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Der Israelit · 1923-06-14 · Heft 24 (14.6.1923) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
64 (1923)
Issue
Heft 24 (14.6.1923)
Date
1923-06-14
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Nr. 24 frei von der Vorstellung, als ob große Gelchr-, samkeit dazu gehöre, um Gottes Nähe zu empfinden und zu verdienen. (Siehe S. R. Hirschs klassische Ausführungerl zu Psalm 8.) Das chassidische Wort von dem törichten Knaben, der die Inbrunst seiner Seele in den schrillen Aufschrei seiner Hirtenpseife ergießt und damit, die Gnade erringt, ist doch schließlich aus ganz demselben Geiste geboren wie das talnmdische irsn« Nv VtfTU die Legitimation des Am-Haarez vor dem Throne des Ullerbarmers. Und d e n n o ch! Der. versündigt sich unsres Erachtens an der jüdischen Wahrheit und an den Seelerr derer, die er in reinster Liebe den Weg des jüdischen Lebens führen will, der von „Gläubigkeit" spricht, ohne — ins B es Harn i d r a sch z u w e i s e ll. Mit der Geistes- Haltung der „Gläubigkeit", die nicht im Grunde eines reichen Wissens verankert ist, kann die jüdische Jugend wohl vorübergehend^ ein paar Jahre eines Weltkatzenjammers überstehen, der die Christian Science und die Antwpvsophie geboren hat, aber diese in viel höherem Grade, als der Verfasser es merkt, mit der Zeitstimmung verknüpfte gläubige „Geisteshaltung" ist in ihrer Einseitigkeit auf die Dauer kein Ersatz für die Totalität des aus der Thora fließenden jüdischen Geistes. Nur innerhalb dieser Totalität kommen Intellekt und Gefühl, Erkenntnistrieb und bewegtes Einströmen in die Unendlichkeit zu ihrem Rechte und bewähren in ihrer Synthese die Göttlichkeit der großen Weltenftiftung, die wir Judentum, schlechtweg, die Parteivertreter „gesetzestreues" oder „orthodoxes" Judentum nennen. Und nun die innerste Pforte, die jühische Lebensform, die Mi zwo. Das soll lmn das letzte, die jüdische Wirklichkeit sein, nicht die Buberfche „Tat", voil der kein Mensch weiß, w a § sie tut, sondern das Tun der religiösen Uebnng. Hier stock ich schon. Wenn wir morgen in unseren Gotteshäusern das Geönrtssest des 'Sinaiwortes feiern, dann gibt uns der tiefschürfellde Sinn unserer Väter nicht nur die rvn:nn p->2?r?, sondern in den sogenannten oder ähnlichen Zusammenstellungen einen ganzen Katalog der 'mx» in die Hand. Und siehe da — es sind nur 248 Gebote, aber 365 Verbote. Und von dieser größereil „Hälfte" der jüdischen Wirklichkeit findet sich in Cohns flammendem Aufruf zur jüdischen Lebensform charakteristischer Weise nichts. Cohn ist ganz durchdrungen von der Bedeutung der „religiösen Form", d. h. der posi- DerJsrael i t tiven Uebnng, die unsere Liberalen .mit dem Brandmal der „Zeremonie" gestempielt und voreilig außer Kurs gesetzt hatten, für die wahrhafte Heiligung des Lebens, und wir hoffen und ersehnen es aufrichtig, daß sein Ruf tausende von Herzen erzittern macht und über die Poesie des vom Kranze der süßesten Mizwos durchflochtenen jüdischen Alltags- und Fefttagslebens! zur vollen jüdischen Wahrheit zurückführt. Aber die rwy jtxo allein tun es nicht,— und sie können es gewiß nicht tun, solange sie mit dem (wiederum ans Einseitigkeit erwachsenen) Horror des Verfassers vor der angeblich Leben tötendeil Wucht des „Du sollst" belastet werden. Hier ist die Stelle, wo die kritische Stellung des Verfassers gegenüber der Orthodoxie zusammenfließt mit eillem — psychologisch verständlichen — Mange! seines philosophischen 'Denkens. Der Religion Cohns fehlt die ethische Seite. Er schwelgt in den Wonnen der religiösen Gottes freudigkeit und vergißt, um „wie viel leichter andächtig schwärmen als gut Händeln" ist. Weil das geschichtliche Judentum, das orthodoxe von Sinais Höhen, diese Tatsache