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Der Israelit · 1923-07-05 · Heft 27 (5.7.1923) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
64 (1923)
Issue
Heft 27 (5.7.1923)
Date
1923-07-05
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 6 Nr. 27 D e r 3 «s r a e l i L 5: 3llU 1923 äfeflr | Der Humerus clausus» Warschau, 29. Juni. Wie zuverlässig mitgeteilt wird, haben mehrere ausländische Botschaften in Warschau, u. a. auch die französische, ihren Regierungen das Material über die Annahme des Numerus clausus zugestellt. Wenn sich auch das Ausland in die innere Politik Polens auch in diesem Falle nicht einmischen wird, so wird der moralische Kredit Polens in der Welt dadurch sicherlich nicht gehoben. Ein Verstoß gegen die Konstitution> so äußerte man sich in Botschafterkreisen, wird in der Schaffung dieses Ausnahmezustandes auf alle Fälle gesehen. Aus der anderen Seite hat die polnische Regierung ein Exposee über die Frage ausgearbeitet, das den polnischen Gesandten im Auslande als Material zur Aufklärung der Regierungen dienen soll. Es dürfte interessieren, wie die Witos-Regierung diesen Entrechtungsakt vor den Augen Europas politisch und moralisch zu rechtfertigen weiß. Warschau, 1. Juli. Der Deputierte Dr. Schreiber war mit dem! Referat zum Etat des Post- und Telegraphenministers in der Budgetkommission betraut worden. Wie er jetzt in einem öffentlichen Brief an den Vorsitzenden der Budgetkommission mitteilt, tritt er aus dieser Kommission aus und verzichtet auch auf die Abhaltung des Referates. Grund seines Rücktritts ist die Stellung der Regierung zur Frage des Numerus clausus. Dr. Msssensovn ln Dolen. Warschau, 1. Juli. Auf seiner Propagandareise für das Jaffaer Gymnasium besuchte Dr. Mossensohn auch die Großstädte Polens. In seinen Vorträgen klagt er das europäische Judentum an, daß es „sein Kulturwerk" nicht genügend unterstütze. Die zionistische Organisation habe von den 350.000 Pfund, die der Keren Hajessod aufgebracht hat, nur 30 o/o, etwa 100.000 Lstr. für die Schulen reserviert. Er hält die Sicherstellung seines Schulbudgets für mindestens so wichtig, wie den Ankauf neuen Bodens. Daß in all diesen Schulen . schon in den ersten Klassen Bibelkritik in krassester Form getrieben wird, davon spricht er vielleicht im Kreise seiner Getreuesten; den Anderen erzählt er nur davon, daß das Schulwerk in Palästina bereits 14 000 Juden großgezogen hätte. Es wäre am Platze, angesichts dieser Agitation, für eine weitere Verbreitung der auch im „Israelit" jüngsthin erschienenen Ausführungen Gedalja Bubliks über die Methoden im Jaffaer Gymnasiums und den andern zum Händler durch die Nichtkenntnis der Sprache (in Metz ist die Sprache zum großen Teil deutsch) sehr erschwert. Der Hauptteil der Auswanderung scheint sich) mehr nach dem Westen zu vollziehen, hauptsächlich nach Paris, zum Teil aber auch nach Reims und Lille. Jm"der Metzer Gegend sind etwa 3000 von Deutschland nach Frankreich ausgewanderte Juden anzütreffen. Die Verdienstmöglichkeiten der Arbeiter sind recht gut. Diejenigen, die im lothringischen Industriegebiet arbeiten, also genast so wie im rheinisch-westfälischen Industriegebiet in allen Stellungen beschäftigt sind, sind gegen Arbeitslosigkeit im allgemeinen geschützt, da sie — und das gilt zurzeit für ganz Frankreich — in keiner Weise rechtlich schlechter gestellt sind als die Inländischen Arbeiter. Die im eigentlichen Wiederaufbaugebiet in der Erdarbeit Beschäftigten verdienen im allgemeinen noch höhere Löhne. Ihre Unterkunftsverhältnisse sind jedoch erheblich schlechter (Baracken). Die Arbeit isst schwer und unsicher, da sie naturgemäß mehr von der Witterung abhängig ist. Da aber Löhne bis zu 40 Frs. den Tag erzielt werden, kann sich der Mann gegen die schlechte Zeit irgendwie schützen. - In der eigentlichen Aufbauzone dieses Gebietes arbeiten wenig Juden. DiL Mehrzahl hat sich in den Industriegebieten angesiedelt. Konferenz franzOsisefter RaMiner. Straßb u r g , Ende Juni. Die alljährliche Konferenz der französischen Rabbiner hat in diesem Jahr wohl mit