Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 64 (1923)
- Issue
- Heft 25 (21.6.1923)
- Date
- 1923-06-21
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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21. Juni 1923 Seite 4 Nr. 25 denen uns der Jammer des Ganzen bis tief in die. Seele erfaßt. . Ern knappes Schlußwort Hort sich so an, wie ein Nuf nach Wiedergutmachung. Es wird -beschleunigte Erledigung des Palästina Mandates verlangt und dann der Völkerbund angerufen. Cr möchte durch eine eigene Sektion das ganze einschlägige statistische Material einsammeln und es durch ein vorurteilsfreies Historikerkollegium prüfen lassen. Ms Resultat dieser Prüfung wird die Errichtung eines internationalen Gerichtshofes verlangt. Zu den Prüfungsarbeiten seien auch jüdische Sachverständige heranzuziehen. Ueber diese Vorschläge hier zu debattieren, erscheint müßig, da sie nach Lage der Weltpolitik ja auch vom Autor nur platonisch gemeint sein können. Als ein gutes Orientierungsbuch im Labyrinth unseres Golus in seiner letzten traurigen Entwicklung ist der Band zu begrüßen. Das Gute und Böse in philosophischer und religiöser Beleuchtung. Aue Studie über den Sinn des Daseins von Oberrabbiner Dr. Adolf Altmann in Trier. (Fortsetzung). Das ist in Wahrheit erst das eigentliche Problem der beiden WelEnschauungen. Die Behauptungen an sich, ob sie mehr oder weniger einleuchtend sind, bereiten selbst noch keine Schwierigkeiten, da sich bekanntlich alles und garnichts behaupten läßt. Erst gegenteilige Beweise gestalten eine Frage zum Problem und machen von der Lösung die Stichhaltigkeit der.Anschauung abhängig. — „Wenn das Dasein einen Sinn, die Mühsal des Lebens Wert und Zweck hat," kann der Pessimismus argumentieren: „wenn das Glück das wahre Faktum der Existenz und diese Welt die beste aller möglichen Welten ist,- wenn endlich eine ausgleichende Gerechtigkeit herrscht und es eine vernünftige, planvolle Zielstrebigkeit gibt, einen letzten weisen und allgütigen Urgrund der Dinge — unde sunt male? Woher dann das Uebel? Woher das physische Uebel der Erscheinungswelt und mehr noch, woher und wieso insbesondere das moralische Uebel, z. B. das allein Glauben an eine Gerechtigkeit hohnsprechende Glück und Gelingen beim Frevler, und Unglück und Mißlingen beim Rechtschaffenen, eine Erscheinung, die sich nur zu oft darbietet und nicht etwa nur die urteilsbeschräntte Masse quält, sondern auch sehr viele Auserlesene im Geiste, in den Regionen des Denkens Bewanderte irritiert, wenn nicht gar zu ernsten Konsequenzen drängt. Wie denn die alte, abrahamitifche Frage: „Sollte der Richter der ganzen Erde nicht Gerechtigkeit üben?" (1. B. M. 18/25) die int Munde des frommen Psalters in vielen Variationen laut wird (Ps. 10, 44, 73, 92), bei Jesaja (49, 4), Jeremia (12, 1—3), Habakück (1, 3-4), Maleachi (2, 17: 3. 3—15) wiederkehrt, bei Hiob und Koheleth scharfe skeptische Formen annimmt (Hiob 7, 17—20, 9, 21—23; Koheleth 3, 16.19; 4, 1), die talmudischen Weisen Sabbat-Anfang und -Ausgang. npn MV Ort: fl FI "TH 1923 rturn 5683 sg. Min. Frankfurt a. M. 7 45 23. 9. 9 40 Berlin .... 7 45 Juni Tamnius 9 38 München . . . 7 15 9 08 Köln. 7 50 9 50 Stuttgart » . . 7 - 9 27 Breslau.... — — - — Nürnberg . . . 