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Der Israelit · 1923-07-12 · Heft 28 (12.7.1923) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
64 (1923)
Issue
Heft 28 (12.7.1923)
Date
1923-07-12
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Der Israelit Seite 4 Nr. 28_^_ dore Organisation sein kann, die alle frommen Juden unter der heiligen Fahne der Thora und Tradition sammelt und deren fromme Herzen bewegt; eine Organisation, die ihre ganze Kraft und ihr Wachstum aus der eignen jüdischen Quelle schöpft, aus den Tiefen der religiösen Seele; eine Organisation, bei der das heilige Feuer nicht verlöscht, noch abgetühlt wird. Mit einem Worte: Es darf keine Organisation sein, deren Führer in allen Sprachen zu allen Völkern sprechen, nur nicht zum eignen Volke in der eignen Sprache, in der des Herzens. Unsere Führer müssen auch und zu allererst das Wort zur jüdischen Seele finden. Wir werden von ihnen verlangen, daß sie außer den „sieben Weisheiten", die man trn schönen klugen Europa lernt, im alten Beshamidrasch auch diejüdische Weisheit erlernen, wie man ein ganzes, ungeteiltes und nicht zerrissenes Herz gewinnt. Es besagt für uns nicht viel, wenn die Organisation es versteht, tief in die jüdischen Taschen zu grehfeN, sie mutz auch den Weg zu den „inneren Gemächern", in die innere Ideenwelt finden und die Kraft besitzen, dort mit Meisterhand Leben und Bewegung zu schaffen. Unsere Führer werden vielleicht nicht die Kunst verstehen, mit ihren Worten die Massen zu begeistern, ihre Reden werden vielleicht nicht imstande sein, Beifallsstürme zu entfachen, aber sie werden, ich glaube es, jeden Nerv und alle Fasern des Herzens in Bewegung setzen. Ihre Worte werden die Zauberkraft besitzen, tiefste, heiligste Begeisterung zu entflammen. (Fortsetzung folgt.) Zweierlei Sabbatruhe. Von Ch. I. Sitz in Zürich. Im Organ des Jerusalemer Oberrabbinats „Kol Iaakob" sind zwei Berichte enthalten, die wir hier - zunächst im Wortlaut wiedergeben wollen: „In der Versammlung des großen Komitees der Stadtverwaltung Tel Awiw wurde gestern abend der Beschluß gefaßt, den Sabbatparagraphen in der von Oberrabbiner R u! vorgeschlagenen Fassung in das Statut aufzunehmen." Die zweite Notiz lautet: „Ein Verstoß gegen den Sabbat. Wie seinerzeit alle Zeitungen Jerusalems mitteilten, hatten alle Rabbiner und öffentlichen Institutionen Jerusalems den Beschluß gefaßt, an den Feierlichkeiten aus Anlaß des Königs-Geburtstages, die vom Sonntag auf den Sabbat verlegt wurden, nicht teilzunehmen. Die Vorsitzenden des Oberrabbinates setzten den Oberkommissar von diesem Beschlüsse in Kenntnis und auf dessen Vorhaltung machte ihm der Oberrabbiner Kuk klar, daß nachdem die Christen die Feierlichkeiten an ihrem Ruhetag ablehnten, deren Verlegung auf den Sabbat nach dem Din eine Beleidigung des Sabbat bedeute. An der Veranstaltung im Stadtgarten am Sabbatnachmittag beteiligte sich in der Tat kein einziger aus der Orthodorie und auch nicht aus den Kreisen der Nichtorthodoren, mit Ausnahme der Herren Rabbiner Jonathan Benjamin Horoviy, Prof. Jakob de Haan und Sanitätsrat Dr. Wallach, die immer eine Art Geheimbund mit den Beamten des Diskinschen Waisenhauses unterhalten und Hand in Hand mit ihnen darauf hinarbeiten, in der Diaspora die Meinung entstehen zu lassen, daß sie die Vertreter einer orthodoxen Gruppe in Jerusalem sind. (Was die Beteiligung an den Feierlichkeiten mit den Beamten des Diskinschen Waisenhauses zu tun hat, ist nicht klar. Der Uebersrtzer.) Dieser öffentliche Mt der Sabbatentweihung machte einen sehr befremdenden Eindruck." Nennen wir das Aind beim richtigen Namen: Die Vertreter der Agudas Iisroel in Jerusalem nahmen auf Einladung des OberkommPars teil an der offiziellen Feierlichkeit aus Anlaß des Königsgeburtstags. Darin sieht das Organ des Oberrabbinats eine öffentliche Sabatentweihung, just um die Zeit, da es Oberrabbiner Kuk gelungen ist, die Nationalen in Tel Awisw dahin zu beeinflussen, daß sie die Sabbatruhe mit Kraft des bürgerlichen Gesetzes sicherten. Betrachten