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Der Israelit · 1923-08-09 · Heft 32 (9.8.1923) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
64 (1923)
Issue
Heft 32 (9.8.1923)
Date
1923-08-09
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nr. 32 Seite S - 9. August 1923 Der Israelit nem Programme handelt. Vielmehr hat sich hierbei das legale Judentum gemeldet, um sein Recht auf Leben und Forterhaltung zu fordern. Unsereiner kann diese Worte kaum ohne Tränen herausbringen. Für unser Judentum, das bislang anerkannter Alleinherrscher war, verlangen wir nicht mehr Rechte, als wie sich die jüngsten neu entstandenen Parteien selbst ohne weiteres herausnehmen. Und auch dieses wird uns noch als Anmaßung ausgelegt! Nein, das ist zu hart gehandelt von Brüdern an Brüdern! Korrespondenzen « KacbMien. 5 De»»ts«her Äeietz. Zr»elitl5t»e $V»ode. Karlsruh e, 29. Juli. Ani 16. Juli tagte in den Räumen des Landtags die 12. ordentliche Jsr. Synode, die erste die auf Grund der neuen Verfassung der isr. Religionsgemeinschaft gewählt worden war. Der Vorsitzende des Oberrats der Jsr., Dr. Nathan Stein-Karlsruhe, eröffnete die Synode um 9.30 Uhr und wies in seiner Ansprache auf die schwierige Lage hin, in der sich wie die andern Religionsgemeinschaften auch die Landessynagoge befindet. Aufgabe derselben sei es, gegenüber der seelischen Not, die durch die jetzigen Zeiten genährt werde, die sittlichen Werte des Judentums noch mehr als bisher zu pflegen und insbesondere dafür Sorge zu tragen, daß unserer Jugend eindringliche Kenntnisse des Ideengehalts unseres Glaubens vermittelt werden. Als eine der wichtigsten Aufgaben trete an die Landessynagoge die Pflicht heran, für die Hebung der wirtschaftlichen Not ihrer Beamten und Angestellten zu sorgen. Man habe bisher den gesetzlich zulässigen Höchstsatz der Landeskirchensteuer erhoben und werde dies auch weiter tun. Die hierdurch eingehenden Mittel reichen aber bei weitem nicht aus, um den berechtigten Wünschen der beteiligten Kreise zu entsprechen. Dem Lande Baden und dem Reiche müsse man daher dankbar sein für die der Religionsgemeinschaft gewährten Vorschüsse; denn ohne diese wäre es nicht möglich gewesen, der dringendsten Not der Rabbiner, Religionslehrer, sowie der Versorgungsberechtigten auch nur einigermaßen zu steuern. Der Redner erwähnte die im Gange befindliche Aenderung des Landeskirchensteuergesetzes und begrüßte eine neue Bestimmung des Landessteuergesetzes, durch die eine gesetzliche Grundlage für die Gewährung von staatlichen Zuschüssen an die Religionsgemeinschaften gegeben und 'damit die Pflicht des Staates anerkannt worden sei, die Religionsgemeinschaften mit ihren Ausgaben aus den Gebieten der Erziehung und Sitte zu unterstützen. Die der Synode zugegangenen Vorlagen sollen vor allem, zur Erfüllung dieser Aufgaben dienen und stellen an' die Opferwilligkeit der Gemeinden und der einzelnen Glaubensgenossen große Ansprüche. Ausgabe der Synode und jedes einzelnen Abgeordneten werde es sein, die Notwendigkeit großer Opfer zur Erhaltung der Landessynagoge zu erkennen und die Ueberzeugung auch draußen, im Lande, zu verbreiten. Der zum Alterspräsidenten berufene Abg. Schloßberg e r-Bruchsal übernahm hierauf den Vorsitz und ' ließ die einzelnen Abteilungen. zur Wahlprüsung bilden. Nach dem Wiederzusammentritt der Synode und nach Erledigung der Wahlprüsungen wurden der Abg. Dipl.