Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 64 (1923)
- Issue
- Heft 28 (12.7.1923)
- Date
- 1923-07-12
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 28 Raumes für die Frauen aus der folgenden Erwägung heraus sich gezwungen, sahen. Wenn schon für die messianische Zeit, da die Menschheit von der Leidenschaft geheilt sein wird, eine Scheidung zwischen Frauen und Männern gefordert wird (vgl. Secharja 12), um wie viel mehr heute, da die Menschen von dem bösen Trieb geleitet werden, eine Trennung der Geschlechter durchgeführt werden muh. Der Talmud bemertt noch, dah eine Scheidung bereits früher stattgefunden hat,- jedoch sah man sich später gezwungen, für die Frauen sogar einen besonderen Raum zu errichten, um die Verführung möglichst zu vermeiden. Diese von Babli und Ieruschalmi gleichmähig kommentierte Ueberlieferung genügt, um die Stellung des Talmuds zum gemeinschaftlichen Tanz festzustellen. Welche strenge Scheidung zwischen Mann und Frau der Talmud durchgeführt haben will, ersehen wir noch aus folgenden zwei Stellen. Zn Ieruschalmi (Sota 3, 1) bemerkt die Gemara: wie durste der Priester bei der Schwingung des Speiseopfers der verdächtigen Frau seine Hand unter die der Frau legen. Wd "Din pai? ist denn ein derartiges Tun nicht hählich? HDD *raD. Man legte ein Tuch, so ist die Antwort, zwischen ihre und seine Hand, oder ein alter Priester, bei dem keine Leidenschaft ist, muhte die Schwingung vornehmen. Zn Berachoth 61 a und Erubin 18 b wird gesagt: Wenn ein Mann Geld in die Hand einer Frau zählt, in der Absicht, sie hierbei zu betrachten, so kann er von einer Schuld nicht freigesprochen werden, mag er an guten Taten und an Thorakenntnis dem Mausche gleichkommen. Zn Kethubolh (16 ff.) wird eine der gröhten Mizwauth, die, rfo nwun,, das Führen der Braut unter die Chuppo geschildert und dabei erwähnt, dah die gröhten Männer hierbei vor Freude tanzten. Aber immer wieder wird betont, dah man n^o vor der Braut und nur Männer allein tanzten. Im zwölften Jahrhundert, in dem n/’Qto ri^mn aus bestimmten Gründen ab geschafft wurde(vgl./L> 'D n"N ^Dp’vDTT' ■>"2* n"DH '^D tf'Dn) erhält eine jede Jungfrau den Charakter einer miy und damit sind auch verschiedene Erschwerungen bei jeder Zungfrau, wie einer sonstigen nny streng zu beachten. Es führte viel zu weit, die ganz weite und breite Diskussion, die bereits von den □’Olviwir wie □"HD! und vielen andren über dies Thema gehalten wurde, hier anzuführen (ü"^ nisSEn idd)Stc alle sind der Ansicht, dah der miy rnnp iid\s von der min wenigstens aber von den pm nicht nur bei Blutsverwandten und ma mm* sondern auch bei Der I s r a e l i t einer Zungftau, sofern keine n^Ott stattgefunden hat, angehl. Wir wollen hier von den vielen D^pDiD deren Entscheidungen wir in allen Lagen und Verhältnissen des jüdischen Lebens beachten, nur zwei anführen, die sich sehr scharf gegen das gemeinsame Tanzen von Mann und Weib wenden. An erster Stelle ist es Raschi, die Leuchte der ganzen Gola. In seinem Pardes (149) bemerkt er: Es ist verboten, dah Männer und Frauen sowohl bei einem Mahl, bei einer Unterhaltung wie Tanz oder sonstwo zusammensitzen, und untereinander sich mengen, überall sollen Männer und Frauen gesondert sitzen. Dies kann besonders aus der Trauerfeierlichkeit, die für einst von dem Propheten Sacharja geweissagt wird, bewiesen werden. Hier heißt es: das Haus Israel wird trauem, familienweise wird getrauert werden, Männer und Frauen werden besonders trauern (12, 12). Wenn schon, so folgert Raschi, bei einer Trauer die Geschlechter getrennt sein müssen, wo doch die Leidenschaft nicht so groh ist, geschweige denn bei einer fröhlichen Veranstaltung. Aehnlich bemerkt auch der Verfasser des bekannten Werkes „Kol Bo" (Resp. 66). Es wird im Namen von Maharam von Rothenburg überliefert, dah man einen Bann über die Männer und Frauen