Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 64 (1923)
- Issue
- Heft 27 (5.7.1923)
- Date
- 1923-07-05
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Nr. 27 $ Der Israeli t 5. Juli 1923 wurde, hat er den Tod heraufbeschworen, nämlich jenen, welchen die auf sich selbst vertrauende, himmelanstürmende Menschheit täglich und stündlich stirbt. — Ist damit aber der Mensch überhaupt ausgeschlossen von der Erkenntnis des wahren Gut und Bösen, vom Verstehen des letzten Daseinssinnes und dem Wissen von den Urgründen? Ist er verdammt, wie in ewiger Nacht und Einkerkerung im Nichtwissen zu verharret: bleibt er hinsichtlich all seines Erlebens und Erfahrens, aller seiner Freuden und Qualen nur auf die eigenen unzulänglichen und engbegrenzten Denkformen und Sinneswertzeuge angewiesen? Der wissenschaftliche Pessimismus — denn dieser ist das Resultat des geschilderten erkenntniskritischen Standpunktes — meint es. In seiner strengen Konsequenz kann er nicht anders als nur dieser Ueberzeugung sein. Auch der sogenannte grundlose Optimismus, d. i. die Theorie einer starkseelischen Resignation, einer sich ins Unabänderliche fügenden Verzichtleistung, ist nichts anderes als eine Form dieser Konsequenz. Das hieße nun freilich den Wellenschmerz zur Hoffnungslosigkeit steigern oder zu einer stummen,! weltabgewandten Ergebung. Mit beiden aber findet sich die Menschennatur nie und nimmer ab. Bei aller Einsicht in die Grenzunabänderlichkeit unserer Erkenntnisse sträubt sich dennoch der beste Teil in uns, die Verzweiflung oder die Verzichtleistung als letzten Weisheitsschluß anzuerkennen — das Gemüt. Auf dem Grunde des Gemütes haben wohl keine erkenntnis gütigen Ableitungen Platz, allein es geht uns da wie dem Fische in der Fabel, der von keinem anderen Elemente etwas wußte» als von der Welt seines Elementes, des Wassers, bis er einmal mit dem Kopfe ans harte Ufer stieß und ahnen lernte: Es muß doch noch auch etwas anderes als bloß Wasser geben (Lange, Gesch. d. Materialismus). Ahnungen steigen auch in uns auf, daß die Folgerungen des wissenschaftlichen Pessimismus noch nicht der Dinge letzten Schluß bedeuten und, daß es nicht mit einem Optimismus der Resignation, der hilflosen Verzichtleistung sein Bewenden hat und haben kann. Wie nun also? Gibt es demnach vielleicht doch eine zuverlässige, einwandfreie und wahre Erkenntnis dessen, was gut ist und was böse: ein Wissenskriterium für den Sinn des Daseins? Darauf hat das Judentum am frühesten eine originelle Antwort gegeben: sie lautet: Offenbarung. (Fortsetzung folgt.) Wer ist den Propheten am nächsten? Don Kebakjia ZZnbtiK. Spricht man mit den Reformatoren, die die Brücke zur Assimilation gebaut haben, so wollen .sie allesamt die Propheten für sich reklamieren. .Dabei bedarf es doch für den einigermaßen Kundigenkeines Beweises dafür, wie groß die Kluft zwischen den Propheten und den Verkündern der Reform ist. Die Propheten strebten' dahin, daß Juden und Judentum ihre ewige Kraft behalten, und die Reformer steuern auf des Volkes Untergang hin. Die Propheten weissagten von einer Zeit, da a l l e V ö l k e r b e i den Indem lernen werden, und der Reformer Hauptziel ist es, daß die Juden alles von den Völkern lernen. Die Propheten waren glühende Patrioten, und die Reformer negieren die jüdische Nation. Und dennoch kann man selten eine Resormpredigt hören,: hie nicht auf diesem närrischen Vergleich zwischen Propheten und Reform aufgebaut wäre. Und dennoch berufen sich die Assimilanten aller Arten^ von den ersten Berlinern, die am Taufbecken endeten/ bis zu denen der heutigen Zeiten auf die Propheten. Hatten doch die Propheten davon geträumt, daß der jüdische Gedanke Gemeingut