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Der Israelit · 1923-06-14 · Heft 24 (14.6.1923) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
64 (1923)
Issue
Heft 24 (14.6.1923)
Date
1923-06-14
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Nr. 24 der Bundesgemeinden ist; im wesentlichen unverändert geblieben. 'Tie Verhandlungen mit den zuständigen Regierunigsstellen zum Zweck der staatlichen Anerkennung wurden insbesondere durch unfern ständigen Berliner Vertreter ge-' schickt und mit guter Aussicht auf Erfolg geführt. Tie Anerkennung hat eine Verzögerung erfahren durch die Stellungnahme des Preußische Landtages, der vor gesetzgeberischen Maßnahmen erst die Stellung des Staates zur jüdischen Religionsgesellschaft -auf Grund der Weimarer Verfassung § 1!37 festgestellt wissen will. Bis dahin wird die Regierung die für die Anerkennung vorbereiteten Schritte nicht zum Mschluß führen. Sehr wertvoll, sowohl in ideeller als auch in materieller Beziehung ist die in Verhandlungen und in Betätigungen kundgegebene volle Gleichberechtigung unseres Preußischen Landes^- verbandes neben dem andern Landesjvdrband unter Führung der „Jüdischen Gemeinde", Berlin. Aus der praktischen Arbeit des Bundes hebt der Bericht die Subventionen an Gemeinden und Gemeindebeamtett hervor. -Die Beihilfen an erstere erstreckten sich auf Zwecke des Religionsunterrichts, Herstellung und Renovierung von Mikwoaus, Synagogen, auch zur Erleichterung! derjenigen Gemeinden, die sehr hohe Beträge für ihre Elementarschule an die Lcmdesschulkasse zu zahlen, ferner zur Erhaltung von Rabbinaten und Dalyrud Thora-Schulen. Insgesamt wurden an 88 Gemeinden Subventionen gezahlt. Tie steigende Not unter den Kultusbeamten stellte hohe Anforderungen, die dank der.Opferwilligkeit zahlreicher Gönner wenigstens teilweise befriedigt werden konnten. Außer den im Laufe des gesamten Jahres 1922 gewährten Beihilfen wurden besonders sowohl zur Zeit der Jomim Tauwim, äls besonders Ende Winters zur Beschaffung von Mazzaus erhebliche Mittel zur Verfügung gestellt. Insgesamt wurden im Laufe der.Berichtszeit an mehr als 250 Beamten und Beamtenwitwen Subventionen gezählt. Für 1923 ist wiederum eine Unterstützung notleidender Bundesgenreinden in Angriff genommen. Tie Unterstützung notleidender Gemeinden und Beamten sieht der „Bund" als seine wichttgste praktische Arbeit an und erbittet in Anbetracht der furchtbaren Notlage dringend die Auffüllung seiner Fonds durch Bundesgemeinden und Private. Eine wertvolle Arbeit leistete der „Bund" auch durch die Herstellung einer neuen Defilloh, die zu verhältnismäßig billigem Preise zunächst Beamten und Minderbemittelten zur Verfügung steht. __ Das Gute und Böse in philosophischer und religiöser Beleuchtung. §ine Studie über den Sinn des Daseins von Oberrabbiner Dr. Adolf Altmann in Trier. (Fortsetzung). Wir staunen z. B. über die Großartigkeit und Schönheit des Weltalls; wir bewundern die erhabene Harmonie und weise Zweckmäßigkeit des Weltenbaues oder sind entzückt von der zielsicheren Ordnung des Geschehens. Aber gleichzeitig müssen wir doch auch über die Wahrnehmung manches offenbar Gegenteiligen staunen und überrascht sein, auch so viel anderes in Erscheinung treten zu sehn, das. den Stempel des Ungestaltigen und Törichten, Häßlichen und Unzweckmäßigen, Regellosen und Schädlichen trägt. Wir verfolgen mit Wohlgefallen die vielen Spuren der Güte, Hoheit und Gerechtigkeit in Welt und Leben, müssen aber oft mehr als zu unserer Verwunderung, ja zu unserem Entsetzen zugleich auch die Farce gewahren, wahrnehmen, wie auch Schlechtigkeit, Niedrigkeit und Unrecht sich breit machen und, loie der