Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 64 (1923)
- Issue
- Heft 28 (12.7.1923)
- Date
- 1923-07-12
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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12. Juli 1923 Der I s raeli t Nr. 28 Sette 8 matzstab ist die Offenbarung und nicht der Mensch aus sich selbst heraus. Den letzthin giltigen Wertmesser für die sichere Beurteilung des Gut und Böse haben wir, er ist uns verkündet worden, nie und nimmer aber finden wir ihn aus unserem eigenen Selbst heraus. Wie Hiob am Ende seiner eigenen, vergeblichen Geistessuche ausruft: „-wo ist die Stätte der Erkenntnis? Kein Mensch kennt ihren Preis und im Lande der Lebenden wird sie nicht gefunden. Der Abgrund spricht: nicht in mir ist sie und das Meer spricht: nicht bei mir. Aber die Weisheit wo kommt sie her und wo ist die Stätte der Erkenntnis? Verhohlen ist sie vor den Augen der Lebendigen und vor dem Vogel des Himmels verborgen. Gott kennt den Weg zu ihr und ' er weih ihre Stätte" (Hiob. 28/12-14, 20—23). Müßig ist darnach die Qual des Geistesstürmens und des Herzenringens, der Vorstotz des „Warum, Wann und Wie?" Der Gnadenakt der göttlichen Kunde vermag dich alles dessen zu entheben. Was du sollst und was du nicht sollst, was du zu suchen und zu meiden hast, was dein Heil ist und was dein Uebel, was gut ist und was böse, Gott hat es dir verkündet und jedes „Darum" auf dein „Warum?" such's im Vertrauen auf ihn. — Hier möchte ich zur Illustration dieses jüdischen Urgedankens eine der Vorstellungswelt des Chassidismus gelegentlich nachgedichtete Legende anfügen: Ein heiliger Mann, ein Kabbalist, sehnte sich einst, lebend einen Blick in den Himmel zu tun. Die Schlechtigkeit, Verkehrtheit und Ungerechtigkeit, die er täglich wahrnehmen mutzte, quälte ihn und krankte sein edles Empfinden und so wollte er sich durch einen aufklärenden Himmelsblick entschädigen. Er betete und kasteite seinen Körper lange, bis Gott mit ihm Erbarmen empfand und ihm den Propheten Elia schickte. „Was ist dein Wunsch und Begehr," fragte Elia „wozu hast du mich erfleht?" „O, groher Prophet und Engel des Herrn," entgegnete der Fromme, , laß mich doch einmal mit dir lebend in den Himmel fahren, ich will sehen, wie es dort oben zugeht." „Wohlan denn," sagte Elia, „es geschehe, doch wisse und merke dir das eine gut, was immer du auch sehen und hören magst, du darfst nicht fragen: „warum?" So bestiegen sie denn beide das altberühmte feurige Eliagespann und fuhren gen Himmel. Erst war der schlichte Erdensohn schier geblendet von der Pracht und Grotzartigkeit der Himmelsschönheit. Als er sich einigermaßen in der ungewohnten Region zurecht gefunden, zog etwas ganz Besonderes seine Aufmerksamkeit an. Eine von ihrem Erdenwandel heimgekehrte Menschenseele wurde vorgeführt und zu ihrer Aburteilung geleitet. Schreckliches hörte er die Schar der Anklageengel zu ihrer Belastung Vorbringen und sah den Fürsten dieser Fürchterlichen, Satan, entsetzlich wüten. Er wandte sich hin und, siehe, er erkannte in dem Angeklagten einen bekanntem Bösewicht aus seiner Stadt, von dessen Schlechtigkeit jeder überzeugt war. Alles wartete nun gespannt auf das Allerhöchste Verdammungsurteil. Aber horch, eine Stimme Uetz sich vernehmen, so sanft und milde und dabei voll markiger Entschiedenheit: „Gebt ihn frei, ihm Sabbat-Anfang und -Ausgang. müo row Ort: Anfang Uhr IsOHn. D c 1923 | r tum 5683 All! Uhr sg. Min. Frankfurt a. M. 7 40 14. 