der Welt werde,- also könnten die Juden als Juden, müßte das jüdische Volk als solches aufhören! Die Mission des Judentums bestehe darin, ihre Ideale in die Völkerwelt zu tragen, demnach müsse es sich unter die Völker mischen^ seine Eigenart ablegen und in der Weltkultur aufgehen. Kein Alrissionär^j der für ein paar Pfund Sterling seine jüdische Seele verkauft hat und mit Phrasenpredigten auf die Seelen Anderer losläßt, fängt seine Rede anders an, als mit einem Hinweis auf die Propheten. Als wären dke Newiim seine Kollegen gewesen, d'e für den Abfall predigten. Pamphlete der Missionsliteratur sind geradezu durchsetzt von Zitaten aus Jesajas,, den Psalmen usw. Als die spanischen Inquisitoren sich am Anblick der auf dem Scheiterhaufen röstenden Juden weideten, zelebrierten sie Bibelätze und sangen Psalmlieder. Kann es danach Wunder nehmen, daß auch all diejenigen, die sich von der praktischen Iüpischkeit losgesagt haben,, ich aus die Propheten berufen und sie in den Kamps gegen das Judentum führen? Kann es verwundern, daß diejenigen, die das Judentum «eines Fleisches und Blutes berauben und ezu einem bloßen Phantom machen wollen^ zu den Propheten liefen, sie falsch in dem Sinne ausdeüteten, als wären sie Feinde des praktischen Gesetzes, Feinde des alten Judentums gewesen?! Leider aber befinden sich unter denen^ die fälschlich an die Propheten appellieren und von ihnen auszugehen angeben, auch ein großer Teil unserer nationalistischen Denker und Schriftsteller. Nur zwei Beispiele aus meinem Gedächtnis mögen hier angeführt werden. Der bekannte hebräische Schriftsteller S. A. Horodetzki schildert das Judentum als Zusammenfassung zweier widerstrebender Religionen. Die eine nennt er die „Religion der Propheten", er spricht sogar von einem „Gotte der Propheten", die andere sei die „Religion der Gesetze", welche den Geist,. die Seele des Judentums erstickt hätten. Man habe dem Volke seinen Gott^ den Gott der Propheten gestohlen und ihn durch die Gesetze ersetzt. Also müsse man sich von der praktischen Iüdischkeit, vom Ballast der Gebote emanzipieren, deren Zeit vorbei und deren Bedeutung längst verloren gegangen sei! „Zurück zu den Propheten! . . ." So ruft ein Jude die Namen der Propheten auf zur Zerstörungsarbeit, um restlos zu vernichten, was jüdisch ist. Als bestes Territorium für die Etablierung dieser religiösen Reform „im Sinne der Propheten" hält er Palästina. Es ist ein Vorzug dieses Schriftstellers, daß er wenigstens aus seinem Herzen keine Mördergrube macht und Gedanken, die. diesen Kreis im Stillen beschäftigen, frei heraussagt. Andere sägen es höchstens mit Vorbehalten und unter Verblümungen, die auch andere Deutungen zulassen. Als zweites Beispiel möge der bekannte Dichter Saul Tschernichowski dienen» dessen Zynismus so weit geht, darüber Klage zu führen, >aß „die Juden ihren Gott mit den Riemen der Tefillin gefesselt" hätten. Man will damit kurz sagen, daßder Äu^e, der treu zum praktischen Gesetze hältjz seinem Gotte nicht dient, andern im Gegenteil ihn beleidigt, Pn geangen hält hinter den Gittern der Gebote, aus denen er sich nicht mehr loszumachen vermag. Hier liegt kein Irrtum vor§ sondern ein groß angelegter Schwindel. Auf gröbste Weise wird die Wahrheit gefälscht. Man schämt sich nicht, im hellsten Lichte solche grobkörnigen Fälschungen vorzunehmen, die jedes Kind, sofern es nur die Anfangsgründe vom Tenach gelernt hat, als solche aufdecken kann. Die Propheten sind nicht nur gegen die Gebote nicht aufgetreten, sondern sie kämpften um ihre volle Geltung im Leben genau so wie später die Tanaim und Amoraim, die GaoNiten und sich fähig gezeigt hatten. nn)N-—Jetzt aber, nachdem die geistigen Führer