichkeit finden, eine Arbeitsgemeinschaft zur Erfüllung von bestimmten, klar bezeichnten Aufgaben zu finden. Wenn die Kenessio Gedaulo ihre höchste Aufgabe erfüllt, nämlich all jene Juden um die Fahne der Thora zu sammeln, die ihre nationalsten Merkmale am reinsten erhalten haben, die ihr privates Leben, wie das öffentliche Leben des jüdischen Volkes auf Grund der Thora regeln wollen, so -eröffnet sich eine weite Perspektive zur Lösung jener Probleme, die nur mit Zusammenschluß aller Parteien verwirklicht werden können. . („Iüd. Presse", Wien.) Was erwartet die Jugend von der Kenessio Gedaulo? Von Kalonymos. Wenn die Agudas Iisroel nichts weiter bedeuten soll als die Zusammenfassung aller orthodoxen Juden zur Erfüllung ihrer jeweiligen Gegenwartsausgaben, etwa zur Gründung von Waisenhäusern, zur Unterstützung von Jeschiwaus, zur Kolonisierung Palästinas auf gesetzestreuer Grundlage und dergleichen, so wäre sie immerhin ein gewisser Fortschritt gegenüber dem 'bisherigen Zustand der Zersplitterung; sie lohnte aber die ungeheuren Mühen und die große Begeisterung nicht, die aus ihren Aufbau verwendet werden; sie. wäre ein Verein wie so viele andere ähnlicher Art, nur etwas großzügiger organisiert als bisher. Diese Ausgaben würde die Orthodoxie schließlich auch ohne die Agudas Iisroel erfüllen. Die Jugend verlangt von ihr mehr; sie fordert von ihr die Befreiung von der geistigen Not, in die sie sich gestellt sieht; die Jugend will aus dem ewigen Kampf zwischen Judentum und Europäertum, der ihr die besten Kräfte raubt, und selbst den im Judentum Gefestigten in seiner jüdischen Aufbautätigkeit lähmt, endlich einmal heraus. Als Volljude frei und unbehelligt von fremden Kultureinflüssen zu leben und zu wirken, dazu soll ihm die Ahudas Iisroel verhelfen. Es muß wieder eine Lust, nicht eine Last sein, ein 'im Sinne der Thauro vollwertiges Judentum zu leben. Hat die Agudas Iisroel diese ihre Aufgabe, die einzige, die sie weit über den Charakter eines Vereins oder einer Partei emporhebt, erkannt? Wird die Tagesordnung der Kenessio Gedaulo dieser Forderung gerecht? Auch die bisherigen Entwürfe für ein künftiges Aguda- Programm lassen die Erkenntnis der hehren Mission der Agudas Iisroel vermissen. Sie kleben allzusehr an _SB 1 g tt e r_ Begriffen, die Jie an der Thauro orientieren. Wir wollen aber kein Programm der kalten Begriffe, wir verlangen ein lebenswarmes Programm der praktischen Arbeit, orientiert an den Lebensbedürfnissen der Judenheit, vor allem ihres zur Eesetzestreue strebenden Teiles. Um diese Lebensbedürfnisse zu erkennen, muß man etwas tiefer schürfen, als es gewöhnlich geschieht. Derjenige, der z. B. empfiehlt, mehr zu „lernen", sieht nur die äußere Krankheitserscheinung des jüdischen Volkskörpers, nicht aber ihre Ursache. Woher kommt es, daß erst besondere Energie aufgebracht werden muß, um den Entschluß des „Lernens" zu fassen? Weshalb fallen auch weite Kreise der Jugend des Ostens, die doch meistens „gelernt" hat, vom Judentum ab?* Die Ursache ist, daß wir kein gemeinschaftliches auf der Thauro aufgebautes jüdisches Kulturbewußtsein mehr besitzen. Wir sind in europäischer Kultur erzogen und aufgewachsen und bemühen uns krampfhaft und mit ungeheurer Energie, in ihr unsere altjüdischen Lebensformen zu bewahren. Unser Kulturbewußtsein ist europäisch, nicht jüdisch. Ein jüdisches Kulturbewußtsein, insbesondere ein an der Thauro orientiertes, das die gesamte Iudenheit umfaßt, ist uns im Jahrhundert der Aufklärung verloren gegangen. Warum? Wir leben in einer Wirtschaftsordnung, die uns wie mit unentrinnbarer Naturgewalt auch ihren geistigen Stempel aufdrückt. Während