Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 64 (1923)
- Issue
- Heft 30 (26.7.1923)
- Date
- 1923-07-26
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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2L ÄE IW ___ Minderheiten. Nick diese ganze Theorie Lallt unter den Tisch in dem Augenblick, da matt Inden, Ukrainer, Deutsche von den Universitäten aussperren will. Plötzlich erkennt der Staat das Vorhandensein gesonderter Minderheits - Nationen an, denen der Zutritt zur polnischen Nationaltultur naturgemäß nur in dem Matze gestattet zu werden braucht, wie das eigene kulturell-nationale Interesse es empfiehlt und die auf Toleranz doch höchstens dann Anspruch machen könnten, wenn sie Nationalpolen evangelischen oder jüdischen Glaubens wären! Die Vertreter der numerus clausus-Politik sind aber nicht nur blind gegen den widerspruchvollen Charakter ihrer Theorien, sondern auch gegen die eigenen staatlichen Interessen. Welch besseres Mittel zur'Polonisierung gibt es, als das Studium an einer polnischen Hochschule im jugendlichen Alter, da das Gemüt in der Regel allen Einflüssen zugänglich und der kulturellen Assimilation leicht geneigt ist! Und dieses einzige Mittel gibt man preis und stärkt damit nur die nationale „Dekomposition", die man angeblich fürchtet wie das Feuer. Fürwahr, hier gilt das alte Wort: nbpbpn nwü rrn^n ria. Die polnische Orthodoxie wird den Ausfchlutz von den Hochschulen am wenigsten empfinden; aber es ist natürlich, daß sie aus prinzipiellen Gründen gegen die verfassungswidrige Rechtsverkürzung ebenso entschieden Verwahrung einlegt wie die anderen, stärker interessierten Parteien, Der Äaplan-Skandal in Amerika. Wir haben in voriger Nummer eine Korrespondenz aus Newyork veröffentlicht, in. der auf das gefährliche Treiben des Talmud-Professors Kaplan an dem sich konservativ oder gar orthodox nennenden jüdisch-theologischen Seminar in Newyork hingewiesen war. Inzischen lassen weitere Aufsätze des „Iüdischen Licht" genauer erkennen, wetz Geistes Kind der famose Prof. Kaplan ist, deN man bisher offenbar ruhig in der Maske des frommen Talmudgelehrten hat einherschreiten und Geist und Gemüt Tausender von Schülern hat vergiften lassen. Man erzählt einem in Frankfurt lebenden „Maskil" der alten Schule das charakteristische Wort nach: „Es gibt doch kein größeres Äulom hatzey, als am Schabbos Nachmittag ein Blatt Gemore zu lernen und ein Pfeifchen dazu zu rauchen!" Der Zynismus, der aus diesem Bekenntnis einer schönen Seele spricht, scheint nun auch der hervorstechendste Charakterzug des __ Der Israelit _ großen „Rabbis und Professors Kaplan" zu sein. Aus seiner östlichen Heimat vielleicht mit reichem Wissen und scharfem Intellekt. aber umsoweniger Charakter übers Wasser getrieben, hat der gelehrte Herr es für gut befunden, äußerlich die Lebensführung des gesetzestreuen Iuden beizubehatten, dabei aber in feiner Lehrtätigkeit die jüdischen Grundbegriffe von Offenbarung, Göttlichkeit der Thora, Messianismus ihres überlieferten Inhaltes völlig zu berauben. Mit welch raffinierter Unehrlichkeit dabei vorgegangen wird, zeigt z. B. folgender Allsspruch Kaplans: „Wollten wir unsre Tätigkeit beispielsweise an der Doppelfeier der Festtage, unzweifelhaft einer heute nicht mehr verpflichtenden Last, beginnen, so würden wir nur zur Verzerrung unserer ganzen Bewegung in den Gemütern der meisten Leute Anlatz geben. Deshalb sollten wir jede Aktion hinsichtlich der zeremoniellen Observanzen aufschieb e n, wenigstens bis zu einem Zeitpunkt, in dem unser Standpunkt und unser geistiges Ziel allgemein bekannt werden." Welches dieses „geistige Z'el" ist, deutet Kaplan in folgenden, einer Publikation vom März d. I. entnommenen Sätzen an: 1. Wir dürfen nicht nur, sondern sollten die überlieferten ElaubensanschauungeN in Frage stellen. 2. In alten Zeilen hatten die Leute keinen Grund, die Traditionen, tzie ihnen überliefert waren, zu bezweifeln. Ihre Erfahrung war ebenso begrenzt wie die der ihnen vorangehenden Generationen. 3. Ohne Zweifel werden viele Lehren, die man bisher als zu heilig betrachtete, um in Frage gestellt zu werden, radikal veränd ert werden müssen. 