Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 64 (1923)
- Issue
- Heft 25 (21.6.1923)
- Date
- 1923-06-21
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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4; I 21. Zuni lWL _ .__ Pessimismus einerseits und den. monntheMchen. Optimismus andererseits. Der erstehe geht, in seinen Anfängen auf die. altindische. Religion und Philosophie des Zoroaster zurück) verdichtet: sich dann zum Glauben des Buddhismus? und macht das System der Schoyenhauer-Hartmannschen Lehre vom „bösen Willen" und dem „bösen Unbewußten" aus. Der letztere wieder wird als der Grundgedanke der drei? monotheistischen Religionen, des Judentums, Christentums und des Islam angesehen. Der monistische Pessimismus verwirft wohl ein theistisches Prinzip, eine Gottesvopsehung. aber er hält immerhin an einem Prinzips fest, an einem letzten Urgrund als Ding an sich, dessen Erkennbarkeit er sogar behauptet und es eben den „Willen" bezw. das „Unbewußte" nennt. Nur ist ihm dieser „Gott mit einem anderen Namen", dieser „Wille", nicht das allweise, allgerechte und allgütige Wesen, sondern das gerade Gegenteil davon, nämlich das Törichte, Blinde, Unselige und Böse. Gegenüber diesem Pessimismus entsteht nun die Frage: Wie kommt doch nur aber auch das dem „Dämon Wille" Wesensfremde, ihm diametral entgegengesetzte Gute und Schöne in die ihm unterworfene, verneinungswürdige Welt; wie ist erklärlich ,r . . . jene Kraft, die stets das Böse will und das Gute schafft?" Der monotheistische Optimismus wieder gibt dem allwaltenden letzten Urgründe den Namen Gott und versteht darunter die höchste Vollkommenheit an Weisheit, Güte und Gerechtigkeit. Ihm gilt die andere unausweichliche Fragestellung, wie das Uebel sich darnach erklärt, dieser fürchterliche Nitz, der durch die aus Gottes Hand hervorgegangene beste aller möglichen Welten geht. Um nun die eigene Anschauung gegen die aus der Erfahrung geschöpfte Gegenargumentation der anderen zu stützen, gelangten die beiden antipodischen Weltanschauungen schön seit jeher zu der Auffassung, daß man mit der Sinneswahrnehmung allein das Auslangen nicht zu finden vermag. Der Optimismus mag sich noch so sehr auf die Güte, Vollkommenheit und Schönheit der Welt berufen und die Werte und Annehmlichkeiten des Lebens Nachweisen und preisen, die Tatsache von dem Mitvorhandensein auch des Gegenteiligen davon, wird er niemals in Abrede stellen können, solange er auf dem Böden der Wirklichkeit, steht. Desgleichen mag der Pessimismus noch so sehr auf das Faktum der Dissonanz und Widerwärtigkeit des Daseins Hinweisen, das gleichzeltige Bestehen der hoheitsvollen Seite der Existenz wird er ebenso wahrheilsgerecht nicht abstreiten können, da sich das Dasein in seiner Wirklichkeit weder wie ein Paradies noch wie eine Hölle gibt, sondern eher wie eine Mischung von beiden. Es verschlägt dabei auch nicht, wenn die eine oder die andere Anschauung sich bemüht, ein lleberwiegender einen Erfahrung über die andere nachzunveisen und so den eigenen Standpunkt auf das Plus gegen das Minus aufzubauen. Denn solange auch nur ein Minimum Lust vom Pessimismus. und ebensoviel Unlust vom Optimismus zugegeben werden mutz und nicht widerlegt werden kann, ist das Problem nicht restlos gelöst und die Weltanschauung nicht konsequent gefestigt.' — Aus dieser Erkenntnis heraus versuchten denn auch die beiden Weltanschauungen schon frühzeitig eine Modifizierung und Umkehrung der Problemstellung vorzunehmen. Statt der Frage Rede und Antwort zustehen, warum, wie und woher das Böse einerseits und warum, wie und woher das Gute und Vortreffliche andererseits, hieß es nun in Parierung des Einwandes: Was'ist überhaupt ein Uebel und heißt eigentlich böse? Und was ist gut und heitzt vortrefflich? Hierbei liefe sich