früher alle Dinge des äußeren Lebens den Ausdruck dessen trugen, der sich in ihnen bewegte und sie gebrauchte, während früher jeder den ihn umgebenden Gegenständen seinen eigenen Stil ausprägte, sind jetzt die Dinge objektiviert; sie treten uns als uns fremde Objekte gegenüber und drücken uns ihren Stil auf. Ein Beispiel: Der Schuh, den früher ein Handwerker herstellte, trug dessen persönliche Note; vom Rohstoff bis zum fertigen Produkt war er fein ureigenstes Werk; ja sogar den Verkauf besorgte er häufig selbst. Jetzt stanzt ein Arbeiter in der Schuhfabrik tagaus tagein mit der fertigen Form Schuhsohlen. Das endgültige Produkt, der Schuh, ist nicht mehr Teil seiner selbst, sondern etwas ihm Fremdes. Der Schuh tritt ihm als ein ihm fremdes Objekt gegenüber. So ist die ganze uns umgebende Welt der Zivilisation uns fremd geworden. Wir können sie nicht mehr innerlich verarbeiten; sie zwingt uns daher in ihren Bann. Das ist die europäisch (amerikanische) kapitalistisch-sozialistische Kultur, die alle Menschen in ihrem Denken, Fühlen und Lebensgeftaltung allmählich glekchmacht und jede Sonderart, auch die jüdische, vernichtet. Osteuropa und Palästina machen hiervon keine Ausnahme. Das ist auch der innere Grund der Assimilation, der wir ohne Neuaufbau von unten her nicht entrinnen können und gegen die wir uns vergebens trotz aller positiven Gegenwartsarbeit stemmen. Eine Rettung ist nur möglich, wenn es gelingt, anstelle des allgemeinen Kulturbewußtseins das besondere Bewußtsein der verschiedenen Kulturgruppen zu setzen. Die große Tat Samson Raphael Hirschs s. A. war, daß er gezeigt hat, daß der Jude auch inderhalb des europäischen Kulturkreises sich seines Judentumes nicht zu schämen brauche, daß die jüdische Weltanschauung der modernen Wissenschaft nicht widerspreche. Er hat das Judentum des Westens vor dem Untergang gerettet. Jetzt gilt es aber noch einen Schritt weilerzugehen. Wir müssen nicht nur vor dem Untergang retten, sondern aufbauen; wir müssen unser eigenes jüdisches Kulturempfinden schaffen, wir dürfen das. Leben nicht mehr als Europäer, sondern nur noch als Juden anschauen. Wir müssen uns bewußt werden, daß jedes Volk sein eigenes Wesen und, darauf gegründet, seine eigene Aufgabe und seine eigene Kultur in der Menschheit hat und daß dasjenige Volk am höchsten steht, das sein Wesen und seine Aufgabe begriffen und mit vollem Bewußtsein im Interesse der Entwicklung der ganzen Menschnheit zu erfüllen und zu leben bestrebt ist. Die durch seine Geschichte, sein Gesetz und das Wesen jedes einzelnen Juden vorgezeichnete Ausgabe des jüdischen Volkes ist die Erlösung der Menschheit von aller Gewalt, aller Unterdrückung und allem Leid. Auserwählt ist das jüdische 'Volk, weil diese Ausgabe zugleich das Ziel der Menschheitsgeschichte überhaupt ist. Wenn andere Völker ihr Wesen und ihre daraus entspringende Aufgabe im Kreise der Völkerfamilie noch nicht erkannt haben und im Dunkeln tappend in das Gebiet anderer übergreisen wollen, so darf dies uns Juden nicht hindern, vielleicht als erstes und damit höchstes Kulturvolk, unser eigenes Wesen und unsere eigene Kultur zu betonen und zu leben. Auf die Erkenntnis unseres Wesens kommt es in allererster Linie an; mit jüdischem Wesen sich europäisches Kulturbewußtsein anzueignen heißt das Leben eines geistigen Bastards führen mit allen jenen üblen Eigenschaften, die Bastardtum unnd das Zusammenpropfen wesensfremder Dinge -stets zeitigt. Die Erkenntnis des jüdijchen Wesens und Charakters, das Verstehen der Thauro und aller jüdischen Gesetzesvorschriften von diesem Standpunkt aus wird in der ganzen Diaspora ein gemeinschaftliches