Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 64 (1923)
- Issue
- Heft 28 (12.7.1923)
- Date
- 1923-07-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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12. Juli 1923 Nr. 28 Seite 3 fährlichen Erbschaft belasteten Zionismus. Db die Orthodoxie dieser Aufgabe besser genügen kann innerhalb der bisher ja noch nicht aufgegebenen Jewish Agency oder außerhalb derselben ist nicht ohne weiteres zu entscheiden. Hinter den Kulissen der bevorstehenden Ktznessio Gedaulo wird diese Frage aufs ernsteste zu erörtern sein. In wirtschaftlicher Hinsicht bleibt der Jewish Agency, wie die politischen Verhältnisse sich auch gestalten mögen, ein weiter Wirkungsspielraum: allein es ist klar, daß die Orthodoxie neben den wirtschaftlichen Erwägungen vor allen Dingen an dem politischenEinflutz, soweit er gestaltend auf die kulturellen Verhältnisse ein wirkt, Interesse hat und daß dieser Gesichtspunkt schließlich der maßgebende für die endgültige Richtung ihrer Entschließungen sein muß. Um den Sonntagsgottesdienst. Schon die „Richtlinien" sind voller Lob für den Freitagabend mit seinem Lichterglanz und sangverklärten Feiermahl. In der Berliner „Jüdisch-liberalen Zeitung", wo die Auseinandersetzung über die Notwendigkeit und Zweckmäßigkeit des Sonntagsfestg o t t e s d i e n st e s weitergeht, wird wieder dar Freitagabend gelobt, was immer sehr verdächtig ist. Erich Sprtz, Breslau, ist aber skeptisch und meint: „Die Freitagabendkerzen sind längst erloschen, der Sabbatmorgen ist da. Wo findet er die Jugend, die sich beim Einzug der Himmelsbraut ihres Judentums so selig bewußt geworden? In Schulstuben und Hörsälen, in Äontoren und Werkstätten, überall, nur nicht beim Sabbatgottesdienst. Denn sie sind eingespannt in den ehernen Bann des deutschen Staats-, Kultur- und Wirtschaftslebens, dem die nichtjüdische Majorität ihren Stempel ausdrückt. Darum ist der Sabbat nicht ihr tatsächlicher Ruhetag, kann es nicht sein. Ist er ihnen darum ein Alltag wie die anderen? Nein, denn die Weihe des Vorabends schwingt und leuchtet in ihrem Inneren fort. Ein geheiligter Tag ist es für sie — und dennoch ein Werktag! Und nun frage ich: Ist es so sicher, datz diese Jugend (und wenn ich hier vor allem von der Jugend spreche, so gibts doch in allen Altersstufen besinnliche Menschen, die ähnlich und gleich empfinden), ist es so sicher, datz von solchem Erleben bewegte Menschen an der Freitagabendseier ihr volles Genügen finden? Datz sie sich nicht danach sehnen, darüber hinaus an dem Orte, welcher den geistig-seelischen Mittelpunkt unserer Gemeinden ist und in immer stärkerem Matze wieder werden soll, das Wort der Eotteslehre zu vernehmen und durch die Predigt des Rabbiners Anregung, Belehrung, Erhebung, vielleicht auch Wegweisung und Zieldeutung in der Wirrnis dieser Tage zu empfangen?" „Die Frage stellen, heißt sie beantworten," meint Spitz selbst. Und die Antwort müßte lauten: Wenn auch die Bedeutung der Predigt •_ De r Israelit hier stark übertrieben wird (siehe Artikel Rabb. Kaatz, Hindenburg in Nr. 23 des „Israelit"), so ist es unbestreitbar wahr, daß die Jugend so weit sie denkt und empfindet, an der Freitagabendfeier ihr volles Genüge nicht findet, daß sie sich in der Tat darüber hinaus noch nach etwas sehnt . . . Und das ist der volle Sabbat, der wohl „ihr tatsächlicher Ruhetag sein kann und muß." Zu welchen Schlüssen kommt aber Spitz? Der Sonntag muß uns retten. „Denn nur der in Reichsverfassung, Gewerbeordnung und anderen Gesetzen verankerte bürgerlicheRuhetag vermag diejenigen, die dem Sabbatgottesdienste ungern genug fernbleiben müssen, im Tempel zu vereinigen." Daß aber die Vereinigung im Tempel am Sonntag — und sogar am Sabbat, wenn er ein bloßer Tempelsabbat hleibt — noch lange nicht das ist, wonach sich die Jugend sehnt, noch lange kein Judentum ist, darüber mit denen in der „Jüdisch-liberalen Zeitung" zu rechten, erscheint zweck- und fruchtlos, solange die Herren sich nicht dazu verstehen, Augen und Sinne dem religiösen Volljudentum zu erschließen. Verständigung. Hin Wort für Wichtortyodore von Rabbiner I. A. Weknöerg in Hieße«. V. Ich bemühte mich bis jetzt, die Zweck- und Grundlosigkeit einer Vereinigung