wir zunächst, inwieweit Oberrabbiner Kuk den Sabbat in Tel Awiw gerettet hat und dann inwieweit auf der anderen Seite die Vertreter der Agudas Iisroel in Jerusalem durch ihre Tat den Sabbat entweiht haben. Nach der Bekanntgebüng des „Doar hajom" Nr. 206 wurde die Fassung Kuk.unter Ausschluß des Wortes „religiös" angenommen. Diese neue Fassung besagt danach, daß der Sabbatruhe in Tel Awiw bloß bürg e r l i ch e Gesetzeskraft zukommt, d. h. daß die Sabbatruhe in der ersten jüdischen Stadt im heiligen Lande nur bürgerlichen, aber keinen religiösen Charakter habe. Der Sabbat ist seiner Heiligkeit entkleidet und bekommt ein profanes Gesicht, wie der Sonntag der neueren Staaten. Es ergibt sich daraus, daß, getreu dem angenommenen Gesetze! der Sabbat nicht durch Weihe und Heiligung, sondern durch eine rein bürgerliche Arbeitsruhe, Ee schäftsschluß usw. zum Ausdruck kommt. Ob dieser Geschäftsschluß total oder nur part'ell sein soll, wird von der Auslegung eben dieses bürgerlichen Gesetzes abhängen, das vielleicht eine Oeffnung der Geschäfte in den Vormittagsstunden für nötig erachtet ... Auf alle Fälle stehr nichts im Wege, den Sabbat durch Spazierfahrten und Reiterveranstaltungen zu feiern, Gemeindeversammlungen einzuberufen, bei denen schriftliche Protokolle ausgenommen werden. Denn all dieses verstößt nicht gegen den Begriff der bürgerlichen Arbeitsruhe. Die Gesetzestreuen, und die Oberrabbiner an der Spitze, hatten doch darum den Sabbat zu einem Tage der bür- 12- Juli 1923 geglichen intd reitgiösen Ruhe erklärt: . Um dagegen zu demonstrieren wmrÄ □ym: erschienen die Vertreter der Agudas Jisroel am Festtage im Stadtgarten. auf daß alle Welt erfahre, daß der Sabbat doch etwas Höheres und Heiligeres sei, als ein bloßer bürgerlicher Ruhetag. Der jüdische Sabbat ist ganz und gar nicht.identisch mit dem Ruhetag der modernen Völker. Seine Gesetze sind seit ewigen Zeiten bis aufs Kleinste festgelegt, und keine r e l i g i ö s e B e st i m - mung verbietet, an einer patriotischen Feierlichkeit teilzunehmen. Freilich Leute vom Schlage des Dr. Klausner und Jellin sehen im Sabbat etwas anderes, einen Tag der „Lehach'is"-Ruhe; weil eben die Moslims und die Christen ihre Ruhetage haben, so sei es „nationale Ehrenpflicht", auch den Sabbat in gleicher Weise zu halten. Mit der heiligen Ruhe des Wellenschöpfers am Schlüsse seines Werkes hat dieser Sabbat nichts zu tun,und könnte daher mit Leichtigkeit ohne Gewissensbedenken auch auf einen anderen Tag verlegt werden. Hat er doch gar keinen religiösen Charakter, sondern rein bürgerliche Bedeutung. Ich frage nunmehr: wer hat den Sabbat entweiht und entehrt: Tel Awiw.mit seinem neuen Eesetzesparagraphen oder die Vertreter der „Agudas Iisroel" mit ihrer Huldigung? Das Gute und Böse in philosophischer und religiöser Beleuchtung. Kirre Studie über den Sinn des Daseins von Oberrabbiner Dr. Adolf Altmann in Trier. (Fortsetzung). Nicht die Erfahrung gibt den heiß begehrten Aufschluß^ nicht die Sinne künden das Untrügliche und nicht erzeugt es der Verstand. Auch das Unmittelbarste, das Gefühl, bringt es nur verworren und verschwommen, als Ahnung bloß hervor. Aber — geoffenbart ist es dir geworden, Lrdensohn, — DD Dia TOn „ kund gemacht ist dir, o Mensch, was gut ist." Und was es ist? Es ist — „was Gott von dir fordert" (Micha 6, 8). Hier ist der Angelpunkt des ganzen Kompleres unseres Betrachtungsgegenstandes, wie er sich vom Gesichtswinkel der ursprünglichen und ungetrübten Weltanschauung des Judentums gibt. Der alleinige Wahrheitstums doch zumindest zeigen. Wenn die Eltern selbst nicht ein Leben des Judentums leben, woher denn sollen unsere Kinder das Judentum kennen? Um richtig wählen zu können, mnfc man das Gute doch auch kennen gelernt haben. Wenn also Verwirklichung der Thora des Lebens Ziel ist, so mutz man doch vor allem die Thora kennen. Unsere Väter wahrlich lernten und lehrten eifriger als wir und verstanden es. den Kindem den rechten „Chinuch" zu geben Heute leider gibt es so viele, die sich abgewandt