1. 9 30 Berlin .... 7 30 Juli Ab 9 22 München . } . 7 15 9 — Köln ..... 7 45 9 40 Stuttgart , . . 7 - 9 17 Breslau.... — - - — Nürnberg . . . 7 30 9 10 Hamburg . . . — — - —' soll Böses nicht geschehen!" Jäh fuhr unser verblüffter Gast in die Höhe und schon schwebte das verbotene Wort auf seinen Lippen: „Warum?" Elia war jedoch noch rechtzeitig zur Stelle und mahnte ihn, bedingungsgemätz das gefährliche Wörtchen zu unterdrücken und zu schweigen. Doch kaum war alledies vorbei, als ein zweiter Fall zur Verhandlung kam. Diesmal verhielt sich die Sache umgekehrt. Die Seele eines allgemein als fromm und gerecht angesehenen Mannes, den der Kabbalist ebenfalls aus seiner Vaterstadt erkannte, wurde vorgeführt. Rührend war die Schilderung seines guten, mustergiltigen Lebenswandels aus dem Munde der Engelscharen. Selbst Satan mutzte zustimmend mit dem Kopfe nicken. Da plötzlich, was ist das nur? Die früher so sanfte Stimme ließ sich wiederum vernehmen, aber wie anders diesmal, mit wuchtigem, vernichtendem, donnerndem Getöse: „Hinweg von meinem Angesichte! Hinab mit ihm, in die unterste Stufe der Hölle!" (Fortsetzung folgt.) Korrespondenzen « ßacbricbten- Zur BeaclHun*. Frankfurt a. M., 9. Juli. Wir machen auch an dieser Stelle wiederholt darauf aufmerksam, daß die Schristleitung für die in den Anzeigen enthaltenen Angaben religionsgesetzlichü Art oder für das Kaschrus der angebotenen Lebensmittel keinerlei Verantwortung übernimmt. Vielmehr ist es Sache der Leser, in jedem einzelnen Falle Informationen einzuziehen. Bereinigung IMiKker Kautleutc. Warschau, 3. Juli. Aus der letzten Jahresversammlung des Jüdischen Kaufmännischen Verbandes waren 26 440 Mitglieder durch mehrere hundert Delegierte vertreten. Die Organisation besteht seit 17 Jahren, und ihre Mitglieder rekrutieren sich aus 62 verschieedenen Handelsgebieten. Bei den eigenen Verhältnissen, die in Polen herrschen, fehlt es der Organisation an Arbeit nach innen und außen nicht. Ein gut Teil ihrer Tätigkeit ist der Abwehr einer schikanösen Politik, die speziell gegen die jüdische Kaufmannschaft gerichtet ist, gewidmet. Mlrrl)-»4luiigen -ul 4er klrenvav». Warschau, 5. Juli. Die Ueb erfülle aus die Juden in den Eisenbahnen hören, allen Versprechungen von zuständiger Stelle zum Trotze, nicht aus. Auf dem Wege von Warschau nach Lodz wurde der Bultisker Rabbiner Rabbi Chajim Meschulem Kaufmann so schwer mißhandelt, daß er aus der ersten Station ohnmächtig aus dem Wagen geholt wurde und ins Krankenhaus transportiert werden mußte. Der Vorgang ist so charakteristisch für die polnischen Verhältnisse, daß er hier etwas eingehend geschildert werden muß. Der Rabbiner kam etwas verspätet an den Zug und bat einen Beamten, ihm einen Wagen mit jüdischen Reisegenossen anzuweisen. Dieser brachte ihn aber in ein Kupee, das vollgefüllt war von betrunkenen Soldaten, die sich sofort mit Hallo aus ihr Opfer stürzten. Als der Rabbiner noch im letzten Moment aus dem Wagen springen wollte, trat ein Gendarm hinzu, beruhigte den Rabbi und versprach ihm, selbst im gleichen Wagen mitzufahren und ihn zu schützen. Darauf eilte aber der Gendarm hinaus und klappte die Türe von außen zu, die er solange bewacht hielt, bis sich der Zug in Bewegung setzte. Jetzt konnte die Gesellschaft ihr Folterwerk ungestört beginnen. Es ist zu erwarten, daß dieser eine krasse Fall von vielen Gegenstand einer Interpellation im Sejm bilden