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Der Israelit · 1923-07-05 · Heft 27 (5.7.1923) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
64 (1923)
Issue
Heft 27 (5.7.1923)
Date
1923-07-05
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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;'^xefer.^ :93OTurfösa'zut Einschränkung der Bildung Hai in zwei Lesungen das Projekt des Numerus clausus behandelt, die dritte sollte am Dienstag,. den 26. Juni vor sich gehen. Da wurde der Ausschuß vom,bekannten Hetzkaplan Lu 1 o s l aw s ki darüber' belehrt, daß es einer dpitten Le - sung garnicht bedürfe, nachdem hie zweite ohne Aenderung das Gesetz angenommen hätte. Entgegen dem Proteste des Jüdischen Klub wurde diese Ansicht vom Ausschuß mit einer Stimme Mehrheit gutgeheißen. Als sich j^och zum Schluß nach'absolvierter Tagesordnung^ dennoch das. parlamentarische Gewissen bei einigen Deputierten zu regen begann, wurde angeregt, sich nachträglich bei der Regula t i v - L o m m rs s i o n zu befragen, ob dieses Ausschalten der dritten Lesung keinen Verstoß gegen die- Verfassung und die parlamentarischen Gesetze bedeute. . Im Seniorenk.onv.ent war es sogar der Seympräsident selbst, der sich der Behandlung des Numerus clausus in dritter Lesung im Plenum, aus der gleichen Unkenntnis oder Nichtbeachtung der allen europäischen Parlamenten gemeinsamen Gesetze, widersetzte. Die Regulativkommission soll. entscheiden. 2Vie aber, wenn auch die Herren dieser Kommission mehr antisemitische Erfahrung denn parlamentarische Kenntnisse an den Tag legen? Auf den Gang der Dinge wird all dieses keinen Einfluß mehr haben. Der Numerus clausus ist angenommen und wird Gesetz. Der Bildungsausschuß hat glänzend gesiegt — gegen die Bildung. Das Gute und Böse in philosophischer und religiöser Beleuchtung. Kine Studie über den Sinn des Daseins von Oberrabbiner Dr. Adolf Altmann in Trier. , (Fortsetzung). Die Sachlage unseres behandelten Gegenstandes stellt sich nun so dar: Das Leben und Dasein aller Wesen, Dinge und Geschehnisse tritt uns voller krasser Widersprüche in Erscheinung und regt uns beständig zum „Wie?" und ^Warum?" an.. Wir fragen nach dem Sinne des Daseins und wollen wissen, ob es das auftretende Gute ist oder das Böse. Darauf antworten Optimismus und Pessimismus u. z. mit Bef " bas Problem ümkehpend'en ^Gegenfrage: >,Was ist gut und böse?" Bald auf Grund der vagen Sinneswahrnehmung, bald auf Basis der Verstandesfiktion oder auch beider züsamOen wird das wirkliche Wohl und Wehe von Welt und Dasein umgangen und Gut und Böse willkürlich suggeriert und gedeutet. Aber dje morsche Grundlage dieser wenig standhaltenden Lösungen werden in ihrer nackten Hohlheit erkannt, indem man die Wurzeln dieser Irrtümer aufdeckt, die in ' der falschen Voraussetzung liegen, daß alles vom ausschließlich menschlichen Standpunkte aus schlechthin wert'giltig bemessen werden muß und kann, als ob altes in der Welt nur ob des Metz scheu willen da sei und um ihn sich drehe,, indessen es sich in Wahrheit so verhält, daß dem Menschen kein Behelf gegeben ist, die Dinge anders zu sehen und zu erkennen als er sie aus sich heraus nun einmal sehen und erkennen muß, ohne die Gewähr zu haben, daß sie letzten Endes auch wirklich so