Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 64 (1923)
- Issue
- Heft 30 (26.7.1923)
- Date
- 1923-07-26
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2450238-2450265--70674-2527967- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 14 Nr. 30 D er I sr a e l it Härte immer, daß der Kranke zwischen Tod und Leben schwebe, und datz er immer noch nichts Bestimmtes herausgefunden habe. (Fortsetzung folgt.) Zwei paar Strümpfe, zwei Unterhosen, zwei Untertaillen und ein schönes Stückchen Stoff. Skizze aus dem Jerusalemer Leben. Von Jacob Israel de Haan in Jerusalem. I. Sir Herbert Samuel ist also nicht ermordet worden. .Er ist nach England gereist. Es sind natürlich wieder 'Gerüchte da, daß er als H. C. abtreten wird. Der nationalistische Araberkongretz ist vorbei. Die Wahabis plagen den Emir - Abdullah. Der Emir laßt sie totschietzen und der arabisch-englische Vertrag ist immer noch nicht unterzeichnet. Aber es sind Schätze für das alte Frauchen Rosenfeld angekommen. Ein Wohltäter aus Holland sandte sie. Und träumend zählen wir her: „Zwei Paar Strümpfe, zwei- Unterhosen, zwei Röcke, zwei Untertaillen und ein schönes Stückchen Stoff". Es ist übrigens noch mehr angekommen: ein schönes Stück Cheviot für die Waisenknaben und Leinen für das Schaare Zedek-Krankenhaus. „Schön breit", sagt Schwester Selma in liebevoller Betrachtung, „man kann da schöne Bettücher draus machen." „Jawohl", sagt der Doktor, „dann ist Las Leinzeug aber auch aufgebraucht". Und darin liegt nun die Schwierigkeit. Die Schwester behauptet, man könne nicht gleichzeitig aus Leinen feine Bettücher machen und es für schlimmere Tage aufbewahren. Und der Doktor behauptet, das cnnge wohl. Und was ist unter diesen Umständen schließlich besseres zu tun als das Urteil der Palästlnaspezialjsten, der Leser des „Handelsblad", anzurufen. Kann man's oder kann man's nicht? II. Auf die Schätze der alten Frau Rosenfeld ist zwanzig Piaster Einfuhrzoll zu zahlen. Das ist sehr ungerecht. Aber es ist so. Sie, die alte Mirjam, kann das natürlich nicht bezahlen. Die Regierungkreditiert nicht. Die türkischee Regierung war darin doch viel verständiger und verkaufte auf Schnorrbriefe Briefmarken auf Kredit mit dem Vorrecht aus den Erlös. Aber nun beschließt der gutherzige Vertreter der Amsterdamer Pekidim und Amarkalim, der Schreiber R. Israel, in genauer Ueberlegung mit R. Josua, datz diese zwanzig Piaster aus der leeren Kasse des Fonds für bedürftige Gelehrte gezahlt werden soll. Das ist zu billigen. Denn das ist die Grundlage des jüdischen Gesetzes: Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst. Und ist die alte Mirjam Rosenfeld nicht erst kürzlich in der Hitze mit einem Töpfchen Milch von den Pekidimhäusern bis runter zu den Siebenbürgischen Häusern gegangen, dorthin, wo die alte Riwke David wohnt? Jeder, der das Herz auf dem rechten Fleck hat, weiß was das für ein Weg ist. Beim italienischen Krankenhaus ist die alte Mirjam gestolpert. Das Töpfchen zerbrach. Sie hat es bei Silberstein gekauft. Und auherdem war es ein schönes steinernes Töpfchen. Und am folgenden Tag hat die alte Mirjam wieder ein Töpfchen Milch zur selben Riwke David gebracht. . Ja, diese Mirjam ist eine Gelehrte. Sie kennt das Gesetz. Und drum fürchten