wird. Mit welchem Erfolg, weiß man leider zur Genüge. iitatt*«. Ein neuer Mircher Mlnleter. Kowno, 2. Juli. Die Zionisten haben das Ziel ihrer Sehnsucht erreicht. Ihr Führer, Dr. Rosenbaum, ist zum Minister für jüdische Angelegenheiten ernannt worden. Man darf annehmen, daß die Ernennung hauptsächlich dem Wunsche der Regierung zuzuschreiben ist, sich angesichts der schwierigen diplomatischen Lage Litauens die Dienste einer, wie man anerkennen muß, hervorragenden politischen Intelligenz innerhalb des Gesamtministeriums sichert. Vom religiösen Standpunkte aus bedeutet die Ernennung des Herrn Rosenbaum die schwerste Gefahr für das Judentum in Litauen, und sie ist ein trauriges Zeichen dafür, wie gering die Regierung die Orthodorie als politischen Machtfaktor bis heute einschätzt. Wenn diese nur aus dieser Niederlage lernen wollte! Efne^ondcrkoimission flr Palästina. Land on, 6. Juli. Das Ministerium hat eine Sonderkommission unter dem Vorsitz des Kolonialministers ernannt, um eine Untersuchung über die Lage in Palästina und über die einzuschlagende Palästinapolitik anzustellen. Die Kommission soll prüfen, auf welchem Wege unter Aufrechterhaltung der Balfourerklärung die Verantwortung Englands für Palästina möglichst herab gemindert und das arabische Element befriedigt werden kann.> Die Ernennung der Kommission bedeutet zweifellos ein starkes Zugeständnis an die zionismusfeindliche Strömung im Ka- SshHveiz. einiges aur 4er Zchweir. Zürich, 6. Juli. Dis Annullierung der Verordnung über den Schreibzwang am Sabbat durch die Bezirksfchulpfle ge hat in liberalen Kreisen der Schweiz ein gutes Echo gefunden. Der „Rheinthaler Volksfreund" begrüßt es mit Freude, daß sich „die Bezirksschulpflege löblicherweise aus eine höhere Warte stellte als die Zentralschulpflege und in ihrer Mehrheit mit Recht fand, daß die Schule den religiösen Gefühlen der Schüler und ihrer Eltern weitmöglichst entgegenzukommen habe." Vor einiger Zeit beunruhigte es besonders in jüdischen Kreisen der Schweiz, daß der bekannte amerikanische Antisemitenhäuptling Henry Ford in Muri bei Bern ein Anwesen angekaust und wohl die Absicht hatte, hier so eine Art Sommerresidenz aufzumachen. Wie jetzt von schweizerischen Zeitungen berichtet wird, stehe der Aufenthalt Fords in der Schweiz noch keineswegs fest, während 'Mitglieder der Familie tatsächlich bereits in Muri weilen. Auf alle Fälle scheint sich bereits der Einfluß der Fordschen Propaganda hier gellend zu machen. Fords Hauptwerk „Der internationale Jude" fällt in den Bahnbuchhandlungen mit großer reklamenhafter Aufmachung ms Auge. In manchen Städten konnte bewirkt werden, daß das Buch aus der offnen Auslage zurückgezogen wurde. In Biel, wo sich über 50 ostjüdische Familien neben 60 einheimischen befinden, haben sich die Ostjuden zur Bildung einer eigenen Gemeinde unter dem Namen „Adaß Jisroel" zusammengeschlossen. Bei den gut jüdischen Voraussetzungen, unter denen diese Gemeinde ins Leben tritt, ist ihr von Herzen gutes Gedeihen zu wünschen. Die Lage in Jerurarem. Jerusalem, 28. Juni. Die Lage in Jerusalem kann jetzt auf gar keinem Gebiete, weder auf ökonomischem, noch politischem oder gesellschaftlichem als gute gelobt werden. Die Arbeitslosigkeit war schon im Winter und Frühling groß und auch der Sommer ’ hat die erhoffte Besserung nicht gebracht. Auch die Großkaufmannschaft befindet sich in einer schweren Krisis. In den öffentlichen Geschäften