Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 64 (1923)
- Issue
- Heft 26 (28.6.1923)
- Date
- 1923-06-28
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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g& öftlft 1928_ ftnbirü ÄtttterHalb bei mäbischM Mltürkreises ist Md Aeistig-Altürblle Aütönottrie für Äe jüdische Sibdtung im heilißen Lalide noch weseni- M aussichtsreicher, als unter Sem unmittetMhtt Einflüß einer völlig anglifierM geistiges Oberschicht; üUd in wirtschaftlicher Hinsicht ünterliegt es ja keisiem Zweifel, daß die önglt'schesi Und nicht die arabischen WkrtschäftilnelhöLeii die Entwicklung des ganzen arabischen Staalenbundes maßgebend bestimmen wetderi. Wenn die besonnenen Kreise innerhalb des Zionismus die auf den; Boden, Palästinas selber besonders einflußreichen Heißsporne der Iabotinsklschen Schule angesichts der neuen Entwicklung mit besonderem Nachdrück zur Vuhe mahnen und sie auf den Weg unbedingter Anerkennung der politischen Tatsachen verÄeisen, so kann man diesen Bemühungen iM gesamtjüdischen Interesse iiut von Herzen güten Erfolg wünschen. Der Schaden, den die ganze zionistische Geistesrichtung den traditionellen Beziehungen des jüdischen Volkes zum Ärahertum zugefügt hat, ist schon heute undrNtehlich gjM; inwieweit et ÄieÄr gützümachen sein wird, steht dahin. Aber der Versuch zu dieser ÄZiehergutmachung muß jedenfalls mit vereinten Kräften jetzt unternommen werden. Die Schechita in Polen. Wir haben bereits kurz berichtet, daß sich der neueste Feldzug der polnischen Antisemiten gegen die Schechita richtete Man sieht, im jungen polnischen Staate. wird von den Judenfeinden nichts vergessen und nichts übersehen von dem, was zum Kulturgut des Weltantijemitismus gehört. Wenn auch der Angriff auf die Schechita gewiß keine Spezialität des polnischen Antisemitismus ist, so ist doch hier eine gewisse Originalität nicht zu verkennen. Während man in anderen Ländern dabei mit dem Humanismus kommt und einzig ethische Momente vorzuschützen suchte, sind doch in Polen Dmovski und Konsorten klug und erfahren genug, um zu wissen, wie wenig dieses ethische Mäntelchen dem vorhandenen reichen wissenschaftlichen Material standzuhalten vermag . Es würde sich in diesem Lande, wo man auf dem Wege ist, mit einem Numerus clausus die Juden aus den akademischen Berufen hinauszudrängen, wo man immer noch in den Eisenbahnen Juden überfällt, mißhandelt und ihrer Bärte beraubt, übrigens grotesk genug ausnehmen, wenn man dem Volke damit kommen wollte, man habe auf einmal das Herz.für das liebe Rindvieh entdeckt und man müsse „menschlich" gegen dasselbe verfahren . . . Es. wird daher von den Antisemiten mit diabolischer Verschlagenheit, in der Hauptsache mit Der I s r a eit t_ nkstelneuen Argumenten Werierft Witz .wir sie ävs.. Len ftüybren. Kämpfen M die Schechitä itz Europa nicht kennen. Wirtschaftliche Momente werden ins Feld geführt. ja. fogat konstitutionelle Gesichtspunkte und — man lache Nicht — Rücksichten der Gleichberechtigung. In der Begründung der Interpellation wird u. a. auch davon gesprochen, daß die jüdische Intelligenz auf düs rituelle Fleisch garnicht reflektiere, den „finsteren jüdischen Massen" müsW aber klar gemacht werden, daß „die Vorschriften aus dm Zeiten Moses dürch die heutige Wissenschaft und die modernen hygienischen Emrichtungen überholt sind und sinnlos wurden". Es wird auch wider die Wahrheit, und sicher auch wider besseres Wissen, behauptet, es würde von den Schächtern mit. der religionsgesetzlichen Untersuchung usw. längst nicht mehr so genau genommen, weshalb auch das Schächten eine nutzlose Tierquälerei sei und von der Gemeinde nur aus Steuerrücksichten erhalten werde. Dann kommt aber der Hauptschlager: „Die Juden erstreben durch das Schächtverfahren. den alleinigen Besitz des Fleischmarktes, um mittels der dadurch hervorgerufenen Fleischteuerung die Gesamtbevölkerung auszubeuten." Es darf natürlich zur Verschönerung des Ganzen nicht auch an ein paar moralischen Verbrämungen fehlen. Hauptsache ist aber „die Verteuerung des Marktes": so was wirkt heute auf die Nerven und die Instinkte des unter der Teuerung leidenden einfachen Mannes aus dem Volke noch am allermeisten. Und es wäre keine polnisch-antisemitische Sache, wenn sie nicht zum Schluß noch von einer krassen Lüge bekrönt wäre: In fast allen Staaten Europas sei die Schechita längst verboten.