des Volkes selber der Gewalt das Wort reden, ist jene Wirksamkeit der Rechtsbeflissenen zunichte geworden. — Und selbst das Leben ist ihnen nicht mehr heilig. Und wen trifft ihre Mördersaust? Raschi sagt: Den llrija und den Secharja! — Die von Gewaltvergötterung freigebliebenen Geistesmänner büßen für die Charakterverderbnis ihrer Berufsgenossen. (Fortsetzung folgt.) kleines Feuilleton. David und der Mond. Unter dem Titel »Einige Bemerkurmen zum Gebetbuche" wurde in einer der letzten Nummern eine Erklärung zu dem Ausruf Dipl in Wv£n "pö th im n:ü^ Lnnp-Gebet gebracht: Diese Formel sei beim ttnrin Wpp von Rabbi eingesührt worden, als zum erstenmal die heilige Handlung außerhalb Judäas vorgenommen werden mutzte, und zwar, um nicht etwa die Meinung aufkommen zu lassem daß mit dem Ortswechsel auch ein Abfall von Judäa und dem Davidischen Königshaus verbunden fei. Abgesehen davon, daß gegen diese Erklärung manche Schwierigkeiten sprechen'), ist jedoch wohl klein Grund einzusehen, warum von der alten Er- ') U. a.: Warum wurde diese aus einmaligem Anlaß eingeführte Formel für dauernd beibehalten? Was für ein Grund liegt vor, sie auf jpnp zu übertragen? Warum wurde sie nicht schon bei Klärung von Raschi, R. Ehananel °), Aruch»), (der sich auch tf"-i:in anschließt), abgewichen werden soll. Psalm 89 nämlich ist ein Lied von der Göttlichkeit und Ewigkeit der Sendung Davids und seines Hauses. »Einen Bund habe ich mit meinem Erwählten geschlossen; David, meinem Diener, zugeschworen : Bis in Ewigkeit setze ich deine Rachkommen fest; für Geschlecht und Geschlecht baue ich deinen Thron." (D. 4. 5). Da heißt es nun später D. 37, 38): »Seine Nachkommen werden für ewig sein, und sein Thron wie die Sonne vor mir, wie derMond bis in Ewigkeit feststeht, einZeuge imHimmel ewig treu." So ist der Mono, der am Neumond unsichtbar ist und doch immer wieder in wachsendem Glanze erscheint, nach Gottes Verheißung ein ständiges Zeugnis, daß auch Davids Königshaus wieder neu erstrahlen wird, auch wenn es im Augenblick unterbrochen ist. Darum haben unsere Weisen bei jedem VNp 2nnn, der doch nur auf Grund des Wiedersichtbarwerdens der verdunkelten Mondsichel vollzogen wurde, — und nach Aushören des ^nnn tsmp bei n 3 3 b tpiT) — uns dieses Zeugnis durch den Ausspruch Dip«! in oun -pD Tn zum Bewußtsein geführt und als Zeichen der unumstößlichen Wahrheit des Zeugnisses (wie bei piDn am niittO die Formel dreimal wiederholen lassen. M. in Berlin. früheren Gelegenheiten eingesührt, als n^n außerhalb Judäas vorgenommen wurde (siehe Taussaus Sanhedrin 11b), umsomehr als nur bei toy rwn und nicht bei Ennn wit\ die Vorschrift steht, innerhalb Judäas die Weihe vorzunehmen (a. a. O.) 2) Rosch Haschonoh 25 a. 8) s. V. in. Zu den Bemerkungen über den Satz in th n^ wiTp: Dpi in brnwi pbv möchte ich folgendes beitragen: Der Hinweis auf den Zahlenwert, der diesem Satze und tjnn iwn gemeinsam ist, findet sich bereits im di-©** nyto. Die beste Erklärung jedoch gibt der Midrasch Rabboi"V'Oniv^. Dort heißt es nämlich : Wie das Licht des Vollmondes nach 15 Tagen erlischt, so hörte auch nn rvo nirpft nach 15 Generationen mit 1,-ppTi' aus; wie der Mond aber vom £-jn ab an Licht wieder zunimmt, so wird auch das Dawidische Königshaus wieder zu neuem Glanz erstrahlen. Vgl. auch N"EnnE zu n"? p-nnjo, nvn 2"n rnrun zu n"2 n"D n"n und n'p dw ]"ddt Rabb. Dr. Winkler, Kopenhagen. Sabbat-Anfang und -Ausgang. On^O nnw Ort: Änf Uhr ang Min. Lc 1923 r tum 5683 'W< Uhr;g. Min. Frankfurt a. M. 7 45 7. 23. 9 35 Berlin . . . . 7 30 Juli Tammus 9 29 München . . . 7 15 9 06 Köln. 7 50 9 60 Stuttgart , . . 7 — 9 22 Breslau.... — — — — Nürnberg . . . 7 30 9 16 Hamburg . . . — — — — / i