ausgesprochen hat, die beim Tanzen zusammen waren. Auch sonst soll sich der Mensch von jeder Sache zurückhalten, die eine Annäherung an die Frau verursachen würde. Es ist einerseits für die Reinheit der sittlichen Auffassung unsrer Väter besonders charakteristisch, aber auch für die freudige Stimmung in ihrem Wesen tief bezeichnend, dah hl den größeren Gemeinden wie Köln, Eger, Augsburg, Rothenburg, Frankfurt a. M., ein besonderes Tanzhaus für die Hochzeit, wo Männer und Frauen streng geschieden waren, von Gemeindewegen errichtet war (vgl. Berliner, Aus dem inneren Leben der deutschen Juden, Annerkung Nr. 34. Frankels Monatsschrift x, 280). Unsre Väter waren demnach nicht gegen den Tanz als solchen, sondern gegen das gemeinsame Tanzen voir Mann und Frau. (Schluß folgt.) Wochenrundschau. Das Schicksal der Balfourerklärung und die Jewish Ageney. Während eine große zionistische Landesorganisation nach der andern sich entschlossen auf den Boden der neuen Weizmann'schen Real- __ 12. Juli 1923 Politik stellt — siehe hierüber unsere Berichte aus Polen und Amerika in der letzten Nummer — und der Leitung empfiehlt, auf das Monopol des Zionismus zur auftraglosen Vertretung der Gesamtjudenhcil in Palästmaangelegenheiten zu verzichten, scheinen die politischen Creiglsisse mehr und mehr dahin zu führen, dah der so heih umstrittene Gegenstand des Kampfes selber, die Zewish Agency, mittlerweile ihrA politische Bedeutung so ziemlich eingebüht haben wird. Die noch immer nicht abgeschlossenen Verhandlungen Englands mit dem König Hussein über den grohen arabischen Staatenbund haben nicht nur den Arabern selbst, sondern auch allen Gegnern der englischen Palästinapolitik in England einen neuen Antrieb zum Sturm gegen die Balfourerklärung verliehen, und Herbert Samuel sieht sich in dem Augenblicke, da er den Boden des britischen Mutterlandes betritt, einer ganzen Phalanx von mehr oder minder sachlichen und antisemitischen Feinden seiner Politik gegenüber. Zionisttschen Radikalismus kann^man Herbert Samuel wahrlich nicht nachsagen, aber auch die kleinen Reste von zu nichts verpflichtenden Höflichkeiten gegenüber dem von England selbst neugeweckten jungjüdischen nationalen Selbstbewußtsein, wie sie der Methode Herbert Samuels entsprechen, werden von dair Arabern und, ihren mächtigen Hintermännern offenbar nicht mehr geduldet. Wenn ein denr Zionismus sehr wohlwollend gesinnter V^ann, wie Viscount Grey, den neuen Begriff des jüdischen „Kulturheimes" erfindet, um die jüdische S'edlung, die un Sinne der Valfourerklärung in Erez Zisroel erstehen soll, jedes Schimmers von politischem Charakter zu entk.'eiden, so ist das von symptomatischer Bedeutung. Offenbar sind in der von der englischen Regierung zur Prüfung der Palästinafrage eingesetzten Kommission mächtige Strömungen am Werke, die einen endgültigen, durch keinerlei Stachel beeinträchtigten Frieden mit dem arabischen Nationalismus wollen. Palästina daher dem arabischen Staatenbund einzuverleiben entschlossen sind und die daher der jüdisch-nationalen Heimstätte der Balfourerklärung in der Tat den Sinn beizulegen wünschen, den Achad Haam zur türkischen Zeit in weiten zionisttschen Kreisen populär gemacht hat. Wir haben bereits vor einigen Wochen an dieser Stelle angedeutet, dah die OrthodoriH angesichts der neuen Entwicklung der Dinge ganz besondere politische Aufgaben im Interesse d^r jüdischen.Gesamtheit zu erfüllen hat. Ihr muh es leichter fallen, den Anschluß an die neue Zett zu finden, als dem mit einer nicht unge- Aktuelles aus Jesaja. Don Rabb. Dr. B. Cohen in Berlin. (Fortsetzung). 