- Aber nicht minder bewußte Lüge ist es, wenn die Interpellanten behaupten, mit diesem Vorschläge den Interessen des Staates diene.r zu wollen. Dem Staat kann keineswegs damit gedient sein, daß der Sejm, der heute lebenswichtige Dinge des Landes in Fülle zu regeln hat, sich wochen- und monatelang mit dieser Frage befaßt und ein Sturm in der Presse entfächt wird, der alle Zeit und Kraft von der produktiven Aufbauarbeit nach dieser trostlosen Ebene ablenft. Aber viele sind der Meinung, daß es gerade darauf den Herren ankommt. Es sollen eben Regierung, Parlament und öffentliche Meinung von Dingen abgelenkt werden, deren Behandlung der Reaktion heute nicht sonderlich lieb wäre. Das hieße aber nicht, dem Staate dienen, sondern ein Verbrechen gegen Staat und Bevölkerung begehen. — - Andere, die sich in der Psyche der Dmovski- Partei gut auskennen, vermuten, daß es sich hier _ Nr. M Seite 3 möglicherweise nur uM einen Schreckschuß handelt. Man will die Judenim Schach halten, sie kirre Machen, mit det Peitsche in der HaNv. yvn der WahrÜng ihrer Interesse^ von der Geltendmachung ihrer berechtigten Forderungen abdrqügen, nach dem bekannten Rezepte: „tlnd willst Du nicht Mit mir sein, so schlag ich' Dir den Schädel ein!" Man weiß, wie tief einschneidend in das jüdische Leben ein solches Verbot wäre und will auf diese Weise einen Trutnpf gegen die Juden und ihre auf ihren Rechtsschutz gerichtete Politik in Händen haben. Aber auch darin werden sich die Herren getäuscht sehen, denn es sind keine LurusforderuNgen, für die die Iudeü im Parlament ringen, und auf Lebensintereffen kann man auch unter drohenden Gefahrm von anderer Seite nicht verzichten, In Finnland war es in unglücklicher finsterer Stunde den Antisemiten gelungen, ein Schächtverbot durchzubringen, aber aus allen Teilen des Volkes wurde bald darauf gedrungen, daß dieses Verbot wieder abgeschafft wurde. In! Polen aber darf man trotz allem und allem hoffen, daß die Mehrheit des Volkes sich von antisemitischen Hetzern nicht zu einem solchen Verbrechen an Millionen treuer Mitbürger hin-- reißen läßt. Das Gute Md Böse in Philosophischer Und religiöser Beleuchtung. Kirre Studie üöer den Sinn des Safeins von Oberrabbiner Dr. Adolf Altmann in Trier. (Fortsetzung). Die meisten rationalistischen Systeme sowohl des Optimismus als des Pessimismus blieben aber dabei nicht stehen, konnten auch streng konsequenter Weise dabei nicht stehen bMen, sondern dehnten das reine Denken, die begriffliche Fiktion, bis zum letzten Ende aus, d. h. sie gingen bis zur vollständigen Abstraktion vom wirklich Gegebenen.! Dem faktischen, tatsächlichen Erleben und Erfahren ins Gesicht schlagend, gelangten sie schließlich so weit, die Eristenz des von der gegnerischen Seite Behaupteten abzustreiten und hinwegzudeuten. So entgegnet der auf die Spitze getriebene ertreme Verstandsoptimismus auf die Frage nach dem Woher des Uebels. daß es ein Uebel überhaupt nicht gebe, daß vielmehr alles Leid und Wehe und was uns sonst als böse erscheint, nur Negation des Guten fei, wie die Finsternis nur Negation des Jesaja gegen seine Zeitgenossen sein. * Er wollte tadeln, daß sie das Elend der Verzweifelnden zu lindern nicht genügend Eifer ausgewendet und so manchen zum Opfer des Hungers gemacht, manch anderen auf die Bahn des Verbrechens gedrängt und so »ihre Hände mit Blut erfüllt" haben. »Diel" zu tun glaubten sie, wenn sie mit vielen Gebeten, vielleicht Gesängen aus fromme Art ihre Zeit verkürzten. Gott aber will nur die Gebete derer hören, die auch mit ihren „Händen,' etwas getan hqben, um ihren Mitmenschen das Dasein angenehm zu machen. 