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Der Israelit · 1923-07-26 · Heft 30 (26.7.1923) · page 13

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
64 (1923)
Issue
Heft 30 (26.7.1923)
Date
1923-07-26
Page
– (sequence 13)
Language
German
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fenilleton Beilage vr.r» i-rr Eine moderne Ehe. Eine Erzählung von Nathan Dreyfuß in WLthause« (Elsaß). (Fortsetzung.) Aber alles hatte sie mit Ergebung ertragen, alles hatte sie als Züchtigung Gottes angesehen, die nur zu ihrer Besserung dienen sollte. Denn sie hatte ja noch einen hoffnungsvollen Sohn, in dem sie eine Stütze für ihren Lebensabend erwartete. Nun . war alles mit einem Schlage vernichtet. Ihr war noch das Letzte, ihr Sohn geraubt worden: war er doch als ein Verbrecher im Gefängnis! Und sie die Mutter eines Verbrechers! — — Sie war von der Unschuld ihres Sohnes überzeugt, aber was nützte es? Konnte sie, eine schwache Frau, austreten gegen drei Männer, die seine Schuld behaupteten? Tag und Nacht weinte und jammerte sie, ihr Schicksal beklagend. Sie wurde nicht beruhigt durch die Tröstungen, die ihr in reichlichem Maße gespendet wurden. In ihrer Not wandte sie sich an den Rabbi, an den frommen Rabbi Simon. Wie staunte er über diese Hiobsbotschaft! Er glaubte seinen Augen nicht trauen zu dürfen, als er den Brief las. Tränen strömten über seine Wangen, Tränen innigsten Mitleids, weil seine Schülerin und ihr Sohn so schwer heimgesucht wurden. Sofort machte er sich auf den Weg, die unglückliche Frau zu besuchen. Ein Freudenstrahl leuchtete aus ihrem Auge, als sie den guten Mann erblickte. Rückhaltlos teilte sie ihm das Geschehene mit. Der Rabbi gab ihr die Versicherung, nach Kräften für die Besteiung ihres Sohnes wirken zu wollen. Und in der Tat machte er die größte Anstrengung, aber umsonst! Alle seine Bemühungen waren erfolglos. Langsam, vergingen dem Unglücklichen im Kerker die Stunden und Jahre dünsten ihm die Tage, welche noch bis zur Verhandlung oder seinem Verhör vergehen mußten. Endlich war der Tag gekommen, der Tag des furchtbaren Gerichts. Schon war der Gerichtssaal gefüllt mit Neugierigen, als der Gefangene unter Bewachung hereingeführt wurde. Ihm gegenüber saß der Kläger. Beide bestäfteten durch Eid, die schon am ersten Gerichtstage gemachten Aussagen. Dann wurden die Zeugen aufgerufen, alles war in größter Spannung. Der erste, ein Küster, dessen Haus nahe bei der Kirche stand, in der das Verbrechen verübt worden war, gab an, daß in selbiger Nacht sein Hund ungefähr; vor Mitternacht einen furchtbaren Lärm gemacht habe; durch den ungewöhnlichen Lärm sei er aus feinem Schlafe aufgeweckt worden und habe nach der Ursache sehen wollen. Da habe er schon vom Fenster aus bemerst, wie zwei junge Leute am Schlosse der Kirchtüre arbeiteten. Einen habe er sogleich erkannt, es sei der verhaftete Jude gewesen: dem anderen habe er nicht ins Gesicht schauen können/ da er im Schatten des ersteren stand. Er habe sich alsdann sofort angekleidet und sei durch seinen Garten in das nächste Haus geeilt, um mit den zwei Männern, den Bewohnern des Hauses, die Schurken einzufangen. Zum Glück sei sein Klopfen bald gehört worden, und er habe die Beiden von dem eben Geschehenen unterrichtet. Rasch hätten sie sich davon gemacht, die Diebe in ihrer schändlichen Arbest zu stören. „In der Eile jedoch," so fuhr der Küster fort, „vergaßen