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Der Israelit · 1923-06-28 · Heft 26 (28.6.1923) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
64 (1923)
Issue
Heft 26 (28.6.1923)
Date
1923-06-28
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 Nr. 26 des Lichtes ift; wenn nicht gar ein hohes Gut und wahres Glück in irgend einem Hinblick; daß, mit anderen Worten, nur das Gute, das wir erleben, das wahre Sein ist, das Nichtgute aber bloß das „Anderssein" und dergleichen mehr. Ebenso ging umgekehrt der rationalistische Pessimismus vor und erklärte schließlich alle Lust als nichteristierend, als bloße Privation und Illusion oder gar als ein großes Leid und Uebel. Da aber das blutwarme Lieben und Leben Lachen und Jauchzen aller Kreaturen auf der einen, ihr Wünschen und Hoffen, ihr Ringen und Streben, ihr Leiden, Bangen und Zagen auf der anderen Seite sich nicht auf die Dauer in wirklichkeitsfremde Spitzfindigkeiten und Verstandsgespinste einformeln läßt, vielmehr stürmisch und beharrlich fordert, naturgetreu in Rechnung gezogen zu werden, war die Folge der geschilderten vagen Raison des Denkens, wie auf allen Gebieten der philosophischen Spekulation auch auf dem des behandelten Gegenstandes, ein vollständiger Bankerott, ein totaler Zusammenbruch des Rationalismus. Daß es da auch auf das religiöse Gebiet Übergriff, ist selbstverständlich. Der Rationalismus hat auch da, statt zu helfen, bekanntlich großen Schaden gestiftet. Es ging dabei wie bei jenem Kinde in einer Anekdote, das, als es einmal vom Vater mit harten Schlägen gezüchtigt wurde und die unberührt umstehenden Geschwister ihm beschwichtigend zuredeten, daß dieses nur wohltuende Liebeszeichen des Vaters seien, antwortete: „Ach, bittet den Vater, mich doch weniger zu lieben!" Auch im Talmud wird schon ein ähnliches, hierfür charakteristisches Stück erzählt: Rabbi Elieser lag schwer krank darnieder. Seine Schüler kamen, ihn zu besuchen. Er freute sich ihrer, aber angesichts seines leidvollen Zustandes kam ihm die Ungunst seines auch sonst allezeit harten und schweren Lebens zu Bewußtsein und er tat den Seufzer: „Stechend ist die Sonne auf dieser Welt!" Da weinten die Schüler. Rabbi Akiba aber, der unter ihnen war. lachte. Das verdroß die anderen und sie fragten verwundert: „Warum lachst du?" „Warum weint ihr?" fragte sie hierauf Akiba. „Wie sollten wir es nicht?" war ihre Antwort, „beim Anblicke einer Thorarolle (beim Anblick des Rabbis), die im Elend schmachtet". „Gerade deswegen lache ich" sagte Akiba. „Müßte ich meinen Lehrer im langsam würdevollem Takt das Pflaster, andere Fußgänger treten respektvoll zur Seite. Schritt und Zeit sind sorgfältig abgezirkelt, denn die Reihe der Zeremonien ist heute ohne Ende. He * % Im Norden der Stadt liegt das Quartier der bucharischen Juden, der kleinen, aus dem zentralen Asien stammenden Gemeinde. Aus der Persien benachbarten Heimat bezieht ihr Ritus Farbenfreude und bäuerlichen Anstrich. - Im Bethaus, einem kleinen schmucklosen Raum, sitzen sie in bunten, reich gestickten Seidenmänteln mit unterkreuzten Beinen auf der niedrigen Bank, die an den vier Wänden entlang läuft. In der Mitte, auf hoher, dreiseitig vergitterter Tribüne der Kantor, zu seinen Füßen der Knabenchor. Rabbi Aminoss führt die Gemeinde, an Alter und Aussehen ein biblischer Patriarch. Ich bin am Osterabend in Rabbi Aminoffs Hause zu Gast. Aus dem großen Eßtisch rotgeblumtes Leinen; die Frauen in wertem Faltenrock, mit gemustertem Stirnband und Kopftuch — Bäuerinnen. Nach umständlicher Vorbereitung beginnt die Feier. Bisweilen erhebt sich der Rabbi aus dem Sitz der gekreuzten Beine, steht dann auf der Bank hoch über den anderen und segnet den Wein und das ungesäuerte Brot. Die Kinder haben das Vorrecht. mrt einem lustig geschmetterten Kehrreim