Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 64 (1923)
- Issue
- Heft 29 (19.7.1923)
- Date
- 1923-07-19
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 29 Besiedelung als bisher in Palästina durchzuführen und mindestens eine Viertelmillion Juden dorthin zu verpflanzen. Natürlich wäre dadurch auch die jüdische Agrarkultur und das Erziehungswesen gewaltig gestärkt worden. Dadurch wäre eine ganz andere Situation geschaffen worden. Die damalige englische liberale Regierung wäre uns zur Seite gestanden und die. heutige konservative Regierung Englands wäre vor ein fait accompli gestellt worden, an dem zu rütteln sie kaum gewagt hätte. Der Ruf zur nationalen Einigung, den ich und andere mit mir ergehen ließen, verhallte in der Leidenschaft der Parteien wirkungslos. Welche Erfolge und was für Leistungen haben wir selbst innerhalb der sechs Jahre seit der Balfour-Deklaration aufzuweisen? Zur Zeit Esras vermochten wir in vier Jahren den Tempel äufzubauen und Palästina zurückzugewinnen. Nach 30 jähriger Arbeit besitzen die Zionisten angeblich 100000 Dunam Boden, genau so viel wie anderswo ein einziger reicher Bauer sonst besitzt. In Esras Zeilen zogen über 40 000 Juden als erste Pioniere nach Erez Jisroel und die wenigen Zurückgebliebenen im Exil unterstützten die Chaluzim mit ungeheuren Geldsummen. Wie viele von uns zogen nach der Balfour-Deklaration nach Palästina und welche sonstigen Opfer haben wir für Palästina gebracht? Weder durch eine nennenswerte Leistung des ganzen Volkes noch durch ansehnliche Privat-, initiative haben wir uns bemüht, die uns damals — wie ich zugeben muß, — noch ernstlich zugesprochene nationale Heimstätte lebenskräftig und gegen rauhe Stürme von innen und außen widerstandsfähig zu machen. In diesen Jahren ist unser Volk ärmer an Hoffnungen und reicher an bitteren Erfahrungen und Enttäuschungen geworden. Wir find ein «INO «Dy, ein übereiltes und unüberlegtes Volk. Unser Wollen hält mit unserm Tun und Können nicht Schritt. Wir jubeln, bevor wir etwas Positives erreicht haben, und in dieser Begeisterung erschöpft sich unsere Kraft. Wir verstehen es leider nicht, das Ideale mit dem Realen zu verbinden und das Abstrakte mit dem Konkreten. Unsere Begeisterung schwingt sich zu Hohen empor, in denen sie sich selbst verliert. Diese, unsere chronische Krankheit ist so alt wie unsere Geschichte selbst. Selbst das 2000jährige Exil mit seinen Mühsalen und Entbehrungen hat daran nichts geändert. Eine alte talmudische Erzählung lautet, daß der Messias alle Krüppel gesund machen und alle Krankheiten heilen werde, nur dieser Krankheit, un- _ Der Isr ne l i t serer „Torheit", kann er keine Genesung bringen. Die Hartköpfigen werden stets in ihrett Fehlern verhärten und sich von niemanden und durch nichts belehren lassen. Unsere Propheten haben tauben Ohren gepredigt, da uns die Wahrheit stets unangenehm war. Unsere Geldmagnaten haben weder von Balfour noch von Erez Jisroel etwas wissen wollen. All dies, selbst das Toben unserer Feinde, bekümmert sie wenig. Nicht England trägt die Schuld, sondern wir selbst. Balfour hat gebaut auf unser nationales Bewußtsein, das leider bei den meisten nicht errstiert. wenigstens dann nicht, wenn es Taten und Leistungen fordert. Für uns gilt die Frage: Gibt es noch eine Rettung, eine Hoffnung oder ist unsere Schlacht verloren? Können wir noch das vernichtende Feuer, das unfern Bau bedroht, löschen oder können wir nur ohnmächtig zusehen, wie das Gebäude unserer politischen Hoffnungen in ein Nichts zusammenbricht? Ich denke: noch haben wir keinen Grund, alle Hoffnung aufzugeben. Der Bund der arabischen Staaten trägt einstweilen nur wirtschaftlichen Charakter, durch die ö k o n o m i s ch e Verbindung der Staaten ist Palästina noch nicht gänzlich dem König Hussein unterworfen. Manche kurzsichtige Politiker wollen sogar in dieser neuen Wendung eine „Begünstigung" des Zionismus erblicken, und die zionistischen Führer behaupten, von den