wir nichts und beschließen, diese zwanzig Piaster aus dem Fond für bedürftige Gelehrte zu nehmen. Und wir legen es vor aus der Kasse für schwache Wöchnerinnen, die sowieso schon ein Defizit hat. HI. Wenn nun alles so weit gediehen ist, dann schicken wir R. Jankele zu Mirjam, um sie zu benachrichtigen, datz wir sie auf der lustigen Veranda, die hier einfach „Bureau der Amsterdamer Pekidim" heitzt, erwarten. Und er soll ihr sagen, es sei ihr „eppes zugekommen".; O, wundervolle Worte! Ich bin kein Dichter, denn ich lese jetzt schon ab und zu Jacques Perk, aber ich fühle die Poesie der Worte: „Es ist Dir eppes zugekommen/' Die Bewohner der Pekidimhäuser sind alle arm und sie sind fromm. Viele haben Verwandte und Freunde in Amerika, wo die Menschen reich sind: Und ab und zu kommt ihnen durch Vermittlung der Pekidim „eppes zu": Dann müssen sie dreimal ihren Namen unterschreiben: Das heitzt natürlich „chasmenen". Einmal auf einem Brief für den Spender, einmal auf einem Briefe, der nach der schönen und reichen Stadt Amsterdam geht und einmal auf einem Papier, das hier bleibt. Wenn nun die alte Mirjam hört, datz ihr „eppes is zugekommen", kommt sie sofort zu uns. Es ist sehr feierlich. „Mirjam Rosenfeld", sagen wir dann, „es ist Dir eppes Schönes zugekommen, — zwei Paar Strümpfe, zwei Unterhosen, zwei Röcke, zwei Untertaillen und ein schönes Stückchen Stoff . . ." „Für mich?", sagt Mirjam zitternd: „alles für mich? — — gelobt sei der Schöpfer — — gelobt sei der Schöpfer-haschgocho peroties — — haschgocho peroties." „Wir haben auch noch zwanzig Piaster bezahlt — — an die Regierung," sagt R. Israel. Und dann werden wir übermütig^ Es ist so ein schönes Stückchen Stoff. Es ist sicher schon viele Jahre her, datz die alte Frau Rosenfeld ein neues Kleid gehabt hat. Das große Wort ist raus, ehe wir es noch ganz besessen: „Frau Rosenfeld", sagt bk jurfftWe Beirat bet Pekidim: „Wit werden Ihnen auch den Arbeitslohn für dös Kleid bezäylen." IV. Aber alle Pekidim haben auch ihre Kehrseite. Denn sobald das alte Frauchen, in ihrem Glück versunken, fort ist, kommt R. Jankele. Er heißt natürlich Jaacob Jecheskiel Rosenthal. Aber da seine Familie aus Danzic, stammt, nennen wir ihn R. Jankele Danziger. Er ist Unteraufseher der Pekidimhäuser. Im Range steht er unter R. Josua, aber über dem marokkanischen Hadji. Sein Gehalt ist ein halbes Pfund monatlich neben der Erlaubnis zu einem Mittagsschläfchen in einem leeren Magazin, wo es kühl ist: Er ist der Mann des passiven Widerstands und der offensiven Verteidigung. Er ist ungefähr achtzig Jahre alt. Cr bewahrt den Schlüssel zuni äußeren Tor aus, und wenn er in schlechter Stimmung ist, vergißt er das Tor zu öffnen und verliert den Schlüssel. . . . Und wenn dann das alte Frauchen Rosenfeld zu Riwke geht, mutz sie einen ganz weiten Umweg machen. Für Zurechtweisungen ist er taub, hört aber alles nicht für ihn Bestimmte.