Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 64 (1923)
- Issue
- Heft 31 (2.8.1923)
- Date
- 1923-08-02
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Nt. 16 Seite 3 L August 1923 __ dieser Geschreie müde geworden und wird durch sie nicht mehr viel berührt. Während in den zionistischen Kreisen eifrig der 13. Kongreß vorbereitet wird, bereitet sich die Orthodoxie, welche durch die Aguda vertreten ist, zur Knesio hagdanlo, vor deren Toren wir nun gerade wie vor 10 Jahren stehen. Weit mehr als damals geht es heute um gegenwarts- und zukunftsschwere Fragen und Probleme, doch ist die Hoffnung nur gering, sie lösen zu können. Das Programm der „Knesio hagdanlo" ist im wesentlichen bereits bekannt. Was besonders aufffällt, ist, daß das Erez Jsroelproblem in letzte Reihe gestellt wird. Es geschah dies vielleicht in der Absicht, zunächst die andern Konflikte der verschiedenen Richtungen zu schlichten und erst dann an diese wichtige Frage heranzutreten. Es wirkt auch befremdend, daß von allen andern aktuellen Fragen im Programm nichts angedeutet ist. Wollten vielleicht unsere Führer jede öffentliche und frühzeitige Diskussion, hierüber vermeiden, um dann die Versammlung mit ihren ausgearbeiteten Plänen zu überraschen? Wir verlangen von der Knesio hagdanlo, daß sie das sein soll, wozu sie berufen ist: ein Volkstribunal des jüdischen Volkes. Hier soll die Orthodoxie ihre Stärke oder Schwäche offen zeigen. Dort soll sie offen Freud und Leid aussprechen und Mittel und Wege finden, die Bresche, die in unsre Mauer geschlagen ist, wieder auszubessern und die Einheit und Souveränität der Thora wieder herzustellen, auf daß das erleuchtende Licht des wahren Geistes zur neuen belebenden Flamme auflodere. Mögen darum diejenigen, die im Namen der Thora und des Volkes, reden, einen weiten Blick zeigen, damit nicht kurzsichtige persönliche Politik unsern Blick trübe. Es ist ein gefährliches Gebiet, auf das wir uns begeben, denn Politik war uns immer fremd und unsre Stärke liegt wohl anderswo, nämlich auf «svem Gebiete der fruchtbringenden Leistung. Während andere, die sich dazu berufen glauben, sich mit den politischen Fragen und Forderungen des Palästinaproblems beschäftigen mögen, so wollen wir nicht bei der Politik stehen bleiben, sondern mit unserm ganzen EFer praktische Arbeit leisten, sei es auf dem Gebiete der Erziehung oder auf dem Gebiete der Wirtschaft. So wollen wir Stein auf Stein in aller Stille aufeinanderfügen. Wir klagen über die Freigeisterei, die in Palästina herrscht. Was nützt das Jammern an Gräbern! Wir wollen uns lieber um die Lebenden kümmern. Laßt uns vielmehr auf jedes Grab einen lebenspendenden Baum pflanzen, dann werden auch die Toten zu neuem Leben erwachen und die „dürren Gebeine" werden eine neue Seele erhalten. Der passive Widerstand hat das Heil nicht gebracht, dagegen der allgemeinen Sache geschadet. Cr muß nun eingestellt und durch aktives und intensives Handeln ersetzt werden. Unter den vielen Fragen, welche die Knesio hagdanlo beschäftigen werden, dürften diejenigen der Jewish Agency und des Weltkongresses besondere Beachtung finden, wenn sie auch nicht in die erste Reihe der Verhandlungen gestellt wurden. Dabei muß zwei Punkten besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden. 1. Selbst im Falle, daß die Aguda von den Zionisten als gleichberechtigt anerkannt und ausgenommen wird — was bis. jetzt noch nicht der Fall war —, ist zu erwägen, ob vom Standpunkte der Aguda keine Bedenken dagegen sprechen könnten. Der Rabbinische Rat, dem das endgültige Urteil über diese