Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 64 (1923)
- Issue
- Heft 26 (28.6.1923)
- Date
- 1923-06-28
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 26 Seite 8 28. Juni 1923 vavrirche HaKetiKreu^ler an der JUMU ' München, 24. Juni. Großes Aufsehen und starke Erregung in der ganzen Bürgerschaft verursacht der durch die Tagespresse bereits gemeldete rohe antisemitische Uebersall, dem am letzten Freitag der bekannte Führer der bayrischen Orthodoxie und Vorsitzende der Ohel Jakob-Gemeinde, Kommerzienrat Sigmund Frankel, zum Opfer gefallen ist? Kommerzienrat Fränkel befand sich mit seiner Familie in der Straßenbahn, wobei im Umsteigen sein Sohn in einen Wortwechsel mit einem Unbekannten geriet. Die mit diesem offenbar verabredeten Kumpane stürzten sich aus den bejahrten Herrn Fränkel, der bewußtlos hinsank. Auch seine Gattin wurde von der Bande mißhandelt, die offenbar ganz systematisch zu Werke, ging und die Uebersälle mehrmals erneuerte. Unbe-, greiflicherweise war und ist von einem Eingreifen der Polizei nichts zu merken. Man hofft, daß der Ueberfall für Leben und Gesundheit des um die Allgemeinheit hochverdienten Mannes keine dauernden Nachteile zur Folge haben wird? München, 24. Juni. Zu dem Ueberfall auf Kommerzienrat Fränkel wird noch gemeldet: Kommerzienrat Fränkel wurde am Donnerstag abend, als er, von der Reise zurückkehrend, die Straßenbahn zur Heimfahrt benützte, von einigen Rowdies schwer mißhandelt. Er wurde schon während der Fahrt auf der Straßenbahn von den rohen Burschen beschimpft und, wie er selbst den Vorfall darstellt, beim Umstekgen blutig geschlagen. Mit den Worten: „Du Ostjude, du Saujude, steig' aus mit deinem gestohlenen Gepäck!" bekam er einen Faustschlag ins Gesicht und dann mit einen: harten Gegenstand Schläge auf den Kops. Bor, dem Hause, in dem Herr Fränkel wohnt, erwarteten ihn drei weitere vorausgeeilte Leute und riefen ihm zu, wenn er nicht ein so alter Mann wäre, würde man ihn auch noch totschlagen. Auf eine Zurechtweisung des den Herrn Fränkel begleitenden Schutzmannes erwiderten die Rohlinge: „Was ist dabei, ein Jude weniger!" Dieser Darstellung fügt Herr Fränkel bei, daß seine Verletzungen nicht gefährlich sind. Die sofort angestellten Erhebungen haben im allgemeinen die Richtigkeit der Darstellung ergeben. Einer der Mitbeteiligten ist festgestellt und es besteht alle Aussicht, daß die Täter ihrer verdienten schweren Strafe zugeführt werden. München, 24. Juni. Die „Münchner Neuesten Nachrichten" schreiben: Nachdem in der letzten Zeit unter dem starken .außenpolitischen Druck in München eine gewisse Beruhigung eingetreten war und antisemitische Exzesse unterblieben, ist in der Nacht. zum Freitag an einem geschätzten und hervorragenden Mitbürger ein unentschuldbarer Roheitsakt verübt worden: Kommerzienrat Siegmund Fränkel, der allgemein als eine der führenden Wirtschaftspersönlichkeiten in Bayern gilt, wurde, wie im Polizeibericht des Münchner Teils ausführlich mitgeteilt wird, von fanatischen Judenhassern schwer mißhandelt und mit Erschlagen bedroht. Alle anständigen Menschen werden mit uns aus politischen und ethischen Gründen gegen jede Gewalttat an Andersgläubigen oder Andersdenkenden sein. Dieser feige und grundlose Ueberfall auf einen verdienten, streng? nationalen Mann kann aber nicht scharf genug gebrandmarkt und geahndet werden. Hoffentlich gelingt es der Polizei, die Täter ihrer gerechten Bestrafung entgegenzuführen und München von diesen Elementen zu befreien, die den guten Ruf der Stadt im In- und Ausland auf das schwerste schädigen! Kommerzienrat Fränkel, dem auch unsere Zeitung manch wertvolle Beiträge verdankte, war einer der nicht sehr zahlreichen Männer, die während der Rätezeit und nachher mutig und entschlossen öffentlich in Wort und Schrift scharf gegxn die Herrschaft'' der LevieN, Levine und Genossen, gegen den Bolschewismus überhaupt auftraten. Diese Gegnerschaft entsprang der streng staats-, erhaltenden, patriotischen Einstellung Fränkels, der während der Reichskanzlerzeit Hertlings