Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1923-06-28 · Heft 26 (28.6.1923) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
64 (1923)
Issue
Heft 26 (28.6.1923)
Date
1923-06-28
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2446951-2450238-2450261--70602-2527891
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite 6 Nr. 26 weit, daß man in orthodoren Kreisen eine Abwehrarbeit aufnehmen muhte, besonders der Radsiminer Rebbe interessierte sich für die Sache und von ihm «nd seinem Anhänge wurden in die öffentlichen Missionsversammlungen Redner geschickt, die die Theorieen der Missionäre ins richtige Licht setzten. Auch der Direktor eines hiesigen jüdischen Gymnasiums, Herr Rosenf e l d, betätigte sich bei dieser Abwehr mit bestem Erfolge. Nun ruft die Mission den Staatsanwalt gegen die „jüdischen Störer ihrer friedlichen Versammlungen" an. Der Untersuchungsrichter unterzog bereits viele Juden, u. a. auch den Radsiminer Rabbi, einem Verhör und von Herrn Direktor Rosenseld wurde eine Kaution von einer Million Mark verlangt. Man darf gespannt sein, wie weit die polnische Justiz die Hilfsaktion für die Mission zu führen gedenkt. >PaIaf££ita» Brief aus Palästina. Jerusalem, 10. Juni.") Cs verstimmt in hiesigen jüdischen Kreisen, dah die Feier des Königsgeburtstages, der dieses Jahr auf Sonntag fiel, mit Rücksicht auf den christlichen Ruhetag auf Sabbat zurückverlegt wurde. Voriges Jahr .da der Geburtstag auf Sabbat fiel, wurden, um allen Konfessionen gerecht zu werden, die Feierlichkeiten auf Montag verschoben, wogegen damals die Araber ohne- Erfolg protestiert hatten. Dieses Jahr legte man die Festlichkeiten auf den jüdischen Ruhetag, worin man fast einen verspäteten Erfolg der arabischen Proteste vom vorigen Jahre erblicken könnte. Es wäre u. E. trotzdem richtiger gewesen, die zionistischen Zeitungen hätten «us dieser Sache nicht soviel Wesens gemacht. Es gibt wahrlich heute wichtigere Dinge, die die jüdische Welt bewegen. Das neuerbaute Rabbinerhaus mitsamt dem dazu gehörigen Beshamidrasch, eine Spende des jetzt in Palästina weilenden amerikanischen Philantropen Harry F i s ch e l, wurde am 12. Siwan mit einer größeren Feierlichkeit seiner Bestimmung übergeben. Unter den Gästen war auch der Oberkommissar an der Spitze dev Behörden anwesend, der auch eine längere Ansprache hielt. Die Eröffnungsrede hielt Oberrabbiner Jakob M e i r und die Schlußrede Herr Oberrabbiner Abraham K u k. Herr Harry F i s ch e l antwortete auf die an ihn gerichteten Dankesworte mit einer herzlichen Ansprache. Die Unstimmigkeiten zwischen dem Friedensgerichte und dem Rabbinate in Jaffa verschärfen sich immer mehr. . Da ersteres die Souveränität des Besdin nicht anerkennt, so wird von orthodoerr Seite mit Recht gefordert, daß für die Zusammensetzung der beiden Instanzen zwei getrennte Komitees gebildet werden. In Jaffa ist ein großer Streit zwischen dem Gemeinde-Komitee und den Metzgern ausgebrochen, da letztere sich beharrlich weigern, auf die Preisfestsetzungen der Gemeinde einzugehen. Infolgedessen streiken seit Wochen die Metzger, und weder in Jaffa noch in Petach Tikwah ist Koscherfleisch zu haben. Die Vorgänge im Libanongebiete versetzen auch die palästinensische Judenheit in große Erregung. Im Laufe der dort herrschenden Streitigkeiten zwischen Muselmanen und Christen hat es auch jüdische Opfer gekostet. Letzthin wurde wieder, wie aus Beirut mitgetcilt wird, in der Stadt Bihmadon im Libanon eine ganze jüdische Familie, namens M a t l o n überfallen und niedergemetzelt. Der Oberrabbiner von Damaskus wurde gleich bei den zuständigen Behörden vorstellig, auf daß den gänzlich