Frage zutommi, wird hier die Entscheidung zu treffen haben, ob die Aguda, welche bisher jedes Zusammengehen mit den Liberalen, den „Poschim" ablehnte, jetzt im entscheidenden Augenblick des Volksaufbaues eine neue Richtung eingeschlagen wird. Wir wollen dem Rabbinischen Rat nicht vorgreifen, umsomehr, als wir das unerschütterliche Vertrauen haben, daß der Rabbinische Rat, erfüllt vom Geiste des Friedens und der Einig- __ Blätter __ feit—D^DOTn"n-ftc& nicht von persönlichen Leidenschaften hinreißen lassen wird, noch' durch einseitige politische Erwägungen sich beeinflussen läßt, sondern im Bewußtsein seiner hohen Würde und Stellung, seinen Blick auf das Ganze, auf das Wohl des gesamten Volkes richten werde. Der Rabbinische Rat wird sicherlich in Betracht ziehen, daß schon beim Auszug aus Aegyptest sich ein m Einverständnis mit Moses, Israel angeschlossen hat und daß zur Zeit Iosuas, der Richter, Propheten und Könige stets ein großer, wenn nicht der größte Teil des Judentums der Götzendienerei huldigten oder sonst von thorafeindlichem Geiste erfüllt war. Doch haben weder die Richter, Propheten und Könige, noch sonstigen geistigen Würdenträger den Versuch gemacht, eine Trennung in Israel herbeizuführen und eine Kluft zwischen Juden und Juden zu schaffen. Laßt uns gedenken des Spruches Hillels: rrnnp p“ipm nran na Dna „Liebe ohne Unterschied aller Menschenklassen und bemühe dich, sie der Thora zuzuführen, wenn sie ihr auch fernstehen." Wohl haben damals die orthodoxen Parusäer einen harten Kampf gegen die liberalen Saduzäer geführt. Doch dürfen wir auf keinen Fall etwa die Saduzäer mit den heutigen liberalen Zionisten vergleichen! Deün während die Saduzäer bestrebt waren, die Thora zu reformieren und ihren Gesetzen eine falsche Deutung zu geben, erklären die Zionisten die Thora als Privatsache. Sie wollen sich um religiöse Dinge überhaupt nicht kümmern, sondern lediglich um staatliche. Es ist dies zwar sehr bedauerlich, da das Judentum eine Trennung von Kirche und Staat nicht erträgt. Immerhin haben wir kein Recht, diese Gruppe ganz zu verstoßen, zumal sie des öftern feierlich erklärt hat, die Souveränität der Thora in allen öffentlichen Handlungen anzuerkennen, was weder die Saduzäer noch die westlichen Reformgemeinden taten. Mehr denn je gilt heute die Parole Hillels: rninP pipftv Wenn sie selbst sich nicht trennen wollen, weshalb sollen wir sie von der Thora trennen, lebende Seelen als Tote erklären und flammende jüdische Herzen von uns stoßen? Welche Mutter wird ihr Kind aus den Armen lassen, solange es Lebenszeichen aufweist und sich an die Mutter klammert? 2. Wie nun aber, wenn uns die Zionisten nicht eo ipso als Gleichberechtigte anerkennen! Sollen wir uns dann auf Kompromisse einlassen und zufrieden sein mit dem, was eben zu erreichen sei? Im Voraus läßt sich hier kaum etwas sagen. Wir konstatieren lediglich mit Genugtuung, daß der Argwohn und die Herrschsucht in den zionistischen Kreisen nachgelassen haben. Ob die eigenen Mißgeschicke oder die einkehrende Vernunft, alle am Aufbau Israels sich interessierenden Kräfte zu sammeln, die Ursachen dazu waren, wollen wir hier offenlassen. Wir verzeichnen lediglich die Tatsache, daß .das Morgenrot bei den Zionisten aufgegangen ist. Wollen wir hoffen, daß ein „modus vivendi" gefunden wird und daß wir uns auch über diesen Punkt einigen können. Und zum Schlüsse noch einige Gedanken zur heiklen Frage des jüdischen Weltkongresses/ Als seinerzeit diese Idee von dem Misrachi ausging und von den Zionisten warm begrüßt wurde, während sich die Aguda zum Teil