beschaffen sind. Die 'Sinneswahrnehmung dringt nicht tief genug, bleibt auf der Oberfläche haften, ist also blind, die Verstandesfunktion geht abstrakt in die Höhe und in die Tiefe, verliert den Boden unter den Füßen und ist leer und lahm. Der Kraft der Sinne und des 'Verstandes, zusammengenommen kommt wohl nach Kant die Macht wertgiltiger, sogar wissenschaftlicher Erkenntnisse zu. Es verhält sich damit — um ein Gleichnis zu wählen — wie in der talmudischen Anekdote vom Blinden uüd Lahmen, wo der letztere auf dem Rücken des elfteren reitet und den Weg zum gemeinsamen Ziele zeigt, dahin sie nur zusammen gelangen können (Sanhedrin 91, a. b.). — Allein auch diese Erkenntniswerte bleiben nur von immanenter^ d. h. innerhalb der Erfahrungsgrenzen giltiger Art und erreichen niemals die Transcendenz der Dinge und Geschehnisse an sich. Um aber das Gut und BÄse und damit den Sinn oder Unsinn das Daseins schlechthin wahrheitsgemäß und absolut werttauglich zu bestimmen, müßten Erkenntnisse ganz anderer Art einsetzen, Erkenntnisse von transcendenter, metaphysischer Natur, die jedoch der Mensch — wie gezeigt — aus sich heraus nicht erzeugen vermag, pp nrö D'nmn LwINNl OD1NO "Q „denn verborgen und versiegelt sind die Dinge bis auf die Zeit des Endes", wie man das Wort aus Daniel (XII. 9.) hierauf anwenden kann, oder wie Hiob bekennt: „Wenn er das Antlitz verhüllt, wer willihn schauen?" (Hiob 34, 29.),, wie ferner Kohelet ausruft: „Ich dachte zu erklügeln, was mir fern ist. Fern bleibt, was fern war und tief, tief, wer will es finden?" Wer kann wissen, was dem Menschen gut ist -g* J 1 > 1 l „ .I.J.Uii,, ,...,*.,-.^1 ___ Nr. 27 Seite 3 im Leben. Wie sehr sich auch der Mensch mühe es zu suchen, er wird es nicht finden und selbst der Weise, wenn er meinte es zu - erkennen, er vermag es nicht zu finden" (Kohelet^ lV. 12, 23, vin. 17.) und wie David resigniert: „Und gebücht, ich dies zu erkennen, vergeblich erscheint die Mühe in meinen Augen" (Psalm 73, 16). Aus dieser, wie erörtert, mit den Ergebnissen der modernen kritischen Wissenschaft streng übereinstimmenden Grenzeinsicht heraus,' stand denn auch im alten und ursprünglichen Judentume das Grübeln über die letzten Dinge nicht besonders hoch in Ehren. In dieser Hinsicht galt, ebenso wie die Wissenschaft nach Kant, schon den Männern des Talmuds als einzig berechtigtes Normativ Ben Siras Grundsatz: pnnn rptsnnw nol -npnn -po nD’Dsm wmn -rrnriDiD püV i? pN ^»Was dirv ferne liegt, darin forsche nicht, was dir verborgen ist, darüber grüble nicht, worinnen dir vorzudringen gegeben ist, sinne wohl, doch nichts zu schaffen haß du mit dem Geheimen" (Chagiga,'13 a.). jrwmwrm „zu wissen, daß man nichts weiß" sollte auch vom ursprünglichen jüdischen Standpunkte aus, wie nach dem gleichen Grundsätze des Sokrates, der Ruhehafen aller höchflätternden Geistessegel feilt Wie Goethe sagt: „Das schönste Glück des denkenden Menschen ist, das Erforschbare zu erforschen und das Unerforschliche ruhig zu verehren" (Goethe, Sprüche in Prosa v.). Don diesem Gesichtspunkte aus hellt sich auch der wahre Sinn der sonst dunklen biblischen Erzählung vom Baume der Erkenntnis auf. Wollte etwa Gott die Früchte des Erkenntnis-Baumes dem Menschen mißgönnerisch vorenthalten, wie die Schlange zu Eva äußerte: „daß Gott weiß, daß welches Tages ihr davon esset, aufgehen werden euere Augen und ihr werdet sein wie Gott, erkennend Gutes und Böses" (1. B. M. 3, 5.)