Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 64 (1923)
- Issue
- Heft 32 (9.8.1923)
- Date
- 1923-08-09
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Dazu kommt, daß über die richtige Erfassung von Lehre und Leben im Judentum trotz der 613 Gebote und aller Paragraphen unserer maßgebenden Ritualwerke, trotz der dreizehn Glaubenssätze des Maimonides und aller Literatur, die sich daran angeschlossen hat, noch recht weitgehende Differenzen vorhanden sind, wie sie seit Jahrtausenden es waren. Der -Masse derer gegenüber, die dem Judentum entfremdet. bilden wir freilich eine geschlossene Einheit, so geringfügig sind in dieser Hinsicht jene Unterschiede. Es ist das große Verdienst der Männer, in denen die Idee der Agudas Jisroel zuerst aufgeflammt, die das zarte Flämmchen, das so oft zu erlöschen drohte, immer wieder von neuem entfachten, die mit einer Hingabe ohne Gleichen, mit Energie und doch besonnener Klugheit, das Widerstrebende zu einen sich bemühten, denen es zum großen Schmerze aller in Wahrheit Thoratreuen nur mit einer großen und sehr wichtigen Gruppe nicht gelungen ist, zur Einigung zu gelangen, es ist das große Verdienst dieser Männer, daß diese konstituierende Versammlung zur Wirklichkeit geworden. Möchte doch dieser Geist auch im Verlauf der ganzen Tagung seine Kraft erweisen, daß die Einheit in der Mannigfaltigkeit gewahrt wird, daß allen Teilnehmern zum rechten Bewußtsein kommt: die Vielgestaltigkeit all dessen, was sich innerhalb des thoratreuen Judentums auslebt, ist gottgegeben, da Er es ja ist, der uns all den Einflüssen der Umgebung ausgesetzt, ist aber nicht zum kleinen Teil vielleicht gerade das, was den Reichtum des Judentums ausmacht, und daß Agudas Jisroel letzten Endes doch auch zum Ziele hat, was ihr Name besagt. die Einheit in Israel zu verkörpern und zu vertreten. Wir glauben nicht an den heiligen Geist, der den Konzilien und ihren Beschlüsssen an und für sich schon die Unfehlbarkeit verbürgte. Wenn der Talmud schon von dem Einzelnen das kühne Wort geprägt rV'npm -in: daß Gott das erfüllt, was der Fromme beschließt, um wie vielmehr gilt das von den Vielen. Von der Versammlung allein wird es abhängen, von dem Geist, der von ihr emporsteigt, von den Eindrücken, die. man dort oben von ihr empfängt, ob die rechte nystpn auch nach unten gelangt und ob dann ihrer Hände Werk gelingt. Ein wunderbares Bild steigt vor unseren Augen auf, im Talmud und Midrasch vielfach gestaltet: der Schöpfer und Erhalter des Alls, der Allmächtige, Allgütige und Allwissende vereint mit bw seinem obersten Rat. Da sitzen sie nun Alle, die doch auf Erden ihre eigenen sehr verschiedenen Wege gegangen, die großen Führer, aus deren Wirken und Werken die verschiedenen Richtungen und Gruppen innerhalb des zeitgenössischen thoratreuen Judentums das Recht und die Forderung ableiten, ih re Auffassung von Gott, ihr Wandeln vor ihm als die allein richtige und beseligende zu verkünden. Da sitzen sie alle friedlich vereint und lauschen mit Gott auf das, was ihrem Volke zum Heile werden soll. Daß doch, wenn der göttliche Ratschluß um unserer großen Sünden willen Schlimmes verhängt haben sollte, die Gottheit wie in der Erzählung des Talmuds am Ende der Tagung mit frohem Lächeln ausrufen könnte: 'O’iim Meine Kinder haben mich überwunden! Oberrabbmer Kuck und die Zwanrssrganisation in Palästina. Oberrabbiner Kuck in Jerusalem ist von der englischen Regierung