Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 64 (1923)
- Issue
- Heft 29 (19.7.1923)
- Date
- 1923-07-19
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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64. Jahrgang Frankfurt a. Al., -den Nr. 2S Oer Israelit 1 Begründet von Dr. Lehmann in Mainz. Wonnement av 1. Januar 1«Ä: Deutschland 0ZÜ M. rnonc.. jeweffigen SchWsfelMl des Bö^envereins): 2. Merteljahr --— —, DeutfHSÜerretch: 8. Wert^ljähr: SM M., Juli .MV Kronen; Polen: 2. Viertel,, jühr: 570» M-, Juli 8000 deutsche Mark. —' Nur Merteljahrs-Avonnements: Tschecho- Swwakei 15 K., Ungarn 800 K., JugoslawienLS Din.; Rumänien 25 Lei; Holland 1.50 ff.; Belgien 7Z0 Fr.; FrMffeich 6Fr.; Schweiz 2^0 Fr.; Italien 10 Lire; Skandinavien4 «. England 2 sh. 8 p.; Amerika 0.75 Dollar. Einzelnummer 500 M. VttbelgÖOfrk- ,-raszuschlag; Thiffregebühr 600 M. __f__„__ nach Jarlf. Del laufenden Tnferataufteikgen ige Preiserhöhung jederzeit Vorbehalten. Snferatenannahme durch den Verlag des T. m. b. H., Frankfurt a. M., Trotze Eschenheimer Straße 28, Telephon Hansa 8812 sowie durch sämtliche Annoncen-Erpedttionen des Jn- und Auslands. Alleinige Inseratenannahme für Frankfurter Gesch^tsanzeiden: Jul. Schmidt, Langestratze 8. 8a^8mgen^re?^anden!üeria, —:tö Frankfürt^Maln^lr^W8^^Iu§erdem an. >an^ltr^L4M^^^ö^mis^e^nionban^n^Pra^l^^^^ ^...Litten Nr. 7^»JÜ03 — Postspartassenamt u—.— - l»rM^^Ll»ul^^co^tu^Nkoae^i^^^ilial^des^Wiener^Banwerern^in^Ä^ram^ Der Rächbruck der Arttkel mrd Korrespondenzen des Israelit ist nur unter aenWer Questenangade und, soweit e» stch um gröbere Aufsätze handelt, nur - . «ach vorheriger Genehmigung gestattet. - - Stürmende Woge». .Line politische Betrachtunck zum neunten Aw. Von L. Botschko in Moatrelir. Als ich in meinem Aufsatz „Vor den Toren .Palästinas", im vorigen Jahre die Besorgnis über das Schicksal der nationalen Mimstätte laut werden lieh und auf die Gefahr aufmerksam machte, die ihrer Existenz auf Grund der damaligen neuesten englischen Auffassung des PalLstinaproblems drohte, entstand in manchen Misrachikreisen eine reine Panik. Ihre Wortführer .scheuten sich nicht, meine Ausführungen schwer zu brandmarken und. sie als „Defaitismus" abzutun, all dies ohne jegliche Begründung ihrerseits und ohne den Schluß meiner Ausführungen abzuwarten, i Ich habe davon abgesehen, mich in nutzlose Diskussionen einzulassen und es vorgezogen, den DiMN achten Lauf und die Tatsachen selbst sprechen zu lassen, in der Voraussetzung, dah die späteren Ereignisse die weitsehenden Besserwisser eines andern belehren würden. — Kurz darauf tagte die zionistische Konferenz in Karlsbad. Aus dem Munde aller Redner wurden dieselben Besorgnisse laut. Ein jeder gab seinem Empfinden und seiner lleberzeugung dahin Ausdruck, dah die Balfour-Deklaration an Wert bedeutend eingebühb habe. Gerade der misrachische Leader, der Abgeordnete.Farbstein, stellten: der Konferenz den Antrag, der zionistischen Exekutive wegen ihres katastrophalen Mißerfolges, das Mißtrauensvotum auszusprechen. Die zionistischen Führer ihrerseits bemühten sich, sich einigermaßen vor der Öffentlichkeit zu rechtfertigen, indem, sie sich hauptsächlich auf die englische Toleranz stützten und sich krampfhaft an dem Glauben.festhielten, dah England sein gegebenes Wort nicht brechen werde. Es gelang ja auch der Exekutive, ein kleines Linderungspflästerchen auf die klaffende, schmerzende Wunde zu legen, indem es ihr gelang, der englischen Regierung einige^ beruhigende Worte herauszupressen. Nun ist seither bald ein Iahr verstrichen. Doch die Wunde ist bloh verhüllt, doch nicht geheilt. Siehe hierzu , die . Wochenründschau:„Die Politik der .Müsionen" in. der heutigen Nummer. Dar Inhaltsverzeichnis befindet stch am Schluffe de« etdakttoaelle« Teiles. Im Gegenteil, das Gift und der Eiter drohen nun auch den ganzen Körper anzustecken. Die Londoner Kabinette haben gewechselt. Wahrend Bonar Law von einer eventuellen Revision der Balfour'schen Deklaration sprach, versucht Baldwin dieser überhaupt jegliche Stütze zu nehmen und ihre Bedeutung gänzlich zu verwischen. König Hussein von Hedschas ersieh eine Botschaft, dah er mit Downing Street eine Abmachung getroffen habe, wonach England einen „arabischen