Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 64 (1923)
- Issue
- Heft 29 (19.7.1923)
- Date
- 1923-07-19
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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. 19. Juli 1923 Seite 2 Nr. 14 B l ä tt e r Weitere Wahlergebnisse der Delegiertenwahl zur Kenessio Gedanlo in Deutschland. wahlgruppe: Berlin (Zeirim) . ... . . Frankfurt a. ZIT. (Zeirim).•. . Halberstadt (Nachwahl) .. Trier .. Gewä Abgeordneter: Moses Feldmann (Postmann) Zsaac Grüngras. Dr. 7X1. Schlesinger. Oberrabbiner Dr. Altmann. l t a l s Stellvertreter: Si mche Steiner. Aba Bornstein. Dr. PH. Frankl. Robert Fische ' Agudas Jisroel in Holland. Von einem Agudisten. (Uebersetzung aus Nr. 51 des „Nieuw Israelietisch Weekblad" in Amsterdam.) > ^Fortsetzung.) Wenn wir die Charakteristik des Misrachi-Gedankens richtig wiedergegeben haben in der kurzen Sentenz: „Die Thora ist. geschaffen für Israel", dann haben wir zugleich den der Misrachi-Jdee gegenübergestellten Aguda- Gedanken erfaßt. - Denn die Aguda geht aus von dem Standpunkt: „Israel ist geschaffen für die^ Thora." Die Thora, so lehren unsere Midraschweisen/ ist durch Gott geschaffen 2000 Jahre vor der Erschaffung der Welt und seit der Erschaffung der -Welt hat Gott Menschen erschaffen und Völker in das Dasein.gerufen, von denen keines mit den Eigenschaften. ausgerüstet war, um das Kleinod zu empfangen, zu welchem Gott in Abraham den Mann rief, der die Qualittäen besaß, um Stammvater des Volkes zu werden, das befähigt sein soll, die Wahrheiten der Thora in sich auszunehmen und nach außen zu tragen. Dieses Volk war Israel. Nicht um Israel glücklich zu machen, hat Gott ein Gesetz entworfen, das Er Israel gegeben hat. Gott schuf Israel, um zur Verherrlichung Seines Namens, der Gedankenwelt der Thora Verwirklichung zu geben. Israel entlehnt seine Daseinsberechtigung seiner Bereitwilligkeit, die Thora zu empfangen und sein Lebensglück dem Maße von Intenfivität, womit es diese Bereitwilligkeit in der Lebenspraris zeigt. „Wir sind ein Volk geworden an dem Tage des Auszugs aus Aegypten und weil ein Volk ein Gesetz haben muß, hat Gott uns die Thora gegeben", so sagt Misrachi. Und Aguda sagt: „Noch bevor wir ein Volk wurden, hat Gott uns die Pflicht auserlegt, die Thora zu erfüllen und wir wurden ein Volk unter der Bedingung, daß wir diese Aufgabe auf uns nehme n sollten. Zwei Welten: Aguda und Misrachi. Nicht allein theoretisch zwei Welten, sondern auch in der Praris. Die Aguda erklärt von sich selbst, daß sie die Organisation ist, die alle jüdischen Probleme lösen will im Gei st e von Thora und Tradition. Wer liest hiervon einen Buchstaben in dem Programm des Misrachi? Für Misrachi. bestehen keine jüdischen Probleme mehr. Misrachi hat die Lösung bereits gefunden: die Erbauung des öffentlich-rechtlich verbürgten eigenen Wohnplatzes in Palästina für das jüdische Volk — zufolge Thora und Tradition. Die politische Forderung des misrachistischen Programms ist durch die Balfourerklärung erfüllt und Misrachi hat also nicht mehr zu tun als zu arbeiten an der praktischen Erfüllung der Erfüllung. Für die Aguda ist/ dennoch das jüdische Problem oder laßt uns lieber sagen das Ganze der jüdischen Probleme — mit der Balfourerklärung nicht gelöst,' im Gegenteil, hierdurch hat sich der Reihe der jüdischen Probleme eins zugefügt; für die Aguda ist mit dem Staatsstück von Balfour die Anzahl Probleme durch eins — und wohl durch ein sehr - schweeres — vermehrt: Wie sollen wir Juden, die wir