Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 64 (1923)
- Issue
- Heft 31 (2.8.1923)
- Date
- 1923-08-02
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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L.Mgust 1923_______ Massivität verurteilt und die Einheit bezweckt also, die Befreiung des schöpferischen Strebens. ' Jedenfalls ist es klar gemig/daß jede organisatorische Tätigkeit zur Entwicklung und Belebung schlummernder und verborgener Kräfte beiträgt. Je stärker nun der Intellekt eines Menschen entwickelt ist, desto tiefer versteht er sich selbst, und desto besser entdeckt er seine eigenen Fähigkeiten. Dem oberflächlichen, primitiven Menschen genügt eine sHeinba>re Aehnlichkeit von Genossen, um mit ihnen eine Gemeinschaft zu bilden, möge sie auch flach' und locker sein. Aber ein-- Mensch mit reicher und tiefer Natur kann nur an einer solchen Gemeinschaft Befriedigung finden, die ihm die Ergänzung und Vervollständigung seiner unruhigen und unbefriedigten Seele zu gewähren vermag. Er will in der Gesellschaft sein vergrößertes „Ich" und in allen ihren Taten und Bewegungen die Funktionen seiner innerlichen Stoßkraft erblicken. Eine solche Gesellschaft kann für ihn nur die Verbindung mit geistesverwandten Menschen zustandebringen, die nicht nur dasselbe wollen, sondern die die Dinge auch so sehen und fühlen wie er, die den gemeinsamen Zweck in der gleichen Weise wertschätzen und würdigen. Findet er eine solche geistige Gemeinschaft nicht, wird er sich rasch in seine geistige Einsamkeit zurückziehen, ehe er sich von irgend einer „registrierten" Gesellschaft ersticken läßt. Wenn man will, ist hierin der Schlüssel für die merkwürdige Tatsache zu finden, daß große Menschen immer elend und einsam bleiben. Es ist ihnen eben schwer, die richtige Gemeinschaft für ihr uberschäumendes Seelenleben zu finden. Und das ist auch die richtige Erklärung dafür, daß die frommen Juden mit unbegreiflicher Hartnäckigkeit es ablehnen, sich mit den weltlichen Organisationen zusammenzuschließen auch dann, wenn sie gegen ihre Ziele und Wege garnichts einzuwenden haben. Der Verstand mit seinen logischen Beweisen kann da garnichts erreichen, weil das Gefühlsleben seine eigenen Gesetze und seine eigene Logik hat. Der individuell-religiöse Mensch wird sich nicht so leicht aus seiner innerlichen Festung herauslocken lassen, solange er nicht die nötige Sicherheit und den .nötigen Schutz für sein Gemütsleben hat, für die Unberührtheit seiner geistigen Persönlichkeit. Auch er hat das Bedürfnis nach Gemeinschaft, aber es muß eine solche sein, in der er die Verdoppelung und Vervielfachung seines eigenen Wesens erblicken kann. Erreicht seine Sehnsucht nach Anschluß und Gemeinschaft oft den höchsten Grad verzehrenden Verlangens, so geschieht es in der Vorstellung eines lodernden Altarfeuers, in dem der brennende Funke in seiner Seele zu einer großen gewaltigen Lohe emporwächst, zum vergrößerten Idealbild seines persönlichen Ideales. Solch ein Mensch wird sich gewiß nicht „organisieren" lassen. Es sei denn, daß die Organisation vom Feuer der Begeisterung durchglüht ist, daß jede ihrer Handlungen und jeder ihrer Schritte die tiefsten Tiefen seiner Seele erobert. Gerät er aber in eine laue Atmosphäre ihm gleichgültiger Menschen, dann müßte er schon das Feuer seiner Seele preisgeben und allmählich erlöschen lassen. (Schluß folgt.) lMerponaeirre» « Kacdriedtev Ein roter „Mögen vowick". Berlin, 25. Juli. Ende August soll hier auf Einladung eines provisorischen Komitees die Gründung einer internationalen jüdischen Organisation für medizinische Hi lse und sanitäre Wohlfahrtspflege stattfinden, die D e r I s r a e 1 i t alle bereits bestehenden ähnlichen Vereinigungen in Polen, Litauen, Lettland, Rumänien, Paris und London zu einem fester gefügten Bunde -zusammenfassen und eine dem internationalen „Roten Kreuz" ähnliche jüdische Körperschaft schaffen soll. Hauptaufgabe wird die Bekämpfung der im russisch-jüdischen Ansiedlungsgebiete herrschenden Krankheiten, wobei der Kamps gegen die Tuberkulose einen breiten Raum einnehmen soll. Joint, Hadassa und andere leistungsfähige