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Der Israelit · 1923-08-02 · Heft 31 (2.8.1923) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
64 (1923)
Issue
Heft 31 (2.8.1923)
Date
1923-08-02
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Nr. 31 2. August 1923 deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, gegen General Ludendorff. Nachdem deutsches Recht, wie zu erwarten war, zugunsten des Feldherrn gesprochen und der Syndikus gegen das Urteil Berufung eingelegt hat, halten wir es für unsere Pflicht, v»n dem Treiben Dr. Wieners und seiner an Zahl leider nicht unbedeutenden Hintermänner entschieden abzurücken und ihr Verhalten öffentlich zu brandmarken. Die Münchener Jugend- und Studentengruppe nationaldeutscher Juden, cand. med. Hans Aufrecht, 1. Vorsitzender." Diese Heldenverehrung wäre rührend, wenn sie nicht so anekeln würde. Daß Ludendorff, seitdem es in Deutschland nichts mehr zu siegen gibt, nur noch Attacken gegen das Judentum reitet, in auf Massenabsatz berechneten Büchern das Märchen von den Weisen Zions verbreitet und außerdem Symbol und Spiritus rector der Hitlergarde ist, das alles, nimmt ihm in den Augen der jungjüdischen Deutschnationalen nichts von der Heldenkrone, verleiht ihm vielleicht noch mehr Nimbus. Denn — das ist gewiß — mit den Weisen Zions hat Ludendorff die jungen Herren von München nicht gemeint . . . Verständigung. Ein WsrL für Wichtortßsdore von Rabbiner A. I. Weinöerg in Hieße«. VII. In meinen früheren Ausführungen habe ich bereits den Gedanken betont, wie nötig zur Verständigung die Vereinigung aller frommen Juden unter eigener Fahne mit einem zu ihrem Herzen sprechenden Programm ist. Der aufmerksame Leser, der gewöhnt ist, sich in gesellschaftliche Probleme zu vertiefen, wird in dieser Gegenüberstellung keinen Widerspruch erblicken: das letztere (die eigene Organisation) ist die Vorbereitung und Vorbedingung des ersten, der Verständigung. Der Wille zur Verständigung führt mit eiserner Konsequenz zu dem Gedanken der Notwendigkeit selbständiger Organisation der Orthodoxie. Mit einer organisierten Orthodoxie, die als solche Autorität besitzt, wird man auf der anderen Seite sich Mühe geben, sich zu verständigen. Man wird ihre Freundschaft und ihre Mitarbeit suchen und muß mit ihren Gefühlen und Wünschen rechnen. Das wieder wird zu einer Annäherung der Herzen und zu einer wahren Einheit führen. Mit einer zusammenhangslosen Masse rechnet man überhaupt nicht. Man sucht sie zu erobern, d. h. einzigweise zu gewinnen und zu verschlingen. Man strebt nicht nach einer Verständigung mit ihr, weil man ihr Verschwinden erhofft und erwartet. Eichel nervös und er fragte zornig: „Was starren Sie mich denn so fortwährend an, haben Sie in Ihrem Polen noch keinen Menschen essen sehen?" „Verzeihung", erwiderte der Pole, „ich mutz doch über die Wunder des Schöpfers staunen. In Polen sah ich zuweilen, wie ein -nrn Eichel atz, aber nie, wie hier, datz Eichel TTn verzehrt ..." In einer Resormsynode diskutierte man lange darüber, ob man beide „Iekumpurkon" oder nur eines aus dem Gebetbuche streichen sollte. Ein Schristkundiger unter den Herren meinte, es sei ausdrückliches Thoragebot, beide zu streichen, heißt es doch Dipin b D nis' 'TITID'I (Ich wische alle „Jekums" aus). (Ailtisemrttsrnxs und Kundezucht). In dem „Dt. Wochenblatt" des Knüppel-Kunze (4. 