Entscheidungen Husseins nicht überrascht zu sein. Vielmehr waren sie davon rechtzeitig unterrichtet worden, und alles sei „planmäßig" (wohl wie die Rückzüge der Truppen im Kriege!) geschehen. Unbefangene freilich verstehen die Dinge ganz anders und machen kein Hehl daraus. daß höchste Gefahr im Anzug ist. Es ist bestimmt vorauszusehen, daß die Araber nicht auf halbem Wege werden stehen bleiben wollen, sondern vielmehr ihre ganze Anstrengung dahin richten werden, den Sieg ganz auszukosten. Der vorläufig ökonomische Charakter der heutigen Geschehnisse wird bald eine prägnante politische Färbung bekommen. Bereits haben die Araber der englischen Regierung mitteilen lassen» daß sie mit einer rein wirtschaftlichen Verbindung der arabischen Staaten nicht befriedigt sind. Die ihnen sehr freundlich gesinnte englische Regierung wird nicht zögern, Mittel und Wege zu finden," um die Wünsche ihres „verwöhnten Kindes" voll und ganz zu beftiedigen und den Arabern auch die politische Einheit sichern. Die englische Regierung versichert zwar, daß König Hussein die Balfour-Deklaration respektieren werde. Was _19. IUN1Ä23 Nützt uns aber die Deklarätion und welchen Wert hat sie noch, wenn sie der Gnade und Ungnade der Araber preis.gegeben ist! Hatzen sich nicht Rumänien. Polen. Litauen usw. verpflichtet, die Rechte der nationalen Minderheiten zu respektieren? Und doch soll der Numerus clausus im Polen eingeführt und evtl, das Schächten verboten werden. Hier tut rasches Handeln not. Die beiden: Kongresse und die großen englischen jüdischen. Verbände, die kürzlich ihre Mitarbeit für Pa-- lästina zugesägt haben, müssen ein gemeinschaftliches politisches Programm aufstellen und hernach neben der Iewish Agency eine Delegation nach London, Palästina und Genf entsenden, welche den Standpunkt der Judenheit klarlegt: und andererseits die weiteren Ereignisse auf das. peinlichste überwacht. - Wenn dann fteilich, in dieser letzten Stunde,, die Agudaleitung es ablehnt, sich mit den Zionisten an einen Tisch zu setzen, wenn , bte Zionisten ihrerseits in ihrem Stolz und Egoismus verharren und die Aguda nicht brüderlich und mit vollen Ehren und Würden empfangen, werden sie die schwere Verantwortung für alle weiteren Folgen auf sich nehmen müssen. Das Volk freilich wird ihnen dasselbe sagen wie einst: dem König Rechabeam, dem Nachfolger Salomons ... Die Breslauer Agudatagung hat uns eine: Konferenz mit den Zionisten in Aussicht gestellt. Mehr denn je ist heute ihre Einberufung nötig, die Wogen stürmen über unserem. Schifflein. Wochenrundschau. Die Polittk'der Illusionen. Wir veröffentlichen an leitender Stelle dieser Nummer eine aus warmem Herzen geschriebene Studie über den augenblicklichen Stand des politischen Palästinayroblems, die wir der Öffentlichkeit nicht vorenthalten zu dürfen glauben. .Aber wir können die praktische Schlußfolgerung, die unser gesch. Mitarbeiter an seine Ausführungen knüpft, keineswegs als richtig anerkennen, glauben im Gegenteil, daß nichts so sehr wie seine eigene Darstellung der Dinge die Ho ffnungslosigkeit, ja Zweckwidrigkeit der von ihm feierlichst geforderten zionistisch-orthodoxen Einheitsfront erweist. Nicht als ob wir ein Zusammenwirken der Aguda und der zionistischen Organisation auf w i r t s ch a f t l i ch e m Gebiete auf die Dauer für aussichtslos hielten. Aber es verrät eine völlige Verkennung der ganzen [Ml Aktuelles aus Jesaja. Von Rabb. Dr. B. Lohen in Berlin. (Fortsetzung). 