neutralen Juden besserer Schutz gewährt werde. *) Wegen Raummangels verspätet. Personalien. Frankfurt a. M., 23. Juni. Herr und Frau Linick aus Chicago haben anläßlich ihrer Deutschland-Reise der Eeburtsstadt des Herrn Linick, Frankfurt, sowie einzelnen Personen größere Geldsummen gespendet. Ferner haben sic durch Vermittlung ihres Vetters, Direktor Sigmund Kahn vom Sirumpfhaus Metzger, der Hermann Cohen- Loge eineinhalh Millionen Mark für wohltätige Zwecke überweisen lassen. Ausscß (Obfrk.), 25. Juni. Am zweiten Tag Schevuoth starb hier Leopold Ermreuth er, nachdem er erst vor 4 Wochen von Ermreuth hierher übersiedelte, an den Folgen einer schweren Krankheit. Der Verklärte ,_ D e r graelit war ein in der weiteren Umgegend bekannter Mohel, und scheute er bis vor einigen Jahren, wo ihn ein Augenleiden an der weiteren Ausführung dieser pfifft hindert, weder Zeit, noch Geld, um sich aus innigster Ueberzeugung dieser edlen Aufgabe zu widmen. Auch wau er ein echter, streng und überzeugt gläubiger Jehudi, dessen unerschütterliches Gottvertrauen verdient, der Nachwelt als Beispiel empfohlen zu werden. Er mußte kurz nach seiner Uebersiedelung hierher seine edle Schwester/ Frau Rosa Aufseeserund seinen Schwager, Herrn Solomon Aufseeser, zur letzten Ruhe betten. So waren ihm aus dieser Welt die Prüfungen nicht erspart geblieben und wie unser Stammvater Abraham bestand er sie alle. Wir und seine Heimatgemeinde Ermreuth beklagen den Heimgang dieses wahrhaften Zadik sehr. pi Dieburg, 25. Juni. Im Alter von fast 94 Jahren starb hier Marx M a r r, der vor Jahresfrist aus seiner Heimat Königheim in Baden hergezogen ist, um den letzten Teil seines heiteren Lebensabends im Hause seiner Tochter, Ww. Goldschmidt, zu verleben. Ein rüstiger und äußerst geistesfrischer Greis, so schritt er in unseren Reihen, allbeliebt, anspornend und beispielgebend mit seiner schlichten Frömmigkeit, mit seinem Eifer für die Religion, seiner Freude an jeder Mizwotat. Zu den ersten gehörte er stets in der Synagoge, von der ihn Wind und Wetter nicht abhielten, so wie ihn das hohe Alter nicht daran hinderte, alle □,>niyn gewissenhaft zu halten. Ein ehrwürdiger Patriarch, der auf ein langes Leben reicher Tätigkeit und echter Jüdischkeit zurückblickte, ist mit ihm von uns gegangen, und bei der Ueberführung nach Königheim, die seinem letzten Wunsche gemäß am Sonntag vor sich ging, fehlte keiner von der hiesigen jüdischen Gemeinde, und auch die nichtjüdische Bevölkerung war stark vertreten. Herr Lehrer Kaufmann, sowie der erste Gemeindevorsteher, Herr Abraham L ö b, sprachen ergreifende Worte des Abschiedes und der Verehrung an den Hermziehenden, dessen Andenken uns unvergeßlich bleibt. Die Bestattung fand am Montag in Königheim, ebenfalls unter großer Beteiligung, statt. Fürth, 23. Juni. Am “m^PD.rQt£> hat hier Herr. Dr. Leo Breslauer, bisher in Kiel, sein Amt als Rabbiner der jüdisch-orthodoren Vereinigung „Schaumre Hadaß" angetreten. Die hiesigen die in obiger Vereinigung ihre Vertretung.gefunden, erhoffen durch die neue Berufung eine Stärkung ihrer Interessen nach innen und außen, insbesondere eine vertiefte religiöse Er-, ziehung und Ertüchtigung der Jugend. Vermischtes. Berlin, 20. Juni. Wie s. Zt. das Amtsgericht Berlin hat nun auch das Landgericht Berlin die Eröffnung des Hauptverfahrens gegen den General Ludendorfs wegen Beleidigung des Ordens Bnei Brith mit der Begründung abgelehnt, daß Ludendorff bei seinen Behauptungen in keiner Weise den deutschen Distrikt des Ordens, noch die deutschen Juden überhaupt, habe herausgreifen und kränken wollen. Da es eine weitere Instanz nicht gibt, ist dadurch die Sache der