Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1923-07-26 · Heft 30 (26.7.1923) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
64 (1923)
Issue
Heft 30 (26.7.1923)
Date
1923-07-26
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/2446951-2450238-2450265--70665-2527958
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Der Israelit Nr. 30 Seite 8 26/ Juli 1923 _' meinen mit der 'Religion, denen die Religion nicht Politik, sondern Selbstzweck ist. garnicht das Bedürfnis verspüren, neue Missionsgebiete zu suchen. Dem wahrhaft religiösen Menschen mit dem inneren Drang zur religiösen Tätigkeit fehlt es nie an Arbeit im eigenen Heim und im eigenen Kreise. Es möchte mich bedünken, als gäbe es bei uns noch genug auf religiösem Gebiete zu tun, und wir verfügen wahrlich über Line so grotzen Kraftreserven. Und ich verstehe nicht, wozu das Laufen in fremde, kalte Gebiete, wo Luft und Menschen erstarrt sind, während im eigenen Heim viel mehr zu erreichen ist. Glauben sie wirklich, mit ihrem heißen Temperament, das Eis zu schmelzen? Ich glaube es nicht. Ich fürchte noch eher, daß sie sich im Gegenteil dort eine Erkältung zuziehen. Es ist leider eine bittere Wahrheit, daß es unter uns selbst mit der Religion noch nicht so glänzend steht, und wir haben vorerst alle Hände voll zu tun, um unsere eigenen Söhne und Töchter zu gewinnen. Wir selbst sind noch nicht so stark und fest in dieser Hinsicht, daß wir uns den Luxus erlauben könnten, das eigene Milieu und das heimatliche Klima zu verlassen. Dieser Klimawechsel kann uns sehr gefährlich werden. Gewiß glimmt in jedem von uns noch M heiliger Funken. Er kann aber leicht zur Verlöschung kommen. Wollen wir uns lieber zusammentun und die Einzelfunken zu einer großen Flamme vereinigen, dann werden auch die Erstarrten durch uns erwärmt. Wollen wir uns mit unserer direkten und nächsten Aufgabe beschäftigen, die darin besteht, alle frommen Iuden zu sammeln, alle warmen Herzen zu organisieren, bis daß jeder fromme Jude eine wirkende und schaffende Kraft bedeutet. Und euch Nichtorthodoxen rufe ich zu: Störet uns nicht in unserer ehrlichen Arbeit! Wir mobilisieren nicht zu Kriegszwecken, und wir schmieden keine Waffen, wir wollen bloß eine Festung bauen für unser schwaches Volk, und hoffen, es mit unseren Mitteln und Methoden besser zu machen. Auch für uns gilt der Grundsatz: Eigene Schule mit eigenen Lehrern und Muttersprache als Unterrichtssprache!! (Fortsetzung.folgt.) Das Gute und Böse i« philosophischer und religiöser Beleuchtung. §t*c Studie üöer den Sin« des Daseins von Oberrabbiner Dr. Adolf Altmann in Trier. (Schluß.) Jetzt war es aus mit der Fassung unseres irdischen Beobachters. Die ihm gestellte Bedingung völlig außer Acht lassend, machte er mit einem gewaltigen Aufschrei seinem gequälten Innern Luft und stieß das untersagte Wort hervor: „Warum?" In diesem Augenblicke brach auch schon der Himmelsboden unter seinen Füßen, er sank in die Tiefe und er sah sich wiederum i$t seine stille Klause zurückversetzt, wo Elia sich zum Gehen wandte und zum Abschiede, mit dem Finger deutend, den Schriftvers zurückrief: „Das Verborgene ist des Ewigen unseres Gottes, aber das Offenbare ist unser und unserer Kinder, auf immer auszuüben alle Worte dieser Lehre" (5. B. M. 29/28). „Wie?" — werden da vielleicht viele fragen — „ist das nicht wieder der erkenntnistheoretische Pessimismus mit einem anderen Ges-chte oder der grundlose Optimismus in einer etwas anderen Form? Wenn man den Widerspruch mit dem Offenbarungsgedanken beschwichtigt, ist das nicht auch Verurteilung zum -Nichtwissen oder Einkerkerung in die grundlose Ergebung? Nein, kann hieraus geantwortet werden. Das ist ganz und gar etwas anderes. Der wissenschaftliche Pessimismus führt den Menschen bis zur Einsicht seiner Erkenntnis schranke, zeigt ihm das fürchterliche, * lähmende Bild seiner Ohnmacht und überläßt ihn, da angeklagt, der Verzweiflung oder rät ihm bestenfalls, sich