ohne vorhergehende Verständigung zu beweisen und möchte nunmehr kurz resümieren: Ich bin, Gott behüte, nicht für einen Riß, einen gewaltsamen Eingriff in den nationall n Organismus unseres Volkes. Ein solcher Rig wird auch uns schmerzen. Ich trete nur gegen eine blinde Verschmelzung, gegen bewußte Verblendung auf. Eine Vereinigung darf meines Erachtens nicht ein bloßes mechanisches Zusammenschweißen oder eine chemische Vermischung bedeuten. Ersteres ist fruchtlos, die zweite sogar schädlich. Gebt uns Zeit und Gelegenheit, uns mit Euch auszusprechen und Euch zu erkennen, dann erst könnten wir uns vereinigen. Wir wollen aber nicht in Euch aufgehen. Zu einer Vereinigung mit Euch sind wir noch nicht reif und auch Ihr seid noch nicht dazu geeignet. Ihr seid nicht befähigt, uns zü verstehen, unseren innerlichen Wert und unsere großen Möglichkeiten nach Gebühr zu schätzen. Deswegen halte ich es zurzeit für viel nützlicher, daß d§e Orthodoxie alle ihre Kräfte konzentriert, um sich selbst zu sammeln und ihre großen Massen zu organisieren. Es ist nun höchste Zeit, unsere Kräfte zur Entfaltung zu bringen, unser gutes Menschenmaterial und unseren heiligen Idealismus für das nutzbar zu machen, was Zweck und Inhalt unseres Lebens ist. Die Treue zum jüdischen Volk erheischt es, daß wir treu bleiben unserer Eigenart und unsere Arbeit nach unserem Geschmacke tun. Denn einzig durch die innerliche Geschlossenheit und Harmonie der Geister können wir das Beste aus uns heraus entwickeln, unserem Volke das Geschenk unseres moralischen Reichtums machen. Jeder gute, bewußte und mutige Orthodoxe ist schon a priori auch ein treuer und wertvoller Diener seines Volkes. Erwachtes Selbstbewußtsein und entwickelte Tatkraft sind Eigenschaften, von denen das ganze Volk profitieren kann. Ein gutentwickeltes, gut organisiertes Judentum ist die beste Garantie für die Erhaltung unseres Volkes und seiner ewigen Ideale. Auch für die Erreichung dieser Ideale kann die geistige Kraft, die jede Aktivität erfordert, nur bei dem Menschen schlummern, bei dem der Respeft vor seinem Eigenen bestimmend für seine Handlungen ist. Und ich bin stark im Zweifel, ob diejenigen von uns, welche hinüberlaufen, um in anderen Lagern als Renommierorthodore, als „Koscherzettel" zu dienen, den Gegnern irgend einen Nutzen bringen, es sei denn, daß sie ihnen Zeugen! unserer Schwächen und unserer Unbeholfenheit stellen. Es handelt sich bei uns nicht um Politik! und es ist uns nicht um den Ehrgeiz zu tun, eine Rolle zu spielen. Wir wollen lediglich unserem armen Volke nützlich sein, und ich glaube nicht, daß es irgend jemand nützt, wenn wir als unbeholfene, als unpraktische Menschen erscheinen, vor denen nicht einmal die eigenen Kinder Respekt haben können. Nein, so gehts nicht. Wir müssen vorerst durch eine politische Schule gehen und viele gesellschaftlichen Uebungen machen. Wir müssen unsere Stellung im eignen Hause erst ein wenig heben,' und wiedergewinnen den Einfluß auf unsere Kinder. Wir dürfen nicht in ihren Augen bloß Väter, wir müssen auch ihre Lehrer und Erzieher sein. Und nur dann, wenn wir uns selbst darüber klar sind, wie stark'unsere Zahl und groß unser Einfluß ist, wenn wir es erst gelernt haben, den vollen Gebrauch von unseren großen moralischen Reserven zu machen, dann kommen wir und melden uns zum Worte, und die allgemeine nationale Arbeit wird in uns ihre besten Diener und getreuesten Führer finden. Ich sprach von der politischen Schule, und es versteht sich von selbst, daß eine solche Schule für uns einzig eine durch und durch ortho- Was wäre die Welt wohl ohne Gesetz? Erst Gesetz regelt alles und ist die Grundlage der menschlichen Gesellschaft. Doch Gesetz ist nur die Basis. Menschengesetz trägt den Stempel der Unvollkommenheit. Höher als das Gesetz ist die Gerechtigkeit. Menschengesetz kann irren. Erste Stufe wahrer Lebensgrundlagen ist das Gottesgesetz, welches auf absoluter Gerechtigkeit beruht. Höchster Grad der Vollkommenheit ist, datz wir uns darnach sehnen, die göttlichen Gebote zu erfüllen, datz wir nicht daraus warten, bis der Kranke uns besucht, sondern, einem Abraham gleich, wir den müden Wanderer bitten, bei uns einzukehren. Ein Beispiel dazu, wie das Gute nur des