die Feier, so oft sie nur wollen, zu unterbrechen; die Zeremonie ruht bis zum Ende oes Liedes, wird erst dann fortgesetzt, während die Buben kichernd neue Störung planen. Trotzdem wird der Ritus sachlich und ernst absolviert bis zum Beginn des alkoholfrohen Mahles. Süßer, schwerer Wein wird gereicht und zahllose Silberbecher eines sehr scharfen Getränkes: du mußt alle leeren, darüber wacht eifernd der Rabbi. Das Ende des Mahles, nach frischen Datteln, ist eine kalte Hammelsuppe, aus flachen Glasschalen zu trinken. Der Gast wird erst spät nachts entlassen mit vielen »Todah" und „Schalom", und findet nur schwer den Weg zur Stadt und zum schlafenden Gasthos. D er I s r a e l it irdischen Glücke und Wohlergehen sehen, wahrlich, ich hätte zu weinen Grund, aus Angst, vielleicht wird meinem Rabbi schon hienieden sein Ewigkeitsanteil verabfolgt. Nun ich abek das Gegenteil wahrnehme, lache ich." Das verstand der Kranke, der es hörte. Allein, so feinsinnig es gemeint war, es tat ihm garmcht wohl. Denn der Sinn sollte wohl der Trost sein, daß die Leiden des Rabbis Sünden schon auf dieser Erde sühnen, um ihm das ewige Heil im Jenseits zu sichern. „Akiba" rief der Leidvolle gekränkt, „nichts habe ich unterlassen, von der ganzen Lehre zu erfüllen." Akiba redete sich wohl weiter aus, indem er sagte: „Du selbst, o Meister, hast uns ja gelehrt, daß kein Mensch jemals so fromm ist auf Erden, daß er nicht sündigte." (Sanhedrin 101 a). Aber gerade diese Reminiszenz Akibas und das gegenteilige- Verhalten des Meisters in der Stunde des Unglücks beweist, wie wenig angebracht jeder, und sei es auch der frömmste, abstrakte Trost für den Leidenden, und möge dieser auch der gottesfürchtigste sein, immer gewesen ist und bleibt. Der gequälten, aus tausenderlei Wunden blutenden Menschheit mußten darum die schalen, der Wirklichkeit Hohn sprechenden Rationalismen jeglicher Art, soweit sie das Matz überstiegen, zuwider werden.. Das greifbare Faktum des Erlebens erwies sich schließlich zu allen Zeiten und bei den meisten Betroffenen stärker als die Fiktion und wie Hiob seinen lästigen Trostfreunden zurief: ’Dmo „leidige Tröster seid ihr alle" (Hiob, 16, 2), so schleuderte die vom Taumel und der Einlullung des Rationalismus zum Empfindungsleben der Wirklichkeit erwachte Menschenwelt den Wust erklügelter Hinwegtäuschungskünste als haltlos von sich. Entbehrte also der Erfahrungsoptimismus in seiner Beantwortung der Fragen des Gut und Böse die sichere Grundlage konsequenter Erhärtung, weil sich keine der beiderlei Behauptungen vollkommen restlos aus der Erfahrung herleiten läßt, so verloren jetzt die beiden Weltanschauungen auch noch den andern rettenden Halt, nämlich jenen, der ihnen aus der Spekulation erwachset sollte. Griff die eine Methode zu nieder, so verstieg sich die letztere zu hoch. War der Sensualismus blind, so war der Rationalismus leer, beide also verfehlt und haltlos. Dies gelangte allgemein besonders seit dem Durchbruche der Kaninchen Philosophie zur Einsicht aller unbefangen Denkenden. Bis zum Auftreten Kants galt bei allen philosophischen Erwägungen, wenn auch unausgesprochen der alte Protagoras'sche Lehrsatz: „Der Mensch ist das Maß der DWe" als absolute und selbstverständliche Voraussetzung. Man stritt nur darüber, mittels welcher der ihm verliehenen Erkenntnisfähigkeiten der Mensch objektiver Wertmesser ist, war aber unkritisch genug, darin einig, daß er es ist, daß er Dingen und Geschehnissen transcendent auf den Grund zu kommen vermag. Auf der einen Seite maß man diese Fähigkeit der sinnlichen, der sensualistischen, auf der anderen, der verstandesmäßigen, der rationalistischen Kraft der Erdenkinder zu, oder man verband beide zu der so hohen Erkenntnis-Autorisation des Menschen. Da kam Kant, „der alles Zermalmende", wie Mendelsohn