4. Nur tote Steine verändern sich nicht. Alles Lebendige ist dem Wechsel unterworfen. Diese Lehren, die sich wie alte Ladenhüter aus der Rumpelkammer der Reform von vor hundert Iahren ausnehmen, fielen garnicht auf, wenn sie von. Cincinnatti aus, der Lehrstätte des Reformkämpen Wise, in die Welt gesetzt würden. Datz sie von einem Vertreter des Schächter'schen konservativen Seminars, an dem in der Tat Lluch konservative Dozenten wirken, gleich neuen Offenbarungen in die Welt gesetzt und datz ganze Scharen von gutgläubigen, systematisch in die Irre geführten jungen, Leuten um sie gesammelt werden, ist ein MD Plil/ den man selbst in Amerika nicht für möglich gehalten hätte. Man _ Nr. 30 Seite 3 darf gespannt sein, wie sich vor allem die übrigen Dozenten des Seminars zu dem als miBi n'DB gekennzeichneten geschätzten Herrn Kollegen verhalten werden. Ueberliefernng und Schrifttext. Von Rabb. Dr. S. Kaah in Kindenvurg H. S. A)er die BrDBtP mm, die schriftliche Lehre, im Lichte der IO min» der mündlichen Lehre, betrachtet, der wird immer von neuem staunen über die Tiefe und die Fülle, welche das Schriftwort für den gewinnt, der den Andeutungen nachzugehen sich bemüht, welche der durch die Träger der lleberlieferung erschlossene heilige Text in sich birgt. Mit je größerer Liebe und Sorgfalt wir uns in diese Andeutungen versenken, desto besser werden wir die Wahrheit des Satzes erkennen MB 81ii pl IM *6 “D „denn es ist kein Wort, das für euch leer wäre" drin pl "811 DBB „und wenn es leer ist, dann durch euch selbst" miro pW nna p8w ’odb iBbi Warum? Weil ihr euch nicht müht in der Thora." Es ist die Leere und die Armut des eignen Geistes, durch welche der Irrtum entsteht, daß das Gotteswort nicht reich und voll genug sei; denn nur dem, der wahrhaft sich müht, wird die Thora wahrhaft sich auftun. Iede Zeile des Talmuds und der Midraschim zeigt uns die Wahrheit dieser Lehre, und von der ältesten Zeit bis auf die neue haben die jüdischen Bibelkommentatoren auf die wunderbare Uebereinstimmung von Ueberlieferung und Schrifttext hingewiesen. Eine unerschöpflich reiche Fundgrube bieten für die neuere Zeit die hebräischen Kommentare Mälbim und “B'D! mm und die deutschen Kommentare von S. R. Hirsch und D. Ho ff mann. Im Wesensder Wissenschaft liegt es aber, datz sie nie als eine abgeschlossene betrachtet werden darf, sondern daß für alle nachfolgenden Geschlechter immer noch genug für das eigne Forschen übrig bleiht. Ich will in folgendem an einem kleinen und trotz seiner Anspruchslosigkeit markanten Beispiel zeigen, wie die Gesetzesauslegung der mm r© trotzdem sie scheinbar im schlichten Wortsinn des Textes nicht enthalten ist, dennoch dem wahren Sinn des Satzes gerecht wurde. Es sind dies die Vorschriften 5. B. M. 23. 25—26: „Wenn du in den Weinberg deines Nächsten kommst, so darfst du nach deinem Verlangen zu deiner Sättigung Trauben essen, aber in dein Gerät darfst du nichts tun. Wenn du in das Getreidefeld deines Nächsten kommst» so darfst du mit deiner Hand Aehren pflückest, aber eine barter, längst von Anderen, erdachtem Gedanken war es als etwa ein Rufen göttlichen Trostes, vor allem aber ein Verlesen und pompöses Verkündigen welt- und menschenfremder Spekulation im Gegensatz zu Jesajas zu Herzen gehender Trostrede, und, was der markanteste Unterschied ist, ein schrankenloses Ausschellen eigener Bedeutsamkeit im Gegensätze zum ganz unpersönlichen Gottesworte unseres Propheten. Selbstverständlichkeiten scheinen uns die Worte dieses Rufes des Jesaja; auch ihm mögen sie als solche erschienen sein. Gott mutzte ihn also ermuntern, diese Worte der Vergänglichkeit, obzwar sie selbstverständlich aber weil sie den Menschen fremd geworden sind, den Menschen in die Ohren zu rufen. Die tröstende Wirkung dieser Worte liegt eben darin, datz sie den Unterdrückten an die Vergänglichkeit auch des Unterdrückers erinnern, an dessen Gewalt er sich fast schon wie an etwas Unabänderliches gewöhnt hat. „Alles Sterbliche gleicht dem Grase"; — auch der mächtigste Unterdrücker mutz „dorren^, wenn seine Zeit gekommen. Man vergleiche hiermit den Inhalt des sechsten bis