niemals vergessen hat und vergessen durfte, weil ihm die fundamentale Tatsache des auf tausend Wegen im Kleinkamps niederznringenden I e z e r h o r a h und die metaphysische Berknüpstheit von Religion und Sittlichkeit (im Begriffe der K e d u s ch a) immer gegenwärtig blieb, .darum erscheinen die Gesichtszüge des gesetzestreuen Judentums dem Verfasser hart und streng; er fühlt sich einem „gegerbten Fell" und einem „Panzer" gegenüber und merkt nicht; daß der Fehler nicht bei der Orthodoxie, sondern bei denen liegt, die in jedem „Du sollst" und noch viel mehr in jedem „Du darfst nicht" eine Störung des freien Strömens.ihrer religiösen Freudigkeit erblicken. Auch dem Judentum steht letzten Endes toi-tü» über der aber Bibel und Talmud, jüdische Religionsphilosophie mtb Ethik der Jahrtausende zeugen laut und vernehmlich für die Unentbehrlichkeit, für den bedingenden Charakter des ganzen Gefühls-- komplexes, der sich um den Begriff der gruppiert und der — von seiner Po sitiven Seite, demN-lv-Q abgesehen — vornehmlich in der Angst vor dem Unrecht, in der Meidnng des Böse n seine Verwirklichung findet. Darf die Orthodoxie um der Propaganda tvitkn diesen Tatbestand verschleiern, darf sie verschweigen, daß neben der freudigsten religiösen Hingabe und oft in ihrer nächsten Nachbarschaft tzie Sünde lauert, und daß die mit 14. Juni 1923 dem Unlustgeftihl der Angst verknüpfte, gänzlich poesielose und pathosfreie Mleidung des Hula chi sch d. h. sittlich Verbotenen unerläßliche Vorbedingung, jüdischer Reli-, giofität bleibt? Daß dem so ist, wird auch der Verfasser nicht bestreiten; aber weil pür eine Eroberung der in der Zeitstimmung verstrickten jüdischen .Seelen die 365 p'jo deren Wahrung am Baume der r'x-v reift, eine weniger dankbare Unterlage abgeben, als die positive religiöse Uebnng in all ihrer Schönheit und lebengestaltenden Macht, darum stürmt dieses „Baal Teschuwoh". (S. 243) gottheitstrunkene Leidenschaft über die größere Hälfte der riss achtlos hinweg und — glaubt die Orthodoxie zurechtweisen zu müssen, weil sie diesen Salto mortale in treuer Wahrung ihrer historischen Hüter-Aufgabe niemals mi'tgemacht hat. Sie kann es nicht und — braucht es nicht. Und damit kommen wir zu dem letzten Manko, das — auch innerhalb der durch die dritte Pforte erschlossenen religiösen Wirklichkeit — der Weg zum Judentum im Bilde Cohns anfweist. Cohn hat sein Buch damit begonnen, daß er innerhalb der religiösen Entwicklung einen „tragischen "Widerspruch" feststellt. Man kann diesen Widerspruch in schlichten Worten, dahin formulieren, daß, die Religion als Ethik (d. h. in der Form des Gesetzes) das Leben durch den Geist meistert und es dadurch im weiteren Zerlaufe unterdrückt, daß sie also lebensfremd wird. Die Lösung findet Cohn eben in der religiösen Form, der religiösen "Uebnng, die er, um sie noch lebensvoller erscheinen zu lassen, recht wirksam in die palästinensische Umgebung hineinstellt. Das geht sehr schön mit den Palmzweigen, der Laubhütte, der Lagbeo mer-Wanderung und dem Tal-Gebet. Schwerer würde es schon mit Tesillin, Zizis, Mesusos und anderen natursremden Symbolen werden; bei den Verboten versagt — wie bereits dargelegt — die Lösung völlig. Neuß das Problem demnach ungelöst bleiben? Nun wollen wir das Vor Han de nf e i it der Schwierigkeit keineswegs in -Abrede stellen. Der Gefahr der Versteinerung, der Mumifizierung des religiösen Lebens war. sich das gesetzestreue Judentum , von jeher bewußt; aber weil es der göttlichen 'Wahrheit entfloß, trägt es — wie die Menora des Propheten ihre eigenen Oelbäume — den Schutz vor jeder einseitigen Zuspitzung seiner Tendenzen in sich selbst. Vor der lebentötenden Macht des Gesetz gewordenen Geistes schützt das jüdische Geistesleben selber in