Rücksicht aus die Pasteur-Jahrhundertfeier und die damit verbundene Ausstellung am 24. bis 26. Juni in Straßburg stattgefunden. Wenn schon die Rabbiner Frankreichs im üblichen Sinne des Wortes keine Reformrabbiner sind, so haben sie sich doch durch ihre vor einigen Jahren getroffenen Entscheidungen über den Schulchan-Aruch hinweggesetzt und damit außerhalb des traditionellen Judentums gestellt. Bei dem in Frankreich herrschenden religiösen Jndifferentismus ist es nicht verwunderlich, daß die ftanzösische Judenheit den Rabbinerkonferenzen kein Interesse entgegenbringt. Auch die elsässische und besonders die Straßburger jüdische Bevölkerung zeigte nur insofern Verständnis für die Versammlung ihrer Seelsorger, als ihrem Auge und Ohr etwas Außergewöhnliches dargeboten wurde: feierlicher Gottesdienst mit Musikbegleitung, bei' dem die Rabbiner in ihrer. Tracht erscheinen, schöne Reden u. dgl. Ein solennes Bankett hat, um auch dem Gaumen und der Zunge einen Genuß zu bereiten, den Abschluß der Konferenz gebildet. Besondere Erwähnung verdient ein öffentlicher Vortrag des Oberrabbiners von Frankreich, Israel Levi, über die Alliance israelite. Irgendwelche praktischen Ergebnisse für die Hebung des wahren Schulen und Kulturwerken Mosiensohnschen Geistes zu jüdisch-religiösen Sinnes in Frankreich wird die dies müsse die Regierung sich selbstverständlich den weitesten Spielraum hinsichtlich der Methoden Vorbehalten,, nach denen sie den durch das Mandat übernommenen Verpflichtungen gerecht werde. Die gegenwärtige Regie-' rung habe' sich gemäß der von ihrer Vorgängerin begonnenen Methode bemüht, das Land allmählich oewschiedene" Stufen der. Selbstverwaltung durchlaufen zu lassen . Mas die Beschwerden über jüdische Vorherrschaft betreffen, so' sei festzustellen, daß unter der Gesamtzahl von Beamten sich 608 Juden, 630 Mohamedaner und 1250 Christen befinden. Der Regierung sei nicht e in einziger Fall bekannt, in dem von jüdischer Seiten irgend ein Akt der Unterdrückung oder der mißbräuchlichen Amtsgewalt ausgeübt worden wäre. Der Ober-- kommissar sei erst gestern abend in London angekommen und er Höffe, die Lage ausführlich mit ihm zu besprechen, Viscount Erey forderte den Interpellanten auf,, die Anwesenheit Herbert Samuels zu einer Vereinbarung zu benutzen in dem Sinne, daß den hauptsächlich aräbi» schen Distrikten keine jüdische Verwaltung auferlegt, den. Juden aber dennoch die Gelegenheit gegeben werde, ihre eigene Universität und ihr eigenes' „Heim für jüdische, Kultur innerhalb eines im wesentlichen arabischen Staates" zu gründen. Auf eine -weitere Anftage im Unterhaus, - ob 'der Vertrag mit König Hussein' eine Aenderung vermenglischen Mandatverpflichtung in sich schließe, antworteteder Unterstaatssekretär in verneinendem Sinne. sorgen. Die Eodzer Industrie. Warschau, 28. Juni. Da die Lodzer Textilindustrie vor dem Zusammenbruche steht, fand im Finanzministerium eine Beratung statt, zu der mehrere Lodzer Fabrikanten zugezogen waren. Dieselben entwarfen ein trostloses Bild von der Lage und kündigten für den Fall, daß der Industrie noch weiter verboten bleibt, Devisen auszuführen und Baumwolle einzuführen, die völlige Schließung aller Webereien schon in kürzester Zeit an. Die Lodzer Textilindustrie liegt bekanntlich vorwiegend in Händen jüdischer Unternehmer und auch viele tausende jüdische Arbeiter würde der Zusammenbruch brotlos machen. Dstjüdiscve Hr»eifcr ln franftreiel). Straßburg, 21. Jstni. Im Aufträge der „Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden" hat durch einen Delegierten die Jüdische Arbeiterfürsorgestelle Mannheim in Frankreich feststellen lassen, wie sich die ostjüdischen Arbeiter, die in Scharen von Deutschland nach Frankreich abwanderten, dort befinden. . Im elsaß-lothringischen Gebiet bis Verdun, Nancy, Metz sind wider Erwarten keine allzu großen Massen jüdischer Arbeiter anzütreffen. Die Hauptsiedlung von Ostjuden ist in Metz; dort sind sie meistens Händler. In mehr französischen Teilen sind sie fast alle Arbeiter geblieben. Hier ist ihnen der Uebergang | jährige