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Der Israelit · 1923-06-21 · Heft 25 (21.6.1923) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
64 (1923)
Issue
Heft 25 (21.6.1923)
Date
1923-06-21
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2^ Nr. 25_ inner«, bafe statt uns mit Zorn und Spott zu begegnen, man uns Dank abstatten sollte aus all den Kreisen, die es ernst und ehrlich Mt der jüdischen Sache meinen. Nochmals: Wer sich mit uns verständigen will, kann es sehr leicht erreichen. Wir stellen keine schweren Bedingungen auf, wir verlangen nur, daß man uns versteht und sind des übeUeugt, dah, wer uns einmal verstanden hat, wenn auch nicht ganz zu uns kommt, so doch mindestens nicht mehr gegen uns sein wird. n. Will man sich jaber gegenseitig verstehen, so ist erste Bedingung dafür, daß auf beiden Seiten klar und offen gesprochen wird. Mit klingenden Würten und schönen Phrasen kann . man höchstens künstliche Begeisterung züchten, aber keine UebeUeugung schaffen. Es muh eine schlichte, aber klare und durchaus ehrliche Sprache, die keinen Platz für Hintergedanken' und Nebenabsichten läht, geführt werden. Seid ehrlich und aufrichtig und saget alles frei heraus, was Ihr wollt und nicht wollt, was Ihr bauen und was zerstören, was zum Leben wecken und was ausrotten, was Ihr befestigen und was Ihr beseitigen wollt? Eure Losung hat ja nicht allein eine positive, sondern auch eine negative Seite. Im lauten Ja versteckt sich ein leises Nein. Das Ia kennen wir ganz genau, es wird mit Pauken und Trompeten auf alle Gassen Hinausverkündei. Warum hören wir nicht ebenso klare und offene Worte über das Nein? Hierin wird uns nicht Alles gesagt, und das ist es, was uns so unruhig und schreckhaft stimmt. Sollte unsere Sorge umsonst oder übertrieben sein? Wir haben aber hinlänglich GtMd, ängstlich zu sein, denn wir sind ein schwer .geprüftes Volk, dessen Leiden nicht allein von den Feinden, sondern auch von guten Freunden herstammen, die -vielleicht in guter Absicht schwere (Gefahren über uns gebracht hatten. Unsere zweitausendjährige Golusgeschichte ist reich an traurigen Beispielen dafür, wie uns jüdische Männer die Rettung versprachen und uns ins Elend und in den' Abgrund herabzogen. Auf den Flügeln der Hoffnung wollte man uns emportragen und man warf uns in die Arme der Verzweiflung. Kein Wunder, dah die Vertreter des treuen Glaubens jetzt mi* Vorsicht und Verdacht auch gutgemeinten Unternehmungen entgegentreten und Skeptiker neuen Menschen und Ideen gegenüber sind. Warum aber, Ihr Brüder und Genossen von Chedor und der jüdischen Gasse, schont Ihr nicht ein wenig unser Feingefühl, roafrum sprecht Ihr zu uns eine Sprache, die uns kränkt und beleidigt? Da kommt Ihr zu uns und predigt uns von .Liebe zu Israel und seinem Lande. Ihr dringt D e.r I ä r ä e ti^k ■ * — —- ‘- in unsere'Lehrhäuser ein, um uns Moralreden zu halten über das Thema der jüdischen Vergangenheit und jüdischen Zukunft. Kann man diese Verhöhnung unserer Großen und unserer Lehrer ruhig und geduldig hinnehmen,' ruhig anhören, wie uns von dieser Seite Mangel an Liebe für Land und Sprache vorgeworfen wird? Ihr wollt die unwissenden Massen gegen uns reizen und denkt wohl garnicht daran, dah gerade wir mit allen Fasern unseres Herzens mit diesen breiten Volksmassen verbunden sind. Ihr wiht ja, dah wir auch in den bittersten Zeiten, da ein Teil des Volkes uns nicht verstanden hat und nicht verstehen wollte, wir nicht aufgehört haben, das Volk in all seinen Teilen zu lieben und für dasselbe zu leiden, es zu warnen und zu mahnen, bis es wieder anfing, uns zu verstehen. Wir lachen und weinen mit dem Volke. Wer wollte es danach wagen, einen Trennungsstrich zwischen uns und Volk zu ziehen? Wir lieben das Volk, denn wir find selbst das Volk. (Fortsetzung folgt.) . Wochenrundschau. Politik