ergebungsvoll zu fügen. Der Offenbarungsoptimismus aber führt wohl ebenso den Menschen bis zur letzten Grenze seiner Erkenntnis hin, zeigt ihm geradeso seine eigene Wissensunzulänglichkeit, aber eben nur seine eigene. Mit dem gl«:chzeitigen Hinweis auf eine andere, gegebene wird als Ursächlichkeit einer möglichen Erkenntnis die Verzweiflung und Resignation vorweggenommen. „Du führst den Menschen bis zur Verzagtheit," läßt sich der Psalmist in diesem Sinne vernehmen, „und sprichst dann: „Kehret um. o Erdenkinder!!" (Psalm 90/3) — Freilich, der zureichende Grund des geoffenbarten Gottgedankens für das Gut und Böse ist kein Grund im üblichen Sinne dieses Wortes, keine logische und sinnliche Ableitung, sondern eben eine nicht weiter abzuleitende gegebene Tatsache Aber gerade deswegen ist es ein brauchbarer Grund, eine Ursächlichkeit, die alle Bedenken und alle Unbefriedigung aufhebt. Denn während der logische oder sinnliche Satz vom zureichenden Grunde immer wieder mit den eigenen Mitteln der Logik und der Wahrnehmung angetastet, untersucht und, wie wir gesehen, letzten Endes aufgehoben werden kann, ist die Souveränität der nicht weiter zu erklärenden, aber nun einmal gegebenen, d. i. — wie wir sagen — geoffenbarten Ursächlichkeit wohl nicht logisch und sinnlich zu bestätigen, aber auch mit keinem Mittel zu erschüttern. Der Offenbarungs-Gottstandpunkt, der die Grundidee des Iudentums ist, braucht daher auch keine Theodicee, die nie restlos gegeben werden kann. Gott steht darnach über den Gesetzen der menschlichen Vernunft. Sein Wallen in der physischen und moralischen Welt kann nicht nur nicht, sondern braucht auch garnicht, ja, darf nicht einmal gerechtfertigt werden und wirkt gerade deshalb rechtfertigend. 'n "m nwn pm n&J pw riDDn yw Gott gegenüber verliert jedes Klügeln und Vernünfteln Sinn und Wert. „Du solltest nicht die Weisheit Gottes zeih'n," „Hochmütiger Mensch, rebellisches Atom: Sieh' deines eigenen Geistes Schwäche ein! Der Ewige hat durch diesen Damm den Strom Vprwitz'ger Neugier in sein Bett gebannt. Er wollte wohl durch solche Finsternisse Beschämen deinen herrischen Verstand, Der. weil er einen schwachen Lichtschein fand. Wähnt, daß sich alle Wahrheit ihm erschließe. Du meinst, es fehle dir zu deinem Glück, Daß Gott vor deinem trüben Menschenblick Enthüllt den ganzen weiten Weltenbau? Damit sein Ratschluß deinen Beifall fände, Heischst du von ihm die Ueberschau Von aller Dinge Ziel und Ende. (Aus den letzten Gedichten Friedr. d. Gr.. Reimar Hobbing, Berlin.) So haben wir also die Weltanschauung des Iudentums, in llebereinstimmung auch mitmanchen erleuchteten Auffassungen außerhalb des Iudentums, als ein drittes, über den Weltanschauungen des Optimismus und Pessimismus aller Schattierungen Stehendes kennen gelernt — als ein ebenso der Beweise nicht bedürfendes, wie nicht bestreitbares Kriterium der Erkenntnis und des Werlmaßstabes, das, wie eine nicht weiter ableitbare, nun einmal gegebene Intuition wirkt, d. h. schlechtweg unumstößlich und daher absolut wahr ist. Stille Weihe. Ein an Umfang kleines aber seinem inneren Werte nach überaus bedeutsames Büchlein ist's, das Dr. Joseph Breuer mit seinen Aufsätzen, die unter dem Titel „Am Heiligtumsquell des jüdischen Ehelebens"*) soeben erschienen, den nclch Reinheit und Heiligkeit verlangenden jugendlichen Kreisen der jüdischen Gemeinschaft geschenkt hat. Der Verfasser hat darauf verzichtet, das ganze Gebiet der Serualethik systematisch zu behandeln, hat vielmehr' fünf Probleme herausgegriffen, die für die religiös gesinnten Kreise des deutschen Judentums von besonderer Aktualität sind: Das eheliche Reinheitsgesetz in seiner grundsätzlichen religiös-ethischen Bedeutung, die t r a d i -- tionelle Begehung der nnt^Dn '’D'1 "s, die Haarverhüllung der Ehefrau, die Bekehrung der Kinder über das Werden des Menschen und die Bewahrung der sexuellen Reinheit vor der Ehe. Alle Einzelheiten halachischer Natur beiseite