Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 64 (1923)
- Issue
- Heft 30 (26.7.1923)
- Date
- 1923-07-26
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 30 Seite 7 W. Juli 1923 II. In einem Artikel „Seelsorge und Krankenhaus" habe ich bereits vor einem Jahre die traurige Lage unserer Glaubensgenossen, die genötigt sind, in christlichen Krankenhäusern Anterkunft zu suchen, geschildert Zu den kövperlichen Gebrechen dieser Bedauernswerten tritt Zumeist noch die seelische Depression, indem sie häufig gezwungen werden, rituell vebotene Speisen zu genießen. In einem mir bekannten Krankenhause in einer großen Kehillo, die' heute noch eine TV Hrn&'ü ist, essen die meisten jüdischen Patienten trefo, weil niemand es ihnen ermöglicht, koscher leben zu können. Ein guter Iehudi in hiesiger Gegend mußte sich vor einigen Tagen in fraglichem Krankenhause, dessen Leiter ein ausgesprochener Philosemit ist und den jüdischen Patienten jedes mögliche Entgegenkommen ' gewährt, einer Operation unterziehen. Die Frau geht zu allen Metzgern, allen Restaurateuren und einigen Privatfamilien und bittet, ihrem Manne, natürlich gegen Bezahlung, alltäglich das erforderliche rituelle Essen zu liefern. Niemand will seine Bequemlichkeit opfern und diese ION Ni^ - Pflicht erfüllen. So sieht sich denn die Frau genötigt, alltäglich das Essen für ihren Mann selbst ins Krankenhaus zu bringen, trotzdem sie 4—5 Stunden entfernt wohnt. Nicht jeder ist in der Lage, ein solches Opfer zu bringen. Ich halte es hir eine unbedingte Pflicht, endlich einmal den Finger an diese wunde Stelle zu legen, damit keinem jüdischen Patienten die Möglichkeit genommen ist, auch im christlichen Krankenhause rituell leben zu können. Ich resümiere meine Forderungen für die Gegenwart dahin: Sorget für unsere Wohlfahrtseinrichtungen, gewähret unseren Kultusbeamten eine zeitgemäße Besoldung, nehmt Euch der ausgehungerten Kinder im besetzten Gebiete und in den Grotzftädtey an, und schützt unsere Patienten vor der Versuchung, verbotene Speisen zu genießen. konerpo«lie«re» « Nachrichten Reichszuschüsse für jüdische Lehranstalten. Berlin, 5. Juli. Der Reichstag Hat dem § 52 a der Novelle zum 'Landessteuergesetz, durch die den Ländern und Gemeinden der Ersatz von 75 o/o der Mehraufwendungen für Beamtengehälter aus Reichsmitteln gesichert wird, folgenden Absatz hinzugesügt: „Anstalten und Einrichtungen, die Aufgaben der öffentlichen Wohlfahrtspflege oder des öffentlichen Schul- und Bildungswesens erfüllen, und auf die keine Zuschüsse nach § 52 a entfallen,' erhalten Zuschüsse in -entsprechender Höhe. Die Reichsregierung bestimmt mit Zustimmung des Reichsrats die Grundsätze, nach denen Anstalten und Einrichtungen als zuschußberechtigt anzusehen und die Zuschüsse zu gewähren sind." Die Anwendbarkeit der Bestimmung auf die „unter- Tichtlichen Anstalten der Synagogengemeinden, die jüdischen Lehrerbildungsanstalten und die jüdisch-theologischen Seminare" wurde durch ausdrückliche, im Protokoll niedergelegte Erklärung festgestellt. - Wie die Blätter des Zentralvereins melden, soll die Aufnahme der Bestimmung den persönlichen Bemühungen des Herrn Dr. Jsmar Freund zu danken sein, der offenbar jetzt, nachdem er es mit seinen Verbänden verdorben hat, nach Art der alten Schtadlonim selbständige jüdische Interessenvertretung vornimmt. In dem vorliegenden Falle darf man ihm dafür durchaus dankbar sein — prinzipiell hat diese persönliche Politik starke Bedenken gegen sich. Darüber wird noch zu sprechen sein. Der Israelit Unruhen in vreriau. Breslau, 21. Juli. Im Zusammenhang mit den gewaltigen Steigerungen der Lebensmittelpreise. entwickelten sich am gestrigen Tage in den Hauptstraßen der Stadt größere Unruhen, die zu Plünderungen in Warenhäusern, Werkstätten, Kaffees und Konditoreien führten. Die Polizei, die anfänglich ihrer Aufgabe nicht