Rabbinervereinigung ebensowenig aufweisen, wie ihre Vorgängerinnen. Es muß noch bemerkt werden, daß einige elsässische Rabbiner — allerdings nur sehr wenige — dem Verband der französischen Rabbiner aus prinzipiellen Gründen nicht beigetreten sind, und daß von den drei Oberrabbinaten Metz, Colmar und Straßburg, nur das letztere an den Beratungen teilgenommen hat. Engl«»»-. England und das Pallstlnamandat. Debatte im Oberhaus. — Ein „Heim für jüdische Kultur". — Der Hussein-Vertrag. London, 29. Juni. Am Mittwoch richtete Lord Jslington eine Interpellation an die Regierung, in der er eine Aenderung des gegenwärtigen politischen Systems in Palästina im Sinne der arabischen Wünsche forderte. Der Staatssekretär für die Kolonien, Herzog von Devonshire antwortete, daß die Politik der englischen Regierung in Palästina in zwingender Form durch das Mandat bestimmt sei. Dieses Mandat stelle eine internationale Verpflichtung dar, deren integrierender Bestandteil die Balfourerklärüng sei. Eine Aenderung könnte höchstens erfolgen, wenn die Negierung beim Völkerbund einen ausdrücklichen Antrag auf Revision des Mandates stellen würde, aber damit wäre das ganze Mandat hinfällig und es wäre für England nicht möglich, sich Teile davon zu reservieren. Es wäre dann durchaus Sache des Völkerbundes, was an die Stelle des Mandates treten solle. Diese Tatsache, die eine sehr ernste Lage für England schaffen würde, dürften die Kritiker nicht aus dem Auge verlieren. Dagegen Rittzlaitd. Der Bolscftewismus gegen den £beder. Riga, 20. Juni. Der in Moskau erscheinende „Emmes" entwirft einige Bilder des Moskauer Kehillalebens, die dem Außens stehenden einen Einblick in die Dinge geben. Die Moskauer Gemeinde ist ein ganz festes gesellschaftliches Organ mit einem starken Apparat und einem Milliardenbudget. Haupteinnahmequelle sind die Mizwaus. Für Maftir zahlte man an den letzten hohen Feiertagen bis zehn Milliarden, was damals etwa soviel wie 3000 Gold» rubel war. Die Gemeinde verfügt heute noch über eine- Reihe von. Anstalten, Sanatorien, Volksküchen und sogav Talmud Thora-Schulen. Der Berichterstatter klagt, daß heute noch in Moskau sehr viel „schwarzgelernt" wird, das heißt hinter den Augen der Kommissare, die im Prinzips alle Ehederschulen geschlossen haben. In einer Synagoge besuchte er inkognito eine solche Schule und war nicht wenig überrascht, zwei Abteilungen von je 50 Schülern mit ihren Lehrern bei der Arbeit anzutreffen. Der Melamed, dem er seine Verwunderung ausdrückte, gab, nach Ueberwindung einiger Scheu, die charakteristische Antwort: „Was heißt ein Cheder schließen? Man kann doch nicht aufgeben, was man so haben muß wie das Leben, das tägliche Brot! Schließt man den Cheder hier, so tut er sich anderswo auf. Solange es Juden geben tr hb, wird es Chedarim geben, denn ohne dies kann man ja doch nicht leben." Als der Berichterstatter nach einigen Tagen die Schulewieder besuchen wollte, fand er sie le?r. Auf seine Frage erhielt er vom Schammes folgende Auskunft: „Nachdem man in Moskau eine Synagoge wegen der ihr angegliederten Talmud Thora-Schule 'geschlossen hat, fürchtet man auch für die anderen Synagogen und bringt die Chederschulen nur noch in Prioathäusern unler. Der Cheder dieser Synagoge, der inzwischen sich aus drei Abteilungen mit drei Melamdim erweitert hat, mußte ausziehen und seinen Betrieb im Geheimen fortsehen." Dev Mann, der dem Berichterstatter mit dieser Auskunft diente, schloß mit ein paar kräftigen Verwünschungen an die Adresse der Kommunisten, die dem russischen Inden die Neschomo rauben wollen. — — — Schade, daß der „Emmes" und sein Kreis die Worte des Melamed und des biederen Schammes nicht in ihrer ganzen. Tiefe und Bedeutung ersaßt haben. Palästina. Brief aus Palästina. Jerusalem, 20. Juni. Die Eisenbahnverwaltung hob, angeblich aus Ersparnisgründen das Recht der Arbeiter der drei Religionen auf die Arbeitsruhe an ihren religiösen Feiertagen auf, und dieses hat schwächere Elemente unter den jüdischen Arbeitern, die an sich noch im .Religiösen)

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