unerschütterlich auf dem Boden unserer Thora stehen, vor welcher alles Glück in das Nichts sinkt, wenn die Grundfesten, worin das Judentum wurzelt, die schriftliche und die mündliche Lehre gleichzeitig untergraben werden, wie sollen wir aus dieser Balfourerklärung, die die Aussicht, wennschon es auch eine mit Nebeln umflorte Aussicht ist — auf neues jüdisches Leben auf dem geweihten Grund unserer Boreltery öffnet; die die Möglichkeit, — wenngleich es auch eine Möglichkeit mit einer unbegrenzten Anzahl Hindernisse — schafft zur Gründung einer mehr oder weniger ansehnlichen Gruppe Stammesgenossen im Lande der Väter, wie sollen wir aus dieser Balfourerklärung, worin wahrlich in der fernsten Ferne, nicht die Lösung des jüdischen Problems liegt, aber woraus doch ein Geist von Wohlwollen für die Iudenheit spricht, holen, was heraudholen ist; wie sollen wir diese Balfourerklärung gebrauchen können zum Heil, zum körperlichen und geistigen Heil der Iudenheit? Wie sollen wir diese dienstbar machen können dem jüdischen Ideal? Siehe, da das neue Problem, das in 1917 für die Aguda entstanden ist, und dem sie nicht aus dem Wege geht, aber an dessen Lösung sie freudig und mit aller Kraft arbeiten will. Wenn also die Aguda praktische Palästina-Arbeit auf das Programm gesetzt hat, bedeutet dies keineswegs, daß die Aguda auch eine Art Misrachi ist; wer gelernt hat zu unterscheiden, begreift, daß die Tendenzen der agudistischen und der misrachistischen Palästina-Arbeit himmelweit voneinander verschieden: zwei Welten. Einige feurige Zionisten haben für. die Aguda Lichts als Hohn und Spott und Geringschätzung übrig. .Diese Gefühle kulminieren in der mehrmals gehörten Sentenz, daß die Aguda auf. dem Zionismus und Misrachi parasitiert. daß die Aguda sich der Palästina-Arbeit enthalten muß, denn diese sei die Domäne der Zionisten. Einer solchen Anschauung müssen wir uns indessen widersetzen. Allerdings, als die Aguda in 1912 ihre erste große Zusammenkunft in Kattowitz hielt, konnte sie nicht denken, daß so schnell das Palästina-Problem in den Kreis der praktischen Probleme ausgenommen werden müßte; nun dies indessen der Fall ist, muß man das an der Aguda, preisen, daß sie Rechnung hält mit den Tatsachen und Möglichkeiten und ist es ihre teure Pflicht, da der Zionismus nach ihren Auffassungen diese.Möglichkeiten nicht zur hellbringenden Wirklichkeit bringen kann, aufzutreten, und Palästina, die Iudenheit, zu retten vor den politisch und religiös gefährlichen Klippen, woran das jüdische Schiffchen unter der Steuermannskunst des zionistischen Mannes am Ruder zu stranden droht. Ein Beispiel. Man kann prinzipiell Gegner der gesetzlich geregelten Arbeitsdauer, vom Achtstundentag sein. Man kann lächeln über die idyllischen Vorspiegelungen der Eiferer für diese Einrichtung, die als Argument anführen, daß der Arbeiter dann freie Zeit und Lust bekommt, um sich zu entwickeln, um sich mehr mit seiner Familie und der Erziehung seiner Kinder zu. bemühen. Indessen, der Achtstundentag ist angenommen trotz des Widerstandes. Ist es nun den früheren Bestreitern verboten, aus dem neu geschaffenen Zustand für den Arbeiter die Vorteile zu ziehen, die daraus geschöpft werden können? Kann man dem ursprünglichen Vestreiter das Recht versagen, den Arbeiter vor den Gefahren der vermehrten freien Zeit, die er bekommen hat — denn Mäßigkeit ist des Teufels Ruhekissen — zu behüten und ihm zu Helsen, seine Zeit nützlich anzuwenden? Kann man dem Gegner dieses Recht versagen, weil er Gegner des Prinzipes