weise Prediger klagt, sogar die Stätte ein- D e r I s r a e l i t _ nehmen, die ihnen nicht gebührt (Koheleth III, 16). Wieso und warum dieses Alles? Warum z. B. an dem Orte des Rechts auch gleich das Unrecht, mit der Tugend auch gleich der Frevel? „Ter Fromme blühet wie die Palme," singt David, „wie die Zeder am Libanon schießt er empor" (Psalm "92, 13). Wer „warum leben Frevler," fragt Hiob, „werden alt und erstarken an Kraft?" (Hiob 21, 7). „Kern Gut ist versagt denen, die untadelig wandeln" bezeugt ein Sangmeisterspruch von den Söhnen Ko rach (Psalm 84, 13). „Warum" Wer „gelingt ihr Weg" auch „den Bösewichtern, geht es wohl allen Treulosen?" fragt aus seinem Erleben heraus der erfahrungsreiche Jeremia (Jeremia XII, 1). Welcher von den beiden Antivpden der Erfahrung und Wahrnehmung enthüllt den wahren Sinn des 'Daseins? Tut es die Schönheit und Güte, die Zweckmäßigkeit und Harmonie, die Höheit und Gerechtigkeit, oder verhalt es sich umgekehrt? Herrscht dieses oder jenes Prinzips als Urgrund und treibende Kraft der Tinge und Geschehnisse oder beide zusammen oder überhaupt gar kein Prinzip vor, sondern nur ein Nihil, ein Jgnorabinms, ein stumpfer, blinder Zufall, ein Häkol kaafcher lakol, ein Alles wie Allen, ein sinnloses Fatum, das über Gut und Böse. Schön und Häßlich, Rein und Unrein in buntem 'Durcheinander .schwebt und allen Wert und jedes Ziel sinnlos macht? Wie die trostlose Entdeckung jenes interner Ballade („Herr Tägbrand" von Otto- Ernst: Stimmen des Mittags, Leipzig Stäackmann 1901) besungenen Mannes lautet, der, nachdem er Leid und Freud bezwungen, cmszog, der Lebensmask? auf den Grund zu kommen: Doch hinterm Schleier, dünn wie Rauch, Kein Aucß, kein Miund, kein Atemhauch, Kein Merkmal eines Angesichts — Ter Schleier deckt ein schaurig Nichts." Hier setzen nun die Bemühungen ein. die seit jeher Wissenschaften und Religionen, Philosophie und Glauben aufwcmdten, bas vorstürmende und fragende Menschengeschlecht aufzuklären oder zu beruhigen. Wir können oder vielmehr wir müssen uns in diesem Rahmen versagen, auf alle diese möglichen und unmöglichen Bemühungen und Versuche einzugehen, denn sie sind Legion und es hieße, sie aufzählen wollen, die Geschichte des menschlichen Seelenringens niederschreiben. Zwei Welt- und Lebensanschauungen sind es jedoch vornehmlich, die diesen, sozusagen Faustischen Borstoß der Erdenkinder besonders aufgriffen und allen revoltierenden Fragestellungen begegnen, um ihnen Konsequenz und Richtung zu geben: Der Optimismus und der Pessimismus) d. h. die Neigung und Orientierung in allem und jedem das Gute zu erblicken und die Richtung und Anschauung des Gegenteils davon. ,^Jä" behauptet der Optimismus in seinen Häuptzügen „das Leben und Dasein hat Sinn und Wert und alles Geschehen hat Plan und Ziel. Dem Menschen erwächst ein Gewinn bei aller seiner Mühe, womit er sich abmüht unter der Sonne und Glück, * Lust und Freude sind kein leerer Wähn, sondern das wahre Faktum der Existenz, um derentwillen sich das Ringen und Streben lohnt. Es herrscht ein Prinzip der Weisheit, Zweckmäßigkeit und Güte und alles geht den Weg des Heils. Es waltet ein Ausgleich nach Gerechtigkeit und nichts geht verloren im Bereiche der Wahrnehmung und des Denkens, denn diese Welt ist die beste aller möglichen Welten, das Weilen darinnen ist ein hohes Gut und ein Höchstes steht jedem offen, sich in ihr zu erwerben und für alle 'Dauer des Leibes und der Seele zu erringen . . . ." Um-' gekehrtes behauptet der Pessimismus und erledigt die ganze Flut der ungestümen Menschheits-- fragen in entgegengesetzter Wäise. Ter Optimismus geht von einer mächtigen un\\ erhabenen Tatsache aus, von