Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 64 (1923)
- Issue
- Heft 30 (26.7.1923)
- Date
- 1923-07-26
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 30 ©er Isr a e l i t aussichtslos ist? Heißt es nicht, eine Wohltat an ihnen üben, sie frühzeitig fchoy zu bestimmen, sich dem Kqufmamissicmde zuzuwenden? Nur verärgerte stnd verbitterte Gemüter, nur mit traurigsten Erfahrungen belastete Herzen dürfen so verallgemeinern, nur kurzsichtige Politiker können derartiges empfehlen und nur der so raten, der den Glauben an die Zukunft verloren hat und die augenblicklichen Besoldungsverhältnisse verarmter. zusammengefchrumpster, unverständiger oder böswilliger Gemeinden auch für die künftige Stellung des Lehrers dauernd verewigt sieht. Ich sehe, in nüchterner Beurteilung, das Morgen anders, schöner und besser, ich sehe aber auch das Heute nicht ganz ohne Licht und ohne Erhebung: Wer es, wie ich, erlebt hat, daß mancher junge Lehrer glänzende kaufmännische Angebote ausgeschlagen hat und auf seinem Posten ausharrt, der ihm weniger Glanz und nur innere Befriedigung gewährt, wer weiß, daß die letzten Prüflinge an unserem Seminar trotz Abratens von unberufener Seite, ich glaube ausnahmslos, dem Lehrerslande erhalten blieben, und wer hört, daß der jüngste unserer Zöglinge, der im Frühjahr als nunmehr einziger in die dritte Klasse des Seminars eingetreten ist, von der Mutier, die ihn fürs Geschäft bestimmt hatte, die Erlaubnis, gleich den Brüdern auch Lehrer werden zu dürfen, sich erbettelte, der braucht es wahrlich nicht als eine Versündigung an jungen, begabten Menschen zu betrachten, sie in ihrem Streben zu fördern, und dient dem Einzelnen und der Gesamtheit wahrlich mehr, als wer in diabolischer Verzückung in die Welt hinausruft: Taschen zu, damit das Seminar, je früher umso lieber, eingehe. Ist die Anzahl unserer Schüler auch größer als in einer jüngst veröffentlichten, gewiß nicht aus Altruismus geborenen und von Unwahrheiten, Ungenauigkeiten und Einstellungen strotzenden Denkschrift angegeben war, sie ist klein genug, um unfern Standpunkt und unsere Bemühungen, das Seminar trotzdem aufrecht zu erhallen, darlegen und rechtfertigen zu müssen. Wenn man aber ein Bethaus oder ein Lehrhaus nicht einreißen darf, bevor ein anderes an seiner statt erstanden ist, nicht einmal, um mit den Materialien des niederzulegenden, das neue, schönere zu erbauen, um wie viel weniger dürfen wir schließen, wo ein vollkommenes Vakuum entstehest würde und es mit dem Aufhören unseres Seminars in Preußen überhaupt keine Lehrerbildungsstätte mehr gäbe! Jsts nötig, durch Heranbildung von Lehrern für die Erhaltung und Pflege des Gotteswortes in den Gemeinden zu sorgen und jungen Menschen die Möglichkeit zu geben, auf den Lehrberuf sich vorzubereiten, dann müssen alle anderen Erwägungen zurücktreten, - auch die ungünstigste Statistik des. Augenblicks, hinter der Erkenntnis der Unentbehrlichkeit des Instituts. Und darum ergeht unser Ruf an die weiteste, breiteste Oeffentlichkeit, Herz und Hand weit zu öffnen zur Rettung und Erhaltung des Seminars, damit der drohenden geistigen Verödung und religiösen Verelendung unserer Gemeinden entgegengewirkt werde und Thoralicht erstrahle und Thoraleben bestehe und erstehe allüberall. Zur Aufklärung und zur Ermunterung habe ich zur Feder gegriffen, nicht zur Polemik. Nachdem man aber zum Kampf aufgefordert, will ich wenigstens richtigstellen. Die mit dem Lehrerseminar verbundene, heute Morijah geheißene Uebungsschule bedarf der Spenden von auswärts nicht: sie lebt von Eingängen aus Köln und von den reichen Spenden um den Unterricht und um die jüdische Erziehung ihrer Kinder besorgter Eltern. Infolgedessen beansprucht auch die Finanzierung der Morijah, deren Unterbau die Grundschulklassen sind und deren