Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1923-08-02 · Heft 31 (2.8.1923) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
64 (1923)
Issue
Heft 31 (2.8.1923)
Date
1923-08-02
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2446951-2450238-2450266--70680-2527974
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Nr. 31 Seite 3 2. August 1923 Aufgabe der Führer ist es, wenn sie diesen Namen verdienen, dort wo es - sich um Gottes Sache handelt, der Reinheit der Idee vor allem den ersten Anspruch'auf politische Geltung und starke organisatorische Auswirkung zu sichern. Hier ist kein Raum für „Verständigung", und Unbeugsamkeit ist die höchste Nächstenliebe gegen die lebenden und ungeborenen Geschlechter. Die reine Idee' aber fordert reine Träger und man soll gewiß nicht glauben, daß grade eine religiöse Bewegung bestehen und gedeihen kann, wenn vin PM rvQbn und invi na «na naha nicht ebenso eifrig gewahrt werden wie * *6 cWan i:cn. Sind sie nach der Thora Willen gewahrt, dann wird „guter Wille" reichlich in den Herzen gedeihen, und man wird es ruhig denr gewissenhaft wägenden, von Haß und Voreingenommenheit freien Urteil der min?! '»Dan überlassen können, zu entscheiden, wo und wie ein Zusammenwirken auf den praktischen Gebieten ,des sozialen und wirtschaftlichen Lebens ohne Preisgabe des min pa möglich ist. Nicht Neigung und Abneigung, Stimmung und Sentiment sollen das entscheidende Wort sprechen, sondern der Geist des Wahrheit und Frieden einenden Gottesgesetzes.- VvWd: pibtsp nna — m nDVP n? na □: •ntn man mm mn Wochenrundschau. Ein Wort zur Frankfurter Tragödie. Putschisten rechts, Putschisten links — der Jude in der Mitte, als Puffer, als Blitzableiter für beide Seiten. Die Tragödie von Frankfurt a. M. zeigte, wessen der Pöbel auch mitten im kulturdurchtränkten Westen fähig ist, zeigt auch, wie wenig die Führer die Menschen, die sie auf die Straße geschickt, wenn die wilde Leidenschaft einmal entfesselt ist, noch in Händen haben. Eine Demonstration, von Kommunisten arrangiert, denen nichts ferner liegt als Rassenkampf, endet damit, daß ein unschuldiger Mensch unter den Rufen: „Schlagt den Juden tot!" in unerhört bestialischer Weise niedergehauen wird. „Die Tat dürfte von asozialen Menschen begangen sein ,die "sich zunächst in den Massen befanden, die im Palmengarten ein Judenpogrom vornehmen wollten und dann zu Führern der andern wurden. Der große Krieg trägt Schuld, daß die Menschheit verrohte, sonst wäre auch nicht der Mord an Rathenau geschehen", Der Israelit so sagte der Frankfurter Bürgermeister Gräf, an der Bahre des Opfers. Und Pfarrer Förster sprach vom „Haufen, der irregeleitet war auf Grund jenes finsteren Wahnglaubens, der unser Volk trennt, jenes Glaubens, der die reine und erhabene Idee des Sozialismus verneint und tötet, ehe sie geboren ist." „Es ist der Kampf der Horden gegen die Wehrlosen, des Bruders wider den Bruder!" So ists! Ob rechts oder links, ob Hakenkreuz oder rote Binde, ob deutfchvölkische Lieder oder die Internationale durch die Straßen hallen, die Horde ist mit dabei, die, racheschnaubend und beutegierig, die Wehrlosen zum Ziele hat. Dr. Haas war kein Jude und wir wissen nicht, — es ist auch belanglos —, was wahr an dem Gerüchte ist, daß er von jüdischer Abstammung gewesen. Aber blinder' Haß sah in ihm einen Angehörigen des Volkes der Wehrlosen, darum gehört auch dieser Fall, wie das durch gütige Fügung der Vorsehung in seinen schwersten Folgen verhütete Münchener Attentat und wahrscheinlich auch der grauenvolle Mord in Karlsruhe, bis zum gewissen Grade in die jüdische Tragödie: ist mit ein blutiges Zeichen der Zeit, das alle staatlichen Instanzen, aber noch mehr uns selbst, zur Vorsicht mahnen muß. Daß in diesen bewegten Zeiten alles vermieden werden muß, was Anstoß erregt und den Horden von rechts oder links billiges Ziel bietet, ist eine Mahnung, die gewißlich nicht