und Berichterstattung. Das Organ des Jerusalemer Oberrabbinates „Kol Iakob" ist mit zwei Berichten des „Israelit" nicht zufrieden und widmet ihnen eine lange Spalte seiner letzten Nummer. In Nummer 17 vom 26. April hätten wir einen Bericht über die Tätigkeit der Iaffaer Friedensgerichte in dem letzten halben Iahre ohne jedes Wort der Kritik gebracht. Dahingegen hätten wir in der gleichen Nummer über eine Bekanntmachung in Nischon le Zion berichtet,' worin Oberrabbiner Kuk das Fleisch aus der Schechita der Ientemten als trepha den Aschkenasim zum Genuß verbietet und dazu noch den Protest der Jemeniten gegen die Bekanntmachung gebracht. Was das Blatt uns hinsichtlich der Veröffentlichung dieser beiden Berichte vorzuwerfen hat, ist uns nicht recht klar geworden. Dah wir ein paar statistische Daten über die Zahl der vom Friedensgericht behandelten Fälle brachten, kann doch bei bestem und auch bei b ö s e st e m Willen nicht als eine Identifizierung mit der Institution und ihrem Systeme von unserer Seite ausgelegt werden . Und wenn der „Kol Iakob", der selbstverständlich die Dinge an Ort und Stelle besser kennt wie wir, uns darüber belehrt, dah die Friedensgerichte eine Spitze gegen das Oberxabbinat hätten, die sogar darüber hinaus gegen das Prinzip des Din Thora überhaupt gerichtet ist, so nehmen wir gewih keinen Anstand,? '■ i.:! v , ■ _ ohne mit unseren obengenannten winzigen Daten irgendwie in Kollision zu geraten, die Friedensgerichte als eine unjüdische Institution abzulehnen. Was den zweiten Bericht betrifft, so haben wir darin ebenfalls mit aller sachlichen Objektivität den Inhalt beider Bekanntmachungen, ohne eigene Stellungnahme, wiedergegeben. Das Rabbinat verbietet den Aschkenasim den Genuh des jemenitischen Fleisches, die Jemeniten protestieren gegen „die Verdächtigung einer .Gemeinde ohne deren Anhörung und Prüfung der Umstände" (dem Wortlaut des Iemenitenprotestes entnommen.) Auch „die Verwunderung über den sephardischen Oberrabbiner Iakob Meier, der nicht mehr Verständnis für die Jemeniten zeigte", stammte nicht von uns, sondern war eine Wiedergabe aus dem Wortlaute des jemenitischen Protestes und als solche kenntlich gemacht. Der „Kol Iakob" belehrt uns nun, dah es sich um einest Streit zwischen Rabbinat und Jemeniten handelt, dadurch entstanden, dah die Jemeniten in Rischon ohne Erlaubnis der Kolonie und über die Köpfe der seit Iahren amtierenden Schächter eine eigene Schechita etablierten, und wir zögern nicht, den Lesern jener Berichte auch diese Aufklärung und Ergänzung zu unterbreiten. Was will also „Kol Iakob" mehr? Was soll also diese ganze Aufmachung, dieser schwere Angriff auf offne Türen? Das ergibt sich deutlich genug aus den Nachsätzen "des Artikels. Das Blatt hält der Orthodorie vor, dah sie seinerzeit gegen die Gründung des Oberrabbinates das Zusammengehen der Sephardim und Aschkenasim geltend machte, worin sie eine Gefahr für die Reinhaltung der religiösen Gebräuche der Beiden erblickte, während sie jetzt das Auftreten des Rabbinates gegen eine Sephardimgemeinde als „schweres Verbrechen" dahinstelle . . . Also ist es dem „Kol Jakob" darum zu tun, aus dem ein paar anspruchslos statistischen Daten enthaltenden Berichte einen Anlaß zu grohpolitischen Auseinandersetzungen zu machen. Darauf kann aber beklagter Berichterstatter mit dem besten Willen nicht eingehen, — weil er mit seiner Korrespondenz keine „Kok Iakob"-Politik zu machen gedachte, sondern lediglich die Leser über Me Vorgänge des Tages kurz und sachlich informieren wollte. Die Orthodoxie und die „Sabbatverehrer"; In dem von Herrn Rabbiner Dr. Jung in Newyork herausgegebenen Journal „Das jüdische Licht" lesen wir einen Artikel über die Frage des Sabbatparagraphen in den religiösen Vereinen aus der Feder des Rabbi Ch. I. Mosessohn, der, wenn auch zunächst für amerika- Mw, mm Worte des Wilnaer Gaon. IX. Zu dem Possuk in unserem Wochenabschnitte idi mnö “OlDD erklärt Talmud „Neda« NM" F. 55: 81Nw 131DD HW mNW pvD )b min bzb i-Ow. „Ist der Mensch gleich der: Wüste bescheiden und hilfsbereit für alle zu haben,' dann wird ihm die Thora zum Geschenk, wie es heißt: ronö “Gnom, die Thora wird ihm weiter zum. Erbteil (^V?rD rßnöDi) und führt ihn schließlich zur Höhe. niQ3 *»r>WuDl.