wir den Schlüssel des Tores mitzunehmen, welcher das Haus von der Straße trennt. Ich eilte in meine Wohnung, um ihn zu holen. Unterdessen aber hatten die Schufte die Kassen in der heiligen Kirche bereits erbrochen und hatten sich mit dem Gestohlenen durch eine Hintertüre aus dem Staube gemacht. Als ich das Tor geöffnet hatte, waren sie bereits verschwunden und wir bemühten uns leider vergebens, ihrer habhaft zu werden. Aber Gott, der Allmächtige, ließ es nicht zu,' daß sein Haus von Dieben ausgeplündert würde, ohne sie schon hier zur Rechenschaft zu ziehen. Und jetzt, da die Täter entlarvt, sind, ist es Pflicht des wohllöblichen Gerichts, sie nach Verdienst zu bestrafen." Damit schloß der erste Zeuge seine Aussagen. Dann wurden die beiden anderen vernommen. Sie gaben an, sie seien vom Küster gerufen worden und hätten dann am Tore gestanden. Wahrend jedoch der Küster den Schlüssel holte, seien sie ganz nahe am Tore vorbeigegangen, sodaß sie den Hausierer sofort erkannt hätten, während ihnen der andere Verbrecher unbekannt geblieben sei. Damit war die Zeugenaussage beendet. Das.Urteil wurde gefällt, und zwar wurde der Hausierer Benjamin Perlenkron als Anstifter des Kirchenraubs zu vier, der zweite Angeklagte zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Große Bestürzung herrschte unter den jüdischen Bewohnern, als das Urteil bekannt wurde. Die Mutter des Verurteilten war der Verzweiflung nahe, als sie die Trauerbotschaft erhielt. Noch bis zum allerletzten Augenblick hatte sie gehofft, das Urteil werde zu Gunsten ihres Sohnes ausfallen: aber anders war d?r Ratschluß Gottes. Doch wie empfing der gute Rabbi d^se Botschaft. Von tiefster Wehmut würde sein mitleidvolles Herz ergriffen. Lange saß er in stummes Sinnen versunken, nachd?nkend über die harten Schicksalsschläge, die nacheinander über die gute Frau hereingebrochen waren. Sie hatte sicherlich solche schweren Prüfungen nicht verdient! Das erste, was der Rabbiner Simon tat, war, daß er an Mirjam einen Brief schrieb folgenden Inhalts: Meine innigstgeliebte Schülerin! Wie ein Blitzstrahl aus hesterem Himmel traf mich heute die Kunde vom Urteile in Angelegenheit Deines Sohnes. Tränen entströmen meinen Augen, wenn ich daran denke, daß ein solches Urteil durch böse Zeugen zustande gebracht worden ist. Aber noch habe ich die Hoffnung nicht verloren. Denn derselbe Gott, der da leitet Sonne, Mond und Sterne, der gebietet dem Wind und dem Regen, der wachsen läßt die Fluren und gedeihen läßt die Saaten, der sich auch des geringsten seiner Geschöpfe annimmt, er wstd eine solche Tat nicht ungerächt lassen. Auf Ihn wollen wir hoffen, denn er ist der einzige, der das Schicksal der Menschen bestimmt und bald wird er entfernen die Schande, die auf Deinem Sohne lastet und wird die Strafe nicht entziehen denen, die sie ^verdienen. Liebe Mirjam, schon sehe ich den- Tag von ferne, der die Wahrheit ins Licht bringen wird, an d-m wieder die Unschuld den Sieg erringen wird. Erhebe Deine Augen im Gebete zum Schöpfer der Welt, damit er die Zeit beschleunige und lüfte den Schleier, der über diesem schrecklichen Verbrechen ausgebreitet liegt. Fasse Mut, schaue im Vertrauen auf den Höchsten der Zukunft entgegen! Dein Dich liebender Lehrer und Freund Simon. P. S. Ich werde Dich dieser Tage besuchen, wenn es Dir angenehm ist. Ein Freudenstrahl leuchtete auf in dem kummervollen Antlitz