recht gewachsen schien, schritt schließlich mit Energie ein, sodaß sechs Plünderer ums Leben gekommen sind. Der Oberpräsident hat über Breslau den verschärften Ausnahmezustand verhängt. Die Unruhen trugen nach den Aussagen vieler Beobachter einen ausgesprochen antisemitischen Charakter und sollen von rechtsradikaler Seite begünstigt worden sein; doch kann erst die genaue Untersuchung darüber klaren Aufschluß geben. Es sind mehrere hundert Verhaftungen vorgenommen. Die amerikanischen Ijilfsgelder und die polnische Orthodoxie. Warschau, 17. Juli. Der „Jud" veröffentlicht eine Erklärung, worin er scharfe Beschwerde darüber führt, daß der Abgesandte des „Central Relief", Harry F i s ch e l, sich während seiner Anwesenheit in Polen völlig als misrachistischer Parteimann gefühlt, die Schulen und sonstigen Institutionen der unabhängigen Orthodoxie vollkommen ignoriert und seine Informationen ausschließlich aus einseitig orientierten misrachistischen Quellen bezogen habe. Es ist im höchsten Grade bedauerlich, daß der seit Jahren vom polnischen Misrachi systematisch geführte Kamps, der wie nichts anderes zur Vergiftung der öffentlichen Meinung beigetragen hat, von amerikanischer Seite unterstützt wird. (Snglani. Ein anti$«miti$(Der Beieidigunssprozm. London, 20. Juli. Eines der schlimmsten antisemitischen Hetzblätter Englandes ist die Zeitschrift „ P l a i n E n g l i s h ", im Besitze des bekannten Lord Alfred Douglas. Auf einen in diesem Blatte erschienenen/ von wahnsinnigen Anklagen gegen die Juden strotzenden Artikel schrieb der „Jewish Guardian" eine scharfe Erwiderung, in der es unter anderem hieß: „Es darf nicht mehr länger ein rentables Unternehmen für Männer wie Lord' Alfred Douglas sein, gemeine Beleidigungen gegen die Juden zu erfinden!" Die Erwiderung wurde anständigerweise von der nicht gerade judenfreundlichen „Morning Post" übernommen und trug dem Blatte eine Beleidigungsklage des edlen Lords ein. .Der Prozeß gelangte am letzten Dienstag vor dem Geschworenen-Gericht zur Verhandlung und hat mit einer vernichtenden Niederlage des Klägers geendet. Die „Morning Post" wurde zu einem „farthing" (ein Viertel Penny) Geldstrafe verurteilt und dem Kläger bescheinigt, daß der Wahrheitsbeweis gelungen sei. Der Vorsitzende Richter erklärte: „Wenn ein Mann sich in einen Zustand solch heftiger und unvernünftiger Vorurteile hineinversetzt, daß er die gröbsten Anschuldigungen erhebt, ohne sich darum zu kümmern, ob sie wahr sind, dann darf man ihm vorwerfen, daß er Dinge erfinde und verbreit e." Um die 3ewi$h Jlgency. London, 20. Juli. In einem hier gehaltenen Vortrag erklärte Richard L i ch t h e i m, Mitglied der Zionistischen Exekutive, daß er es für gefährlich halte, nichtzionistischen Elementen Eintritt in die Jewish Agency zu gestatten. Insbesondere bestehe kein Bedürfnis nach einer Teilnahme orthodoxer, Körperschaften. Die Orthodoxie habe keine Jugend, die bei dem Aufbau Palästinas helfen könnte, und auch in finanzieller Hinsicht habe^ die Orthodoxie nicht viel zu bieten. Der Redner schloß mit dem Ausdruck der Befürchtung, daß seine Warnungen zu spät kämen. In der Diskussion kamen zumeist Gegner des Lichtheim'schen Standpunktes zu Wort. Lloyd George gegen den Antisemitismus. London, 18. Juli. Lloyd George veröffentlicht im Nahmen seiner Artikelserie, die regelmäßig in einer Reihe europäischer und amerikanischer Zeitungen erscheint, einen Aussatz, betitelt: „Palästina und die Zionisten", worin er den Antisemitismus scharf verurteilt und das zionistische Problem eingehend behandelt. In dem Artikel führt Lloyd George u..a. aus: „Von allen blinden Vorurteilen, die das menschliche Gemüt ausreizen, ist der Antisemitismus das unsinnigste. Es hat keinen Boden in der Vernunft — es wurzelt nicht im Glauben — es strebt kein Ideal an — es gehört eben zu jenem feuchten und ungesunden