dann natürlich über die Erfahrung und sinnliche Wahmehmung von Leben und Erleben hinausgehen und zu einem Hilfsmittel greifen, das iin 'der Geschichte des menschlichen Ringens die einschneidendste Rolle spielt, — zur Spekulation; -Zur Verstandesraison. D e,r. I s r a e l i t Nr. 25 Sette 5 Die Spekulation erwies sich, seit jeher als ein^ Künstlerin im Abstrahieren vom tatsächlich Gegebenen. Kant vergleicht sie nicht umsonstmit einer von allen Seiten eingeschlossenen, weltverlorenen Insel (Prolegomena). Die Spekulation sollte also einerseits dem Optimismus helfen, die Erfahrung des Uebels umzudeuten und andererseits dem Pessimismus beistehen, die Einschätzung de§ Guten umzuändery. So entstanden, wie auf allen Gebieten der Spekulation auch auf dem unseres Gegenstandes, die bekannten verschiedenen Abstraktions- und Fiktionssysteme des Rationalismus. Durch allerhand mehr oder weniger geschickte Spitzfindigkeiten in der Modifizierung und Umdeutung der Begriffe von Gut und Böse wurde der Matzstab hierfür von der Erfahrung, der menschlichen Empfindungswelt d. h. von der Induktion der Sinneswahrnehmung hinweg in die Deduktion des Verstandes verlegt. Nicht das, was jeder an sich empfindet und bei anderen wahrnimmt, was man erfährt und erlebt, sollten mehr das Gut und Böse beurteilen und bestimmen, sondern nur das davon absehende, darüber sich erhebende begriffliche Denken und Vorstellen. Datz man da vom Regen in die Traufe kam und abermals nur die subjektive Wertung von einer anderen Seite vor sich hatte, wurde lange nicht bemerkt. Ebenso, datz hierbei nur allzuoft den nackten Tatsachen der Wirklichkeit Gewalt angetan und so das Problem nur fiktiv umgangen wurde, statt gelöst zu werden. Jeder, der sich nur einigermaßen mit dem Rationalismus kritisch beschäftigt hat, z. B. mit der Plato- Aristotelischen Philosophie d.es Altertums, der arabischen und christlichen Scholastik des Mittelalters und der Leibnitz-Wolf'schen Schule der neueren Zeit, weiß davon zu erzählen. Auch in der jüdischen Scholastik, soweit sie eben philosophisch auftritt und von Fremdartigem beeinflußt erscheint, waltet dieser Zug der Abstraktion von dem wirklich Gegebenen vor. Freilich vom Standpunkte der Erbauung und Erhebung, nämlich der notwendigen seelischen Hinwegtäuschung über die rauhe, kummerbeladene Wirklichkeit war besonders die optimistische Scholastik vielfach ein Segen. Die Fiktionskunst des Deutens und Auslegens war eine ergiebige Quelle für die Kraftstählung und Ausdauer der Menschen im Ringen mit den Mächten des Geschickes. Nach dieser Richtung nahm besonders die Theodicee, die sogenannte Gottes'rechtfertigung, einen breiten Raum ein. In Hunderten Varianten nahm die Ratio kühn den Flug, zwischen Gott und Welt, zwischen dem Gedachten und Wirklichen zu vermitteln und die Kraßheit der Widersprüche zwischen Idealem und Tatsächlichem auszugleichen. Auch eine Reihe anderer optimistisch rationalistischer Philosopbeme, die Gott in der Rechtfertigung des Uebels außer Spiel lassen, haben Großes und Verdienstvolles für die Beruhigung des Menschengeschlechtes in der- Frage von Gut und Böse gestiftet. Es sei hier bloß einiger gedacht, so des universalistischen Optimismus, nach dem nichts in der Welt für sich selbst betrachtet werden darf, sondern nur als Untergeordnetes, das seinen Sinn und Zweck nur als Glied eines großen Ganzen hat, für das es existiert und dem es dient: datz jedes Einzelwesen für sich allein nicht in Betracht kommen kann, sondern über sich selbst hinausweist auf das System des Gemeinsamen, dem es angehört: datz also das Leid und Uebel, so sehr es wohl das Einzelwesen belastet, in der Gesamtheit sich verliert, im Allsein aufgehoben und versöhnt erscheint Diese Lehre, besonders von dem englischen Dichterphilosophen Pope poetisch