Bnei Brith gegen General Ludendorff strafrechtlich erledigt. Bekanntlich hatte Ludendorfs in seinen Kriegserinnerungen behauptet, daß die Bnei Brith als Glied des internationalen Judentums an der Entfesselung des Weltkrieges, sowie an der deutschen Niederlage mitgewirkt Hütten. Wörzburg, 25. Juni. Man schreibt uns: Die Besitzerin des Kaffee Wien in Würzburg, Frau Gretl Waas, äußerte zu ihrer Bedienung, daß es ihr angenehm wäre, wenn Juden ihr Lokal nicht betreten würden. Ich selbst habe eine derartige Aeußerung aufgesangen, als ich im Begriff war, das Lokal zu verlassen. Es ist ratsam, Unkundige zu warnen. R. H. Newyork, 15. Juni. Schalom Aschs „Gott der Rache" wurde in Amerika zur Aufführung verboten, da es „religiöse Gefühle verletzt". Schauspieler, die das Stück aufführten, wurden zu Geldstrafen verurteilt. Briefkasten. D. Gr. in F. Wir haben den Artikel an die Stelle rveitergegeben, die für die Agudablätter zuständig ist. Besten Dank! Frankfurter Berichte. Hemeindeversammkrmg der Synagogerrgemeirrde Isr. Ueligionsgeseü'schaft. Die am Sonntag nachmittag stattgehabte außerordentliche Gemeindeversammlung war bedauerlicherweise schwach besucht. Zweck der Versammlung war die Durchführung einer vom Vorstande als notwendig erachteten Aendcrung des 8 3 der Steuerordnung. Nach diesem Paragraphen besteht der mit der Prüfung der Steuererklärungen betraute Steuerausschutz lediglich aus fünf Mitgliedern des Vorstandes. Die Entwicklung der Verhältnisse, die zu einer gründlicheren und schärferen Durcharbeitung der Steuererklärungen zwingt, ließ es rötlich erscheinen, den Steuerausschuß zu erweitern, was durch die Zuwahl von zwei Vertretern des Eemeinderates und zwei Mitgliedern des Finanzausschusses geschehen soll. 28. Juni 1328 Die Äerwaltung glaubte dir Gemeindeversammlung benutzen zu sollen, um einem größeren Kreise ein Bild von der seit sechs. Wochen eingetretenen Entwicklung der Gemeindefinanzen zu geben. Der Referent des Vor-, standes, Herr Rosenheim, wies einleitend darauf hin, daß das Gesamtbudget der Gemeinde nach dem Stande vom 31. Dezember 1922 20 Millionen, am 15. Mai 400 Millionen und am 30. Juni 210 0 Millionen, auf das Jahr gerechnet, beträgt. Die seit Jahresbeginn eingeführte vierteljährliche Budgetierung und Steuerzahlung hat nicht zu verhindern vermocht, daß angesichts der sich überstürzenden Geldentwertungswellen das zweite Vierteljahr in dieser Woche mit einem. Kafsendefizit von über 200 Millionen Mark abschlietzt, dessen Deckung den Steuern und Gebühren des dritten Vierteljahres Vorbehalten bleiben muß. Von diesem Defizit entfällt der größte Teil aus den Monat Juni, der der Gemeinde etwa 40 Millionen Gehalts n a ch z ah lu n g e n für den laufenden Monat auferlegt und die Bereitstellung einer Summe von 147 Millionen Mark für den Gehaltstermin am 1. Juli - erfordert. Was die Finanzgebahrung im Allgemeinen betrifft, so sind es im Wesentlichen vier Probleme, deren Lösung die Gemeindeorgane unausgesetzt beschäftigt: Das Verhältnis der eigentlichen Steuern zu den Gebühren (Schulgelder, Sesselmiete etc.), die Frage der indirekten Steuern aus Kaschrusartikel etc., die besten Methoden der Schonung leistungsschwacher Gemeindemitglieder und die immer brennender werdende Frage der Betriebsmittel. Durch die zu Jahresbeginn durchgeführte Finanzreform > sind die weit zurückgebliebenen Gebühren aus eine etwas angemessenere Höhe gebracht worden; immerhin haben sie bis heute noch lange nicht denjenigen Prozentsatz der Betriebsausgaben erreicht, der vor dem Krieg durch Schulgelder- Sesselmieten gedeckt wurde. Die jetzt bevorstehende Erhöhung, welche sowohl Schulgelder als