dessen wirtschaftlicher Berater war und noch heute trotz seines hohen Alters als eines der eifrigsten Mitglieder des Eisenbahnrates sich betätigt. Schon diese einfachen Tatsachen beleuchten den politischen Wahnsinn solcher Gewaltakte, vor denen besonders die Leitung der Nationalsozialistischen Arbeiterpartei kürzlich in einer auch von uns veröffentlichten Kundgebung . Derg stdeilt_ gewarnt hat; aber scheinbar haben die antisemitischen Kreise ihre Gefolgschaft nicht fest in der Hand, denn sonst müßten solche Attentate unmöglich sein. Wir gehören sicherlich nicht zu denen, die immer nach dem Ausland schielen, aber im Zusammenhang mit diesem brutalen Roheitsakt muß doch einmal gesagt werden, daß wir unter den wenigen Freunden, die wir in der Welt noch haben, einen nicht unbeträchtlichen Teil verlieren, wenn dieser sinnlose Terrorismus' in München so weiter geht. Derartige Roheiten haben nichts mit Nationalgefühl zu tun; sie schädigen die gesamte nationale Bewegung und müssen unter allen Umständen verhindert werden. Hier erwächst der Münchner Polizeibehörde im Interesse des Landes eine besonders wichtige Aufgabe! Berlin, 22. Juni. Wir erhalten vom Hilfsverein der deutschen Juden die nachfolgenden Mitteilungen: Am 26. April d. I. ist — wie bereits berichtet — in Berlin eine deutsche Zentralstelle zur Bekämpfung des Mädchenhandels. begründet worden, deren Leitung der Hilfsverein der deutschen Juden und der Jüdische Frauenbund, das Arbeiterfürsorgeamt, die Eroßloge für Deutschland und die Zentralwohlfahrtsstelle der Deutschen Juden übernommen haben. Zur Durchführung des Arbeitsprogramms, das in der konstituierenden Sitzung aufgestellt wurde, fand am 4. Juni in Berlin eine Besprechung statt, an der außer Vertretern obengenannter Organisationen Frau Anita Müller-Cohen, Wien und Frau Klotz, Lodz, als Gäste teilnahmen. Es wurde beschlossen, daß das Komitee seine Arbeit zunächst auf praktische Aufgaben innerhalb Deutschlands erstrecken solle und daß Unterkomitees für die Zwecke der Begründung von Schutzkomitees an den wichtigsten Erenzpunkten des Ostens und Westens, bei den Eisen/ bahnknotenpunkten im Innern Deutschlands und den deutschen Häfen eingesetzt werden. Auf Grund der in der Praxis gemachten Erfahrungen soll nach Möglichkeit eine Zusammenarbeit mijs den Frauenschutzvereinigungen in den Ländern des Ostens in die Wege geleitet werden, die die Schaffung ähnlicher Einrichtungen in diesen Gebieten, zur Einengung der Ausbreitung des Mädchenhandels zum Ziele hat. Es sollen ferner Einrichtungen geschaffen werden, — Asyle, Heimstätten — um gefährdeten Mädchen die Rückkehr in das achtbare gesellschaftliche Leben wieder zu eröffnen. Es sollen aus Grund eines Ausrufes Sammlungen in Deutschland zur Deckung der erheblichen Kosten des Komitees für Verwirklichung des Arbeitsprogramms und der Geschäftsführung eingeleitet werden und namentlich auch inländische und ausländische Organisationen, denen die Pflicht obliegt, für die Hebung der jüdischen und rein menschlichen Moralität wirksam einzutreten, nach Möglichkeit herangezogen werden. Das deutsche Zentralkomitee konstituiert sich in der Form, daß ihm je 1 Delegierter des Hilfsvereins, des Arbeiterfürsorgeamtes der Eroßloge, der Zentralwohlfahrtsstelle und Vertreterinnen des Jüdischen Frauen-, bundes angehören. Zur Ausführung der Aufgaben, deren Verwirklichung schrittweise erfolgen soll, wird ein Büro eingesetzt. Für die sofortige Einleitung der nötigen Vorarbeiten stellt sich Frau Henriette May zur Verfügung. Lagung der Mitteldeutschen RaMtinmtrfrtndt$. Halle, 22. Juni. Auf der Tagung des Mitteldeutschen Rabbinerverbandes in Halle wurde die soziale Lage des Rabbinerstandes eingehend besprochen. Die materielle Not vieler Rabbiner ist so groß, daß die anderen Fragen und Sorgen dagegen verschwinden. Der Grund der Notlage ist, wie im einleitenden Referate angeführt wurde, zweifellos in manchen Fällen die Finanzmisere besonders kleinerer Gemeinden, häufig jedoch fehlt auch den leistungsstarken Gemeinden der Wille zur