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Der Israelit · 1923-08-02 · Heft 31 (2.8.1923) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
64 (1923)
Issue
Heft 31 (2.8.1923)
Date
1923-08-02
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 Nr. 31 Her Israelit 2. August1923 Wahnsinn ist. Wenn drei von uns beiläufig Zusammenkommen, sind es drei politische Parteien. Ihr Gespräch, vorsichtig und mißtrauisch begonnen, springt mit einem Male um in offenen Hatz, in Schimpf und Verleumdung. Wir aber suchen die Liebe. Und eben deshalb meinen wir, daß — wo immer sie sich finden — die führenden Männer, welche die Trennung wollen, schlechte Männer sind, die anderen aber, welche jeden Keim einer Vereinigung mit zartem Eifer pflegen, gute und berufene Männer. Denn nur sie verwirklichen die ideale Forderung unserer heiligen Lehre. Sie werden jetzt Gelegenheit bekommen, sich zu bewähren. Niemals war die Gelegenheit so günstig. Drei Kongress^ stehen vor der Tür. Ihre Gesamtheit vertritt das lebendige Judentum der Gegenwart, — mit all seinen Gegensätzen, aber auch mit seiner tiefen Sehnsucht nach Gemeinsamkeit. Auf denen, die sich zuerst versammeln, liegt die schwerste Verantwortung. Denn sie müssen den ersten Schritt auf dem Wege zur Versöhnung unternehmen. Dieser Anfang wird alles entscheiden. Es gibt Gegensätze, die nicht zu überbrücken sind. Aber es gibt mindestens ebensoviele Berührungspunkte. Unter solchen Umständen kommt alles auf die Methode an. Und diese Methode darf nur die des guten Willens sein- Denn wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Man mutz auf allen Seiten den besten Willen aufbringen, um die Möglichkeiten der Verständigung aufzufinden und zu verwirklichen. Eine solche Möglichkeit — scheinbar geringfügiger, aber auch weniger gefährlich als etwa die Palästinafrage — bietet das Problem der sozialen Fürsorge. Denn es ist völlig unpolitisch und eben deshalb allen gemeinsam. Es ist hervorragend geeignet, die Atmosphäre der Kongresse zu entgiften und auf ein sittliches Grundgefühl, auf die jüdische Nächstenliebe, zurückzubringen. Es kann in seiner heutigen Form: nämlich als Wiederaufbau der vom Kriege massenhaft ruinierten Existenzen nur durch die hochherzige Zusammenfassung aller verfügbaren Kräfte gelöst werden. Es gibt in seiner reinen Form — und wer wäre so niedrig, um bei Pogromwaisen. Unterschiede zu machen! — niemandem Anlaß zu parteipolitischen Bedenken. Und es wird endlich auch den Diplomaten als eine vorzügliche Operationsbasis erscheinen müssen. Wir aber, die von Diplomatie nichts wissen wollen, sehen hier ein Mittel zum Wiederaufbau der jüdischen Gemeinschaft. Und wir stehen nicht allein. Hinter uns warten, das wissen wir. Tausende, die bisher dem" traurigen Fortschritt der jüdischen Verfeindung schweigend zugesehen haben, auf die Erfüllung ihres Herzenswunsches/ auf den jüdischen Frieden. Man möge uns nicht gering achten, weil wir bisher nicht hervorgetreten sind. Denn unsere Partei ist stark durch ihre Idee. Die Führer aller Lager täten klug, diese Idee in den'kommenden Tagen zu verwirklichen. Sonst müßten wir zur Selbsthilfe schreiten. Der Verfasser der vorstehenden Ausführungen verdient es nicht nur um seiner wissenschaftlichen Leistungen willen, sondern auch wegen seiner außergewöhnlichen Verdienste und Erfolge als Leiter des sozialen Hilfswerkes der „Agudas Iisroel" in Wien, daß man seinen! aus gequältem Herzen kommenden Notschrei ernste Aufmerksamkeit widmet. Dabei scheint es uns wesentlich, zwischen der Stimmung zu unterscheiden, der der Verfasser Ausdruck verleiht, und der praktischen Anregung, die er gibt. Ueber diese letztere wird man im Prinzipe schnell