mit einem hohen Orden ausgezeichnet worden, den ihm der Oberkanzler und Vertreter des zur Zeit in London weilenden Herbert Samuel Sir El ayton mit feierlicher Rede anhängte. Der ordengeschmückte Ober- RabbinerD nutzte die gute Gelegenheit zur Anbringung einiger Wünsche, um deren Befürwortung Lurch den Oberkommissar in London er inständigst bat. Unter anderem wies Oberrabbiner Kuck — nach Berichten palästinensischer Blätter — darauf hin, daß es nun an der Zeit wäre, mit einer Denkschrift, der Londoner Regierung klar zu machen, daß sie im Interesse des versprochenen „nationalen Heimes" die Organisation der Gemeinden Palästinas im einzelnen, wie deren Zentralorganisation mittels Gesetzes schleunigst durchführen müsse, und zwar in dem Sinne, daß keine Abbröckelungen und keine Nebengebilde mehr imstande seien, die Gemeindeeinheit zu stören. Eine Zersplitterung der Kräfte, die auch dem Gedanken des nationalen Heimes Abbruch tue. müsse durch einheitliches Gemeindegesetz verhindert werden. Mit dürren Worten: Oberrabbiner Kuck ruft die höchsten Stellen an, den nationalen „Waad hair" in Jerusalem wie ähnliche nationale Körperschaften in anderen Städten Palästinas von Eesetzeswegen mit allen Machtbefugnissen eines allein bestehenden Eemeindeorgans auszustatten und dem ersteren Waad oder einem ähnlich zu schaffenden Organ in Jerusalem als oberster Instanz die Alleinherrschaft in Gemeinde und Kultus Palästinas zu übertragen. Also ungefähr — das, was wir in der Diaspora die Zwangsorganisation nennen. Insbesondere mag dabei der Herr Oberrabbiner den ihm nicht genehmen „Waad hoaschkenasim" in Jerusalem im Auge gehabt haben, dem freilich ein solches Gesetz allsogleich das Lebenslicht ausblasen würde. Ob er auch an die weiteren Folgen und an die ganze Tragweite eines solchen Monopolgesetzes > zu Gunsten der Zionistischen Machthaber für die jüdische Sache, die doch im Grunde Herrn Oberrabbiner Kuck so heilig ist wie uns, gedacht hat? Ist die Erfahrung eines Jahrhunderts, die das süddeutsche Judentum in dieser Beziehung hat, sind die schweren Kämpfe, die die Orthodoxie heute in Litauen durchzumachen hat, für die Maßnahmen des Jerusalemer Oberrabbinats von Misrachis Gnaden vollständig belanglos? Daß ein gütiger Gott Palästina bewahre vor einem Gesetze, das beispielsweise, wenn es Jaffa mit Tel Awiw zusammenlegt, die jüdischen Juden Alt - Jaffas nötigte, mit den Antisabbat-Nationalisten in Tel Awiw in unglücklicher Gemeindeehe zu leben. Daß alle Rechte und Initiative in diesem Falle in die Hand derer von Tel Awiw zu liegen kommen, dafür wird schon das Gesetz sorgen, dessen Dolmetsch Oberrabbiner Kuck bei den höchsten Stellen ist. Wünschen wir Herrn Oberrabbiner Kuck, daß er nicht durch Erfolg seiner Fürbitte bald in die Lage kommt, sich auf die ordengeschmückte Brust zu schlagen mit dem schmerzvollen Bekenntnis: „Ich habe dies nicht vorausgesehen . ." Präsident Harding. Der Tod Hardings macht die zur Zeit gewiß nicht hoffnungsreiche Welt um eine Hoffnung ärmer. Zwar war Hardings Politik den Leiden Europas gegenüber eine mehr negative, aber immerhin bezeichnet durch das Bestreben, ich von den „europäischen Angelegenheiten", in deren Wirbel unter Wilson der Weltkrieg Amerika verstrickt hatte, unter Verzicht auf die traurige Beute loszumachen, und der englische Verstandigungswille verliert in Harding zweifelsohne eine wertvolle moralische Stütze. Sein Nachfolger, Calwin