amerikanische, englische und französische Organisationen werden vertreten sein. Eine größere Gruppe wurde im Juni bereits in London gegründet, die sich die Versorgung Rußlands mit Chinin zur besonderen Aufgabe gemacht hat, da die Malaria in Süd-Rußland eine ungeheure Verbreitung gefunden hat. In Odessa hat das Komitee anfangs Juli ein Kinder-Sanatorium eröffnet, das von London erhalten wird. vom Läcker-ntiremitismur. Berlin, 29. Juli. Wie alljährlich so hat auch diesmal wieder zur Sommer-Reisezeit die antisemitische Bäderhetzv eingesetzt. Zwar von dem, seinerzeit mit großem Tamtam von der „Dt. Zt." propagierten „Schutzbund für die deutschvölkischen Ostseebäder" ist es ganz still geworden, aber im übrigen klingen die Berichte nicht so, als ob unsere Völkischen gewillt wären, abgearbeiteten, Erholung suchenden Menschen die knappe Zeit der Ruhe und .des Fernseins von der Arbeit ungestört zu gönnen. Einen tiefen Schmerz, allerdings haben sie erfahren müssen. Der Gemeinderat von Borkum hat auf Drängen des Oberpräsidenten von Hannover, des bekannten Sozialisten Roste, das „Borkumlied" verboten. Darob Zeter und Mordio im ganzen antisemitischen Blätterwalde. „Auslieferung Borkums an die Juden", wimmert die „Staatsbürgerzt." des „Nationalrepublikaners" Lebius; „Am Leitseil der Hebräer", verkündet in Fettdrulf über 2 Spalten hinüber die „Dt. Ztg." <7. 7.) fügt als zweite lleberschrift noch hinzu: „Der Jude triumphiert auf Borkum", und kömmt sogar drei Tage später noch einmal aus das Verbot des „Liedes der deutschen Freiheit" zurück. Daß Herr Bruhn mit seiner „Wahrheit" in diesem Chor nicht fehlen darf, ist selbstverständlich, er ist geschmackvoll wie immer und druckt den letzten Vers des berüchtigten Hetzschmarrens ab. Der Schmerz unserer Völkischen ist ja zu verstehen, wie sollen sie sich denn erholen und zu neuen Taten mit Feder, Knüppel u. a. stärken, wenn sie nicht einmal mehr ihr geliebtes Lied singen dürfen? Aber so gar untröstlich brauchten sie nicht zu sein, es bleibt ihnen ja noch das Ehrhardtlied, das Lied von der Judenrepublik und andere Erzeugnisse der antisemitischen Muse, deren künstlerische und erziehliche---Werte auf derselben hohen Stufe stehen wie das Vorkumlied. vanerveim für emachrene jüslrchi §chwachtlnnige. Berlin, 26. Juli. In aller Stille sind die Vorbereitungen für ein Wohlfahrtswerk ihrem Abschluß nahe geführt worden, das der jüdischen Caritas Neuland erschließt, obwohl der Notstand, der beseitigt werden soll, fchon wegen seiner großen Verbreitung und seiner Rückwirkung auf ganze Familien lange erkannt war. Im Hauptgebäude der dem Deutsch-Israelitischen Eemeindebund gehörigen, früher als Arbeiterkolonie verwendeten Anstalt, die unter den veränderten wirtschaftlichen Verhältnissen ihrer segensreichen Bestimmungen nicht mehr zu genügen vermag, sind diejenigen baulichen Veränderungen vorgenommen worden, die das im übrigen für seine neue Bestimmung außerordentlich geeignete Haus zur dauernden Ausnahme älterer jüdischer Schwachsinnigen umgestalten. Es handelt sich um die Ergänzung des vom „Verein Israelitische Erziehungsanstalt für geistig zurückgebliebene Kinder in Beelitz" unter den Auspicien des D. I. G. V. und der ihm als Gründerkörperschaft verbundenen Großloge U. O. B. B. seit 15 Jahren zum Heile der schwachsinnigen Kinder und ihrer bedauernswerten Angehörigen betriebenen Hilfswerkes. Dementsprechend finden zunächst diejenigen überalterten Beelitzer Zöglinge Aufnahme, bei denen sich der eigentliche Erziehungszweck: Vorbereitung für berufliche Betätigung im Leben nicht erreichen läßt und die ihren Angehörigen aufs Neue zur Last fallen würden. Die Größe der für 60 je zur Hälfte männliche und weib- ,_ Nr. 31 Seite 5 liche Insassen ausreichenden Anstalt ermöglicht darüber hinaus die Aufnahme von Personen, die nicht in Beelitz erzogen sind. Zur Aufnahme gelangen geistig Zurückgebliebene vom 18. Lebensjahre ab, die frei von schweren körperlichen Gebrechen sind und deren Schwachsinn nicht mit anderen geistigen Defekten zusammenhängt, bei denen es sich also nicht um Rückstand einer übet st an* denen Geisteskrankheit oder