- Er kann lausen, wenn „eppes für ihn zugekommen" ist: Wenn er aber einen Auftrag ausführen soll, dann ist er sehr faul. Wir haben viele Beschwerden gegen ihn, und drum kommt er also mit Beschwerden gegen uns. „Bin ich ein alter Mann, oder bin ich kein alter Mann?", so eröffnet er das Gefecht. „Ein alter Mann — — R. Jankele — aber das äußere Tor-" „Entschuldigen Sie, bitte", sagt Jankele mit scheinheiliger Demut: „wir werden gleich über das äußere Tor sprechen — — de Gemoroh sagt, datz in allem Ordnung sein mutz — hat R. Josua das Recht, mich zu verhindern, bes Mittags im Magazin meinen Mittagsschlaf zu halten?" Das ist eine Rechtsfrage. Drum weichen wir diesem Angriff aus. . „R. Jankele", sagt der juristische Beirat: „Das Recht, mittags im Magazin zu schlafen, ist nicht ein Teil Eures Gehalts — das ist eine Gewohnheit — aber kein gewohntes Recht — es ist eine Gunst-" „Was sagen Sie" fragt R. Jankele mit großer, tauber Stimme. R. Israel übernimmt es zu antworten: „Der Herr hat gesagt, datz wir Euch von der Chaluka einen Piaster jedesmal abziehen werden, wenn des Morgens nach sechs das äußere Tor noch geschlossen ist, und zwei Shilling, wenn Ihr den Schlüssel verliert. —" „Ich b in vom Kolel Hod" (Deutsch-Holländische Gemeinde), sagt R. Jankele trotzig und drohend. Auf deutsch: „Romanus civis sum": V. Wir sind nun auf der luftigen Veranda, die hier immer noch „Büro der Pekidim" heitzt, an der Arbeit.! Es gibt viel zu tun. Da ist ein Haus in Safed und eins in Hebron, auf die die Pekidim ein Anrecht haben, das durch unverständige Menschen bestritten wird. Da ist ein Apotheker ili Jaffa, der den Pekidim Geld schuldig ist und sie darum auf eine Forderung verklagt. Dann wieder, ein ungarischer Künstler, der seinen Namen Seelenfreund in Jedidjah geändert hat, was dasselbe bedeutet. Er will sich Maschinen aneignen, die schon seit altersher den Pekidim gehören. Wir führen einen endlosen Briefwechsel mit der Regierung wegen Aufheben von Grundbelastung für die Pekidimhäuser und mit einem Ingenieur vom Jerusalemer Gemeinderat wegen Eratis- Wasserbeschaffung. Er will nur zwei Liter Milch täglich für die Person geben. Es ist großer Wassermangel. „Wäscht sich der Herr wohl mal ab und zu?", informiert sich der Doar Hajom interessiert. Es kommen auch viele Briefe wegen Unterstützung, Leute, die um Beitrag bitten für eine Reise nach Hebron, wo die Luft gesund ist: Oder nach den warmen Bädern von Tiberias. Fromme, aber arme Gelehrte bitten um Beitrag zur Aussteuer ihrer Tochter, was doch ein heiliges Gebot ist. Wir bekommen auch Briefe von Leuten, die nach dem Ausland wollen, weil sie hier-nichts zu leben haben.. Wir lesen all die Briefe sehr interessiert und wohlwollend, und wir antworten mit Interesse und Wohlwollen, datz wir kein Geld haben. In diesem Monat ist nur für wenige „eppes zugekommen". Wir fühlen uns arm und verlassen. Aber die angekommenen Schätze für das Frauchen Rosenseld sind uns ein großer Trost. „Sie war mit ihrem Kleid so glücklich," sage ich grübelnd. „In den Warschauer Häusern wohnt eine Näherin, die es für zwölf Piaster machen will", sagt R. Israel, ein großer und praktischer Mann. VI. Ganz wie es uns nun mal ansteht, haben wir alle Anfragen abgewiesen. Aber bei dem Brief von Riwke Rahabi zögern wir doch. Cs ist ein schwerer Fall. Diese Riwke ist eine junge jemenitische Witwe, die kinderlos geblieben ist. Nun kann sie wieder mit einem braven jemenitischen Arbeitsmann sich verheiraten. Aber sie mutz dann - erst Chalizah nehmen. Diese Chaliza gibt, seitdem die Juden so zerstreut wohnen, oft zu großen Schwierigkeiten Anlaß. Und besonders seit dem großen Kriege, m dem so viele Männer kinderlos gefallen sind. Die Schwierigkeit liegt nämlich darin, datz das Ehalizageben und — -nehmen persönlich vorgenommen werden mutz. Ein Bevollmächtigter genügt nicht. Und im Fall' der Riwke Rahabi wohnt der Chalizageber __ . 