- Jng. Mar E t t l i n g e r-Karlsruhe (liberal) zum Präsidenten, der Abg. Eduard Bauer-Mannheim (konservativ) zum Vizepräsidenten gewählt. In seiner Ansprache wies der Präsident auf die Pflicht zur Treue gegenüber dem Vaterlände und der Religionsgemeinschaft hin' und gedachte mit warmen Worten alleH Volksgenossen im besetzten Gebiete. Das Haus vertagte sich sodann auf den Nachmittag, um den Ausschüssen Gelegenheit zur Durchberatung der Vorlagen zu lassen. Erst in später Nachmittagsstunde konnte das Plenum wieder zusammentreten, um die Berichte der Ausschüsse entgegenzunehmen. Den wichtigsten Beratungsstoff bildete der Voranschlag mit den dazu vorliegenden Anträgen. Nach der Vorlage des Oberrats schloß der schon Anfangs Juni aufgestellte * Voranschlag für die nächsten drei Jahre mit einem Betrag von ca. 660 Millionen Mark jährlich ab. Dieser Betrag wurde von der Synode wegen der schon eingetretenen und während der Voranschlagsperiode noch zu befürchtenden Geldentwertung auf rund 3,3 Milliarden erhöht. Während fast alle Voranschlagsposten gemäß den Anträgen des Ausschusses ohne Debatte genehmigt wurden, knüpfte sich eine lebhafte Erörterung an die Stellen, welche die Zuschüsse der isr. Zentralkasse zu der Besoldung der Rabbiner. Religionslehrer und Kantoren enthalten. Hierzu lagen Anträge auf Einreihung in die Gruppen X bezw. VII u. VIII des staatlichen Besoldungstariss vor. Der Oberrat erhob hiergegen Bedenken, die sich nicht gegen die sachliche Berechtigung einer Einstufung, wohl aber gegen eine Verpflichtung der Zentralkasse richteten, für deren Erfüllung bei der derzeitigen Lage der Gesetzgebung keine Gewähr bestehe, dagegen sei es Pflicht der Gemeinden, eine Angleichung der Gehälter an den Besoldungstarif vorzunehmen. Die Synode . beschloß jedoch die Eingruppierung, und der Oberrat erklärte sich nochmals bereit, an die Regierung wegen Gewährung erhöhter Vorschüsse heranzutreten und zusammen mit einem Hierzu gewählten Ausschuß die weitere Behandlung zu beraten. Damit waren die wichtigsten Beratungsgegenstände erledigt und nur noch die Wahl des Oberrats und Synodalausschusses vorzunehmen, die durch Zuruf erfolgte. Der Oberrat wurde in seiner seitherigen Zusammensetzung wieder gewählt. Es war nahe an Mitterternacht, als der Vorsitzende des Oberrats der Synode und ihrer Leitung für die in dieser mühevollen Tagung geleistete Arbeit dankte und die 12. Synode für geschlossen erklärte. Der Präsident der Synode dankte den Mitgliedern des Oberrats für die Wiederannahme der Wahl. Nachdem der Abg. Bezirksrabbiner Dr. P i n k u ß -Heidelberg dem Präsidenten für seine unparteiische Leitung der Geschäfte den Dank des Hauses ausgesprochen hatte, war die Tagung erledigt. Tsch-chs-rls«,«kei. Der Zionlstenkongress. Karlsbad, 6. Aug. Der XIII. Zionistenkongreß wurde heute mit weniger Pomp als sonst üblich von Weizmann eröffnet. Es wird ein sachlicher Kongreß sein» auf dem es sich hauptsächlich um.die Frage der Jewish Agency drehen wird. In das Präsidium wurden gewählt Nachum Sokolow, Ben Zwi, Oberrabbiner Jakob Meier, Jerusalem, Meier Berlin, Dr. Schemarjeh L e w i n und Louis L i p s k i, New-Pork, Leo Motzkin, Paris, Farbstein, Warschau und Elise Kaplan, Minsk. Die. Gegensätze zwischen Weizmann und den „reinen Zionisten" werden nicht in der erwarteten scharfen ^orm aufeinanderschlagen, da es scheinbar unter der Hanß gelungen ist, ein Kompromiß mit der Opposition zu treffen, auf der Grundlage, daß Sir M o n d, London, in die Exekutive, die sich zur Zeit provisorisch als die „Jewish Agency" gibt, eintritt. Otoisenffirsor&e, Warschau, 30. Juli. Bei der Beratung über die Versorgung schutzloser Kinder im Sejm hielt der Deputierte, Herr Rabbiner Lew in ,, eine längere Rede, die wegen ihres politischen wie moralisch - ethischen Gehaltes den größten Eindruck im Hause machte. Auch die Presse glossiert die Rede sehr beifällig. Er erachtet es als eine der höchsten moralischen Pflichten des Staates, die schutzlosen Kinder der Straße zu entziehen und sie vor Elend und Verwahrlosung zu retten. Auf die jüdischen Kriegswaisen übergehend, teilte er mit, daß das Lemberger jüdische Komitee in verschiedenen Städten Kleinpolens 38 Anstalten unterhält, in welchen 2049 Waisenkinder erzogen werden, unter ihnen 715 Vollwaisen. Außerdem werden in Ostgalizien 13 617 Waisenkinder, Knaben und Mädchen, auf privatem Wege versorgt. Ein ähnliches Komitee in Krakau übt seine Tätigkeit in Westgalizien aus. Das ganze Problem ist damit nicht gelöst, und