Oberbau im wesentlichen Mittelschulcharakter trägt, keinerlei öffentliches, über die Grenzpfähle Kölns hinausgehendes Interesse. Nachdem aber dieser Schule vornehmlich, und. nicht dem Seminar, die so herzlichen Sympathien des Lehrerkollegiums der Kölner städtischen israelitischen Volksschule gehören, weil es in der Blüte der Morijah eine Gefahr für den Bestand und den Todeskeim der eigenen Schule sieht, und es diesem seinem wohlverständlichen Schmerz und dieser Besorgnis so bewegten Ausdruck vor den Öhren der deutschen Iudenheit geben zu müssen glaubte, diene ihm folgende, das rein Lokale außer acht lassende und nur das Generelle und das Prinzipielle streifende Erwiderung. Einst bestand in einer Stadt ein aus öffentlichen Mitteln unterhaltenes, in günstiger Lage und in einem Prachtbau unter gebrachtes, jedem Patienten zugängliches Krankenhaus. Als aber später von privater Seite ein gleiches, das all dieser Vorzüge. entbehrte und zudem ein hohes Pflegegeld von den Kranken forderte, errichtet war, und allmählich das erste Hospital nur noch von denen aufgesucht wurde, die das andere, und zwar lediglich aus Raummangel, ablehnen mußte — war es da berechtigt, der Neugründung Steine in den Weg zu legen? War nicht im Gegenteil bewiesen, daß der Grund dieser eigenartigen Erscheinung in inneren Mängeln des einen und in offenkundigen Vorzügen des anderen, vom Vertrauen des Publikums getragenen Heims zu suchen und zu finden sein mußte! m ÄUR1923 May übertrage das GleichM ans das jüdische. Polksschulwesen in Köln Md man hat den Schlüssel zur Losung allex Rqisel in Händen. Morijah genießt das Vertrauen der grämten jüdischen Elternschaft der Stadt, weil sie fast durchweg religiös orientiert ist und ohne Rücksicht auf alle demagogischen und verhetzenden Schlagworte. wie Separatgemeinde und Äustrittsorthodorie, die Jugend einer Schule anvertrauen will, die sie in jüdischem Geiste erzieht, Heren Lehrerschaft lebt, was sie lehrt, deren TNaßnahmen und Einrichtungen zum praktischen Judentum zu erziehen bestimmt sind, deren Streben es ist, ein möglichst großes Maß an jüdischem Wissen zu vermitteln und so alles zu tun, was geeignet ist, die Söhne und Töchter dem altüberlieferten Judentum zu gewinnen und zu erhalten. Daß es eben und ausschließlich Weltanschauunsfragen sind, die beide Schulen trennen, das hat die Denkschrift wohlweislich verschwiegen, ist aber jedem einigermaßen Eingeweihten offenkundig. Und sollte selbst, was wir mit aller Kraft zu verhüten unsbemühen, das Seminar eines Tages eingehen müssen, Morijah kann und wird nicht untergehen' und wird allen Anfeindungen, von welcher Seite immer sie kommen mögen, siegreich Trotz bieten. Möge man doch endlich den Kampf gegen bewährte, segenspendende Institutionen aufgeben und seine Kräfte nicht zum Niederreißen, sondern zunl Aufbau einsetzen! Wochenrundschaü. Der numerus elausus in Polen. Mit knapper Mehrheit ist der „politische numerus clausus" — wie ihn der Rektor der Warschauer Universität getauft' hat — von der Sejm-Kommission angenommen worden und nur dem Umstand, daß ftie noch ausstehende dritte Lesung durch die parlamentarische Sommer-Pause hinausgeschoben wird, ist es zu danken, daß nicht schon zum Wintersemester die Pforten der polnischen Universitäten sich für Juden, Ukrainer, Deutsche und sonstige Bürger zweiten Ranges endgültig schließen. Es ist merkwürdig, wie sich auch in dieser Tragödie der numerus clauses-Bewegung die alte Wahrheit wieder offenbart, daß der Haß blind ist. Mit allen Kräften sträuben sich die neuen Oststaaten, vor allem aber Polen, gegen ihre Einordnung in den staatsrechtlichen Begriff des „Nationalitätenstaates". Sie alle wollen einheitliche Nationalstaaten sein mit allenfalls konfessionellen, aber keineswegs nationalen Weltentrost. *ö “33^ D'O b)7) ^3 („Denn groß wie Las Meer ist dein Bruch . . .) Jirmijahus Klagelieder. Zu Jirmijahus Klageruf, der Israels nationalen Sturz mit dem Brechen der Meereswogen vergleicht, fügen die Weisen das rätselhafte Wort: „Er, der dereinst den Bruch des Meeres heilt, er wird dir Heilung senden: 833^ iD 7b NBT tfin bü 133V." Was haben unsre Weisen damit sagen wollen? In der Verbindung zweier Gedanken, die dem Ksaw Sofer einerseits, S. R. Hirsch andrerseits, zu danken sind, bietet sich die Lösung. In: 96. Psalm, der das Einschreiten der richtenden Eottesallmacht mitten hinein m die zerfahrenen politischen Zustände der entarteten Völkerwelt und die Heraufführung des ewigen Friedens schildert, wird der Jubel der ganzen Natur als Schauplatz der sittlichen Welt, das Jauchzen der Waldbäume, das Frohlocken der Feldes Halme besungen und dazwischen vom Meer verkündet^, DT) OV3\ es „braust das Meer heran" und seine Fülle. Das Meer schickt sich an, so meint Rabb. Hirsch, das Strafgericht an dem sittlich Schlechten zu erfüllen, auf daß der bei der Schöpfung nur für das Sittliche vom Meere freigegebene feste Erdboden wieder seiner einzigen Bestimmung diene. Der Erdboden dient der Sittlichkeit oder er wird vom Meere wieder verschlungen. In dem überall zu beobachtenden Heranrollen der Meereswogen an den Strand zeigt sich jeden Tag diese richtende Tendenz des Meeres als Wertzeug des Weltenrichters — das Brechen der Wogen ist also jedesmal ein Symbol des göttlichen Erbarmens, das der Menschenwelt Zeit zur Entwicklung, zur Tcschuwa läßt. Ist aber einst der Geschichte Ziel erreicht, ist Gott „König über die ganze Erde", dann heilt Gott den Bruch »des Meeres gänzlich. Die drohend heranrollenden Wogen glätten sich und funkeln friedlich im Glanze des himmlischen Lichtes der Zukunft, des Q*»“T)03 Diörn. Iirmijahu hat somit den wahrhaften.Trost des jüdischen Volkes an den Trost der Allmenschheit, an die Wiederverjüngung der ganzen Natur gestrüpft, und wenn wir uns am 9. Aw trauernd zur Erde setzten, so blickten wir sehnend aus auf das Zukunft sziel der ganzen Menschheit', auf den Höhenflug des Weltalls, die unlöslich geknüpft sind an die nationale Wiedergeburt des jüdischen Volkes aus den: Geiste der Thora. Aktuelles aus Jesaja. Von Rabb. Dr. B. Cohen in Berlin. (Fortsetzung,) - (Wir unterbrechen wegen der Bedeutung des Sabbat Nachmu, den wir heute begehen, die Reihenfolge unserer Betrachtungen durch folgende Gedanken aus Kap. 40): V. 6. Eine Stimme spricht: „Rufe!" Und mein Geist antwortet: Was soll ich rufen? — „Alles Sterbliche ist Gras, all seine Tat gleich der Blume des Feldes. 7. Es trocknet das Gras, es zerfällt die Blume, wenn Gottes Wind dagegen weht; ja, Gras ist das Volk. 6. Es trocknet das Gras, es zerfällt die Blume, und unseres Gottes Wort besteht ewig." Inmitten eines zum Trostspenden bestimmten Kapitels muten uns diese Ausrufe sonderbar an. Sie sind ja eher geeignet, einen im Glücke Verblendeten an das Schicksal alles Sterblicheen, als einen frommen Dulder an Gottes Erbarmen zu erinnern. Nach einer der überlieferten Erklärungen sind diese Worte auch wirklich in diesem Sinne gemeint, und sie richten sich an Israels Unterdrücker. Hierdurch werden aber einige Schwierigkeiten unbeantwortet gelassen. Gottes Zedern schmetternde Zornesstimme hätte erwähnt sein müssen, nicht sein sengender Südsturm, wenn vom Untergange der Frevler die Rede wäre. Wer ferner ist das hier dem Gras verglichene „Volk"? Noch ein anderes Mal erging, allerdings aus dem Munde eines von uns nicht als Prophet anerkannten Mannes, an eine ganze Welt das Wort: „Eine Stimme spricht „Rufe!" und ich antwortete: „Was soll ich rufen?" Aber wie anders war der Inhalt jenes Rufes des „Propheten" der Araber! Mehr ein Lesen als ein Rufen, mehr ein Verbreiten längst Anderen geoffen-