fünfzehnten Kapitels des Buches Jesaja, oder, noch populärer, den des Chadgadja-Liedes, oder Hillels Ausspruch bei Anblick eines schwimmenden Schädels: Selbst diejenigen Zerstörenden Gewalten, die im Dienste der göttlichen Gerechtigkeit ihr Vernichtungswerk getan haben, entgehen nicht dem Zorne Gottes über alle Gewaltherrschaft. Dabei ist es auch ohne Belang, ob der Gewaltherrscher ausschließlich dem Chazir, dem Unkraut gleichend nur den Boden entkräftet, auf dem Nützliches gedeihen sollte, oder ob er, gleich dem Ziz, der Blume durch äußerliche Harmonie eine Existenzberechtigung vorzutäuschen weiß; sein Ende naht, sobald des Allgütigen Wille es beschließt. Sicher ist, datz die Herrschaft der Gewalt einst „gleich Rauch von der Erde schwindet." — Aber was nicht sicher ist, das ist, ob auch, wenn Gott die Schale der Gewalt zersprengt haben wird, der m sie gesperrte Kern der Unterdrückten dem Anstürme des Schickjalshammers auf seine Schale widerstehen kann. Kommt die Befreiung nur von außen, so kann es geschehn, daß mit der Schale zugleich der Kern zerschellt. Das Leben jedoch, das von innen aus einer Schale erwachend sich hervorpocht, besiegt diese. Die Menschenwelt kann niemals aus tiefem Verfall sich erheben, wenn sie die äußerliche Einwirkung eines irgendwann daherrvehendeu n*P untätig abwarten will; dann ist oyn TSH das Volk hinfällig gleich dem Grase, das den günstigen Wind nicht mehr erlebt. Die Zeiten des Verfalles können nur durch -in-j, durch ein wort des Allgütigen, das von den Menschen gehört wird, überwunden werden. Nicht „eine frommere Stimmung abwarten" war die Losung der aufsteigenden Generation eines S. R. Hirsch, sondern "8131 ein Hinstreben zum Worte Gottes, zu lebender Tat m seinem Gehorsam. Nur dann, wenn Gott als „unser Gott" begriffen, wenn über unsere Weltsendung nicht unsere spezifisch jüdische Aufgabe - vergessen wird, — dann allein ist Aussicht auf Dim dauernden Bestand des begonnenen Werkes. Und eben hierin liegt der wahre Trost im tiefen Unglück. Israels tiefster Schmerz ist die Furcht davor, datz im Sturme der Zeiten, der seine Unterdrücker hinwegfegt, auch von Israels Pflanzung manche Blume fortgeknickt, datz im Niederbruch feindlich gesinnter Umwelt auch so manches jüdische Herz seines inneren Halts beraubt, datz nach Befreiungen und Emanzipationen immer wieder die Festigkeit unseres religiösen Zusammenhaltes erschüttert wird. Jesaja aber ruft über unseren ganzen Leidensweg den Trost, datz dies nur dann zu befürchten sei, wenn, wie es oft war, ern ""j nil von Gott über die Welt geatmeter Hauch der Barmherzigkeit allein ohne Israels Zutun die Befreiung erwirkt hat. Ist aber Israels Mitwirkung dabei, und zwar Israels Verwirklichung des ml Wortes Gottes, also Israels ganz eigene Selbstvervollkommnung als Vorbild der Völker, dann find wir ewig fest gegen jeden Ansturm fremder Lehren. Keine geeignetere Zeit im Jahre kann uns heutzutage diesen Trostesruf verstehen Helsen, als der Sabbat, an welchem wir uns aus der Trauer des neunten Aw erheben und schon den Tagen der Verinnerlichung, . der Elul-Weihe uns nähern. Jesaja lehrt uns an solchem Tage, in unserer Seele, in der Thora, die Israels Seele ist, und nicht in den politischen Künsten anderer Kulturgemeinschaften unsere Zukunftshoffnung zu erblicken. Vom Sabbat-Nachmu an ist es vielleicht auch aus solchen oder ähnlichen Erwägungen üblich, den allnächtlichen Schiur, wenn er wegen des Sommers unterbrochen war, wieder aufzunehmen. Denn aus innerstem Kerne nur erneuert sich Israels Blüte, aus der Wurzel des Eotteswortes ... Für unsere an Konferenzen und Kongresse,' Reden und Mehrheitsbeschlüsse gewöhnte Zeit ist es nötiger als für jede andere Zeit, zu betonen, datz alle solche äußere Hilfe nur dann in eine glückliche Zukunft führt, wenn sie ganz auf den inneren Wert des"8 "Ql gegränbet ist. Vorm Niederbruch ist nur das Haus "bewährt, „das in den Nächten vom Liede der Thoraforschung erklingt," — sagt der Talmud, und selbst dem, der „allein sitzt und .schweigt, weil er es auf sich nahm," nämlich das Erlernen der Eotteslehre, blüht vielleicht, ulaj jesch tikwa, vielleicht eine Hoffnung.