Unkraut, das im Morast des Rassenhasses wächst. Wie vollkommen sinnlos es ist, kann aus der Tatsache beurteilt werden, daß es sich fast ganz auf Völker beschränkt, die jüdische Propheten und Apostel anbeten, die nationale Literatur der Hebräer als die einzige Offenbarung der Gottheit an die Menschheit verehren und deren ganze Hoffnung aus Erlösung in den Verkündigungen und Versprechen der großen Lehrer von Juda seine Grundlage besitzt. Und doch können nach der Ansicht dieser Fanatiker die Juden von heute nichts recht machen. Wenn sie reich sind, sind sie Raubvögel. Wenn sie arm sind, sind sie Ungeziefer. Wenn sie einen Krieg begünstigen, wollen sie die blutigen Kämpfe der Christen zu ihrem eigenen Prosit ausnühen. Wenn sie nach Frieden verlangen, sind sie entweder Feiglinge oder Verräter. Wenn sie großmütig schenken — und es gibt keine freigebigeren Geber als die Juden — so tun sie es zu irgend einem selbstsüchtigen Zweck. Wenn sie nichts geben — was will man denn von einem Juden erwarten? Wenn die ^Arbeiterschaft durch das Großkapital bedrückt wird, ist die Geldgier der Juden dafür verantwortlich. Wenn die Arbeiterschaft sich gegen das Kapital auslehnt — wie sie es in Rußland tat — werden die Juden auch dafür angeklagt. Wenn der Jude in einem fremden Lande lebt, muß er verfolgt und durch Pogroms daraus vertrieben werden. Wenn er in sein eigenes zurückkehren will, muß er daran verhindert werden. Was immer er tun oder beabsichtigen oder unterlassen mag, seit Jahrhunderten wurde er in jedem Lande mit dem brutalen Ruf des Pöbels von Jerusalem gegen den größten aller Juden verfolgt — Kreuziget ihn! Nichts Gutes ist je von den Völkern gekommen, die die Juden gekreuzigt haben. Es ist ein armseliger und seiger Sport, dem alle wahren Eigenschaften der Männlichkeit fehlen, und diejenigen, die sich ihm hingeben, wären die ersten, daoonzulaufen, wenn irgend eine Gefahr dabei wäre. Die Judenhetzer sind meistensvon der Sorte jener, die gewichtige Gründe fanden, den Militärdienst zu meiden, als ihr eigenes Land in Gefahr war. Die letzte Leistung dieser abscheulichen Tendenz ist die Agitation gegen die Niederlassung armer Juden in dem Lande, das ihre Väter berühmt gemacht haben. Palästina erhielt einst unter jüdischer Herrschaft eine Bevölkerung von fünf Millionen; unter der drückenden Herrschaft der Türken konnte es kaum 700,000 Menschen ernähren . . . Wenn Palästina wieder in einen- Zustand versetzt werden soll, der nur annähernd seiner alten Blüte gleicht, so kann dies ausschließlich durch die Niederlassung der Juden geschehen. Der Zustand, in den das Land durch eine Jahrhunderte währende Bedrückung, die zerstörendste, welche die Welt gesehen hat, versetzt wurde, ist derart, daß ein Wiederaufbau nur durch eine Rasse möglich ist, die aus Gefühlsgründen bereit ist, für diesen Zweck Opfer zu bringen und zu erdulden. Betrachten wir die Geschichte der jüdischen Niederlassung in Palästina; sie hat nicht mit der „Balfour- Erklärung" ihren Anfang genommen. Vor einem Jahrhundert waren kaum 10,000 Juden in dem ganzen Palästina; vor dem Krieg waren es 100,000. Der Krieg hat diese Zahl beträchtlich vermindert und die Einwandeerung seit 1918 konnte die Lücken kaum ausfüllen. Bei dem jetzigen zögernden Tempo wird es viele Jahre dauern, bevor die 200,000 erreicht sind. Die jüdische Niederlassung hat praktisch vor 70 Jahren, angcfangen, mit Sir Moses Montefiores Experiment von 1354 — auch einem Kriegsjahr. Der Sultan hatte gute Gründe, die Juden damals zu begünstigen, ebenso wie die Alliierten 1917. So begann die jüdische Wiederbesiedlung von Palästina. Von diesem Tag an ging es langsam, aber stetig vorwärts." „Es gibt nur wenige Länder auf der Erde," meint Lloyd George, „die ihre Entwicklungsmöglichkeiten schlechter ausgenutzt haben, als Palästina". Jnbezug aus die Arabersrage schreibt Llyod George: