Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 64 (1923)
- Issue
- Heft 31 (2.8.1923)
- Date
- 1923-08-02
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 Nr. 31 allgemeinen Wähle entzieht und ein neues Feld, das für ihn Alt-Neuland ist, betritt? Jüdisch gedacht ist es jedenfalls, wie das Beispiel des Propheten Jeremias lehrt, der angesichts des drohenden staatlichen Untergangs unter Jnnehaltung aller gesetzlichen Formen ein Familienerbgut einlöst und durch diese symbolische Handlung seinen unerschütterlichen Glauben an den Wiederaufbau bekundet. So möge auch die Mitte August bevorstehende Eröffnung des Dauerheims ein Wahrzeichen sein, daß die jüdische Wohlfahrtspflege nicht im Strudel der Zeit untergeht, daß sie fortzeugend immer Gutes gebären wird. Anfragen in dieser Angelegenheit sind an das Büro des Deutsch-Israelitischen Eemeindebundes mit dem Zusatz: betrifft Dauerheim, nach Berlin W. 35, Steglitzerstr. 9, Fernspr. Amt Nollendors 2388, zu richten. HUNftoftttMt und Kiddusclwein. Warschau, 27. Juli. Infolge der Einschränkung der Ausschankkonzessionen, wodurch insbesondere jüdische Wein- und Spirituosenzeschäfte betroffen wurden, trat Mangel an ftofdjerroem für rituelle Zwecke ein und ist solcher an manchen kleineren Plätzen Polens und Galiziens überhaupt nicht mehr zu beschaffen. Es gingen dieserhalb Klagen ein bei der Agudazentrale wie beim Jüdischen Klub im Sejm. Auf Grund dieser Klagen konferierte geistern Senator Mendelsohn mit dem Direktor des Akzisdepartements und wurde von letzterem versprochen, durch Ausnahmebestimmungen für rituellen Zwecken dienenden Wein dem Uebel abzuhelfen. emigrationsfragen. Warschau, 27. Juli. . Im Zusammenhang mit dem Aufenthalte des amerikanischen Arbeitsministers in hiesiger Stadt schwirren Gerüchte umher, wonach durchgreifende Aenderungen nn amerikanischen Einwanderungsgesetze geplant seien. Pach der einen Version sollen die Beschränkungen, die den gewünschten Erfolg nicht gebracht hätten, ganz wegfallen, nach anderer Meinung handelt es sich darum, anstelle der Quote die Qualifikation des Emigranten über seine Einreise entscheiden zu lassen. Warschauer Zeitungen wissen, daß die Pläne gegen die jüdische Einwanderung gerichtet seien. Wenn auch die Tendenz der Blätter durchsichtig genug ist, so ist doch leider zu konstatieren, daß in diesem Falle der Bericht der Wahrheit nicht ganz entbehrt. Spricht doch der Minister selbst vorwiegend von der jüdischen Einwanderung aus Polen. Diutige Iudenausschreitungen inPolen. Warschau, 26. Juli. Im Städtchen Lututow bei Wielun kam es am Donnerstag zu Ausschreitungen, bei denen 13 Juden zum Teil schwer verwundet wurden und jüdisches Gut im Werte von Milliarden geplündert oder demoliert wurde. Die Krawalle begannen auf dem Jahrmärkte, zu dem viele Bauern aus der Umgegend kamen und zwar auf ein Gerücht hin, ein Bauernkind sei verschwunden und von Juden umgebracht worden. Die Polizei war machtlos. Die Sache kam nicht unerwartet und Behörden sowohl wie die Geistlichkeit, bei denen Rabbiner und Vorstand vorstellig waren, versprachen alle geeigneten Maßnahmen, die entweder garnicht getroffen wurden oder versagten. Auch bei den Ausschreitungen in Lodz, die wirtschaftlichen Ursprunges waren, wurden viel Juden mißhandelt, auch von der Polizei ohne Grund verhaftet. Di« „Jranklurtcr 6*fal)r.“ Kowno, 27. Juli. Es ist in den radikalen jüdischen. Kreisen Polens wie Litauens beliebte Art, so oft die Orthodoxie den Willen zur Tat zeigt, dies auf Frankfurter Einflüsse; zurückzuführen. Damit wird zweierlei bezweckt, erstens die „Frankfurter Finsterlinge" zu zeichnen und zweitens die landfremde Gesinnung der eigenen Orthodoxie zu brandmarken. Die Perfidie dieses Treibens zeigte mit klaren Worten Rabbiner Kahnmann in der zur Zeit hier tagenden 11. Session des Jüdischen Nationalrates auf. „Ml unsere Handlungen," sagte der Abgeordnete, „zeigen die eigene litauische Der Israelit 2. August 1923 Note, spiegeln die Seele des litauischen