Guten selbst halber geschehen kann, ist der Bau des Beth Israel Hospitals in NewiBork. Datz dieses 1? Stockwerke fastende Riesen - Spital, in dem jeder Patient sein eigenes Krankenzimmer hat, auf strengstes Kaschruth großes Gewicht legt, ist selbstverständlich. Was aber nicht selbstverständlich scheint, ist, daß das Beth Jsroel- Hospital neben der internen Pflege auch die soziale Fürsorge in der ganzen Umgebung in sein Arbeitsprogramm ausgenommen hat. Man begnügt sich nicht mit der Pflege des krank darniederliegenoen Patienten, sondern kümmert sich auch um die in Not befindliche Familie des Kranken, damit der Kranke nicht von der Sorge um seine vielleicht Hunger leidende Familie bedrückt wird. Eine solche Einrichtung kann nur von Menschen geschaffen werden, denen die niin heilig ist. Nur reine Liebe zu Gott kann solche Werke herv)rbc.ugeu. Das Schicksal ist tu uniere eigene Hand gelegt. In unserer Hand liegt Seger; uuo FN ch. Kann es wohl etwas Herrlicheres geben als daß wir selbst zu wählen haben. Damit nun aber auch unsere Kinder frei wählen, müssen wir ihnen den Schatz des Juden- Grundprinzipien des Judentums.^ In einem neu erschienenen Buche von Rabbiner Dr. Leo Jung werden grundlegende Prinzipien des Judentums behandelt. Dies geschieht in Form von meisterhaften Predigten, die der Verfasser in einer der bedeutendsten Gemeinden New-2)orks «the Je- -wish Center» im letzten Winter gehalten hat. Der Autor geht voraussetzungslos an seine Ausgabe: ihm genügt die Gedankenwelt eines Tom, Dick und Harry als Ausgangspunkt, um dann im Laufe-der Untersuchungen bis zu jener Höhe zu gelangen, wo es ihm gelingt, selbst jene Dutzendmenschen dahin zu erziehen, als Inbegriff alles Guten die »Agudo" zu erkennen, die den Zweck hat, „das Judentum für den Juden und den Juden für-'das Judentum zu retten." Wir müssen uns daraus beschränken, nur einiges ' hervorzuheben und müssen im übrigen aus das Buch selbst verweisen, das verdient, auch dem deutschen Leser zugänglich gemacht zu werden. Auch der Dutzendmensch fragt sich gelegentlich: was ist der Sinn des Lebens? Zu seinem Unglück muß er dann erkennen, datz er keine Antwort zu geben vermag. Aber auch der Philosoph steht ratlos. Die wahre Antwort ist am Sinai gegeben worden und beginnt mit k 'i ’oia. Das Stempelzeichen dieser obersten Wahrheit heißt: Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst. Damit ist der Menschheit zugleich der Aufgabenweg vorgezeichnet. *) »Foundations of Judaism“, von Rabbi Dr. Leo Jung, New-York, Publ. Co. 26 E 22ndstr. Es nutzt nichts, die hohen Ideale der Thora nur zu lehren, sie muffen auch gelebt werden. Dies geschieht durch den Weg der Mitzwoh. Anhäusen von trockenem Wissen ist nur Zeitverlust. Erziehung durch Mitzwoh ist nötig, um zum Ziele zu gelangen! Judentum heißt jüdisches Leben. Unsere Ausgabe wäre begrenzt und eingeschränkt, wenn wir keine Seele hätten. Gott gab uns aber eine Seele, Er gab uns einen Teil Seiner selbst. Die Seele ist das Bild der Vollendung, der Körper ist nur den Rahmen, der sie saßt. Auch wenn das Fensterglas gebrochen, gehen die Lichtstrahlen dennoch ihren Weg. Wenn der Sturm das Haus zerstört, sucht die Gottesodem atmende Seele sich eine festere Wohnung. Wenn wir die Seele zu den göttlichen Quellen führen, das göttliche Gesetz unser Leben veredeln lassen, so haben wir den Brunnen der Unsterblichkeit gesunden. Unser Gott, epeew ‘d'ON, hat nichts gemein mit der Vorstellung der Griechen, wo die Gottheit Schwächen besitzt; unser Gott ist auch kein Tyrann, der den Menschen haßt: von einem solchen Gott könnte man nicht sagen rarm Unser Gott ist mehr als nur das Machtvolle: Er ist auch o'^n, der Gott der Gnade zugleich. Auf Gnade hat Gott die Welt gebaut. Er lenkt und leitet die Geschicke aller Individuen. Er sorgt für jeden einzelnen. Er haßt die Lüge und liebt die Wahrheit und hat uns geschaffen, datz wir den Weg der Gerechtigkeit wandeln und unsre Kinder im Sinne der mm erziehen. Cr will nicht unser Leid, sondern unsre Freude. Er heilt unsre Wunden, die uns auch nur zu unserem Beiten geschlagen wurden. Das Ziel führt zuweilen über Hindernisse, doch Er. der Allgütige, der Gott der Liebe, leitet unser Geschick und reines Menschentum ist das Ziel.