einig werden können: doch davon später. Aber die S t i m m u n g, die nach Gemeinsamkeit, nach Liebe dürstet und die aus diesem edlen und berechtigten Sehnen heraus die „politische Interessiertheit" als eine Art schmalstirniger Verbissenheit den „allgemeinen Interessen unsrer Leidensgemeinschaft" gegenüberstellt und die „parteilose Hingegebenheit" als Ideal predigt — diese Stimmung scheint uns denn doch einer kritischen Analyse zu bedürfen. Die Stimmung selbst ist begreiflich. Es wird im politischen Kampfe auch der jüdischen Organisationen untereinander soviel Gift verspritzt, und es läuft soviel Unedles, Unehrliches und Persönliches mit unter, datz feiner organisierte Naturen von stärkstem Widerwillen ergrifffen und seitwärts in die Büsche getrieben werden können. Ja, wir gehn noch weiter: grade der gesetzestreue Jude, dem Thorastudium die höchste Seligkeit und das reinste Lebensglück, dem die „Jagd nach den Mizwos", nach Gemilutz Chetzed und Zedoko, den Inbegriff irdischer Selbstvollendung und Befriedigung bedeutet, grade der gesetzestreue Jude verliert am leichtesten die Lust am sogenannten öff entlichen Leben mit seinem Staub und Lärm, mit der Fülle seiner Kämpfe und Versuchungen, mit dem blinden Ungefähr des sittlichen va banque-Spiels, das die Akteure wie Seiltänzer zwischen Gan- Eden und Gehinnom durchjonglieren läßt und oft die leiseste innere Unreinheit mit dem Sturz in den Abgrund lohnt. Um wieviel besser haben es doch die Parteilosen, öie sich gänzlich dem „Lernen und Neben" in stiller Klause oder im friedlichen Idyll alljüdischer oder allmenschlicher Brüderlichkeit, kurzum ganz dem herrlichsten, beglückendsten Affekt menschlichen Seelenlebens hingeben dürfen, der fürsorgenden Liebe zu den Menschen. Aber entspricht es.denn nun wirklich der Lage grade der jüdischen Gesamtheit, diese natürlichen, aber gefährlichen Stimmungen noch zu stärken und zu vertiefen und die Abkehr von der Politik als das ethisch Höhere zu preisen? Wir glauben es nicht.. Man wende nicht ein, hier werde ja garnicht Abkehr von der Politik verlangt, sondern nun eine menschlich-jüdische Brücke über die Abgründe,, die die Parteien voneinander trennen. Wir haben nichts gegen die Brücke und polemisieren nicht gegen die konkrete Forderung, sie aus Werken der Bruderliebe zu erbauen — wir wenden uns nur gegen die gefühlsmäßige Grundlage, auf der sich die Forderung selbst aufbaut und die eine verhängnisvolle Verkennung der sittlichen und religiösen Notwendigkeit der Kämpfe unsrer Tage, der sittlich-religiösen Würde dieser Kämpfe bedeutet. Um die Wahrheit geht ja dieser Kampf, um Wesen und Existenz des jüdischen Volkes als Heroldes der Gotteswahrheit in der Menschheit, um Sein oder Nichtsein des Gottesvolkes auf der Bühne der Geschichte. Weil grade für den sittlich hochstehenden, von NUN und mso erzogenen Menschen die Versuchung ungeheuer groß ist, aus diesem historisch notwendigen Kampfe zu desertieren, ins nn timon zu flüchten oder in die soziale Fürsorge, in die inan oder in die über den Erdenstaub erhabene Parteilosigkeit — darum müssen wir uns gegen jeden Versuch wehren, das bequeme Auf geben des Kampfes der Weltanschauungen — die sogenannte „Vereinigung" — auch noch ethisch höher werten zu wollen als das pflichtgemäße Aus harren auf der Walstatt, dem man die Parteimarke „Trennung" aufklebt. So leicht scheint uns die sittliche Etikettierung denn doch nicht durchführbar zu sein. Vereinigung und Trennung sind an sich weder schlecht, noch gut, und die Nächstenliebe im Sinne des überlieferten Judentums äußert sich nicht ausschließlich in der Alltagsfürsorge für die körperliche Not des Bruders. Es kommt vielmehr hier, wiss überall bei den