7.) wendet sich ein Herr Arth. Herb. W o l l n z i h n in einem Artikel mit der höchst geschmackvollen Ueberschrift „Die Gojim sollen -lechen" gegen die Erhöhung der Hundesteuer in Berlin, indem er behauptet, „datz sich äußerst selten Juden als Hundeliebhaber und Hundebesitzer — überhaupt als Tierfreunde finden'" nnd weiterhin u. a. ausführt: „Während im alten Testament nirgends Tierschutz und Tierliebe geboten ist, enthält das von arischem Geiste erfüllte neue Testament mehrere solcher Hinweise. Angeführt sei hier nur das bekannteste dieser Worte: „Der Gerechte erbarmet sich seines Viehes". Ein Mitarbeiter der „Mitteilungen", Nichtudje, weist zur Widerlegung der leichtfertigen Behauptung des Herrn W. nur auf 2 Mos. 28,5 hin, wo es heißt: „Wenn Du des, der dich hastet, Esel siehest unter seiner Last liegen, hüte Dich, laß ihn nicht, sondern versäume gern das Der Israelit __ Aber die Orthodoxie als Trägerin des unverfälschten Judentums willund kann nicht verschwinden. Das Bewußtsein jedoch, daß solche Hoffnungen auf den Untergang der Orthodoxie in den Herzen derjenigen leben, deren Aufgabe es wäre, das Judentum vor dem Untergang zu retten, dieses Bewußtsein muß in den Herzen der fromm Gesinnten die schmerzlichsten Gefühle erwecken. Daß aber verbitterte Menschen nicht fähig sind, sich mit solchen Kreisen zu verständigen, die auf ihre seelischen Leiden und inneren Kämpfe mit lächelnder Ironie Hinblicken, mit solchen Kreisen, die die ganze Existenz der Orthodoxie als einen Anachronismus empfinden, ist zu natürlich. Nur eine gut organisierte Orthodoxie würde es schon verstehen, durch ihre nationale Bedeutung und ihren Einfluß auf den Gang des jüdischen Lebens sich die nötige Anerkennung zu verschaffen, die Anerkennung ihrer historischen Geltung und ihrer lebendigen Zukunft. Alle werden sehen und anerkennen müssen, daß die Orthodoxie in das Volksleben reichere Inhalte und einen höheren Idealismus hineinträgt, man wird aufhören mit scheelen Augen auf sie zu blicken, man wird mit Stolz und mit Liebe auf sie Hinschauen, und dann kommt die Verständigung von selbst. Gerade darum, weil wir mit allen Fasen unserer Seele daran interessiert sind, eine wahrhafte und nützliche Verständigung zu ermöglichen, haben wir alle frommen Juden aufgefordert und fordern sie nochmals auf, den Weg zu betreten, der zu jenem Ziele führt und dieser Weg ist einzig und allein — die orthodoxe Organisation. Nur eine Organisation, kann sich erlauben und muß es, eine allgemeine Plattform für politische und gesellschaftliche Tätigkeit zu suchen, auf der sie ihre konzentrierten Kräfte mit den Kräften andersgesinnter Parteien zum allgemeinen Nutzen der Gesamtheit zu vereinigen vermag. Während der Einzelne bei Eintritt in eine fremde Organisation vor der Störung seines geistigen Gleichgewichts und noch mehr vor der Verwischung seiner seelischen Eigenart zurückschrecken' muß, wofern er nicht eine ganz starke Persönlichkeit ist, so fällt diese Befürchtung bei einer Organisation weg. Es liegt schon in der Natur einer Organisation, daß ihre Eigenart erst recht mit voller Klarheit hervortritt, wenn sie sich ans Licht der Sonne begibt. Das Individuum erkennt man besser, wenn es abgesondert auf einer Seite steht, und es selbst fühlt sein Ich intensiver im einsamen Winkel. Die Organisation dagegen sieht man gut auf dem freien Feld, wo man sie durch Vergleichung und Unterscheidung erst recht beobachten kann. Sie erlangt ihre Beseelung erst durch ihre ersten Deine um seinetwillen". Diese Bestimmung, die also auch gleichzeitig lehrt, datz man dem Feinde gegenüber nicht Böses mit Bösem vergelten soll, findet sich 5 Mos. 22,4 in Bezug aus den ksel oder Ochsen des Bruders wiederholt. Aber auch die von Herrn W. angeführte Stelle stammt nicht aus dem neuen, sondern aus dem alten Testament; sie findet sich in den Sprüchen Salomonis 12,10. Herr Wollnzihn, der ein noch sehr junger Mann zu sein scheint, wird es in der deutsch-völkischen Bewegung sicherlich zu etwas bringen; er handhabt die „Methoden" seiner Herren und Meister Fritsch. Chamberlain und Dinier schon ganz meisterhaft. Sabbat-Anfang und -Ausgang. . spy. Mw Ort: Anfang Uhr >Min. Datum 1923 | 5683 Ausg. Uhr >Min. Frankfurt a. M. 7 15 4. 22. 9 - Berlin .... 7 30 Aug. Ab 8 44 München . . . 7 15 8 30 Köln. 7 45 9 10 Stuttgart . . . 7 - 8 46 Breslau.... — - - — Nürnberg . . . 