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Der Israelit · 1923-07-19 · Heft 29 (19.7.1923) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
64 (1923)
Issue
Heft 29 (19.7.1923)
Date
1923-07-19
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 29 Seite 3 19. Juli 1923 poWscheit Entwicklung, wollte man sich dem -Glauben Hingeben, die Dinge stünden politisch Heute besser, wenn das Liebeswerben der Züricher Wellkonferenz etwa Erfolg gehabt, das Gedächtnis des Herrn Sokolorö besser funktioniert und ein orthodoX-zionistischer Einheitsblock zur Realisierung der Balfourerklärung sich damals gebildet hätte. Was heute den Zionismus auf ein totes Geleise geführt hat, ist ja nicht der Mangel an wirtschaftlicher Kraft, nicht das Versagen des jüdisch-amerikanischen Kapitals.' dieses Versagen mag die zionistischenFührer vor der englischen Regierung kompromittieren, aber als entscheidender Faktor hat es sich in politischer Hinsicht nicht erwiesen. Das Geheimnis des den breiten Volksmassen des Ostens unerwarteten Mißerfolgs liegt lediglich in der peinlichen Tatsache, daß die Inspiratoren der Balfourerklärung in ihrer Berechnung eine Kleinigkeit übersehen hatten: dasara bische Volk mit seinem neu erwachten nationalen Macht- und Einheitsstreben und seinem zähen Anspruch auf Herrschaft Ln Palästina. Die'zionistischen Inspiratoren der Balfourerklärung hatten infolgedessen nicht gemerkt,' daß der Geist der ihnen gegebenen Zusage und der Wortlaut der formulierten Erklärung aus wohlerwogenen Gründen eben mit Rücksicht auf die arabischen Machtansprüche weit auseinänder klafften, daß England von vornherein die Reduzierung der „jüdisch-nütionalen Wiedergeburt Palästinas" auf eine „jüdische Kultur-Heimstätte" im arabischen Palästina als ultima ratio gegenüber den Arabern ins Auge gefaßt hatte. In dieser Hinsicht unterschieden sich die liberale und 'konservative Regierung Englands kaum voneinander, und es ist nur eine Fortsetzung der zusammengebrochenen Politik der Illusionen, wenn man sich jetzt in den Glauben wiegt, durch das kolossale Machlaufgebot eines orthodoX-zionistifchen Blocks das aus innerlich notwendigen Ursachen verlorene Terrain wiedergewinnen zu können. Wenn es etwas gibt, das die arabische Erbitterung gegen die Juden zu mildern geeignet war, so ist es im- Gegenteil einzig und allein die Tatsache, daß Hicht al-le Juden Z i o n i st e n waren und sind. Die Araber sind — freilich, solange der Türke der Herrscher war — mit den Juden alten Schlages immer sehr gut ausgekommen; ihr Haß gegen den modernen Zionismus hätte wesentlich schärfere Formen angenommen, wenn sich nicht ein gewisses traditionelles Freundschaftsverhältnis zu den religiös gesinnten, dem Zionismus fernstehenden Massen DerJsraelit des jüdischen Volkes im Unterbewußtsein erhalten hätte. Ein Hinübergleiten dieser, teils in der Aguda, teils garnicht organisierten Massen in einen Block mit der zionistischen Organisation wäre augenblicklich das denkbar verkehrteste Mittel, einen mochi8 vivendi mit dem Arabertum zu schaffen. Von „Parteileidenschaft" ist dabei garnicht die Rede, sondern von der nüchternen Erwägung der Methoden, die eine möglichst ausgedehnte friedliche Siedlung der aus der Gola nach Erez Iisroel strebenden jüdischen Massen im heiligen Lande ermöglichen. Da aber scheint uns eine möglichst scharfe Ausprägung der"Wesensart und Selbständigkeit der Orthodoxie nicht nur der ehrlichste, sondern zufällig auch der klügste Weg, der zum Ziele führen kann. * Frage und Antwort. Zur Ermittlung der Wahrheit darüber, ob der nationale „Waad h a i r " in Jerusalem wirklich so nationalistisch und machtgierig ist, wie ihm dies von der bösen Orthodori'e nachgesagt wird, richtete der misrachistische Redakteur des Jerusalemer „Hator", Rabbiner I. L. F i s ch m a n n eine Art Rundfrage — an den Waad selbst und an Oberrabbiner K u k. Vom nationalen „Waad hair" langte die prompte Antwort ein, daß er garnicht daran denke, all die verschiedenen Erziehungs- und philantropischen Institutionen der heiligen Stadt unter seine schützenden