Sesselmieten auf das zehnfache der im zweiten Vierteljahr bezahlten Beträge bringt, ist, wie nachdrücklich hervorgehoben werden mutz, lediglich die Folge davon, daß man lange Zeit hindurch die notwendige Steigerung km Interesse der Schonung der kinderreichen Familien unterlassen hatte. Die Schulgelder für Nicht Mitglieder bleiben auch in dem bevorstehenden Vierteljahr nur um 50 o/o höher als diejenigen für Mitglieder, weil die Verwaltung Bedenken trägt, die zahlreichen Kinder von Nichtmitgliedern durch eine prohibitiv wirkende Erhöhung aus der Schule zu drängen. Dagegen wird man im Wintersemester von den Nichtmitgliedern. einen besonderen Heizungszuschlag erheben, der wohl willig gezahlt werden wird. Für Allsländer wird sich das Schulgeld im neuen Vierteljahr auf eine Million Mark stellen. Für eine unbedingte Notwendigkeit hält die Verwaltung die bereits angekündigte stärkere- Heranziehung der Kaschrusbetriebe zu den Kosten, die sie der Gemeinde .verursachen. Erfordern ja allein die Gehälter der Schochtim vom 1. Juli an etwa 200 Millionen Mark jährlich Während ein Teil der Betriebe (Bäckereien, Konditoreien) zur Zahlung Ser ihnen auferlegten Umsatzsteuern sich bereit erklärt haben, schweben mit anderen, insbesondere mit den Metzgern und Wurstlern, noch immer Verhandlungen, denen die Verwaltung nunmehr eine kurze Frist gesetzt hat. Die Gemeinde darf. und kann auf die Durchführung der Umsatzsteuer nicht verzichten, die niemanden drückt und zu einer fühlbaren Entlastung von schwer empfundenen direkten Steuern führen kann. Je höher die Lasten werden, desto notwendiger erscheint es, daß solche Mitglieder, deren laufendes Vierteljahrseinkom» ni en mit mehr als zweieinhalb Prozent bezw. einhalb Prozent durch Schulgeld oder Sesselmiete in Anspruch genommen werden würde, von dem ihnen rechtlich zu stehenden Anspruch aus Ermäßigung ohne falsche Scheu Gebrauch machen. Zur Frage der B e 4 triebsmittel bemerkt der Referent, daß die immer erneute Aufnahme von Bankdarlehen in jedem zweiten und dritten Quartarsmonat auf die Dauer unerträglich werde und daß es Pflicht der Gesamtgemeinde sei, der Verwaltung das erforderliche flottante Betriebskapital zur Verfügung zu stellen, lieber die Wege, auf denen dies geschehen könne, behalte sich der Vorstand seine Anträge vor. Die für das dritte Vierteljahr auszuschreibendsn öteucitt (2400 o/o Jnderzuschlag, entsprechend dem zehnfachen der ersten Vierteljahrszahlung) sollen lediglich das laufende Budget und die im Mai und Juni aufgenommene Bankschuld decken. Dagegen müssen die heute wohl auf fünfhundert Millionen zu veranschlagenden Kosten der winterlichen Kohlenversorgung aus dem Wege der freiwilligen Sondersammlung, oder, falls diese nicht ausreicht, auf dem Wege einer Sondersteuer aufgebracht werden. Der Referent schließt mit der Versicherung, daß dank dem Zusammenwirken der Fachkommissionen, des Finanzausschusses, des Eemeinderates und des Vorstandes jedes einzelne der heute zur Beratung stehenden Finanzprobleme mit größter Gewissenhaftigkeit durchgearbeitet werde und daß die oft einander entgegenstehenden und nur schwer auszugleichenden Interessen der Eemeindekasse und der einzelnen Schichten der Gesamtgemeinde jedesmal in gründlichster Auseinandersetzung gegeneinander abgewogen - würden. Das gestalte den Verwaltungsapparat zwar etwas schwerfällig, gewährleiste aber den höchstmöglichen Grad von Gerechtigkeit. An das Referat schließt sich eine ausgedehnte Diskussion, aus der wir «n Anregungen den Wunsch auf schärfere Heranziehung d e r N i ch t m i t - glieder zu den Schullasten, auf progressive

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.