Staatenbund" einschliehlich Palästinas gründen wolle. Das geschah zur selben Zeit, da Herbert Samuel aus Angst vor dem arabischen Boykott die Wahlen zum legislativen Rat kassierte und dem Wunsche der Araber so weit entgegen kam, dah er von einer Einberufung einer Volksvertretung überhaupt Abstand nahm und die Verwaltung Palästinas den arabischen Notabeln des Advisory Council übertrug. Die konservative Partei Englands, die heute am Ruder ist, und deren Wortführer seinerzeit im Oberhaus die Balfour'sche Deklaration mit Stimmenmehrheit ablehnten, versteht es heute, nachdem es ihr beschieden ist, das englische Staatsschiff zu steuern, sich noch soweit notgedrungen tolerant zu zeigen, dah sie die ihr innerlich M verhaßte Balfour-Dellaration, welche auch bereits vom Völkerbund bestätigt wurde, wenigstens nicht plötzlich aus ihrem Programm streicht. Durch ihre heimliche Wühlarbeit ist aber die Politik der Balfour-Deklaration bereits derart erschüttert, dah ihr Zusammenbruch jederzeit befürchtet werden muh. Die Araber werden, wenn sie die Macht über Palästina bekommen, die gleiche Politik verfolgen wie alle „Mehrheitsvtzlker" in den jungen National- und Nationalitätenstaaten. Palästina wird allerdings eine „jüdische Heimstätte" bleiben, nur, dah wik dort keine Juden finden werden. Denn welcher Jude möchte sich der schrankenlosen Willkür der Araber ausliefern? Für den Gläubiger kommt es auf dasselbe heraus, ob der Schuldner einen leichtsinnigen oder notgedrungenen Bankrott macht oder ob noch ein „Arra»gement" möglich ist. In allen drei Fällen geht er seiner Ware und seines Geldes verlustig. Offen will England natürlich nicht seine Bankrotterklärung in der jüdischen Palästinafrage zugeben, es unterläßt es lediglich, den Wechsel, den es uns. und dem Völkerbund gegenüber' Unterzeichnete, einzulösen. Was uns übrig bleibt, ist der hoffnungslose Protest gegen diese llmgehungspositik Englands. Nutzen werden wir kaum aus diesem Protest ziehen. Wir können aber damit zeigen, dah.. wir uns nicht weiter wollen täuschen lassen und können damit weiteren Gefahren und Unannehmlichkeiten aüs dem Wege gehen. Die Zionisten und die Agudas Jisroel stehen mitten im Kleber ihrer Konferenzvorbereitungen. Es wird den beiden Kongressen nicht fehlen an schwungvollen Reden, pro und contra die Leitungen, und an schönen Resolutionen: doch mehr wird dabei kaum herauskommen. Das toar das Ergebnis aller bisherigen Kongresse. Nach den grohen Manifestationen und Massenkundgebungen wird alles beim Alten bleiben. Ich will mich hier nicht darüber äußern, wer mehr im Rechte war. die Zionisten, die - in der Balfour-Deklaration die Erlösung Israels oder wenigstens eine Kn^nriN erblickten, oder die Aguda, die sich passiv verhielt und bloh dke Rolle eines Beobachters spielte, jedenfalls nie ihre Hoffnung auf England setzte. Beide glaubten die allein richtige Auffassung für sich alleiin gepachtet zu haben, jeder hielt sich allein im Recht und setzte sich damit der. Allgemeinheit gegenüber ins Unrecht, wenn auch in guten Treuen und in den besten Absichten. Durch Krieg und Pogrome niedergeschlagen, geriet das Volk in eine Lethargie, aus der es der Alarmruf der Zionisten weckte.' Doch haben sich die Zionisten in ihrer Begeisterung zu weit hinreihen lassen, dem Volk zu viel Illusionen gemacht, die Balfour-Deklaration zu sehr überschätzt, und sie haben dadurch eine bittere Enttäuschung herbeigeführt. Die Äguda und andere gleichgesinnte Parteien haben wohl einen weiteren, aber zum Teil allzu weiten Blick gehabt, sodah sie das Naheliegende übersahen. Sie machten sich keine allzu grohen Illusionen über die englische Politik und gaben nicht zuviel auf die papiernen Versprechungen der Politiker. Dabei verpatzten sie in ihrer Passivität den günstigen Augenblick und unterließen es, da einzugreifen, wo ihnen Erfolg beschieden gewesen wäre. Zur Zeit, als. die konservative Partei Englands, die offene Feindin eines jüdischen Palästina, noch nicht zur Macht gelangt war,, hätte ein einheitlicher, jüdischer Block, geleitet von starkem und einheitlichem Wollen und begleitet von einer aktiven und .intensiven Tätigkeit, fruchtbare Arbeit leisten können. Es wäre einem geeinten Block mit Leichtigkeit möglich gewesen, eine weit größere