Fittiche zu bringen, und daß die Arheit des Waad sich gänzlich darün erschöpfe, alle öffentlichen Gemeindeangelegenheiten, soweit sie von im Lande aufgebrachten Geldmitteln erhalten werden, in seine Hand zu nehmen und im ferneren die ganze Jerusalemer Gemeinde nach außen und innen zu vertreten. (Nur?! . . .) Die Antwort des Herrn Oberrabbiner Kuk hat die Form eines “itfibn für den Waad und gipfelt in der Aufforderung an die OrthodvXie, den nationalen „Waad hair" durch Wahlbeteiligung wie auch sonst materiell und moralisch zu unterstützen und ihm alle Angelegenheiten des Öffentlichen jüdischen Lebens in der Stadt vertrauensvoll in die Hand zu legen, mit Ausnahme der von ausländischen Kolalim unterhaltenen Institutionen, die ihrer Natur nach nicht in den Rahmen einer interne Gemeindeanliegen umfassenden Organisation hineingehören. Sonst alles! — — — Die Antworten sind ganz korrekt und sogar ehrlich gehalten. Sie geben die Auskunft, die gewünscht wird und schweigen von Dingen, über die nicht gefragt wurde. Allein Rabbi Fi sch mann vergaß in seiner Fragestellung den springenden Punkt der Sache, die Steuerfrage. Der nationale Waad will, nach eigener Angabe, das gesamte jüdische Jerusalem nach innen und außen vertreten und sich das Mandat dazu durch eine Zwangsbesteuerung auch derer erwerben, . für die es eine schwere Gewissensnot bedeutet, mit ihrem Steuerobulus unjüdische Dinge zu unterstützen und ihre eigenen religiösen Angelegenheiten der Oberhoheit religiösdesinteressierter Elemente zu unterstellen. Darum und um nichts anderes geht es, mit Wissen und Unterstützung des Oberrabbinats. Und Rabbiner Fischmann fragt, wie es die Herren mit den Institutionen der ausländischen Kolalim hielten! ... Tanzen. Von Nabb. Dr. A. Neuwirth in Halberstadt. (Schluß.) Die Historiker sind sich daher auch darüber einig, daß das gemeinsame Tanzen zu jeder Zeit in der Iudenheit verboten war. So schreibt Zunz:;,Die beiden Geschlechter waren streng und scharf voneinander getrennt. Das Tanzen von Männern und Frauen wurde stets mißbilligt und oft verboten und selbst bei der Hochzeit nicht gestaltet" (Zur Geschichte und Literatur, S. 171). Auch Berliner (ibid. S. 19) meint: Aengstlich wurde jede noch so ferne Gelegenheit gemieden, welche irgendwie die Leidenschaft erwecken und zur Verletzung der Sittlichkeit führen könnte. Beide Geschlechter waren überall streng voneinander getrennt. Das Tanzen von Mann und Weib wurde stets mißbilligt, oft verboten, wurde selbst bei der Hochzeit nicht gestattet (vgl. Sepher Chassidim 16 u. 168). Selbst der radikale Löw, der doch für alles ein Hetterchen zu suchen bestrebt war, schreibt: „Es ist unzweifelhaft, daß die talmudische und mittelalterlich-jüdische Sitte den gemeinsamen Tanz perhorreszierte. Die Rabbinen forderten, daß die männliche Gesellschaft ihre Tanzlust nicht in demselben Saale befriedige, in welchem die weibliche tanzt. Wie in den Synagogen, so sollten die Geschlechter auch bei Tanzfesten getrennt voneinander bleiben." Welche praktischen Konsequenzen die Poskim aus ihrer Forderung, die beiden Geschlechter überall voneinander zu trennen, gezogen haben, ergibt sich aus Folgendem: Der D'iniD otfn rTn (?\ 2"O führt an, daß, wenn bei einer (Lhupo Männer und Frauen in einem Zimmer gemeinsam sich aufhalten, die Brocho von nn&tSW» — vielleicht ohne schlechte Menschen zu sein, — über die besonderen Gebote der Gottesfurcht erhaben dünten, — also das Widerspiel, das Gegenteil der in den vorherigen Sätzen geschilderten Charaktere Gott bestechen wollender Un-Menschen, — gottlose Edelmenschen. Von ihnen sagt der Satz nur, daß sie jichlu, verschwinden, — ohne daß ihnen eine besondere Strafe angedroht würde. — Hierzu hat mir ein unserer Auffassung des Judentums nahestehender Rabbiner einmal folgendes erklärt: Die Ausrede, mit welcher die Uebertreter unserer h. Thora ihr Tun und Lassen vor ,sich selber oder wenigstens vor den Menschen zu beschönigen pflegen, ist meist die, daß „ja auch die Frommen keine guten Menschen seien." Diese Ausflucht würde ihnen genommen fein, sobald d i e Sorte von Frommen vernichtet ist, auf welche dies zutrifft. Somit ergibt sich als Sinn unseres Satzes: Sind erst diejenigen gemeinsam bestraft, die aus Absicht oder Fahrlässigkeit ihre Religion in den Ruf der Unfähigkeit zu sozialer Erziehung gebracht haben, so schwindet ganz von selber das Fundament derjenigen, welche auf ein solches Zerrbild der Frömmigkeit hinweisend, ihre eigene Verachtung des Gottesgesetzes zu beschönigen v er meinen. 