7 30 S 20 Hamburg . . . — — — — _De r Is r a q li t, am angelegentlichsten beschäftigt (so'Beracholh 7a, Baba Bätra 15 a) und den jüdischen Religionsphilosophen viel Kopfzerbrechens macht, niemals aufgehört hat, seihst die Besten und Frömmsten wie vor ein Rätsel zu stellen. Woher das Böse, Stumpfe, Blinde, die Zerstörung, das Vermehrte und Verzerrte, die Häßlichkeit und Schlechtigkeit, Krankheit, Gebrechen und die Geißel des Krieges, wenn Gehalt und Sinn des Daseins das Gute ist? Und wieder umgekehrt kann der Optimismus gegen den Pessimismus einwenden: Woher und wieso doch auch das viele Herrliche und Schöne, Erhabene Md Große, Wertvolle und Weise, Zweckmäßige und Gerechte in der Welt, im Leben und Dasein: wieso immerhin das doch vielfach vorkommende reine Glück und ungetrübte Wohlergehen, die mannigfachen Lust- und Freudenmonate für die Guten und Edlen und das Eintreffen der Nemesis für die Schuldbeladenen und Bösen? Woher das Gefühl des Mitleids, das Friedvolle, die Regung des Edelmutes bei. den Menschen, die Spendung von Heilung. Trost und Labung in der Natur, der wunderbare Gang ihres ineinander greifenden Räderwerkes, genannt Weltenlauf? Woher und wieso vor allem der der normalen Menschennatur innewohnende Schauder vor dem Tode, die Anklammerung am Leben, selbst bei vielen solchen, die Arges und Trauriges in Fülle erfahren, wie z. B. der martervolle „Matratzengruft-Poet" (Heine) äußert: „Bin ich auch nur das Schattenbild in einem Traum, so. ist dieses doch besser als das kalte, schwarze leere Nichtsein des Todes. Das Leben ist der Güter Höchstes und das schlimmste Uebel ist der Tod" (Heine, Reisebilder, Buch Legründ Cap. 3) und wie er sich in einem seiner letzten Gedichte hören läßt: „O, Gott, wie traurig bitter ist das Sterben! O, Gott, wie süß und traulich läßt sichs leben In diesem traulich-süßen Erdenneste!" Oder wse es befm Eurspsdes (Iphigenie in Aulis v. 1250 ff.) heißt: „Dies Licht zu schauen ist das Süßeste; doch herb der Tod. Wer wünscht zu sterben, rast. Es ist ein elend Leben besser als ein schöner Tod." Und wie Koheleth sagt: „Besser ein Hund sein und leben als ein Löwe und tot": (Koheleth 9/4). Woher dieses alles, wenn es wahr sein soll, daß Habel-Habolim, Nichtigkeiten, nichts als Nichtigkeiten vorherrschen und de§ Lebens Ziel und Wesen eine sinnlose Leere ist, die negiert zu werden verdient? Dieses sind die schwerwiegenden Einwände,, die sich dem Optimismus einerseits und dem Pessimismus andererseits entgegenstemmen und gebieterisch beantwortet werden wollen, wenn nicht die eine oder die anderq der beiden Weltanschauungen unter der Wucht der Gegenargumentation zusammenbrechen will. Mit andern Worten: Das Problem des Uebels zu lösen ist des Optimismus Bestandes- und Geltungsprobe und von der Auflösung des Wohlsein-Problems hängt die Stichhaltigkeit des Pessimismus ab. Beide Weltanschauungen haben denn auch seit jeher nach dieser Richtung hin ihre Problemstellung aufgefaßt- Bemerkt sei, daß das Problem, soweit es den Pessimismus betrifft, eigentlich nur für jenen gemäßigten pessimistischen Standpunkt besteht, der noch das Walten eines Prinzipes und sei es auch nur das des Bösen, anerkennt. Für den radikalen, absoluten Pessimismus, der überhaupt jedes Prinzip in Abrede stellt und nur den blinden Zufall gelten lassen will, z. B. für .den Epikuräismus als theoretischen Materialismus existiert die Frage nicht: „wie kommt doch auch das Gute in die Welt?"' Es ist nach diesen Anschauungen eben nichts als Zufall, ganz wie auch das allerdings überwiegende Böse nur Zufall ist; ein Chaos ohne Sinn und System. Mit diesen nicht nur atheistischen, sondern ar^ch alles Geistige im Stofflichen überhaupt leugnenden und damit, konsequenter Weise letzten Endes sogar die Gesetzmäßigkeit im Naturgeschehen abstreiten müssenden Standpunkt wollen wir uns nicht weiter beschäftigen. Er ist eM Standpunkt, der Eigentlich! kein solcher ist. sünde'knnur ein Schlagwört. Jede Auseinandersetzung ist. da> von vornherein verfehlt, ein ünängebrachtes. müßiges Beginnen. Es ist gleichsam» als wollten wir mit einem kalten, harten Stein -philosophische Dispute, pflegen. Don