um Epilepsie oder Psychopathie handelt. Für den so umgrenzten Kreis rettungsbedürftiger Glaubensbrüder wird ein Heim bereitet, in dem sie sich, allen Kämpfen des Daseins entrückt, in freundlicher Umgebung unter liebevoller jüdischer Leitung in Familiengemeinschaft mit Schicksalsgenossen nach persönlicher Veranlagung und Neigung zwanglos betätigen können. Entsprechend dem familiären Charakter des Instituts sind die ehemaligen Schlassäle in Zimmer von je 2, 4 oder 6 Insassen aufgelöst worden. Me durch Zwischenwände gewonnenen Räume sind lichtdurchflutet, die hohen Fenster des freistehenden Baues eröffnen schöne Blicke ins Grüne; elektrische Beleuchtung ist neu angelegt, die Heizung erfolgte durch neu eingebaute Kachelöfen. Die vorhandene Anstaltsküche wie die Wasch- und Vaderäume des Hauses genügen glücklicherweise auch für die neue Bestimmung, desgleichen der große Speisesaal und die schöne Anstaltssynagoge ohne weiteres ihrer Bestimmung erhalten bleiben. Zum Ergehen bietet das weite Anstaltsgebäude mit einem Garten von vier Morgen Größe ausreichende Gelegenheit. An Arbeitsräumen fehlt es nicht, in denen die Insassen, die nicht zu häuslicher Betätigung, sei es in der Wirtschaft, sei es für die Instandhaltung der Kleidung und dgl. oder mit Garten- und Feldarbeit beschäftigt sind, unter sachgemäßer Leitung eine ihrer manuellen und intellektuellen Befähigung angepaßte Beschäftigung finden können. So wird es nicht nur für die wohl meistens der Hauswirtschaft zugeteilten weiblichen, sondern auch für die männlichen Pfleglinge, unter denen den Anmeldungen zufolge sich bereits verschiedene mit Gartenwirtschaft und -Landbau, wie auch mit Schneiderei Vertraute bisenden, nicht an Gelegenheit fehlen, sich zum Wohle des kleinen Familienstaates zu betätigen. Große Sorgfalt ist auf die Trennung der Geschlechter gelegt; auch hierfür erweist sich die ursprüngliche Äauanlage von größtem Vorteil, indem sie es ermöglicht, die beiden Geschlechter in verschiedenen Stockwerken mit separaten Aufgängen unterzubringen. So verhältnismäßig gering die erforderlichen baulichen Veränderungen waren, so erheischen sie doch trotz bester Ausnützung, günstiger Anschassungsgelegenheit und dem dankenswerten Entgegenkommen einiger Gönner, besonders bei der Einrichtung der elektrischen Beleuchtung, infolge der furchtbaren Geldentwertung eine Ausgabe von über 40 Millionen Mark, für deren Deckung weder Fonds zur Verfügung standen, noch trotz aller Bemühung die Mitwirkung zentraler Stellen, die in jetziger Zeit für Neugründungen nicht zu gewinnen sind, zu erlangen war. Hier eröffnet sich nicht nur für wohlhabende Angehörige und Freunde der Schützlinge, sondern auch für andere begüterte Wohltäteer eine Gelegenheit, durch Zuwendungen großen Stiles an einem Werke der Menschlichkeit mitzuwirken, das den Verstoßenen des Glückes eine Heimstätte bereitet, ihrer noch bedauernswerteren Familie eine zermalmende Sorgenlast abbürdet und dem Spott der grausamen Umwelt eine gern benützte Gelegenheit entzieht. Ein weiterer Appell richtet sich an unserer Berliner Glaubensgenossen. Die Beschaffung der inneren Einrichtung. wie Bett, Tische, Spinde, Waschgelegenheit usw. muß den Angehörigen überlassen bleiben. Alle sind hierzu willig; aber für Auswärtige, besonders aus dem besetzten Gebiete hält es außerordentlich schwer und ist oft nur unter enormen Transportkosten möglich. Hier könnte so mancher aus altem Hausrat Abhilfe schaffen. Von einem öffentlichen Ausruf zu Gunsten des Dauerheims zur Gewinnung von Beiträgen und Spenden wird Abstand genommen. Die von der Zentralwohlfahrtsstelle gewünschte Enthaltsamkeit ist im Interesse der so lange erstrebten Einheitlichkeit der jüdischen Wohlfahrtspflege innegehalten. Das Werk wird sich selbst Freunde und Gönner werben. Ist diese Zuversicht angesichts der Notlage aller jüdischen, Wohlfahrtseinrichtungen nicht allzu kühn, handelt der Deutsch- Israelitische Gemeindebund falsch, indem er einen der jüdischen Wohlfahrtspflege gewidmeten Bau, statt seinen hohen, Ertragswert der eigenen bedrängten finanziellen Lage zugute kommen zu lassen, um keinen Preis dem!