? Gewiß nicht. Allein Gottes Absicht war, den Menschen als solchen vom größten aller Uebel zu verschonen, vom Erkenntnisübel, d. H. von der Qual, wissen zu müssen, daß er nichts weiß. Denn der Baum enthielt ja nicht einmal die Früchte jener Kraft,, von. der ,die Schlange sprach. Atz doch der Mensch davon und erlangte trotzdem nicht die Macht, das letzte wahre Gut und Böse an sich zu erkennen. Die Frucht des verbotenen Baumes enthielt jedoch ein Anderes als die Erkenntnis selbst^ die unglückselige Kraft der Anmaßung, der Meinung nämlich, die Maßstabsmittel der wahren Erkenntnis zu besitzen. Dieweil der betörte Erdensohn sie aber in Wirklichkeit nicht erlangte und in ewiger Unrast nur dem Vergeblichen na^ustürmen befähigt strahlende Unschuld gewandelt werden. Dies für möglich zu halten, ist selbst in tiefster Verfallszeit ein Gebot des Vertrauens. Dieser Glaube darf nicht verloren gehen. Alljährlich mutzte unseren Vätern fein Sinnbild jn Gestalt des blutroten, erbleichenden Wollfadens am ' HWre des Sündenbockes vorgeführt werden; der oberflächliche Betrachter glaubt beim Erbleichen des Fadens , alle Sünden Israels getilgt; der Prophet aber spricht: Nicht das Aussehen eines Fädchens tut es »sondern auf euch kommt es an, auf eure Entscheidung. — 19. „Wenn ihr einwilliget und höret, so genietzet den Segen des Landes. 20. Wenn ihr aber euch weigert undwidersetzet, so sollet ihr vom Schwerte verzehrt werden, denn der Mund des Allgütigen hat gesprochen." Deutlich genug wird hier der Wert der Sühne auf die Tatentschlüsse des Menschen gebaut. Möglich, daß I. hier dem Volte den wahren Sinn des Sündopfers klar machen will. Der Gedankengang entspräche dann hier ganz der Mischna Ioma 6, 6—8, nach welcher gerade während des Wartens auf das Erbleichen des Fadens am Iomkippur der Kohengadol aus der Thora vorlas aus dem Schlüsse der Massechtha, wo nach allem Sühnewerk die wirkliche Theschuba als das Heiligste bezeichnet ist. Gerade das Schwert ist an dieser Stelle als Strafe für den Ungehorsam angedroht. „Dys Schwert kommt über die Welt als Strafe für 1. Verschleppung und 2. Beugung des Rechtes und für 3. unrichtiges Belehren in der Thora," heißt es in Aboth; in unserem Kapitel finden wir die Belege hierfür: 1: (S .17) Ascheru chamuz, ordnet das Stehengelassene, Verschleppte; 2. (ehd.) streitet für Witwe und Waise; 3. lernet, gutes zu üben. Jn Aboth ist die Reihenfolge zwar nicht gleich der in Jesaja; — aber aus diese Frage gibt uns eine Betrachtung unserer Zeit die Antwort. Auch in unserem heutigen 'Unglück erwiesen sich als letzte und schlimmste Konsequenzen des Unrecht-Tuns eine Justiz und eine öffentliche Meinung des Unrechts. Soll jetzt die moralische Welt „wieder aufgebaut" werden, so wird man mit Belehrung des ganzen Volkes und moralischer, geistiger' Abrüstung; mit Erz iehung zu Frieden und Recht beginnen müssen, — Gutes zu tun „lernen" und „forschen". — Die Weisen sagen ferner: Buch und Schwert kamen zusammengerollt vom Himmel. Ein Engel rief dazu aus: Tuet, was in diesem geschrieben ist, dann bleibet ihr von jenem bewahrt. Der Sinn davon