Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 64 (1923)
- Issue
- Heft 24 (14.6.1923)
- Date
- 1923-06-14
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 24 Seite 5 14, Juni 1923___. DräKk ein iWbild des düsteren Tivamas) genannt Menschenleben, von dem der Seufzer gilt: „Ach, cm der Erde Brust sind wir zum Leide da" (Goethe, Mäusi 1- Chor der Jünger). Wie Mchileus zu Priamus klagt: 'Die Götter haben es nun einmal dem Menschen bestimmt, in Kummer zu leben, indes sie selbst von Sorge! nichts wissen. Manchem vermischen sie wohl die traurigen Lose mit den heiteren; aber mancher empfing nur Uebles, so daß er sein Leben hin-' durch kläglich umherirrt, weder von Göttern noch von Menschen geehrt" (Homer, Ilias, 24. Gesang). Und wie es wiederum im Talmud heißt: „Alle Körper sind Lastträger des Leids" (Sanhedrin' 99 b). Hiob, der den Tag verfluchte, da seinem Vater gesagt worden war, ihm sei. ein Sohn geboren, lebt, nach seinem Spruche: „Tier Mensch wird zum Elend geboren" (Hiob V. 7), fort und fort in tausenden Wiederholungen und Varianten und ungezählte seiner Nachgestalten — sagt der Pessimismus — müssen, ehrlicher Weise, Lu anderen Konsequenzen als er selbst gelangen. Wie wird nun die eine Anschauung mit dem Erfahrungsfaktum der anderen fertig? (Fortsetzung folgt.) MmpoM«e« « Ilacimedte«. Dsi»ts«he» Reirtz. Aus Ser Settiner Gemeinde. Berlin, 7. Juni. Tie hiesigen Liberalen können sich über beit Beschluß der Repräsentantenv ersamnrlung, auf dem Friedhofe in Weißensee ein Feld abzngreuzen, auf dem keine. Aschenreste uitö keine nichtjüdischen Ehegatten bestattet werden dürfen, noch immer nicht beruhigen. Sie sammeln jetzt Unterschriften für eine Petition an den Vorstand, worin gebeten wird, dem Beschlüsse die Zustimmung zu versagen. In der Repräsentantenversammlung hat sich die Gebrechlichkeit des konservativ-zionistischen Einflusses wieder einmal gezeigt; gegen die Stimmen der Rechten ist mit liberaler Mehrheit die Bewilligung einer erhöhten Subvention für die Sonntagsgemeinde beschlossen worden. Mutterschutz. Berlin, 6. Juni. Von der Weltkonferenz jüdischer Frauen wurden gelegentlich der Tagung in Wien internationale Zentralstellen für Mutter- und Kind er schütz gebildet und mit der Durchführung der vom Kongreß angenommenen Resolutionen betraut. — Tie spezielle MUtterschutzarbeit wurde England übertragen und wird in London von Mrs. Model c/o Jewish Association for the Protection of Girls and Women Manselstreet 59 ausgeführt. Mit der Durchführung des Kinderschuhes — im eigenen Lande und international — wurde der jüdische Frauenbund in Deutschland beauftragt. Ter Zweck der gesamten Bestrebungen ist der, daß der jüdischen Gemeinschaft jedes jüdische Kind erhalten bleibt, und daß nicht aus Mängel weitblickender sozialer Erk'Gtntnis und aus dem Versagen von Mitteln Kinder jüdischer Mütter in Hände kommen und auf Wege geraten, die sie mrbt nur individuell dem Judentum entfremden, sondern auch durch Kriminalität und Prostitution zu Schädlingen innerhalb der jüdischen Gemeinschaft werden lassen. Ter Jüdische Frauenbund wird einen kleinen Fragebogen an Vereine und Gemeinden aus- -_Der Israelit _ senden, um bk nötige Grundlage für die in Aussicht genommene Arbeit zu erlangen. _Tsiesbezügl. Anfragen : Geschäftsstelle des I. F.. B. Berlin-WÄmersdorf, Gieselerstr. 