kaltblütig, zum Teil ablehnend verhielt, blieb der Aguda der Vorwurf nicht erspart, sie habe ihrerseits zu wenig nationales Gefühl und zeige kein Interesse daran, das Volk nach zweitausendjähriger innerer und äußerer Zerrissenheit geeint zu sehen. Andererseits warf man der Aguda vor, sie fürchte sich vor einem solchen Kongreß, da er sich vielleicht in ein Volksgericht über sie umwandeln und Beschlüsse fassen könnte, welche die Existenz des Thorajudentums gefährden könnten. Wir verneinen sowohl das erste als auch das zweite und betrachten beides als leichtfertige Hypothesen nicht ernst zu nehmender Politiker. Gewiß hat die Aguda diese Idee zunächst wohl kalt ausgenommen, aber nicht weil sie von ihrem Gegner herrührt, da es doch heißt: „Empfange die Wahrheit, woher sie auch kommen möge". Ihre ablehnende Handlung ging von ganz andern Erwägungen aus. Dank früherer Erfahrungen hatte sie die Ueberzeugung, daß es praktisch unmöglich sei, daß man im Weltparlament sich über so wichtige und aktuelle Fragen — wie die unsrigen — in 8—10 Tagen werde nur einigermaßen erschöpfend aussprechen können, besonders noch im Hinblick auf die vielen Richtungen und Schattierungen unsrer Parteien und im Hinblick auf die Gegensätze von Sprinzak bis zum Belser Rabbiner. Die Schwierigkeiten scheinen ihr zu groß, als daß sie hätte glauben können, daß es der Weltkonferenz gelingen würde, der ungeheuren Schwierigkeiten Herr zu werden, die verschiedenen Glieder zu vereinigen und die riesigen Hilfsquellen, die wir für unsren Aufbau brauchen, aufzufinden. Im Hinblick auf die geringen Resultate des Kongresses der jüdischen Welthilfszentrale in Karlsbad vor zwei Jahren, der sich nur mit einer Frage zu beschäftigen hatte und wo überhaupt keine Gegensätze vorhanden waren, ergibt sich von selbst, daß der Weltkongreß nur eine Zeit- und Kräftevergeudung wäre, die schließlich doch nichts einbringen würde. Ebensowenig können und dürfen wir außer Acht lassen, daß uns unsere äußeren Feinde auf Schritt und Tritt mit ihren Argusaugen bewachen. Die jüdische Weltkonferenz wäre ihnen eine erwünschte Gelegenheit, um dem Märchen der „Weisen von Zion" und der jüdischen Weltherrschaft neue Nahrung zu geben. Glücklicherweise sind nun die Zionistenführer selbst mit Ausnahme von Soloweitschik und Mozkin zur gleichen Ueberzeugung gekommen. Dadurch ist auch die Kongretzidee in weite Fernen gerückt. So wird nun auch dieser Punkt kein Hindernis mehr bilden auf dem Wege zur Verständigung zwischen der Aguda und den Zionisten. Denn einer Weltkonferenz der Führer der Organisation stimmt ja auch die Aguda zu. Möge nun der Stern des Friedens über die Knesio hagdanlo leuchten. Drp^y Ti dw Gruppenverband der Agudas Jisroel in Deütschland. Abfahrtszeiten zur Kenefsto Oedauko. Montag, den 13. August 1923 (ohne Gewähr). ab Berlin. 900 abends Breslau., 322 Hm. Emden.1244 Nm. Frankfurt a. M. 236 Hm* Fulda. 327 Nm. Halberstadt .. 904 abends Hamburg Hbf. 423 Nm. Hannover. 608 Nm. Heidelberg. 920 Nm. Karlsruhe. 1030 Nm. Königsberg.• „ . 927 Nm. Leipzig .1155 Nachts Lübeck.418 Nm. Mannheim. 843 Nm. Memel.- 604 Nm. Regensburg Dienstag. . . . «. 705 Nm. an P«ffau am Dienstag. 900 Nm. ab fjpafjfat Dampferfahrt nach tßittt. Würzburger, Fürther, Ansbacher, Bamberger, Nürnberger, Münchner, die mit den: Agudadampfer fahren wollen, müßten von Montag zu Dienstag in Regensburg (oder Paffau) übernachten. Die Teilnehmer wollen sich schnell melden bei Herrn Dr. Meier Hildesheimer, Berlin N. 24, Linienstraße 111, und mitteilen, ob sie auf Schlafwagen oder gewöhnlichen Wagen III. Klaffe reflektieren.