Judentums wieder. Die Tatsache allein, daß wir nicht getrennt, sondern mit und unter euch arbeiten, allen uns zugedachten Herabwürdigungen zum Trotze, zeigt, wie sehr unser Herz in Liebe für das litauische Judentum entflammt ist. Die Autonomie kann für uns nicht Selbstzweck und Endziel sein. Üeber der Autonomie steht das jüdische Ich, das religiöse Interesse des Judentums. Alle linken Gruppen opfern das Volk als solches einer Organisationsform, der Autonomie." Im ferneren spricht der Redner gegen die Einheitsschule, wie sie von der linken Seite propagiert wird. — Bei Abstimmung über die Resolution brachte A ch d u t h Verbesserungsanträge ein. Achduth ist im Prinzips für Beibehaltung des jüdischen Ministers, jedoch entschieden gegen die Betrauung Dr. Rosenbaums mit diesem Amte, dessen religiöse Einstellung die Massen verstimme. Auch die Handwerker stimmten der Vertrauensresolution für Rosenbaum nicht zu. In der Frage der Legalisierung des N a t i o n a l r a t e s auf Grund d^r Beschlüsse der Kehilauskonferenz wünscht Achduth die ausdrückliche Aufnahme des Kultus in das Arbeitsgebiet der nationalen Autonomie. Gegen diese Forderung stimmten die Zionisten und, was besonders beklagenswert ist, auch die M i s r a ch i st e n. Mit Hilfe der Zionisten konnten auch alle anderen Anträge der Achduth unbeachtet bleiben. Bei den Wahlen wünschte Achduth aus guten Gründen vor Zusammensetzung des Aktionskomitees die Neuwahl des Präsidiums. Mit Hilfe einer unwürdigen Abstimmungsmanipulation wird aber gegen die Stimmen von Achduth und Handwerker das alte provisorische Präsidium in seinem Amte bestätigt. WkdtrafKtriicb der ijungmnot in Sfidrimiand? London, 25. Juli. Die hiesige „Föderation ukrainischer Juden" erhielt Nachrichten über den Wiederausbruch der Hungersnot in Odessa,- der Bericht stammt von 152 Flüchtlingen, die aus Odessa nach dem rumänischen Hafen Konstanza gelangt sind. Die Flüchtlinge machten einen bemitleidenswerten Eindruck. In Lumpen gehüllt, abgemagert und mit verzweifelten Blicken dreinschauend, fehlte ihnen die Kraft, die an sie gestellten Fragen nichtig zu beantworten. Am schrecklichsten war ein kleines Kind auf den Armen seiner Mutter anzusehen, das wie ein in Lumpen gehülltes Skelett aussah. Die Flüchtlinge behaupten, Odessa sei ein lebendes Grabdie Leute sterben, in den Straßen und würden von militärischen Abteilungen in Wagen ausgesammelt —- (Die Nachricht klingt überraschend; hoffentlich bestätigt sie sich nicht. Red.) Lin Palästina-Bericht de$ engl. Koionialamtes. London, 27. Juli. Das Kolonialministerium veröffentlicht soeben den Bericht der palästinensischen Administration für das verflossene Jahr. Im Vorwort wird als wichtigstes Ereignis des Jahres die Anerkennung des Mandates durch den Völkerbundsrat am 24. Juli 1922 angegeben. Nachdeni auch die Frage Transjordaniens, das dem Mandate in der palästinensischen Form nicht untersteht und des Weißbuches berührt wird, konstatiert die Verwaltung, daß, obgleich im vergangenen Jahre viel in Palästina politisch diskutiert wurde, die Ruhe des Landes darunter nicht zu leiden hatte und daß alle Kontroversen auf konstitutionellem Boden ausgetragen wurden. Zur Finanzfrage übergehend, konstatiert der Bericht, daß seit dem 1. Juli 1920 bis zum 31. Marz 1922, die Einkünfte der Negierung 3,420,771 und die Ausgaben in derselben Periode 3,100,205 äg. Pf. betrugen. Aus folgender Tabelle ist ferner die Entwicklung der Ein- und Ausfuhr des Landes zu ersehen. Einfuhr in äg. Psd. Ausfuhr in äg. Pfd. 1919 3,126,464 853,131 1920 5,409,987 1,318,620 1921 5,871,878 1,416,368 1922 5,581,132 1,353,368 Das Bankwesen hat sich im Lande im Laufe des letzten Jahres stark ausgebreitet. 