46. Uerttiluitd der Spende der Joint Distribution Committee an die jüdischen Aodttavttreinrichtungen veutschiandr. Berlin, 5. Juni. Mm 3. Juni 4923 trat in den Räumen der Jüdischen Gemeinde Berlin unter Teilnahme von Vertretern des Preußischen und Bayrischen Landesverbandes, des gesetzestreuen Gemeindebundes, Halberstadt, der Gemeinden Berlin, Frankfurt a. M., Hamburg, Leipzig, Köln a. Rh., sowie der Mitglieder des Arbeitsausschusses, der Reichsausschuß der jüdischen Gemeinden Deutschlands für die Verteilung von Auslandsspenden zusammen, um über die Verteilung der großzügigen Jointspende endgültigen Beschluß zu fassen. Nach einer Begrüßung durch Eugen Caspary, der einen Ueberblick über die seit Januar geleistete Arbeit gab, nahm der Vertreter des Joint-Distribution Committee, Herr Dr. Senator, das Wort und führte kurz ans, daß die deutsche Judenheit selbst ihr Committee gewählt habe und selbst fiir die Verteilung verantwortlich sei. Er gab der Hoffnung Ausdruck, daß das deutsche Judentum, dem diesmal vom Gesamtjudentum Hilfe geworden sei, auch im gegebenen Augenblick den notleidenden Ostjüden brüderlich zur Seite stehen möchte. Nach herzlichen Tankesworten Dr. H: ld e s h eimers namens des' Reichsansschusses an das Joint Distribution Committee ergriff der Geschäftsführer, Herr Tr. Segall, das Wort zu den sachlicher Ausführungen über den Verteilungsmodus. Tie zur Verfügung gestellte Summe ist an ca. 280 Anstalten der geschlossenen und halboffenen Fürsorge ausgeschüttet worden, unter Zurücklassung einer Reserve für die Einrichtungen der offenen Wohlfahrtspflege, für die die Verteilung in aller Kurze stattfinden wird. Tie Anstalten sind in 6 Gruppen eingeteilt worden. Tie Quotisiernttg aus dieselben wurde aus Grund sorgfältiger Unterlagen, die in Form von Fragebogen Vorlagen, durch die Geschäftsführung vorgenommen, während die Verteilung auf die einzelnen Institutionen durch Einzelreferenten aus der Mitte des Reichsansschusses, zu denen u. a. die Herren Dr. M. Hildesheimer und Moritz A. Löb gehören, erfolgt ist. Der Reichsaüsschnß erklärte sich mit dem Verteilungsmodns völlig ^einverstanden und bis auf einige Bänderungen wurden die Vorschläge der Referenten und der Geschäftsführung genehmigt. Tier Reichsansschuß billigte einmütig, daß mit der Spendenverteilung auch eine soziale Anstaltsreform verknüpft . wird ans Grund aufgestellter Richtlinien, die im Nachricktenblatt 5 g und 7 der Zentralwvhlfahrtsstelle der deutschen Juden bereits veröffentlicht worden sind. Die Durchführung der Reformen wurde der Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden unter Mitwirkung der örtlichen Zentralstellen übertragen. vie ilnruben in Leipzig. Leipzig, 10. Juni. Zu den Mitteilungen über die Vorgänge in Leipzig in der jüngsten Nummer des „Israelit" wird uns vpn dort berichtet: Was die Zeitungen von Anrempelnngen jüdischer Mitbürger, Bedrohungen jüdischer Cafes — solche existieren hier garnicht.— schreiben, scheint den Phantasien der Berichterstatter entsprungen zu sein. Bei dett Ausschreitungen sind 8 Tote und ca. 100 Verletzte zu beklagen, jedoch ist kaum anzunehmen, daß sich hierunter Juden befinden. 