allein Juden angeht. Doch sollten w i r diese doppelt beherzigen — ohne daß sie Freunde von außen — echte und falsche — uns erst mit eindringlichen Worten wiederholt ans Herz legen müssen. Gemeinde-Sorgen und Nstenpresse. Die Katastrophe der Mark hat nicht nur in den kleineren Gemeinden, sondern auch in den Verwaltungen der leistungsfähigsten Großgemeinden Panikstimmung erzeugt. Während der Staat, ohne Rücksicht auf die Steuereingänge, vermittelst der Notenpresse unbegrenzte Geldmengen zu erzeugen und daher seinen Beamten ohne jede Schwierigkeit die weitestgehende Anpassung der Besoldung an die Teuerung zu gewähren vermag, geraten die Gemeinden bei diesem Wettrennen in eine geradezu verzweifelte Lage. Die Steuern, die der Fiskus für die Gemeinden einzieht, gehen so schleppend und so spät ein, daß sie letzten Endes fast wertlos sind, und die jetzt eingeführten Steuer-Vorauszahlungen kommen den Kirchengemeinden bisher überhaupt nicht zugute. Wäre dies aber selbst der Fall, so stände das atemlose Tempo der Geldentwertung und. Gehaktssteigerung dennoch in gar keinem Verhältnis zu Steuersoll und flüssigen Mitteln. Wie sollen die jüdischen Gemeinden unter diesen Umständen in der Lage sein, ihren Beamten die zur anständigen Lebensführung notwendigen Besoldungen auszuzahlen? Das Reich hat unsres Erachtens unter diesen außergewöhnlichen.Umständen, die zum Teil von ihm selb st verschuldet sind, zweifellos das nobile offizium, den Kirchengemeinden sowie sämtlichen jüdischen Gemeinden in gleicher Weise wie den Kommunen 75 a/o der Gehalts st eigerungen aus seiner reichlich fließenden Notenfabrik zur Verfügung zu ste llen. Der Staat würde sonst Hunderte von Beamten, Rabbiner, Lehrer und Kultusfunktionäre, die im öfffentlichen Interesse tätig sind, unverdientermaßen der bittersten Not Preisgaben. Was aber auch von Seiten des Reiches geschieht, mutz rasch und ohne Kleinlichkeit geschehen, denn bei der jeden Tag sich verschärfenden Krise ist zu langen Rundfragen und Untersuchungen wahrlich keine Zeit. Das sollten die Gemeindeverbände mit Hilfe der nächste Woche ja wieder zusammentretenden Abgeordneten den zuständigen Regierungsstellen mit dem größten Nachdruck klarzumachen versuchen. - Ein Gipfel der Geschmacklosigkeit. Mar Naumann, der Begründer des famosen „Verbandes deutschnationaler Juden" kann auf seine Schöpfung stolz sein. „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen." Eine — freilich sehr unreife — Frucht am Baume der jüdischen Deutschnationalen ist die Münchener „Jugend- und Studentengruppe nationaldeutscher Juden", die jetzt Stellung nimmt gegen den „Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" — für Luden dorff: Ihre Erklärung, ein Dokument würdelosester Anbiederungspoliiik, hat folgenden Wortlaut: „Erkl ärung. Das deutsche Volk, durch eigene Schuld entwaffnet, von seinen Erbfeinden bis aufs äußerste gemartert, ringt um seinen Bestand. Seine Helden und bewährten Führer im Felde, deren Vaterlandsliebe und Tatkraft die ganze Welt bewundert, werden ihm von traditions- und gewissenlosen Mitbürgern entfremdet. Wie jeder treue Deutsche, verurteilen auch wir die Beschmutzung und Verkleinerung alles wirklich Großen, das in unserer Zeit und in unserer Heimat erstand. Wir erheben Einspruch gegen die unbegründeten und trotzdem wiederholten Angriffe Dr.Wieners, des Syndikus desZentralvereins uns, daß der Rabbi für die irdischen Güter und Genüsse so viel Sinn zeigt wie unsereiner." „Es ist nirgendwo gesagt", lautete die prompte Antwort des Rabbi, „daß nur Ungelehrte und Ungebildete Anspruch aus die Genüsse des Lebens hätten." Rabbi Israel Salanter pflegte die scharfsinnigsten und gelehrtesten Bachurim am meisten daran zu erinnern, daß „aller Weisheit Anfang und Ende Gottesfurcht sei". Zuweilen gebrauchte er dazu anekdotisch das Weisenwort — amn "pppa na D-Dan vpD^n mmp (Auch n"n müssen Gott fürchten). Von einem