lassend, versteht es Breuer, den sittlichen Kern eines jeden dieser Probleme in eindringlich ernster Darlegung blotzzulegen, und die Betrachtung von vornherein auf ein so hohes Niveau zu heben, daß alles Peinliche schwindet, die religiöse Weihe des Thorawortes das Verschiedenartige eint und eine harmonische Stimmung das Ganze durchwaltet. Das Buch ist eine wertvolle Ergänzung zu den bekannten Schriften von Bamberger (Amiro lebes Jaakaum) und Münz einerseits, der Earlebach'schen „Sittenreinheit" andererseits. Hoffentlich wird derPreis (SKfc 1.50 Grundpreis, also heute etwa Mk. 30.000 Ladenpreis) der Verbreitung nicht hinderlich sein. *) Verlag von I. Kauffmann, Frankfurt a. M. Jüdische Kunst aus der Großen Deutschen Kunstausstellung Karlsruhe 1923. Von Regierungsrat Prof. Linde in Baden-Baden. (Schluß.) Das rotgrundige Rechteck im Scheitelmittel ist von einem Blumenrankenornament gefüllt. Der graublaue Grund der Tonnenfläche wird mit leicht schwarz konturiertem, grünlichem Rankenwerk spielender Formen übersponnen, welches mit wechselvollen Tierbildern belebt und von einem horizontalen Blumenrankenfries über dem Architrav abgeschlossen ist. * Hinten über der graublauen Umrahmung der heiligen Lade hängt eine ebenfalls von Hasgall entworfene und ausgeführte polierte Messingampel für ewiges Licht in neuzeitlichem feinstem Detail des Aufbaues und der Profilierungen herunter. Das elektrische Licht erstrahlt in mattem gelblich-orange aus einer Art von Baluster getragenem Miniaturtempelchen, dessen entzückend und fein geschwungenes Dächlein in eine Spitze mit ausgeschnittenem Davidschild ausläuft. Der Lampenkörper wird von drei stabartigen Armen an Ringen gehalten, die oben in einem an einem Stab hängenden Kopfstück zusammenlaufen. Im rückseitigen Halbkreiszwickel hallen zwei Trompeten blasende Löwen gewissermaßen das oben genannte Rundfenster, dessen Karton ebenfalls von Kunstmaler Kahn stammt und dessen vorbildliche Ausführung von Friedrich Glatt in Pfo^heim herrührt. Die Helle Fensterfüllung weist einen hebräischen Gebetspruch auf und wird von einen: rötlich gezackten neuzeitlichen Friesband umzogen. Die übrigeblaugraugrundige Wandfläche belebt farbiges Rankenwerk ähnlich dem des Gewölbes und ornamentale Früchteschalen schließen die oberen Flächen von der glatten unteren Wandpartie ab. Das Hauptstück der Rückwand bildet ein alter Thoravorhang der Karlsruher israelitischen Gemeinde aus fämischfarbener Moireeseide mit reicher teils in stark erhabener Goldstickerei in Formen des XVIII. Jahrhunderts. lieber den Gesetzestafeln als Mittelstück sehen wir zwe: steigende Löwen unter der besonders kunstvoll gestickten großen Krone Davids. Unter den Gesetzestafeln steht in halbrunder Linie ein hebräischer Vers für den Neujahrstag, darüber die Schophar - Embleme. Die Buchstaben sind durch aufgesetzte Punkte als Chronostikou (Jahr der Entstehungszeit) gekennzeichnet. Die Halbkreisfläche über der Eingangswandseite harmoniert mit der gegenüberliegenden, nur betont, ein von Löwen gehaltene baldachinartige Vorhangsmalerei mit Davidsschild aus rotem Grund über dem Türsturz noch besonders den Zugang; anstelle der Früchteschalen der Thoraseite treten Blumenvasen und 2 Kraniche sind retzvoll und launig an eine Stelle des pflanzlichen' Rankenwerks gesetzt. Eine bescheidene Schrifttasel nennt oben unterhalb der Decke den Künstler in hebräischen Buchstaben. Die Raumausstattung bildet außerdem noch ein ebenfalls vom Architekten gezeichneter Eebetpult, dessen schmucke, gedrechselte Ecksäulchen und gute blaugrüne Farbgebung mit leichter Rankenverzierung ihn zu einem begehrenswerten Stück machen. Auf dem Pult stehen ein Paar prächtige, polierte Messingstandleuchter Hasgallscher ureigenster Schöpfung. Eine Menorah für Chanukkah schmückt den Raum als entwurflich wie technisch erstklassige Arbeit desselben Künstlers. Die elegant geschwungenen lyraartigen Arme

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.