Leistung. Zur Behebung der Not kommen vorläufig zwei Wege in Frage: Nebenerwerb und Kampf gegen leistungsstarke, aber böswillige Gemeinden. Der Allgemeine Rabbinerverband, als dessen Vertreter sein erster Vorsitzender, Dr. B a e ck, den Verhand-- lungen beiwohnte, soll mit dem Vorstand solcher Gemeinden in Verbindung treten und die Verhandlungen veröffentlichen. Im Falle des Mißerfolges sollen die Rabbiner aufgesordert werden, solche Gemeinden zu boykottieren. Der liumerue ci«urur. Warschau, 19. Juni. Wie bereits berichtet, hat sich in der Kommission der Bildungsminifter im Prinzips für den Numerus clausus erklärt; er wollte jedoch noch eine Aeußerung der Regierung abwarten. Diese liegt nunmehr vor. Wie gemeldet wird, hat das neugebildete Kabinett erklärt, daß es die Einführung des Numerus clausus für vereinbar mit den Grundsätzen der Konstitution erachte.. — Dem akademischen Antisemitismus sind damit alle; Wege geebnet. Numerus clausus angenommen. Warschau, 22. Juni. Der Sejm-Ausschuß nahm mit .15' Stimmen der Vereinigten Rechtsparteien gegen '.13 der Linksparteien, der Minderheiten und der Witosbauern den Numerus clausus für alle nach Nationalität, Glauben und Rasse in der Minderheit befindlichen Völker Polens an. Die Zulassung wird von der Zahl der vorhandenen Lehrmittel abhängig sein. Die Genehmigung der Kammer dürfte außer Zweifel sein, trotzdem Witos bei seinem Regierungsantritt den Juden versprochen hatte, daß er den Numerus clausus nicht zulassen werde. Es trifft übrigens nicht nur die Juden, sondern auch die D e u t scheu und Ukrainer. Für die Universität Posen dürfte ein Prozentsatz von 1 zu 2 für die Juden bestimmt werden. Daß die Einschränkung durchaus im Widerspruch zur Verfassung und zum Minderheitenschutzvertrag steht, ist hier oft genug gesagt worden. Amnestie. Warschau, 20. Juni. Bei Behandlung des Gesetzes über die Amnestie; in der Kommission beantragten die jüdischen Deputierten, die Amnestie in der Weise zu erweitern, daß sie sich auch auf die Deserteure, die sich im Auslande befinden, erstrecken soll. Der Antrag fand aber keine Mehrheit. Deserteure nichtpolnischer Nationalität aus dem Lemberger Bezirke können den Schutz der Amnestie genießen, wenn sie innerhalb eines Monats nach Verkündung derselben sich zum Militärdienste stellen. Ein* zchuidevatte. Warschau, 21. Juni. Bei der Schuldebatte im Stadt rate plädierte der bundistische Ratmann Ehrlich für die Einführung der jiddischen Sprache als Lehrfach in den allgemeinen Schulen, außerdem für die Bewilligung von 40 Millionen monatlich und einer einmaligen Unterstützung von 100 Millionen an die jiddischistischen Schulen. Dabei unterließ er es aber nicht, die wüstesten Verleumdungen gegen den Cheder und das alte jüdische Erziehungswesen anzubringen. Ein zionistischer Ratmann verlangte gleichmäßige Berücksichtigung der hebräischen und jiddischistischen Schulen. Von orthodoxer Seite ergreift Ratmann H o f n a g e l das Wort und weist zunächst auf das Gebot der Billigkeit und Gerechtigkeit hin, die jüdischen Kinder in den öffentlichen Schulen zu keiner Sabbatentweihung zu zwingen oder zu veranlassen, ebenso ihnen die Möglichkeit eines hebräischen und Religionsunterrichtes auch da, wo sie in der Minderheit sind, zu schassen. Den kommunistischen Verleumdern erzählte er die Geschichte vom Vogel, der sein eigenes Nest beschmutzte . . . Alle Anträge werden abgelehnt, und die ganze Campagne hatte nur den Zweck, daß die paar jüdischen Kommunisten einmal, zum Gaudium der Antisemiten, gegen ihre eigenen Stammesgenossen und das, was diesen heilig ist, losziehen konnten. vle 3uaemtii$$ion schreit nach dem Staatsanwalt. Warschau, 20. Juni. Was sich hier die englische Missionsgesell»> schast seit Jahr und Tag an Triks zum Fange naiver jüdischer Seelen leistet, konnte in jüdische^ Kreisen nicht mehr unbeachtet bleiben. Vorträge, Kurse, Geldunterstützungen, sogar angebliche „englische Sprachkurse für Emigranten" arrangierte man, freilich mit den Evan-, gelien als Lehr- und Lesestoff. Das Treiben ging so