26. Juli 1B3 in Amerika. Er mutz Herkommen. Oder sie hin. Sonst kaM sie sich nicht wiederverheiraten. Aber sie ist mutig. Sie will-die große Reise machen. Und für diese Reise werden wir nun um Beitrag gebeten. Und was glauben nun die Palästinasachverständigen unter deck Lqetn, haben wir gegeben oder haben wir nicht gegeben? VII. So geht das Jahr vorbei. Der längste Sabbat ist heute: Der Sabbat beginnt heute um sechs Uhr und zwölf Minuten. Um halb vier beginnt die heiße Morgendämmerung/ Ich hoffe, datz unsere Freunde vom Misrachi es nicht übelnehmen, aber die Tage sind hier viel länger und beschwerlicher, als sie sich das m Holland vorstellen. Doch wir sind nicht mutlos. Was wir nötig haben, ist Ruhe und Nachdenken. Und das alte Frauchen Rosenfeld ist mit dem Kleid, das ihr die - Näherin in den Warschauer Häusern für zwölf Piaster gemacht haben, sehr glücklich. (Aus dem Holländischen des „Handelsblad" von H. K.) Kinderecke. (ÜVJÜ Erinnerung an Zion. Von Michael Sachs s. A. Wie es verkündet der Propheten Stimme, War es erfüllt, und von des Feindes Grimme Lag nun zerstört der Tempel und die Hallen, Die Gottesstadt in Staub und Wust zerfallen. Und düstrer Gram bedeckt gleich einer Wolke Die Frommen und Getreuen in dem Volke. Genuß und Lust will jeder sich versagen Und jede Freud und jegliches Behagen. Nicht atzen Fleisch sie, tranken keinen Wein, Dem strengsten Fasten ryollten sie sich weihn. Warum, fragt sie ein Weiser, meine Lieben! Wollt ihr an euch so strenge Bützung üben? O Rabbi! Soll uns laben wohl der Trank, Der eine Spende war dem Herrn zum Dank, Einst da noch stand des Ewigen Mtar? Der liegt zertrümmert nun, der Gaben bar! Wir sollten am benutz von Fleisch uns laben, Das einst gedient zu Heilgen Opfergaben? Und er darauf: Ward nicht auch Mehl verwendet Im Heiligtum, nicht Baumesfrucht gespendet? Auch Wasser ward am hohen Fest der Freuden Einst dargebracht, das alles müßt ihr meiden! So nehmt den Rat,. ihr Teuren, den zum Heile, Zum frommen ich euch treugesinnt erteile. Leichtfertig jede Trauer zu vergessen . Um solch Verhängnis, wäre wohl vermessen; Doch ohne ' Matz und Ziel ihr nachzuhangen, ' s Wär' ein nicht minder sündiges Verlangen. Wir dürfen nicht dem Volk jetzt auferlegen, Was es nicht, immer wird zu tun vermögen. Macht es denn so! Wer sich ein Haus baut neu, Latz' ohne Kalk dran eine Elle frei, Und an der Freude Tafel, reich besetzt. Entbehret etwas, das den Gaumen. letzt, Und an dem Schmuck der Mägdlein und der Frauen Sei irgendwo, datz etwas fehlt, zu schauen; Der Bräutigam an seinem Freudentage, Auf. seinem Haupte, trauernd, Asche trage. So wird durch mahnende Erinnerungszeichen Jerusalem nie aus dem Herzen weichen. Hebräisches WendeRätsel. In des Sommers heißen Tagen Wenn die Lüfte dumpf und schwül Ruhst in mir du voll Behagen. — Findest Labung frisch und kühl. Wende ich jedoch die Zeichen, Wirst du eilends von mir weichen, Meine Reden würden schmerzen Und verwunden fromme Herzen.