“ So weit der Talmud. Aus die Frage der Jünger an den Gaon, wie man den Schluß des Satzes so aus dem Zusammenhänge reißen könne, meinte dieser, der ganze Satz könne und müsse in diesem Sinne verstanden werden. Nämlich: ist, wie sich aus unzähligen Belegen ergibt, die Thora. Die einen, das sind die Gelehrten» die die Thora mit ihrem Forschen erhalten und bereichern, „graben", dringen immer tiefer in sie ein, die anderen, die Reichen, die die Thora mit ihrem Gelds halten, „erkaufen" sie sich. Somit 182 der Brunnen der Thora, niion» ^gegraben" von den Fürsten (Thorafürsten), d'Q’H.3 nro' „erkauft" (so wie irrnD "nmö von den „edlen Spendern". ob Lernende (^pino), ob Unterstützende (ONMVQÄ» beide haben Anteil und gleiches Verdienst an der Thora und von beide« gilt '121 NIriO 121V2. den einen wie den anderen wird die Thora zum Geschenke, zum Erbe, das sie endlich zur Höhe führt niv2 7w6runi. Kleines Feuilleton. Gemeindestatuten vom 17. Jahrhundert. Von Rabbiner Dr. M. Weinberg in Neumarkt (Oberpfalz). Unter vorstehendem Titel brachte der „Israelit" in Nr. 18 Ausführungen aufgrund eines im Ministerium des Inneren Vorgefundenen Manuskriptes. Es seien mir hierzr^einige Ergänzungen gestattet. Der Titel Gemeindestatuten besagt zu wenig. Es handelt sich in der Tat um eine alle öffentlichen, religiösen, polizeilichen, geschäftlichen und politischen Verhältnisse des mährischen jüdischen Landesverbandes berührende Verfassung. Die mährischen Iudengemeinden waren in einer festen Organisation zu einem, man möchte fast sagen, politischen Verbände zusammengeschlossen. Während Drünn die Landeshauptstadt war. war Nikolsburg, der Sitz des Oberrabbiners, die Hauptstadt der jüdischen Bevölkerungsgemeinfchaft. Letztere war zudem in 3 Provinzen geteilt. Obere Provinz (p-^yn b^l), mittlere Provinz (wm Wo) und „dritte" Provinz .Wh). Der Landesverband hatte seine wirklichen Landtage, die alle drei Jahre im wechselnden Turnus in einzelnen Landesgemeinden zusammentraten, ganz im Sinn und in der Gepflogenheit moderner Parlamente. Die Wahlen (niifinnnn) der Abgeordneten erfolgte gleichzeitig im ganzen Lande, damit wurden auch die Wahlen der Landesvorsteher (n^HD nwn) aus die kommenden drei Iahre verbunden. Die grundlegende Verfassung wurde definitiv auf einem Landtage, in der ersten Hälfte des 17. Iahrhunderts gegeben und wurde zum geschriebenen Gesetzbuch für die folgende Zeit. Doch ging die Organisation in viel frühere Zeit zurück; denn eine ganze Anzahl von Bestimmungen aus alter Zeit wurden wortwörtlich, wie ausdrücklich bemerkt wird» in wie neue Verfassung übernommen. Diese bestand aus 311 Paragraphen und ist unter dem Titel Schaj (8">V) Tekonautz bekannt. Der Landtag trat nun in der Folgezeit oerfastungsgemätz als gesetzgebende Körperschaft regelmäßig zusammen: nur. gelegentlich erfolgten, in der Regel durch kriegerische Verhältnisse bedmgt, Unterbrechungen. 1653 tagte er in Holleschau, 1666 in Könitz, 1659 tit yv)?y”n, 1662 in Austerlitz, 1665 wieder in Könitz, desgl. 1674, 1677 in (Ungarisch) Brod» 1681 in Kremsier, 1697 in Lundenburg, 1701 wieder in Brod, 1709 in Butschowitz, 1713 wieder in Könitz, 1716 wieder in Göding, 1720 wieder in Butschowitz, 1722 (letzter Landtag) in Austerlitz. — Der Landtag war eine gesetzgebende Versammlung, die durch ihre Beschlüsse die Bestimmungen der Verfassung zeitge-

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