haben, indem sie die Gebote und Verbote als Joch empfinden, um dann allzuspät zu erkennen, datz ihr Leben ohne Thora schal und öde war. Wer oie min inne hat, für den gibt es keine Rätsel mehr. Wenn der Jude min studiert hat und nach ihren Vorschriften lebt, so kennt er den Zweck, für den der Mensch geschaffen ist. Für den glaubenstreuen Juden ist und alle nilLv zu halten kein Opfer, sondern unendliche Freude. So viele rufen aus: ach wie schwer ist es, ein Jude zu fein! Die Wahrheit dieses Ausrufs ist durchaus zu bestreiten. Als Juden zu leben ist vielmehr der natürliche Ausdruck unserer inneren Denkweise, ist unserer Menschennatur entsprechend das wichtigste. Freilich heitzt es, sich selbst zu überwinden, ständig an sich selbst arbeiten, sich nicht nach denen richten, die dem Zeitgeist Konzessionen machen, immer höher steigen aus der Jakobsleiter, immer mehr an seiner Vervollkommnung arbeiten. Cham ist wie das rohe Tier, nur vom Instinkt geleitet, er führt Kriege, tötet und wird getötet, sobald ein neuer Cham auftrit, der noch erfolgreicher ist als er. Doch höhere Völker gibts, die Sinne haben für Kunst, Musik und Bildhauerei: das ist Jepheth. Diese Völker dienen jedoch nur'ihren eigenen Interessen. Die Schönheit eines Bildes wird sie mit Bewunderung erfüllen, sie werden aber nicht von dort Weggehen, um einen Armen auszusuchen. Solche Völker stehen viel höher als Cham, aber doch noch viel tiefer als Schem, der den höchsten Standpunkt einnimmt. Der Jude bringt nicht nur Schönheit in sein Leben, er führt die Liebe zum Nebenmenschen ein. Von Cham zu Jaseth, von Japheth zu Schem - ständiger Aufstieg. Die meisten kämpfen ihr lebtag nur für Körper gemeinschast statt sär Seelen gemeinschast. Wenn die Reaktion der nationalen Bewegung da ist, wird man viel zu spät erkennen, datz man nur für ein Aneinander hängen der Teile tätig gewesen war statt für ein inniges Zusammen gehören. Weder nationales Wiedererwachen, noch literarische Renaissance, noch kolonisatorischer Erfolg bringen die endgültige Lösung des jüdischen Problems, sondern nur der Glaube des Judentums und seine praktische Ausübung. Man mutz es lernen im jüdischen Geiste die Thora zu lesen. Wir müssen uns mehr als bisher der mm-Erziehung der Kinder widmen. Wir können unserem Heimatlande nicht besser dienen, als wenn wir ein wahrhaft jüdisches Lehen führen. Unser Lebenselement ist die min Wir haben ein temp zu fein. So wird Stein auf Stein zu einem herrlichen Gebäude zusammengefügt. Gleichwohl bildet jedes Kapitel etwas Abgeschlossenes für sich. Jedes Kapitel fiir sich behandelt auch d. W bw 1D1"0 Dnown □’nzn'. Die Schwierigkeit, solche Dinge einem grotzen Publikum zu G'emüte zu führen, ist grotz. Um so bewundernswerter ist, datz dies dem Verfasser meisterhaft gelungen ist. Dr. M. A. Der Tränenmillionär. Pon Morris Rofenfeld. *) O glaubt, kein goldenes Instrument Stimmt meine Kehle zum Singen. O glaubt, kein Wink von oben läßt Meiner Leier Saiten erklingen. Doch der Sklave, der seufzt, und der Sklave, der stöhnt, Der weckt in mir die Lieder — Und flammend erwacht in mir ein Sang Für meine armen Brüder. Dafür sterb ich vor meiner Zeit, Dafür verbrauch ich mein Leben, i, Was können mir für einen Dank Die armen Leute geben? Sie zahlen Tränen für eine Trän', Sie können nicht anders mich lohnen, — Ich bin ein Tränen-Millionär Und beweine die Millionen . . *) Morris Rofenfeld ist, wie aus New-Pork berichtet wird ,dort im Alter von 60 Jahren gestorben. Er entstammte einer Fischerfamilie. in Russisch-Polen. Sein Leben erinnert an das Marim Gorkis. Er ging früh auf die Wanderschaft, versuchte sich in manchen Handwerken und landete endlich als Schneidergeselle in New-Pork, wo sein Dichtertalent bald erkannt wurde.! Er galt zuletzt als Meister des jiddischen lyrischen! Gedichtes, des Proletarierliedes. Seine Lieder sind fefjr populär und fast in alle Sprachen, in denen Juden sprechen, überseht. Von seiner poetischen Eigenart mögen obige Verse Zeugnis ablegen.

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