25. „Dann lasse ich meine schützende Hand wieder über, dir sein und läutere deine Schlacken gleich Boor, und entferne alle deine unedle Mischung." — „Boor" war ein der heutigen Seife ähnliches Reinigungsmittel. — Einige (Raschi) fassen die „Hand Gottes" in diesem Satze als strafend auf, andere als Schutz. Der Sinn ist nach beiden Erklärungen: Gott selber wird den Läuterungsprozeß des Volkscharakters anbahnen helfen, — eine Waltung, um die auch die Seele unserer Generation inbrünstig beten mag! 26. „Dann will ich deine Richter wieder einsetzen wie zuerst und deine Räte wie am Anfang; nach diesem wirst du heißen: Stadt der Gerechtigkeit, treuer Ort." Nicht in eine unbestimmte, romantisch verklärte „gute, alte Zeit" blickt dieser Satz zurück, sondern in den Beginn der Sendung Israels, als Gottes eigenes Wort dem Volke die Führer gab. Damit mutz nicht der Beginn einer neuen Offenbarung angekündigt sein, sondern eine Selbsterneuerung des Volkslebens im Geiste, und Quell des Gottesgesetzes, — eine Bewegung, wie sie etwa zur Zeit Esras groß wurde, oder wie sie in späterer Zeit von S. R. Hirsch ausging, — ganz unerwartete, unerahnte Erneuerungen nach todähnlichem Verfalle der Gemeinschaft Israels, — Bestätigungen der Macht der Theschuba, — himmlische Gnadenhilfo für irdisches Mühen. 27. „Zion wird durch Recht erlöst und ihre Heimkehrer durch Gerechtigkeit." Zion ist nicht der Tempelberg, sondern die Burg der irdischen Macht Israels, die sich aufs neue Gott, ihrem Gründer unterwerfen soll, Gottes Recht zu wahren. Ohne Nachgiebigkeit gegen irgendwelche Verfehlungen irgend eines Volksteiles, ohne Schwäche gegen den Machtmißbrauch dev Großen wie gegen die sittliche Lässigkeit der Untertanen hat Gottes Staat als solcher Recht zu pflegen und Unrecht sowie Uebertretung der Gottesgesetze zu ahnden; über die Strenge dieses Rechtes jedoch hinaus weist die Forderung gerechten Denkens, die der Prophet an Zions Heimkehrer stellt. Nicht wieder soll ein Churban als Strafe für Festhalten am Buchstaben des Rechtes hereinbrechen. Israel soll durch seine Leiden gelernt haben, das Recht durch die gerechte Gesinnung zu überwinden. — 28. „Und der Niederbruch der Sünder und Frevler ist gemeinsam, und die Gott verlassen, werden aufhören." Wir sind nach Mischna Joma 4, 2 gewohnt, die „Poschim" als Frevleraus Absicht und die „Chattaim" als Sünder aus Gewohnheit oder Versehen zu betrachten. (Ueberhaupt bietet das ganze Kapitel so viele Anklänge an den Inhalt der Mischna Joma, daß di? Vermutung nicht abzuweisen ist, es sei eine Mahnrede aus der Theschuba-Zeit oder gar vom Jomkippur eines jener Unglücksjahre gewesen.) Hier ist nun den „Poschim und den Chattaim" ohne Unterschied ein gemeinsamer Niederbruch angedroht, als seien sie gleichen. Grades verdammenswert. Diese seltsame Zusammenstellung erhält einen tiefen Sinn, wenn wir bedenken, gegen welche Art von Sündern an dieser Stelle das Gotteswort redet. Es sind Menschen, die sich im Feiern der Neumonde und Sabbate, im Opfern und Tempelbesuchen nicht genug tun können, die aber durch alles dies nicht zu einer gerechten Behandlung ihrer Mitmenschen sich haben erziehen lassen. So vereinigen diese Menschen frommes Gepränge mit unsozialer Handlungsweise, und so bringen sie die Thora als solche in einen bösen Ruf, machen die Frömmigkeit als solche verhaßt und „entweihen den göttlichen Namen." Von einer solchen Entweihung aber, von Chillul haschem heißt es (Aboth 4, 4): „Einerlei, ob mit Absicht oder aus Versehen geschehen." Es ist eben selbst bei Fehlen der bösen Absicht nicht zu entschuldigen, sondern als sträfliche Fahrlässigkeit zu bewerten, wenn ein Frommer im Menschlichen versagt und so seinen Glauben kompromittiert. Bikrovai ekkadesch! Gottes Ehre vor allem Volke ist es, von seinen Heiligen mehr als von den Uebrigen zu verlangen. . Daher muß in einer Zeit vielen Opferns und gleichzeitig unsozialen Handels und Wandels der Niederbruch der Fahrlässigen (Chattaim) mit dem der Frevler (Poschim) eins sein. Die zweite Hälfte des Satzes spricht von denen, „die Gott verlassen wollen." Unsere Weisen sehen hierin .eine Verwarnung für die, welche ein Buch der- Gotteslehre offen liegen lassen und dann ihrer Wege gehn, oder gegen die, welche das Gotteshaus während > der Thoravorlesung verlassen. Das sind also Menschen, die infolge irgendwelcher menschlichen Verpflichtungen, denen sie Nachkommen, elementare Forderungen der Ehrfurcht vor Gott unbeachtet lassen, — Menschen, die sich