'Antisemitische Verhetzung der Demonstranten ist wähl versucht worden, aber bei der Einstellung der Leipziger Arbeiterschaft G. s. D. erfolglos geblieben, wie' auch seitens der Behörden der „Brühl" sofort hinreichenden Schutz bekam. Erleichterungen. Dunzig, 10. Juni. Nach langen Verhandlungen und Bemühungen von jüdischer Seite gelang es, 'für die hier weilenden Emigranten Ms Rußland und Polen einige Erleichterungen zu bewirken. Sie dürfen sich jetzt in der Stadt frei bewegen, auch werden Maßnahmen zur Besserung der hygienischen Zustände in.den Lagern getroffen. Untlremlwmiir auf der Eisenbahn. Warschau, 10. Juni. Tep. Rabbiner Schn Piro brachte eine Interpellation im Sejm ein über das Recht reisender Juden, in Defillin im Eisenbahnwagen ihre Gebete zu verrichtet:. Ihm, Rabbiner Schapiro selbst, sei auf der Reise von Lemberg nach Warschau von Eisenbahnboamten das Anlegen der Tesillin in schrofffter Weise untersagt worden, und zwar unter Berufung auf einen ministeriellen Erlaß. Rabbi Schapiro fragt, ob ein solcher der Konstitution widersprechender Erlaß wirklich bestehe und wetm nicht, was zur Verhinderung weiterer derartiger ungesetzlicher Uebergriffe antisemitischer Beamten geschieht. Aus der UiamDauer Gemeinde. Warschau, 7. Juni. In der Plenarsitzung der Gemeindeverwal- * tung wurde Herr Sabbatai Bregmann zum Gemeindepräses gewählt. In der gleichen Sitzung wurde der Beschluß gefaßt, die Kinderküche, in der an dreihundert jüdische Kinder täglich warme Speisen unentgeltlich verabreicht werden, weiter zu erhalten. Es wurdet: zu diesem Ztvecke zwei Milliorten Mark ntonatlich bewillitg. Forderungen der Gemeindebeamtet: auf einmalige größere Unterstützung wurden abgelehnt.!T!as Warschauer Rabbinat teilt mit, daß unter denen, die in den letzten Tagen bei ihm um Aufnahme in das Judentum vorstellig wurden, sich auch ein Kosake aus der Dongegend befand. Er behauptetdaß seine Vorfahren jüdischer Abstammung wäret: und besitzt Empfehlungen von vielen Rabbinern, die die Aufrichtigkeit seines Vorhabens bezeugen. Die neue Legierung. Warschau, 5. Juni. Tie neue Regierung, die sich am 1. Juni im Sejm mit einem Expose eingeführt hat, hu die Minoritäten trotz der Versprechungen tlicht auf ihrer Seite. Auch vom Jüdischen Club wurde ihr das Vertrauen verweigert. Tepntierter Grünbaum sagte, in der Bildung des neuen Kabinetts finde die Idee der reinpolnischen Mehrheit ihren Ausdruck, was er als du Attentat aus die Konstitution bezeichnet, die die Rechte aller Bürger Polens! verbürge. An die Versicheritng, es sei dies nicht geigen die Minderheiten gerichtete, glaube er nicht. Das Schlimmste ans dem Gebiete sei. die Aend erring der Wahlordnung, die nur darauf berechnet sei, die Zahl der jüdischen Mandate zu vermindern. Wenn der Premieur verspricht, all die gerechten Forderungen der Minderheiten zu berücksichtigen, so bleibt es sehr unklar, was er für gerecht hält. Ex versprach auch, das' Statut zur Abschaffung aller religiösen Begrenzungen zu unterstützen. Dieses Statut ging aber von Ponkowski bis Schikorski bereits durch drei Regierungen und ist bis' jetzt immer noch nicht vom Flecke gekommen, auch die neue Regierung ftöße in dieser Beziehung! kein Vertrauen ein. Er wisse nicht, ob der Ministerpräsident beispielsweise die jüdischen Forderungen bezüglich der Zwangssonn tagsrnhe, der Regelung der Kehilla, der Unterhaltung von jüdischen Schulen ftir „gerechte Forderungen" halte. Auch die Vertreter der anderen Minderheiten stimmten gegen das' Vertrauensvotum,