jüdisches Kulturbewußtsein und damit ein jüdisches Leben im alltraditionellen Sinne schaffen. Wird die Agudas Iisroel, wird die Kenessio Gedaulo hier die Wege weisen? Wird sie die Grundlage zu einem gemeinsamen jüdischen Kulturbewußtsein (im traditionellen Sinne) schaffen? Die Jugend und die Zukunft des Judenntums verlangen es. Ob und wie sie es tut, wird entscheidend für das Sein oder Nichtsein der Agudo werden. Videant cönsules . . . .! Den Entwurf eines Agudo-Programmes hier wiederzugeben, versagt sich der Verfasser im Augenblick. Es ergibt sich auf Grund obiger Ausführungen fast von selbst. Vielleicht findet sich auf der Kenessio Gelegenheit, darüber mehr zu sagen. Diese lediglich die Hauptpunkte, auf die es ankommt, kurz skizzierenden Zeilen Iollen nur zum Nachdenken und zur Tat Anregung geben. Möge sich der Erfolg in Wien zeigen! Die Agudas Jsroel-Konserenz in Palästina. Jerusalem, 20. Juli. Am 22. Tamus tagte hier die große Agudakonferenz mit der Tagesordnung „Kenessio Gedaulo". Es beteiligten sich an der imposanten Versammlung die Komiteemitglieder der Aguda sowie Delegierte aus den Ortsgruppen in Jaffa, Saffed und Tiberias. Außerdem waren viele Mitglieder aus Jerusalem erschienen. Den Vorsitz führten abwechselnd die Herren Rabbiner Bravermann, Deutsch, I. Horowicz und M. L. Bernstein. Herr Rabbiner I. B. Horowicz eröffnete die Versammlung mit einem Willkommensgruß und einem längeren Referat über die Bedeutung der Kenessio Gedaulo. Die Kenessio, sagte er, wird sich als alleinige Vertreterin der Orthodoxie legitimieren, die sich endlich von der Vormundschaft befreit und selbst ihre Sache in die Hand nimmt. Hauptaufgabe ist, im Geiste der Thora und Mizwo die Fragen des Tages im Leben von Klal Iisroel zu lösen. Zur religiösen Führung und Wegweisung ist der Rabbinische Rat gewählt. Die Kenessio wird das Märchen widerlegen, als wollte die Orthodoxie das Judentum spalten. Zwist und Spaltung werdenn erst dann in die Reihen getragen, wenn die Neuerer sich anschicken, das Judentum unter neuen Grundsätzen, ohne Berücksichtigung der jüdischen Lebensinteressen, aufzubauen. Das erlebte man auch bei dem Feldzuge gegen den aschkenasischen Waad in Jerusalem. Redner bedauerte aufs tiefste, daß auch viele der Frommen sich vom großen Strome hinreißen lassen und nicht einsehen, daß ein Gedeihen für die jüdische Sache nur aus einem Zusammengehen von Führern und Geführten in geistiger und religiöser Beziehung erblühen' kann. Will die Gegenseite sich von unserer Friedensliebe überzeugen, so gebe sie ihre streitbare Taktik aus und verzichte darauf, uns beherrschen zu wollen, dann würde sich ein Weg zur gemeinsamen Arbeit finden. Es werden dann Begrüßungen von den Führern Rabbi Chajim Sonnenfeld und I. I. D iskin verlesen, in denen sie auch bitten, alle Fragen, die der Kenessio Gedaulo vorzulegen sind, mit ernster Gründlichkeit zu prüfen, insbesondere diejenigen, die Bezug haben auf die nächsten Aufgaben in Erez Iisroel. Es gelangen noch andere Begrüßungstelegramme aus Preßburg, Frankfurt a. M., Luzern Schweiz, Tiberias und Saffed zur Verlesung. Daraus erstattet Rabbi Moscheh Blau den Rechenschaftsbericht der Jerusalemer Aguda. Dieselbe zählt 600 ordentliche Mitglieder, die sich aus der geistigen Elite der Bevölkerung rekrutieren. Die Aktivität der Jerusalemer Landesorganisation führte zur, Gründung von Agudagruppen fast in allen Städten und Kolonien Palästinas, sogar in Bagdad, wo 200 Mitglieder den Agudabeitrag zahlen. Auch unter den Sephardim, ja den Jemeniten gewinnt der Agudagedanke immer mehr an Boden. Eine Kommission für Ein-

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