Problemen des höheren sittlichen Lebens, auf eine Synthese der sich in Wirklichkeit ergänzenden scheinbaren Gegensätze an. Worte des Wilnaer Gaon. XII. In „Berachoth" 35 II. lesen wir: R. Schimeon b. Iochai sagt : „Wenn der Mensch pflügt und sät und erntet zur Zeit des Pflügens, des Säens und der Ernte, was soll dann aus der Thora werden? Allein, wenn Israel den Willen Gottes erfüllt, dann wird seine Arbeit durch Anderer Hände vollbracht, wie es Jesajas 61 heißt: na ipil an? noyi □ZOttH: erfüllt aber Israel den Willen Gottes nicht, dann hat es sich selbst mit eigener Hände Mühen den Segen zu erarbeiten, wie es heißt: -pjn nCDttl „Du wirst — mit eigenen Händen — Deinen Ertrag einsammeln", ivj *6lja noch mehr: rottbo^ “T bV D'W'j □nnN. Anderer Arbeiten werden Dir auserlegt, wie es heißt: -prm ntt rrcyv“ Taussaus zur Stelle fragen, wie dies riDDttl -pn für den Fall des Qipo b& uijn D'W ptt verstanden werden könne, nachdem doch der diesen Satz umfassende Abschnitt mit den klaren Worten V1DW Dtt 'm eüüettet? Nach Wilnaer Gaon ist in dem scheinbar entbehrlichen iip *^i in der angeführten Talmudstelle die Antwort aus obige Taussaussrage enthalten. Die Talmudstelle spricht nämlich von drei verschieden gearteten Menschen, vom 1) Gottesdiener nonttD. aus Liebe, 2) Gottesdiener riüTD» aus Furcht und Zwang, 3) vom Abgekehrten, der dem göttlichen Willen zuwiderhandelt. Der erste Abschnitt des pnip. der den Einzelnen im Auge hat, legt den höchsten Matzstab an. stellt den höchsten Anspruch an die Leistung des jüdischen Menschen, daher -pittD tei; das picw Ott 'VT) spricht zur Gesamtheit, in deren Mitte auch alle, die minder guten Willens sind, Platz haben, daher nur nawoi Daaai toa naj6v wenn auch ohne Einsatz des letzten, des D3TÜD- Die Frage der Tausfaus ist mithin glatt beantwortet und der Ausspruch des R. Schimeon b. Iochai stellt sich uns folgendermaßen dar: 1) ^ttYz^?DT3 121 iDl-n COT» wenn der Einzelne mit ganzem Herzen, mit vollster Hingabe seinem Gotte dient, dann iivpi cm?' wird seine Arbeit durch Andere vollbracht. 2) 'ai pro paty pnii wenn aber nicht ganz, nicht mit dem letzten Gottes Wille erfüllt wird, nur so etwa wie im Ott Mi mit Herz und Seele zwar, aber ohne ooitto, dann trifft das Wort dieses gleichen Abschnittes zu: -pm ncDttl (Du selbst), ny rHi, allein außerdem gibt es noch ein drittes, einen Fall, in dem “Y bv DTOJ onntt OOttbv, was. dann eintrifft, wenn sich Israel, i"n von Gott gänzlich abkehrt und seinen höheren Willen unerfüllt läßt. kleines Feuilleton. RaMnischer Humor/' III. In Woloschin wünschten die Jünger die Anstellung eines zweiten „Schiursager" für diejüngeren Schüler, die den Vorträgen der Hauptdozenten nicht folgen konnten. Rabbi Nastali Zwi Berlin lehnte das Ansuchen mit der Begründung ab: „gu dem imo TOD würden wir?pa benötigen. Der Rabbiner einer deutschen Gemeinde teilte den Vorstehern mit, datz er seine bisherige Wirkungsstätte verlassen müsse, da ihm gegönnt sei. eine Berufung nach der Stadt R a s ch i s, nach Worms» zu erhalten. Die Gemeinde wollte sich aber von ihrem Führer nicht trennen und bewilligte ihm eine ansehnliche Gehaltszulage, worauf er sich entschloß, zu bleiben. Ein Witzbold bemerkte aber: „Raschi zuliebe wollte uns unser Rabbi verlassen, dank den Tausfaus (Zulagen) blieb er aber bei uns." Ms Rabbi Jonathan Eibenschütz bei den Vorständen der Gemeinde Metz um Gehaltserhöhung einkam, meinte einer der Herren, der gerade nicht zu den gelehrtesten und besten gehörte: „Es befremdet *) Diese Serie ist zum Teile dem hebräischen TiTnni nrrnan IDD von A. Drujanow, Verlag „Omonuth", Frankfurt a. M.-Moskau-Odessa entnommen.

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