ist klar. Vertieft sich nicht bloß Israel in seine Thora, sondern die ganze Menschheit in das Studium der Menschenhilfe > und -Liebe, die gelernt sein will, so ist aller Hader und alle Gewalttat von selbst aus dem Sinne der Menschen geschwunden. Denn dies ist ein den Geist nicht schwächendes, sondern ihn entwaffnendes und vroduktivierendes Streben. Bemerkenswert ist die Gegenüberstellung von „tocheelu, — ihr werdet verzehren" mit „te-ukkelu, — ihr werdet verzehrt werden." Eine Generation, die auf gesicherten Lebensgenuß allein vorbereitet war, wird zum „Futter" der Waffen; einem Geschlechte aber, das zur Selbstaufopferung für Ideale erzogen ist, wird von Gott der Weg gewiesen, das Beste (Tuv) seines Landes in sich aufzunehmen und sich als „Hebe vom Teige Gottes" zu vervollkommnen. .21. „Wehe! Wie ist zur Buhlerin geworden eine bewährte Stadt! Voll von Recht, — Gerechtigkeit übernachtet in ihr, und jetzt. — — Mörder!" — Vielleicht entlehnt der heutige Sprachgebrauch diesem Satze die Bezeichnung „Buhlerin" für eine irrgehende Justiz. Denn hier ist ja die „Stadt als solche" mit diesem Worte gebrandmarkt, die ja nur in dieser Beziehung einen solchen Namen erhalten kann. Unsere Weisen sehen auch zu den rechtlichen Verirrungen den Weg im Götzendienste. Und dies ist ja kein .fernliegender Gedanke. Denn überall, wo abgöttische Verehrung den niederwerßnden Gewalten ’ der Schöpfungswelt gezollt wird, da kann auch irdische Gewaltherrschaftauf eine stumm ergeben ihr folgende Herde fatalistischer Menschen zuversichtlich ^rechnen. Mit Recht und Fuß erklären also unsere Weisen das dritte Wort unseres Satzes mit dem „Buhlen nach fremden Göttern". Es ist ja übrigöbs selbst im Kreise der Verkünder des einzigen Gottes nicht selten geschehen, daß sie sich darauf beschränkten, vom Volke Ergebung in Gottes Ratschluß zu verlangen, wenn das Volksgefühl sich gegen die Gewalttaten und Rücksichtslosigkeiten einer sich gottgewollt nennenden Obrigkeit empören wollte. So gerieten sie in die seltsame sich religiös nennende Denkrichtung, nach welcher Krieg, Verwundung, Zerfleischung blühenden Lebens, ja Hunger und Krankheit, ja Versiegen der für Gesundheitspflege, und Heilung notwendigen Anstalten etwas in Kriegszeiten Gottgewolltes sein könnten! Sie übersahen geflissentlich den gesundheitlichen Verfall der Bevölkerung, und selbst die daraus entstandene Vernachlässigung der Religion, von deren Pflege sie lebten» störte sie nicht in ihrem Uebereifer für den Staat, dessen Macht sie als das Heiligste priesen. So machten sie einen Todesgötzen aus dem Gotte des Lebens und der Liebe., So gerieten sie in den Ruf, Priester eines Götzen der Macht zu sein und zerstörten den Glauben des Volkes gänzlich; vor alleni aber untergruben sie, die zur Erziehung und Veredlung ihrer Mitmenschen berufen waren, deren Sinn für Recht und Gerechtigkeit. Und wo dieser geschwunden ist, können auch hunderte von Rechtsinstitutionen, meleati mischpat, nichts mehr fruchten. Auch die Fülle dieser Institutionen will Jesaja nicht für ungut erklären, vielmehr erkennt er selbst mitten in prophetischer Zornesrede gern an, daß sie früher auch „Zedek", gerechte Gesinnung zu erzeugen und jalin, zu konservieren

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