der des wunderbaren, schafsensp-rudelnden Mls, der Tat- . _14- , Juni 1923. fache der wirklich vorhandenen großzügigen Güte,, Vortrefflichkeit, Schönheit und Harmonie, die durch Welt, Natur und Leben geht, deren Zauber und Reiz sich kein normaler Beobachter entziehen kann; wie ein wonnetrunkener Dichter sang: Ich seh' die große Herrlichkeit Und kann mich satt nicht seh'n . . . Tann saget, unterm Himmelszelt, Mein Herz mir in der Brust: „Es gibt was Besseres in der Welt, Als all ihr Schmerz und Lust ., ." (Miathias Claudius). und wie vor allem die älteste und ehrwürdigste Urkunde des Optimismus, die Genesis der hei-, ligen Schrift, mit dem einfach erhabenen Worte von der Schöpfung bezeugt: „-und siehe, es war sehr gut." (1. B. M. 1, 31), eine;Ueberzeugung, die schließlich hinführt zu dem höchsten Gedanken eines allgütigen, aklweisen und allgerechten Gottes, als Schöpfer, Bildner und Ordner dieses Wunderwerkes Welt, wie dieses keiner sonst so süß und schön und treu besungen als der. gottbesaitete Tichterhirte David mit den Morten : „Tianket Gott, denn er ist güUg, ewig währet seine Huld"; besonders aber im ächten- und neunzehnten Kapitel der Psalmen mit dem Refrain: „Ewiger, unser Herr, wie prangt dein Name aus der ganzen Erde! Tu, dessen Glanz über den Himmeln man verkündet!" Ferner: „'Die Himmel erzählen die Herrlichkeit Gottes und seiner Händewerk tut die Wölbung kund. Dag für Tag quillt das Wort und Nacht für Nacht spricht sich aus die Kunde-. Durch die ganze Erde geht aus ihre Schnur und an das Ende des Erdenrundes ihre Worte-— Ter Pessimismus stützt sich aber auch auf eine ebenso große, ja, wie er meint, noch viel größere und gewaltigere Tatsache, auf die der Misere des Leb'erO, der kein Menschenherz entrinnt. auf das Faktum des' Jämmers und Elends> des Schmerzes und Unglücks, der Torheit und Ungerechtigkeit. „Wer nie sein Brot mit Dränen aß, Wer nie die kummervollen Nächte Auf feinem Bette weinend saß, Ter kennt euch nicht, ihr himmlischen Mächte!" läßt der Primus der Poeten (Goethe, Lied des Harfners und Sprüche in Prosa) eine „zu grenzenlosem Elend verwiesene" Königin in ihrer grausamen Verbannung ausrusen. Und wer ist's, der sie nicht kennt, diese finstern „Mächte",? Vielleicht keinem oder nur verschwindend wenigen fehlt der Anlaß-, mit jener unglücklichen Königin ohne weiteres auszurufen: „Ihr führt ins Leben, uns hinein, Ihr laßt den Armen schuldig werden, Dann überlaßt ihr ihn der Pein — Denn alle Schuld rächt sich auf Erden. Ihm färbt der Mdrgensonne Licht Ten reinen Horizont mit Flammen. Und über seinem schuldigen Haupte bricht Dias schöne Bild der ganzen Welt zusammen." Wer, der nicht gedankenlos durchs Lebe/ schreitet, wird zuzugeben verweigern, dcß äs facto kein Sterblicher über die Erde wandet, 'ohne ein tiefes Gefühl der Dissonanz, sie durch sein Leben geht, oder zumindest der if* befriedignng, wie es im Talmud heißt: ,/em Mensch stirbt und hat auch nur die Hälfte äner Wünsche erreicht." Jener arabisch-jüdische Arzt und Philosoph, Namens Abrazi, der na-) dem Unglücke seiner Erblindung eine Operatdn, die ihm wieder das Augenlicht hätte zusickgeben können, mit , den Worten ablehnte: „Ä habe schon 'genug von dieser Welt gesehen," peht nicht vereinzelt da in der Geschichte der gestarLertenr Weltv erächter. Much jener andere Wird gebotene, der — wie ich irgendwo gelesen -f nach der heiß ersehnten Operation,, die ihm den Gesichts^ sinn gab, „macht mich wieder blind!" mit markerschütterndem Flehen bat, weit er die bittere Lebensenttäuschung, die er wahrnehmen mußte, nicht ertragen zu können glaubte, ist in seiner

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