der Naturwissenschaft, auf die er . sich als nihilistischer Pessimismus unter dem Deckworte des Atomismus beruft,, ist er ohnehin längst ad absurdum geführt. Jeder Gebildete — von den Wissenschaftlern garnicht zu reden — weiß heute, daß wir es beim unendlich Kleinen ebenso wie beim Allergrößten im Leben der Natur mit Geist und Bewußtsein zu tun haben» oder, wie man es lieber nennt, mit Gesetzmäßigkeit — was sachlich dasselbe ist — und niemals mit Zufall. Denn gäbe es nur Zufall, so wäre jede Folgerung der Beobachtung sowie jede logische Vorausberechnung beim Experiment unmöglich», damit aber jeder wissenschaftliche Fortschritt aufgehoben. — Noch für einen anderen extremen Standpunkt in der Frage des Gut und Böse existiert das Problem in unserer Fassung nicht: für den Dualismus, laut dem sich zwei'Prinzipien m die Beherrschung des Seins und. Geschehens teilen, wie Licht und Finsternis, Tag und Nacht in der? Beherrschung des Nacheinander der Zeit, das eine Prinzip als Ursprung des Guten und das andere als Quelle des Bösen. Ein derheidnischen Vorstellungswelt geläufiger Gedanke, der sich schon in Homers Ilias (24. Gesang) findet, wo Priamos spricht: „ ... denn es stehen zwei Fässer gestellt an der Schwelle- Kronions, voll das eine von Gaben des Wehs, das andere des Heils." Mit dieser alten, besonders auf persischem Boden ausgebildeten Irrlehre der Manichäer und griechischen Gnostiker, wollen wir uns ebenfalls nicht eingehender beschäftigen. Es hat Zeiten gegeben, wo diese Weltanschauung große Verheerungen im religiösen und sittlichen Leben der Menschheit verursachte und auch das Judentum — von dem ihr Männer wie Elisa ben Abuja (Acher) zum Gesinnungsopfer fielen — beunruhigte und zur Abwehr und Stellungnahme herausforderte. Diese Anschauung bietet nämlich einen scheinbar sehr einfachen, bequemen und einleuchtenden, nicht viel Denkkunst beanspruchenden Ausweg aus dem Dilemma des Gut und Böse (vgl. I. H. Weiß, „Zur Gesch. d. iübj. Trad.", Bd. 2, 16—17, 142—243, Grätz. Volks- Ausg. 2, 35—36). Heutzutage ist jedoch in dieser Hinsicht jede Auseinandersetzung überflüssig. Die Wissenschaft greift auf allen Gebieten zur Vereinheitlichung der Erkenntnisse und gesteht nur monistischen Ableitungen theoretische Wertgiltigkeit zu. Es braucht daher wahrlich nicht mehr hervorgehoben zu werden, wie töricht es ist, in der Frage des Gut und Böse die grobsinnlichen gnosischen Konsequenzen zu ziehen und nv'im VNP, zwei Herrschaftssphären anzunehmen. Das würde anders an' Alexanders Lösungsart des Gordischen Knotens erinnern. Abgesehen davon, daß auf diese Weise die tiefgründige Frage des Gut und Böse garnicht eigentlich gelöst erscheint, sondern nur roh entzweigeteilt, ist es auch begrifflich eine contradictio in ädjecto von zwei Vorsehungsprinzipien zu reden, da die gegenseitige Abhängigkeit der geteilten Herrschaften schon an und für sich dem Begriffe „Herrschaft" — als ungehemmte Wirkungssphäre — widerspricht. — Das findet sich schon gewissermaßen bei Jesaja angedeutet, wenn er, offenbar gegen den Parsismus, im Namen Gottes spricht: „. . ich bin der Herr, und keiner sonst, der das Licht bildet und Finsternis schafft, Frieden» stiftet und Unheil schafft; ich der Herr tue dies alles" (Jesaja 45, 6—7). Auch hei Jeremia ist das gemeint, wenn er ausruft: „Wer ist, der spräche und es geschieht, so der Herr nicht geboten, daßj nicht käme aus dem Munde des Höchsten das Böse wie das Gute." (Klagelieder 3, 37—38. * Vgl. auch 5. B. M. 32/39 und Samuel 1. 2/7). So besteht also die Aufgabe, das Problem zu lösen: „Wieso und woher das Grte?" uid die Frage zu beantworten: Wieso und woher das Böse?" 'nur für den momstlsch-metaphyßschen