22. „Dein Silber ward zu Schlacken, Dein Trank ist mit Wasser versetzt." Die Pesikta (Raschi z. St.) sieht keine Herabwürdigung darin, diesen Satz wörtlich zu fassen, nämlich als eine Klage des Prophetenwortes über die nach Schwinden des Rechtssinnes im Volke heimisch gewordenen F ä l s ch e r k ü n st e, die ja wirklich ein bitter deutlich redendes Verfallszeichen sind. Er Jann aber auch als bildlich gesprochene Einleitung zu folgendem Satze aufgefatzt werden, nämlich: Der Glanz des organisierten Beamtenstaates ist „Schlacke", — Täuschung,- die Begeisterung für Recht und Sitte ist „verwässert", unwirksam, sobald es um Taten geht. Denn 23. „Deine Fürsten sind auf Abwegen, und sind veremt mit Dieben; alles liebt Bestechung und jagt nach Liebesgaben; eine Waise richten sie nicht, und der Streit der Witwe kommt nicht zu ihnen." — 'Schlimm waren schon die Irrwege der von Priestern der Gewalt mißleiteten Volksseele; unentschuldbar bleibt aber das Abirren derer, die dem Volke ein Beispiel von Hingabe vorzuleben berufen waren. „Sorerim" sind Menschen, die das Leben wie ein übermütiges Knabenspiel betrachten und Verpflichtungen und Beschränkungen nicht anerkennen, gleich dem Ben sorer umoreh. Steht ein solcher an der Spitze eines Volkes, so erhebt sich Koheleths Weheruf „I lach erez schemalkech naar, — armes Land, dessen König ein Knabe ist!" Gemeint sind Fürsten, die sich nicht eins wissen mit der Not ihres Landes, sondern gegen dessen Geschick sich ausbäumen, ihr Volk im Stiche lassen, wenn der Glanz geschwunden ist. Einig aber wissen sie sich mit den selbstsüchtigsten Menschen ihres Volkes, einig mit den „Dieben", die ihre scheinbar stramme, doch in Wirklichkeit lässige Herrschzeit heranzüchten geholfen hat. Und statt des abgöttisch vorher verehrten Beamten- Nimbus ist jetzt Jedermanns Liebe auf — Bestechung gerichtet, nicht nur auf die gelegentlich gebotene, sondern sogar auf die durch feile Mühe zu erjagende Liebesgabe. So zeigt sich die Schlacke unter der geschwundenen dünnen Silberkruste sehr bald nach Herannahen des nationalen Unglückes in äußerst zynischer Offenheit. Mühe und Interesse beweist der Beamte nur noch auf diejenigen Rechtshändel, welche ihm Gaben bringen können; den einfachen Sachwalterdienst für Witwen und Waisen besorgen sie alle nicht gern, — er „— kömmt nicht an sie." Durch die vertrauensunwürdige Vermi tlung vieler überflüssiger Nutz .scher des Beamtendienstes, durch viele Hände geht das Anliegen der Hilfsbedürftigen, und oft genug — kommt es überhaupt nicht an den Rechten. Niemand hat Interesse, es wirklich zu erledigen; wichtigere, nämliche einträglichere Amts» Handlungen halten den Schofet von seiner Pflicht gegen die Rechtsverlassenen ab. — Zehnmal irrt Buche der Psalmen, sagt ein Midrasch,, wird dem Allgütigen ein „Kumah! Erhebe dich!" zugerufen; auf keins davon erfolgt vom Himmel eine Antwort; nur im zwölften Psalm finden wir den. Anlaß genannt, aus welchem Gott „sich erhebt", indem es heißt „Von der Unterdrückung der Armen, vom Wehklagen der Dürftigen," — „Jetzt erhebe ich mich," — spricht der Allgütige." Im gleichen Sinne verstehen wir das „lacheen", — „darum", — am Beginn des folgenden Satzes. 24. „'Darum," so spricht der Herrscher, der Allgütige, Gott der Willenseinheit, der Mächtige Israels: „Wehe, ich tröste mich an meinen Gegnern und räche mich an meinen Feinden." Eben weil Arme und Veerlassene nicht zu ihrem Rechte in Israels Schein-Ordnungsstaat kommen, will Gott die schlummernde Macht des dm Menschen angeborenen Willens zum Rechte im Volke Israel neu erwecken. Ist erst diese echt dem Gotteskämpfervolke innewohnende Macht zu neuem Wlllen erstanden, so ist aus gewaltlose Weise der Kampf gegen Gegner und Feinde unseres Gottesgedankens siegreich beendigt. Diese Prophezeiung ist zwar nach dem Zeitalter des Jesaja nicht sofort erfüllt worden. Sie verheißt ja in Wirklichkeit nur für den Fall das Gute, wenn das Volk bald Buße tun will; aber hiervon war ja keine Rede. Wohl hilft Galt Begeisterung für das Edle im Volke wecken, wenn es nur vorhanden ist; aber wie. sah es damals in Israel aus! (Fortsetzung folgt.)