40 neue Unternehmungen mit einem Gesamtkapital von 1,500,000 Pf. wurden ins Leben gerufen. Sie umfassen Fabriken von Kerzen, Ziegeln, Zement, Salz, Möbeln, Tabak und Schokolade. Ferner Hafenmagazine, Mühlen, Milchwirtschaften, Transportanstalten und Druckereien. Es sind keine Bankrotte oder Liquidationen zu melden. In dein sehr interessanten Käpitel über die Arbeitsverhältnisse im Lande wird von den verschiedenen Arbeitsbedingungen berichtet, wie auch von dem großen Unterschiede zwischen der jüdischen und arabischen Arbeit. Der jüdische Arbeiter, der zumeist.in der „Achduth haawodah" (diese Organisation zählte letzten September 12,278 Männer und 4164 Frauen) organisiert ist, fordert einen Lohn, der es ermöglicht, in Palästina den europäischen „standard of life" aufrecht zu erhalten. Eine interessante Erscheinung ist der Jüdische Kooperative Arbeiterverband, der heute 2600 Mitglieder zählt. Die Sprache in den Gerichten entspricht im allgemeinen den offiziellen drei Landessprachen. In Jaffa, Jerusalem und Safsed wird der größte Teil der Prozesse in hebräischer Sprache geführt. Im Kapitel Schulwesen wird daran erinnert, daß diee Regierung sich an den privaten Schulen mit einer Subvention von 5000 Pf. jährlich beteiligt. 3084 Pf. entfallen dabei auf die jüdischen, 1612 Pf. aus die christlichen und 304 Pf. auf die mohammedanischen Schuleen. Von allen mohammedanischen Kindern besucheen nur 24 Prozent Knaben und 6 Prozent Mädchen die Schule. Von den jüdischen Kindern sind 90 Prozent Knaben und 96 Prozent Mädchen. Die Regierung unterhält in den Städten 41 elementare Schulen mit 230 Lehrern, und in den Dörfern 262 elementare Schulen mit 326 Lehrern. Außerdem bestehen im Lande 37 private mohammedanische Schulen mit 67 Lehrern, 111 private christliche Schulen mit 442 Lehrern und 142 jüdischen Schulen mit 644 Lehrern und 8253 Schülern und 7296 Schülerinnen. Von den 31 sog. Mittelschulen sind 6 von der Regierung, 3 von den Mohammedanern, 19 von den Christen und 3 von den Juden unterhalten. Höhere Schulen (Colleges) gibt es 6 (2 Regierungs- und 4 jüdische). Außerdem gibt es 17 technische und Handelsschulen (jüdisch). Das Gesundheitsamt meldet erfolgreiche Bekämpfung der Malaria. Es sind im ganzen dieser Krankheit 65 Menschen zum Opfer gefallen. (Im Jahre 1921 waren es noch 113 Personen.) Es gibt im ganzen Lande 343 praktizierende Aerzte, 117 Pharmazeuten, 80 Dentisten und 70 registrierte Geburtshelferinnen. 66 Apotheken versorgen das Land mit Medikamenten. Die Einwanderung betrug 7344 Juden, 244 Christen und 60 Mohammedaner. Diee Auswanderung dagegen betrug in den 5 Jahren der britischen Administration 1503 Juden, 716 Christen und 720 Mohammedaner. 1643 Juden haben im Verlaufe des Jahres offiziell ihre Namen hebräisiert. Es erscheinen im Lande folgende Zeitungen: Eine arabische, zwei hebräische und eine englische Tageszeitung. (JPZ.) Die averriniseden Juden. Rom, 27. Juli. Vor einiger Zeit erschien in auswärtigen Blättern die Meldung, wonach unter den Juden Abessiniens, die unter dem Namen Falascha bekannt sind, eine Taufbewegung im Gange sei, die auch die letzten dieser „schwarzen Juden"" dem jüdischen Stamme zu entführen , drohe. Diese Meldung trug von vornherein den Stempel der Unglaubwürdigkeit an sich. Der in Abessinien weilende Dr. Faitlowitsch erklärt nunmehr demgegenüber, daß die ganze Mitteilung nichts anderes als eine Reklamenotiz des gegenwärtig in Abessinien weilenden Vertreters einer Missionsgesellschaft darstelle, der allerdings nach Abessinien gekommen war, um unter den Falaschas Mission zu treiben, ohne jedoch auch nur einen einzigen Erfolg aufzuweisen. In den letzten Jahren ist überhaupt kein einziger Falascha aus dem Judentum in eine andere Konfession übergetreten. Spanien- Spanien trnd Prof, ernstem. Madrid, 20. Juli. Pros. Albert Einstein, der einer Madrider Einladung folgend, auf seiner Weltreise einige wissenschaftliche Vorlesungen an der hiesigen Akademie der Wissenschaften hielt, wurde am Schlüsse dieser Vorlesungen enthusiastisch gefeiert. Der spanische Unterrichtsminister bot dem Gelehrten im Namen der spanischen Nation ein neues Heim in Spanien an, für den Fall, daß die „Wirren in seinem Heimatlande ihn an der ruhigen Fortsetzung seiner Studien verhindern sollten."