29.—30. „Denn sie werden sich schämen über die Elim, nach denen euch gelüstet, und ihr ^werdet euch nicht sehen fassen wollen wegen der Gärten, die ihr erwählt habt. Denn ihr werdet sein wie eine Ela, die ihre Blätter fallen läßt, und wie ein Garten, der kein Wasser hat." Die Elim waren immergrüne Bäume, und man verehrte sie als Abgötter. Es ist wahrscheinlich, daß dies wegen ihres kraftvollen Ueberdauerns aller Witterung geschah. Was die Ela von selbst war, waren die Gärten durch menschliche Kunst, nämlich so bewässert, daß sie .auch die Zeit der Dürre überstehen konnten. Da im ganzen Kapitel bisher nicht von Götzendienst die Rede war, so ist wohl auch hier nicht nur allein von diesem die Rede, sondern vom ganzen Gebühren der Generation, die, auf menschliche Errungenschaften und aus Gaben der Schöpfungswelt wie auf etwas Ewiges pochend jede soziale und religiöse Demut verlernt hatte. Diesen stolzen Sündern ruft Jesaja entgegen: Ihr werdet den von euch abgöttisch verehrten Elim gleichen, wenn sie ihre Blätter verlieren.' Wenn ein sonstiger Baum seine Blätter im Herbste verliert, so weiß man, daß er sie im Frühling neu erhalten wird. Entblättert sich aber ein immergrünes Gewächs, so weiß man, daß Fäulnis in ihm und daß sein Ende nahe ist. So ist es auch mit Israel. Wechselvoll mögen die Geschicke anderer Völker gestaltet und nach jedem Niederbruch ein baldiger Wiederaufbau ihre Hoffnung sein. Aber „wenn Israel steigt, dann erreicht es die Sterne, und wenn es sinkt, dann wird es zum Staube," sägt der Talmud in Megilla. Wenn das Volk des Gottesgesetzes anfängt, sich für eine unter allen Umständen grünende Pflanze des Gottesgartens zu halten, dann wird es gewahr, daß auch der Immergrün sterblich ist, und wie bitter die Enttäuschung des gerade in ihn gesetzten Vertrauens schmerzt. Gerade dieser Götzendienst also, nämlich die Anbetung des Scheinbar-Ewigen, ist dem Propheten das typische Bild der Verblendung seiner Zeit und ihres Pochens auf ererbte Frömmigkeit und Macht. 31. „Dann wird das Mächtige zur Flachsspreu und, der es herstellt zum Funken, und sie beide werden brennen, und niemand löscht." pDIl . heißt zwar „das Mächtige", ist aber hier vielleicht Wortspiel mit jp'tn, welches ungeh schelten Flachs bedeutet, sodaß der Nebensinn des Satzes wäre: Was ihr für den schwer brennbaren (daher in Bamme madlikin verboten!) ungehechelten Flachs hieltet, wird sich als eine geradezu feuergefährliche Flachs- Spreu erweisen; d. h. gerade das, wovor ihr nicht die geringste Furcht empfandet, — euer eigener Stolz und Dünkel, wird euch zum Straucheln bringen. Hat sich so der Uebermut der Menschen geradezu überschlagen, dann ist der Boden bereitet für die Erfüllung der herrlichen Verheißungen des ersten Teiles des nächsten Kapitels. Uns will es scheinen, als ob hier, wie oft noch später im Buche, die überlieferte Kapitaleinteilung, die bekanntlich aus nichtjüdischer Quelle stammt, einen zu tiefen Einschnitt macht. Hiervon wird noch än anderen Kapitelübergängen des Näheren zu sprechen sein. Kleines Feuilleton. Jüdische Kunst aus der Großen Deutschen Kunstausstellung Karlsruhe 1923. Von Regierungsrat Prof. ^Linde in Baden-Baden. Vor kurzem wurde die Abteilung für angewandte Kunst der Großen Deutschen Kunstausstellung Karlsruhe 1923 der Oeffentlichkeit übergeben. In Erkenntnis der bedeutenden Rolle, welche von jeher die Kirche bei Ausübung und Fortentwicklung der Kunst, insbesondere auch handwerklicher Kunstausübung spielt, wurden in der genannten Abteilung einige Kirchenräume geschaffen, unter

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