verkündet. geht auf die ältesten Zeiten menschlicher Spekulation zurück. Sie hat innerhalb des Judentums schon Maimonides, Nachmanides und andere zu tiefgründigen Verkündern gehabt. Auch der Evolationsd. h. Entwicklungsoptimismus mag in diesem Zusammenhänge erwähnt sein, mit seiner großzügigen Theorie vom ewigen Fortschreiten alles Seins und Geschehens zum Besserwerden, zur Vorherrschaft des Guten und Gerechten, zum schlietzlichen Triumph der reinen Glückseligkeit. all^r Kre,atWp, G.s ist/ Ms^eine 'Lehre SU. PeschWchtitznng^ der, Erfahrüng vomUebel uyd BMn> b;ie tn'bßr Hesihstchte der neueren Philosophie mit. dem Namen Hegels verknüpft erscheint, unter.' den jüdischen Denkern Gersonides und in seinch und Hegels Gefolgschaft/ Nachmann Krochmal beschäftigte, in ihren Ursprüngen aber viel, ästet ist und schon in' der heiligen Schrift manche ihrer ersten Quellen hat. Uebrigens ist diese Lehre, wenn ihrer philosophischen Formen entkleidet, im Grunde nichts anderes, als der schlichte Entwicklungsgedanke,.wie er bei unseren Propheten auftritt, der besonders von Jesaja und Micha vorauserschaute und verkündete Messianismus. — Die Wortführer der Optimismen dieser Art bestreiten nicht ganz das Uebelim Gegenteil, sie lassen es gelten, aber sie messen ihm sachlich eine. untergeordnete Rolle zu, im Verhältnis zu dem hohen Werte, den es gedanklich hat. Solcherart ist z. B. auch der Erziehungsoptimismus. beschaffen, nach welchem die Leiden die Schule des Lebens sind und den höchsten Wert für die Erziehung des Menschengeschlechtes abgeben, eine Lehre, die in der deutschen Aufklärungsperiöde besonders Lessig behandelt, die aber schon in Mischna, Talmud und Midrasch wiederkehrt und die jüdischen Moralwerke aller Zeiten füllt. Ebenso wie die genannten Gattungen optimistischen Systeme, dre rationell verfahren, aber doch auch dem Faktum des Uebels einigermaßen gerecht werden, und so ethischen Nutzen stifteten, trat auch der rationelle Deutungs-Pessimismus in manchen seiner Aeutzerungen gemäßigt auf, ohne nämlich dem Glücke und der Lust des Daseins ganz Gewalt, anzutun. So z. B. die Anschauung von der' Vergänglichkeit und Hinfälligkeit alles Erdenglückes und der eines absoluten Wertes baren Hingabe an die Freuden des Daseins. Welt und Leben -sind darnach nicht ohne Glücksinhalte aber die Existenz ist dieser wegen nicht lohnend und des Ringens wert. Diese, besonders von der christlichen Kirche angenommene aber auch in der jüdischen Ethik stark verankerte pessimistische Anschauung gehört zu den wirkungsvollsten Ablenkungen der Erdenkinder von den Verlockungen und Enttäuschungen des Lebens. (Fortsetzung folgt.) Jewtjflbes Ueieh. Di« Sitzung 4«s zionistischen JHtfiotis-eoinitOs. Berlin, 12. Juni. Die hier dieser Tage abgehaltenen Sitzungen des zionistischen Aktions-Komitees befaßten sich in der Haupt-' sache mit der Frage der Jewish Agency und schlossen mit folgender Resolution: „Das A. C. stellt als Richtlinie für alle Verhandlungen, die in der Zeit bis zum Zionistenkongreß mit Vertretern nichtzionistischer jüdischer Kreise über ihre Beteiligung an der Leitung des Palästinaaufbauwerkes geführt werden, den -Grundsatz aus, daß die leitende Körperschaft der Jewish Agency vor einer Vertretungskörperschaft des jüdischen Volkes verantwortlich sein muß. Das A. C. wählt aus seiner Mitte fünf Mitglieder, welche zusammen mit Vertreter« der Exekutive eine Kommission zum Studium aller mit der Frage der Jewish Agency und anderen organisatorischen Fragen zusammenhängenden Probleme bilden sollen." Die angenommene politische Resolution besagt u. a.: „Das A. C. hält es für notwendig, neuerlich festzustellen, daß es die Aufgabe und der Wille des jüdischen Volkes ist, an der Wiederaufrichtung des näheren Orients in friedlicher Zusammenarbeit mit allen dort