16. „Waschet euch, säubert euch, entfernet das Vöse eurer Taten vor meinen Augen hinweg; höret aus, böse zu sein." Vom/ äußerlichen Waschen schreitet man zur inneren rvoj Sauberkeit fort; durch Entfernen bösen Tuns gelangt man zum Aufhören böser Gesinnung, nipp? 82 np'tf.? Mp Andere Bekenntnisse verwerfen jede nicht aus hingebender Gesinnung beruhende Tat. In Israel ist die Mizwa-Tat die Vorstufe zum Thora-Geiste, die menschliche Tat der erste Schritt zum menschlichen Denken. 17. „Lernet Gutes üben, suchet GeMichkeit, rechtfertiget den Beraubten, richtet den Waisen, streitet für die Witwe." — Gutes zu üben, ist zwar eine angeborene Kunst, die aber im Leben abhanden kommen kann. Die sie verloren haben, fordert der Prophet auf, sie aufs neue zu erlernen. Hiermit wiederholt er das vorher Gesagte; denn auch jedes Erlernen ist ein von außen nach innen fortschreitender Seelenvorgang. Nicht vorausgesetzt mutz die „Güte' werden, sondern in allmählicher Uebung erlernt will sie sein. Ebenso ist „Mischpat", Gesetzlichkeit nicht erst dann auf Erben verwirklicht, wenn die Menschen allesamt vom Geiste Gottes eftülll sind, sondern schon dann, wenn „Dirschu" ernstlich nach ihr gestrebt und geforscht wirb. pbn heißt der Beraubte, hat aber den Nebensinn „das Stehengelassene"; also „ordnet verschleppte Prozesse"; vgl. S. 23: „der Streit der Witwe kommt nicht zu ihnen", wogegen es hier heißt: „Streitet für die Witwe". Von der besonderen Bedeutung der Rechtsverschleppung, des Jnnui haddin, wird noch bei V. 23 zu sprechen sein. — Kleines jeuilleton. Der Tag der drei Feste. - Von Artur Armdt.*) Das Auto gleitet von Jaffa her ostwärts über das grelle Band her Landstraße, durch den scharfen Dust der Orangenpflanzung ins Oedland, am Zeltlager und Kasino der englischen Truppe vorbei, schiebt sich dann in kurzen, kühnen Serpentinen übers Judäagebirge, hält vor dem schlafenden Gasthof. . Jerusalem! „Jerusalem ist gebauet, daß es eine Stadt sei, darin man zusammenkommen soll", singt Davids Lied im höheren Chor. . Drei Religionen feiern ihr Fest in der heiligen Stadt. * * * Äloslimkarawanen pilgern zu Moses Er ab. *) Alls der „Neuen Freien Presse." Eine späte Satzung hat diese Wallfahrt begründet, nicht ohne politische Nebenabsicht: am Osterfest der Christen sollen die Gläubigen Mohammeds der heiligen Stadt fern sein, religiöser Zwist soll vermieden werden. Aber die Uebung des Festes handelt der Absicht zuwider, denn vor dem Auszug sammelt sich der vieltausendköpfige Pilgerzug aus bem flachen Lande an der Stätte des alten Tempels und verläßt dann gemeinsam die heilige Stadt. So sind Einzug und Auszug dem Frieden gefährlich. — Die Sonne steht höher, brennt heißer, schon hört man von weitem den rhythmischen Paukenschlag, der die Schritte der Pilger begleitet. Da kommt von der Altstadt her ein Jude über den Platz, in langem, rotblondem Bart, in blausamtnem Kaftan, die festtägliche Pelzmütze aus dem Kops, das Gebetbuch im Arm, also sichtlich vom Gottesdienst. Niemand hält ihn an, und doch steht er plötzlich still mitten im menschenleeren Karree. Er blinzelt, fährt mit der Hand durch den Bart, schaut Nach links, nach rechts, geht ein paar Schritte zurück, steht dann wieder still. Cr zweifelt: weiter zu gehen, scheint der kürzeste Weg zu seinem Ziel, aber — er wagt es doch nicht, geht dahin zurück, woher er kam und verschwindet im Winkelwerk der Iudenstadt. Bart, Locken, Kaftan und Mütze zeigen: er ist einer von denen, die seit langem im Lande sind. Die, die später kamen, sind ganz, ganz anders, sie gehen ruhig Und ohne Zögern ihren Weg. Die Konsuln der christlichen Mächte gehen zur Ostermesse. Die Straßen zur Grabeskirche sind eng. daher keine Auffahrt, sondern Kirchgang. Kawäffen schreiten voran und schlagen mit hohen Stäben in