Kronrabbiner in Litauen (zumeist vollkommene Ignoranten, die kraft ihrer Kenntnis der Landessprache und Landesgesetze den Behörden gegenüber das rabbinische Amt ausübten)' wird folgendes erzählt: Am Roschhaschonoh gab das Schofar beim Gottesdienste keinen Ton von sich. Es entstand ein Streit, was geschehen soll. Die Chassidim empfahlen nach einer Soharstelle, dreimal das „Wihinoam"-Gebet zu sagen, die Litwaks rieten, nüchtern wie sie sind, das Schofar mit Essig auszuspülen. Da der eigentliche Rabbiner abwesend Mar, ging man zum Kronrabbiner, daß er den Streik schlichte. „Um allen gerecht zu werden", entschied der Kronrabbiner, „nehme man einen halben Liter Essig und vermische ihn mit einem halben Liter „Wihinoam" . . . * * * Der Raizer Maggid, der energisch die Reform bekämpfte, sagte: „Es gibt dreierlei Doktoren, einen □,6d'D "DD-Spezialarzt für Epileptiker, D^in — d. i. praktischer Arzt für alle Krankheiten, dann Di")lDa tdd ~ Doktor-Rabbiner, der alle □'•moa als miD erklärt. . Rabbi Raftali Zewi Berlin in Woloschin bestand daraus, daß der Chasan zugleich Schachet sei, da er nur in diesem Amte die nam des Chasan verbürgt sah. Aus den Schochet-Chasan wandte er denPsalmfatz an: dtq rrpss anm Din ja ‘a niDDn- Ein Verfasser brachte einem Rabbi seinen Kommentar zu den Klageliedern, daß er ihn begutachte und empfehle. Der Rabbi aber meinte: „Bei diesem Kommentar zu den Klageliedern bleibt nur noch übrig, „ein Klagelied auf den Kommentar" anzustimmen." Rabbi Ieheskel Faiwel, der berühmte Wilnaer Maggid, empfing den Besuch eines Pseudogelehrten, der sich als G a o n legitimierte und ihm einen Kommentar zu Raschi zur Begutachtung vorlegte. „Was der Verfasser mit den Gaonim gemein hat", begutachtete der Maggid, „ist dies, daß diese wie er Raschi nicht kannten ..." (bte unter dem Titel Gaon in Babylonien wirkenden Lehrer lebten lange vor Raschi.) * * * Einem anderen Verfasser, der zu ihm mit Erklärungen zu Chumisch kam. bezeugte der gleiche Rabbi: „Ihre Ausführungen kommen der Wahrheit sehr nah e." Er wies dabei auf die dem Chumischtexte sich eng anschmiegenden wertlosen Erklärungen Ijm. * * * Als er, vom Verfasser gedrängt, dennoch eine kurze Empfehlung schrieb, ließ er zwischen dieser und der Namensunterschrist einen größeren Zwischenraum frei und erklärte dieses mit dem Thoragebote: -q-jd *mn vw. Ein armer Verfasser überreichte am Rüstetage zum Pessachseste sein Werk einem reichen Manne, der, statt zu bezahlen, sich nur herzlich bedankte. „Sre gestatten", sagte der Autor, „daß ich mich nach altem Brauche mit einem Thoraworte verabschiede. Wissen Sie, warum man am „erew Pessach" kein ^Mismaur l'Szaudoh" sagt? Am Rüstetage zum Pessach, da wir der „Opfer" so viele haben, kann mans nicht beim bloßen „Taudoh" (Dank) bewenden lassen. — Das wirkte! Eisik Meier Dick pflegte zu sagen: „Willst du Schriftsteller in Israel werden, so rechne damit, die ersten vierzig Jahre zu hungern". „Und dann?" „Dann hast Du dich bereits daran gewöhnt . . * * * Davidsohn, der zum Ausklärerkreise nach Mendelssohn gehörte und getauft war, erinnerte sich, nachdem er wirtschaftlichen Zusammenbruch erlitten hatte und in großer Not war, eines alten gelehrten Onkels in Berlin, um den er sich Jahrzehnte nicht mehr gekümmert batte und suchte ihn auf. Der Alte über den Zweck des seltenen Besuches gleich orientiert. begrüßte Davidsohn ironisch: „Nun ist mir das Talmudwort verständlich: n^ENV IV aa TH ja Don p ntDTTB „Der Sohn Dawids (Davidsohn) kommt nicht eher, als bis die letzte Münze aus dem Beutel geschwunden ist . . ." * t * Eichel, der eifrigste und radikalste unter den Kulturträgern vor hundert Jahren und Herausgeber des -Dn ona in Königsberg, saß in einem Berliner Hotel und tat sich gütlich an einem Schweinebraten. Ihm gegenüber saß ein polnischer Jude, der kein Auge vom Schmausenden abwendete. Das machte

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.