seiner'To- Worte des Wilna er Gaon. VII. ich finde die Frau bitterer denn den Tod"). Daß ibter die Vergangenheitsform für das Gute, die i Gegenwartsform für das Böse angewandt wird, komme daher, daß es in der Natur des Menschen liegt, daß er „das Gute gefunden hat". Man freut sich beim Gewinne des Guten, gewöhnt sich aber derart daran, daß man im Besitze etwas Selbstverständliches sieht. Das Böse und Quälende hingegen „fin d e t m an", immer von neuem .. . Wem das Glück einer guten Frau zuteil geworden, der h a t sie gefunden und glaubt in der Folge, es könne gar nicht anders fein, er ist ein nse. Der Bedauernswerte, dem das Gegenteil befchieden ist. findet und empfindet täglich von neuem die Bitterkeit seines Geschickes, er ist ein Im Tr. Berachoth .F. 6. o'Tlf 'b CTH22 '->‘n nr?: ':>? *np: m -wpp. $8er den ihm entbotenen Gruß unbeantwortet läßt, ist als Räuber anzusprechen. wie es in Jesajas 13 heißt: „Des Armen Beute ist in eueren Häusern". Wieso dieser Satz auf Verweigerung des Antwortgrußes anzuwenden ist, erklärt sich durch die bekannte talmudische Deutung des Wortes im Sinne von Antwort (“mn "b'J Auch hier scheint die Gemoro aus dem \*yn nebenbei ppp;, »Raub der Antwort" herauszulesen. VIII. Im gleichen Tr. £f. 8 wird erzählt „Wenn jemand im Westen (Palästina) sich ein Weib ehelichte, fragte man: oder? Ersterer Ausdruck weist auf Mischte 18: ^"2 nsw nss (Wer eine Frau gefunden hat. bat Gutes gefunden"), letzterer wäre ein böses Omen im Sinne des Ausspruches in Koheleth 6: “’2 rrrwn p,\s ppp rppi („Und; Kleines Feuilleton. Vom rabbimfchen Humor. Ein wichtiges Statut. In Metz war es üblich, daß jeder neugewählte Rabbiner in das Minhagimbuch der Gemeinde einen neuen Mintzag eintrug, der dann von allen Gemeindemitgliedern beobachtet wurde. Ms der berühmte Verfasser des „Schagaß Arje" das Metzer Rabbinat anttat und ihm in üblicher Weife das Minhagimbuch vorgelegt wurde, schrieb er hinzu: „Gedenket des Sabbat", und fo weiter das Sabbatgebot in vollem Wortlaute. „Rabbi" fragten die Vorsteher, „soll dies das neue Statut fein, es ist doch eine Vorschrift aus dem Zehngebot?" „Richtig", gab der Rabbi zur Antwort. „Aber ich merkte schon, daß in der Gemeinde Metz die Statuten der neugewählten Rabbiner viel genauer gehalten werden, als die von unserem alten Lehrer Mosche, Vielleicht gelingt es mir auf diese Weise, dem alten Sabbatstatut zu seinem Rechte zu verhelfen . . . Hunde glaubennicht. Der Dubnec Maggid wurde von freisinnigen jungen Leuten gehänselt ob seiner Ausführungen über die Ankunft des Messias. Am folgenden Tage, da auch die Spötter sich vollzählig zur Drafcha einfanden. erzählte ihnen J>er Dubner Maggid von der Kanzel herab folgend^ Geschichte: Ein hungriger Fuchs lief im Walde umher auf der Suche nach Nahrung. Da sah er einen schönen, fetten Vogel bod) aus der SB'äume Wipfel. Es verlangte ihn sehr nach diesem guten Bissen und da wandte er sich mit lockender Stimme an den Vogel: „Armes Vögelchen, warum so einsam und allein auf dieser verlassenen Höhe? Fürchtest Du etwa, daß Dir jemand etwas zu leide tue. Du weißt wohl nicht, daß der Messias bereits im Lande ist, der der Welt den vollen Frieden gebracht hat. Der Wolf wohnt beim Schafe, und die Starken spazieren Hano in Hand'mit den Schwachen. So komm denn herab, liebes Vögelchen, wir wollen uns zufamen die schöne friedliche Welt ansehen." Ein starkes Hnndegebell unterbrach die schöne, flüssige Friedensrede des Fuchses, der ganz erschrocken den Kops einzog und den Vogel bat, er möchte doch von seinem hohen Stande aus Nachsehen, woher die Hundestimmen kommen. „Ich seh' eine Gruppe Jäger", gab der Vogel Auskunft. „Die Jagdhunde, so groß wie die Kälber, kommen näher."

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