die Tatsache,' daß in einem Teil des Landes, nämlich in Kleinpolen, 15 666 jüdische Waisenkinder amtlich gezählt sind, abgesehen von den Tausenden, die die Statistik nicht erfaßt hat, spricht Bände von der jüdischen Tragödie während des Kriegs und der Pogromaera. Mit kräftigen Worten tritt der Deputierte dafür ein, daß die Regierung bei der Ueberwachung der Versorgung und Bewilligung von Subventionen besonders auf die religiöse Erziehung der Kinder Bedacht nehme, was nicht zuletzt auch im Interesse des Staates und der menschlichen Gesellschaft liege. Er befürwortet die Annahme des Projektes der Minderheiten, das über diesen Punkt folgendes besagt: „Ms Lebensnotwendigkeit beim Kinde ist neben der körperlichen Erziehung auch eine geistige und moral-religiöse Einwirkung zu betrachten, geleitet von Personen in einem Geiste, der der religiösen und nationalen Eigenart des Kindes angepaßt ist." Dtv Brisker Raw und die flgudas Zlrroel. Wilna, 3. Aug. Entgegen den Anstrengungen von misrachistischer Seite, als habe Rabbi Chajim Soloweitschik y'jjj eine zweifelhafte Stellung gegenüber der Aguda eingenommen, veröffentlicht Rabbi Chajim Oser Grodzenski, Wilna, folgende Erklärung: Im Jahre 5667 tagte in Wilna die erste Versammlung, an. welcher außer mir der Brisker Raw und Rabbi Elieser aus Telsch teilnahmen. Damals wurde beschlossen, die Organisation „Kneßes Jisroel" zu gründen. Das ausgearbeitete Programm wurde Rabbi Chajim Brisker, Rabbi David Karliner und Rabbi Eliach Chajim Meisel y^j in Lodz zugeschickt. Nachdem das Programm von allen akzeptiert worden war, wurde die Organisation „Kneßes Jisroel" legalisiert. Infolge politischer Umstände mußte dann die Arbeit eingestellt werden. Erst nach zweijähriger Unterbrechung trat im Monat Aw 5669 auf Initiative des Eyon Rabbi Jizchok Eisik Halevi y^T, des Verfassers des „Doroth Harischonim", die zweite Konferenz in Homburg zusammen, bei der folgende Eaonim zugegen waren: Rabbi Chajim Brisker, Rabbi Elieser Telscher y^ Rabbiner Elieser Rabinowitsch aus Minsk, Rabb. Breuer, Schreiber dieses (Grodzenski), der „Gerrer Rebbe", der jetzige Bendiner Raw und einige Rabbiner aus Ungarn. In Homburg wurde damals der erste Grundstein gelegt für die Weltorganisation „Agudas Jisroel". Der Brisker Raw bestand damals daraus, daß sogleich ein Rabbinischer Rat gegründet werde, der die Tätigkeit der Organisation überwache. Er begründete diesen Vorschlag mit der Befürchtung, es könnte sonst das deutsche Erziehungssystem, hinausgehend auf Verbindung von Thora und Bildung, von Heiligem und Profanem in unsere Talmud-Thoraschulen und Jeschiwaus eindringen. Er war prinzipieller Gegner dieses Systems, das, seiner Ueberzeugung nach, dem Thorastudium Abbruch tun müßte. Der Rabbinische Rat hat sich dort in der Tat konstituiert, und Rabbi Chajim war eines seiner tätigsten Mitglieder und. Hauptinitator. Im Monat Siwan 5672 wurden in Kattowitz die Arbeitsprinzipien des Rabbinischen Rates nach den Vorschlägen Rabbi Chajims festgelegt.' Wenn nach der Kattowitzer Konferenz in einer kurzen Zeitspanne die Beziehungen Rabbi Chajims zur weiteren Entwicklung der Aguda sich etwas abkühlten, so war es einzig deswegen, weil die Statuten des- Rabbinischen Rates noch nicht im Drucke erschienen waren, und er befürchtete, daß der Rat sich nicht gehörig konstituieren würde, um das Eindringen des deutschen Erziehungssystemes in unsere Lehranstalten, das dort das Thorastudium verringern könnte, zu verhindern. Als aber im Jahre 5677 sich wiederum die dringende Notwendigkeit der Organisation erwiesen hatte, da stimmte Rabbi Chajim mir zu, einen Ausruf zur Erneuerung der Agudas Jisroel in Rußland zu erlassen. Es ist der Aufruf, der vorige Woche im „Jud" abgedruckt war. Die negative Haltung Rabbi Chajims richtete sich gegen die damals in Moskau und Petersburg gegründeten Organisationen „Mesorah wcheruth" und „Nezach Israel".

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