ihn gerne nannte, und zerstörte mit seiner erbarmungslosen Erkenntniskritik das gewohnte Weltbild sensualistischen und rationalistischen Eigendünkels. Wie Kopernikus eine Umkehrung der Weltanschauung im Bereiche der Planetenbetrachtung bewirkte, so brachte die Lehre Kants, (die allerdings zum Beispiel schon in Bayles, dem späteren Skeptizismus in England und Frankreich, in dem Kritizismus Berkleys und Humes u. a. m. ihre Vorläufer hatte) im Bereiche des Denkens eine revolutionäre Betrachtungsweise zur Geltung, indem er die menschlichen Erkenntnisse als Urteile nachwies, die (wie selbst Raum und Zeit, als die Formen, in die er alles kleidet) der Mensch an die Dinge und Geschehnisse« priori aus sich heraus heranträgt und nicht von der letzten Wesenheit der Dinge und Geschehnisse selbst, wie sie _ ■ _ 28. JUNI 1Y23 etwa an sich sind, empfängt. Darnach lag es auch in unserer behandelten Frage klar und licht zutage, daß das Wesen einer letzten theoretisch wahren Wertung nicht innerhalb der menschlichen Abschätzung von Gut und Böse, sei es begrifflich oder erfahrungsgemäß, liegen könne, daß daher dem Menschen weder das Recht noch die Möglichkeit zustehe, von Werten oder Unwerten in ihrer schlechthin objektiven oder gar. trenscendenten Giltigkeit zu reden. (Fortsetzung folgt.) komsponaeiireit * nacbrfcMeii. Del»tsch»s Reich. ZÜMscve Not, B erl in, 19. Juni. Die „Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden" hat eine Sammlung für die Erhaltung der in ihrem Bestände schwer bedrohten jüdischen Wohlfahrtseinrichtungen in Deutschland eingeleitet, die, wie sie mitteilt, allenthalben gute Ergebnisse zeitigte. In einer großen Reihe von Gemeinden haben gerade in den letzten Monaten für jede einzelne Institution Aktionen stattgefunden, deren Erträgnisse sich auf piele Millionen belaufen; so vor allem in Breslau, Frankfurt, Hamburg, Köln. Besonders erfreulich sind die Resultate in einigen m i t t l er e n und kleinen Gemeinden. An den bisherigen Ergebnissen der Sammlung hat Groß-Berlin den größten Anteil, wo zum ersten Male in der Entwicklung des jüdischen Wohlfahrtswesens die schärfste Konzentrierung im Sammelwesen zur Durchführung gelangt ist. Aus den maßgebendsten Persönlichkeiten der Industrie- und Handelswelt wurde ein Finanzausschuß zusammenberufen, der die Durchführung der Sammlung nach Branchen in die Hand nahm. HvSnaenmg aer kurftmiscften Zuaengrreirer. Berlin, 21. Juni. ‘ Die langjährigen Bestrebungen, das veraltete Steuersystem in Kurhessen einer zeitgemäßen Abänderung zui unterziehen und dadurch den Gemeindn ihre künstlich! unterbundene Leistungsfähigkeit wiederzugeben, scheinen sich endlich verwirllichen zu sollen. Dem Landtage ist ein Gesetzentwurf zugegangen, der die Paragraphen 17 bis 23 des alten kurhessischen' Judengesetzes aufhebt und den Gemeinde- und Provinzialsteuern die Reichsein» kommen st euer zu Grunde legt. Das Gesetz soll rückwirkend vom 1. Januar 1923 an in Kraft treten, im Bezirk Fulda vom'1. April 1923 an. Es ist erfreulich^ daß durch den neuen Entwurf den schlimmsten Schäden des bestehenden Rechtszustandes abgeholfen wird. Im Uebrigen werden diejenigen Kreise, die seit Jahren auf eine Abänderung der Gemeindeverfassung selbst hindrängen, sich solange gedulden müssen, bis die Beziehungen: des preußischen Staates zu den Religionsgesellschaften überhaupt durch ein Gesetz, das die einschlägigen Bestimmungen der Reichsverfassung interpretiert, geregelt sein werden. Sabbat-Anfang und -Ausgang. Ort: Änf« Uhr mg min. in 1923 ltum 5683 Uhr 39. Min. Frankfurt a. M. 7 45 30. 16. 9 40 Berlin .... 7 45 Juni Tammus 9 34 München . . . 7 15 9 08 Köln. 7 50 9 50 Stuttgart . . . 7 — 9 26 Breslau.... — — — — Nürnberg . . . 7 30 9 20 Hamburg . . . — — — —

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