Mirjams, als Tags darauf der Bote ihr den Brief mit den wohlbekannten Schriftzügen überbrachte. Auf ihren Lehrer setzte sie nach Gott das größte Vertrauen. Schweren Herzens las sie die Trostworte des Rabbiners, und Zufriedenheit zog ein in ihr Herz, als fte den Brief zu Ende gelesen hatte. Rabbi Simon hielt sein Versprechen und besuchte Mirjam zwei Tage darauf. Sie freute sich« sehr darüber. Nachdem er ihr nochmals Trost zugesprochen hatte, versprach er ihr, den Spuren des Verbrechens nachzugehen. Unermüdet arbeitete nun der Rabbi daran, Beweise für die Unschuld des armen Verurteilten zu erlangen. Es war alles vergeblich, dennoch lies sich der fromme Gelehrte nicht abschrecken seine Nachforschungen immer und immer wieder aufzunehmen. Er hatte, um dem Ort der Tat und um Mirjam näher zu sein,.für zwei Monate Urlaub genommen und wohnte nunmehr in der großen Stadt. So sehr ging ihm die Sache zu Herzen! Mit jedem Tage aber verschlimmerte sich der Mutter Gesundheit, ja, sie gab sogar schon zu ernsten Besorgnissen Anlaß. Ihr Haar war gebleicht, ihre Wangen eingefallen' ihre einst so glanzvollen Augen von den vielen Nachtwachen und von dem unaufhörlichen Weinen getrübt. Der Rabbiner bot alles auf, um sie aus ihrem dumpfen Brüten zu wecken und sie ein wenig zu erheitern. Oft waren jedoch seine Be-, mühungen vergebens! Schon war ein großer Teil der Urlaubszekt des Rabbiners vergangen, ohne daß er auf irgend eine Spur gekommen war. Da hörte er, daß der zweite Verurteilte schwer stank sei und am Fieber darniederliege. Sofort begab sich der Rabbiner zum Gefängnisarzte, den er auch zu Hause traf. Da der Arzt allein war, wurde er gleich vorgelassen. Nachdem der Rabbi sich vorgestellt hatte, trug er ihm seinen Wunsch vor: er möchte doch mithelfen, die Unschuld Benjamin Perlenkrons ans Licht zu bringen, da ihm Gott in seiner weisen Vorsicht so glücklich die Gelegenheit hierzu geboten habe, indem der Verbrecher seiner Behandlung übergeben sei. Er richtete auch die Frage an ihn, ob der Kranke Verdächtiges in seinen Fieberphantasien habe hören lassen. Als der Rabbi geendet hatte, schüttelte dex Arzt bedenklich den Kopf. Er war der Meinung, daß es schwierig sein würde, in diese heikle Angelegenheit Licht zu bringen, bestätigte jedoch, daß der Kranke im Fieber liege und immer von Raub, Gottesurteil und dergleichen phantasiere. Endlich versprach er dem Rabbiner doch, nach Kräften dazu beitragen zu wollen, die Wahrheit an den Tag zu bringen. Er erklärte sich bereit, genau auf jedes Wort zu achten, das sein Patient ausspreche. Der Rabbiner verabschiedete sich unter den herzlichsten Danksagungen. Sein erster Gang war zur Wohnung Mirjams, um ihr die Worte des Arztes mitzuteilen. Ein Hoffnungsstrahl stieg in ihrem Innern auf, als sie ihres lieben Lehrers Mitteilung vernommen hatte. Es schien, als wollte es wieder Frühling werden nach einem so langen Winter. Darauf ging der Rabbi hocherfteut nach Hause. Dort fand er einen Brief der Gefängnisverwaltung vor, die ihm ein Schreiben Benjamin Perlenkrons übersandte. Darin beteuerte der junge Mann, nochmals aufs rührendste seine Unschuld und bat den Rabbiner, Schritte zur Aufklärung zu tun. In den nächsten Tagen besuchte der Rabbiner den Arzt öfters, um nach dem Zustande des Kranken zu fragen. Doch feine Besuche hatten stets das gleiche Resultat, der Arzt er-

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