des Achtstundentages war? Wenn die Aguda nun niemals ein Gegner des Gedankens eines jüdischen nationalen Heimes in Palästina war, ja sogar seinerzeit in einem Telegramm - auf ^die Handhabung der Balfourerklärung gedrungen hat, hat sie sicher das Recht, — wenigstens ein ebenso gutes Recht als die Zionisten — sich der Palästinaarbeit zu widmen. Aber nicht allein als Reaktion gegen die zionistische Arbeit, sondern auch positive Aktion mag die Aguda in Palästina führen, obwohl einige Agudaleiter, wie Dr. P. Kohn, sich dem widersehen. (Letzteres ist unrichtig. Red.). Hierüber in der nächsten Nummer. (Schluß folgt.) I Gedanke« zur Kenessio Gedaulö « Von einem jungen Agudisten. I Die Agudas Jisroel rüstet zur Kenessio Gedaulo — kein Kongreß, keine Delegiertentagung, nichts von all dem. Die Gleichgültigkeit vieler Jehudrm scheint auf diese Begriffsverwechslung zürückzuführem Theodor Herzls erster Kongreß war eine Tat, etwas unerhört Neues und Mutiges, Met keine spezifisch-jüdische Entscheidung, denn des Volkes indische Stimme wurde nicht vernommen. Etwas Neues trat auf wie Alexander Ppsilanti, der griechische Freiheitskämpfer, sein Volk durch die Manen Homers und Aristoteles, Athens und Spartas zur Begeisterung entflammen 'wollte. Doch der Geist der großen Ahnen war tot, den Menschen die griechische Seele entglitten — 2isroels Vergangenheit vergessen. Herzl und seiner Gefolgschaft war es versagt, der Harfe Heimatklänge zu entlocken. So erhoben sich die Proklamationen nie über den Rahmen eines Kongresses und blieben im Parteimäßigen haften. Und jetzt erkennen wir, indem wir uns anschicken, das Neue zur jüdischen Tat umzubiegen» die nbni "iM3 einzuberufen, die Unfähigkeit der deutschen Juden die, Bejahung durch eine Tat zu dokumentieren. Darum sei hier das Selbstverständliche als wnn gesagt. ‘ Das historische Judentum tritt mit den ftch täglich erneuernden Kennzeichen seiner Ewigkeit an Kopf und Arm vor das Forum der Weltgeschichte, um im Namen Gottes die zwei Jahrtausende hindurch gestörte Einheit wiederzüerkämpfen. Seit dem rrc? p*Hn . hatten wir nicht die rTQT. fo zu sprechen. 4 s Aber die thoratreue Iudenheit Deutschlands hat dessen keinen Hauch verspürt, über den kleinlichen Sorgen des Alltags das Wissen um den Ewigkeitsgedanken verloren, wie y'D von den säenden Menschen auf dem Felde spricht: prrOD nytp ppDVi 6".n- Und nun glaubt das Häuflein irgendwie als Faktor in die Wagschale zu fallen, und vergißt, daß der Osten heute in der Lage ist, auf eigenen Füßen zu stehen. So tritt die Richtung der Einheit zu Tage, der jüdische Charakter und die Intensität seiner Erscheinung. Aber nicht die Unkenntnis &et crpn n&'np der Größe des Augenblicks ist es, was mich in dieser Stunde bedrückt. U)ir haben das vni vergessen, wnOKT Jede lebensfähige Organisation ist der Ausdruck einer Vielheit, kämpfender Menschen, mit irdischen Schwächen und Fehltritten behaftet. Auch wer Gottes Sache vertritt oder zu vertreten glaubt, kann irregehen, muß vielleicht sinken, um den Abstand der Höhe zu erkennen, das Ercelsior zu erleben. So hat die Agudas Jisroel, ihre Jugend, in dem Bestreben, rvoS Lebensfähiges entwurzelt und verdrängt. Ich sehe zurück auf die Geschichte der Organisation, auf ihre Träger. Wo sind die Vielen, die in Kattowitz fteiwillig zu uns kamen, die Menschen, die in Frankfurt die erste Jugendgruppe, ins Leben riefen, die Jugend, die noch in Würzburg für uns lebte? Hat man sich diese Frage noch nicht vorgelegt? Gewiß, es sind Neue gewonnen, die Reihen ge-