7 15 8 38 Hamburg . . . — — - — Bewegungen, wenn sie sich bemüht, als lebendiges Wesen ihre Kräfte mit anderen zu messen. Sie braucht keinen „bösen Blick" zu fürchten — die Öffentlichkeit ist für sie ein Segen. Unter der Wirkung menschlicher Blicke wächst ihre Gestalt schöner und gesunder heran und jemehr man sie beobachtet, desto charakteristischer werden ihre Eesichtszüge. Kraft, Wille und Charakter aber schafft sich die Organisation ausschließlich . durch Berührung mit fremden Kräften. Aus der öffentlichen Diskussion schöpft sie ständig größere Deutlichkeit und Klarheit ihrer Begriffe. Der Zusammenstoß vermehrt ihre Festigkeit und die häufige Berührung mit unfreundlich gesinnten Kritikern vergrößert die Produktivität ihrer Arbeit. Das sind alles bekannte Gedanken und erprobte Wahrheiten, und ich begreife nicht, warum sie nicht auch' für eine orthodoxe Organisation gelten sollen. Gehören wir einer anderen Men-? schengattung an oder hat die Entwicklungstheorie für uns andere ^gesellschaftliche Gesetze? Für jeden, der eine Spur von Verständnis für soziale Psychologie und ein Auge besitzt für geschichtliche Entwicklung, ist es klar, daß die Organisierungsbestrebungen der Orthodoxen nichts anderes sind wie der Ausdruck des verborgenen Willens zu einer allgemeinen Verständigung. Die Orthodoxie will und kann nicht mehr isoliert bleiben. Ihr Wille zur Verständigung wird bis zu seiner endgültigen Gestaltung einen langen, verwickelten Prozeß durchmachen. Die orthodoxe Organisation aber ist sein erstes, unbedingt notwendiges Stadium. Es ist einfach unbegreiflich, daß unsere Gegner uns mit dem Gespenst der Trennung und des Kampfes schrecken. Wir wollen uns zusammenschließen und Ihr redet von Zerstörung der Einheit! Uns interessiert sehr zu wissen, was Ihr unter dem Worte „Einheit" versteht. Ist das für Euch ein lebendiges Wort konzentrierter Aktivität oder etwa verbindet Ihr damit den Begriff friedlicher Stille und toter Passivität? Soll ich jetzt unseren Friedens- und Einheitspatrioten die alte Geschichte von zweierlei Einheit erzählen, der Einheitverschiedener Glieder, die, ein jedes nach seiner Art, funktionieren, aber doch ihre Zusammengehörigkeit zu demselben lebendigen Körper fühlen und der anderen Einheit beispielsweise einer Schlammiidecke auf dem Teich, die dort zwar eine feste und dichte Masse bildet, beim ersten Windhauch aber sich spaltet und flieht? Das ganze Wesen organisatorischer Arbeit ist im tiefsten Grunde nicht mehr und nicht weniger als die Kunst des Zerteilens und des Zusammenfüg ens. Teilt man schlecht, so fügt sichs schwer zusammen. So haben alle großen Organisatoren bei allen aktiven Völkern gehandelt, und dies haben auch unsere Gegner nachgeahmt. Gerade in der letzten Periode nationaler Vereinigung sind überall in voller Deutlichkeit Tendenzen zur verschiedenartigsten Differenzierung und Gruppierung zu Tage getreten. Und doch wundert sich keiner, daß gerade dieser Prozeß unter dem Schatten des Einheitsbanners entsteht. Man ruft zur Einigung und differenziert sich. Man sondert sich ab und verknüpft sich und grade diesen Akt nennt man Einheit, weil der wahre Begriff der Einheit die Vereinigung gleichartiger und gleichstrebender Kräfte zu einem Gebilde ist, nicht aber das Zusammenwerfen verschiedenartiger und auseinanderstrebenden Elemente in einem und demselben Gefäß. Einheit bedeutet die Sammlung zerstreuter Energie, die Weckung' schlafender Kräfte, die Schöpfung neuen Lebens. Das Einheitsgefühl entsteht in den lebendigen Herzen schaffenslustiger Menschen, die der Drang zu fruchtbarer Tätigkeit zwingt. Hilfe und Befreiung für den lebendigen Keim ihres Jchs zu suchen, das zu schwach ist, sich allein zu befreien und zu stark sich vertilgen zu lassen. Die zersplitterte und vereinzelte Kraft ist zur toten

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