Coolidge, ist als Mann von großer Energie bekannt, dessen Stellung zu den verworrenen Fragen Europas jedoch noch nicht feststeht. » Marren Gamaliel Harding war -als echter amerikanischer Republikaner von Tradition And schlichtem Gerechtigkeitssinne den Juden tvoUgesinnt und wußte aus Rassenhaß hervorgeganUene Strömungen niederzuhalten, wodurch er stch zu seiner Ehre sei es registriert — den-MoK der Ford-Partei in »reichstem Maße zugezosen. hat. In lebhafter Erinnerung ist noch^ dM Harbingbotschaft an die Newyorker den aus Anlaß des letztjährigen Roschhaschoirohfestes, in der er seine rückhaltlose HochachtruW vor dem Volke der Bibel in markanten Wort« zum Ausdruck brachte und mit seiner VerurtM lung der haßgeborenen Bestrebungen, Iud« und Judentum herabzuwürdigen, nicht zurWhielt.. Unsere Hauptsorge bei dem Wechsel im „Weißen Hause" zu Washington geht dahin, ob nicht die Scharfmacher in der E i n w a n d^- rungsfrage — eine Bewegung, die ausge» sprochenermaßen gegen die Ostjuden gerichtet Vst — unter dem neuen Regime Oberwasser -erhalten. Verständigung. Kin W-rt für Wlchtorlhsdorvon Rabbiner A. S. Weinberg in Hieße«. (Schluß.) Der geneigte Leser wird dem Dolmetsch der schweigenden und darum völlig verkannten Orthodoxie die wortreichen, aber aus liebendem Herzen fließenden Ausführungen schon verzeihen. Ich will mit der Zusammenfassung der Hauptgedankengänge schließen: Jede kräftige Willensäußerung einer Organisation kündet Ausbruch neuer Lebensquellen. Die verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen sind die Offenbarung neuer menschlicher Kräfte und das Streben nach geistiger Differenzierung i st der eigentliche Kristallisierungsprozeß dieser schaffenden Kräfte. Ein Kulturvolk, sofern es Verständnis für die eigenen schöpferischen Tendenzen hat, kann seine' gesellschaftliche Gliederung in Gruppen und Organisationen nie beklagen. Auch die alte, gute Zeit hat die Schöpfungskrast der verschiedenen Bet- und Lehrhäuser, Klausen und „Stüblach" wohl verstanden. Und unsere Alten pflegten zu sagen: „Möge sich jede neue geschaffene Kollettiv-Neschomoh selbst ihr Gewand anfertigen, auf daß nicht „nachte Seelen" m der I Welt herumirren . . ." Auch uns fehlt nicht » dieser Sinn für die gesellschaftlichen Erscheinun- » gen. Als sich der Strom von Willen und I Energie zuerst durch unser Lager brach, erschrak I man ein wenig vor den crufeinanderstürmenden > Wellen. Aber nie hatte man Klage darüber I geführt, daß die erwachte Energie sich ihre eigene Form suchte und es wunderte uns garnicht, daß der neue Schöpfungswille gleich verschiedene Gestalten annahm. Und selbst da, wo man naiverweise daran Anstoß nahm, hielt man im Wesentlichen die Erscheinung für logisch und natürlich. Und nun kommt die zielbewußte Orthodoxie, um ihre Massen aufzurütteln, um aus den Menfchenelementen einen lebendigen frischen funktionsfähigen Körper zu bilden, sie will das tun, was andere nicht können, weil ihnen Verständnis und Mittel dazu fehlen. Es ist mithin eine rein schöpferische Arbeit, nur geschieht es mit den besten jüdischen Mitteln zur Erhaltung der lieben jüdischen Physiognomie, die von echt jüdischem Geiste belebt werden solll Und trotzdem die scheelen Blicke von allen Seiten, Und mögen auch unsere Lebensregungen begreiflicherweise vielen nicht genehm sein, so durften sie doch nicht vergessen, daß es sich nicht etwa um eine neuentstandene Partei mit neugebacke-