Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 64 (1923)
- Issue
- Heft 23 (7.6.1923)
- Date
- 1923-06-07
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 Nr. 23 Der Israelit 7. Juni 1923 Sie Be6e in Oeiierreldi- SBien, 20. Mol. Im Budgetausschuß' griff der Sozialdemokrat Leuthner die Universitätsbehörden an und warf ihnen vor, daß bei der V e r t e i l u n g der ausländischen Spenden nach antisemitischen Grundsätzen vorgegangen werde und daß. bei der Inskription von den Studenten Beiträge für die sog. Hochschulkammer, die aber nichts weiter als ein deutschnationaler privater Verein ist, erhoben werden. Der Minister wußte auf diese Vorwürfe nichts zu antworten. Die Gemeinde Spitz a. D. hat beschlossen, durchreisenden Juden keinen Aufenthalt über drei Tage zu gestatten. Eine Elektrizitätsgeno ssenschaft in Niederösterreich wieder beschloß, Strom nur an Arier zu liefern. — Ter Bürgermeister von Men verweigerte den Hakenkreuzlern die Bolkshalle des Rathauses. Ws Antwort veranstalteten halbwüchsige Hhkenkreuzler antisemitische Demonstrationen, die von der Wache 'zerstreut wurden. — Die Vorkämpfer des Antisemitismus in Innsbruck haben beschlossen, zur Hebung des Fremdenverkehrs Schutz vor Hetzereien und Störungen der Ruhe zu fordern. Dieser sonderbare Beschluß von hakenkreuzlerischer Seite ist durch das enorme Nachlassen des Fremdenverkehrs in Tirol infolge der antisemitischen Hetze im Vorjahr zu erÄären. (JPZ). IQflfilredif und Judenenfrerfifung- Budapest, S. Juni. Es ist die alte Taktik der Antisemiten allerorts, die Juden als Landfremde zu verleumden und außer Recht und Gesetz zu setzen. Die christlich-antisemitischen Parteien in Ungarn Haben diese Taktik zur höchsten Kunst ausgebäut. In Budapest rüstet man sich zu den Wahlen in den Stad trat und da beeilten sich die Herren, die jetzt die Obermacht in der Verwaltung haben, die Wählerlisten mit dem Rassenmilimetermaße einer Revision zu unterziehen und einige zehntausend jüdische Namen daraus zu streichen, natürlich mit der Vorgabe, es seien keine ungarisch fühlenden und sprechenden Staats- und Stadtbürger. Der Jüstizminister Iwan Rakowski, bei dem eine Deputation unter Führung des Justizminister a. D. Vasoni in der Sache vorstellig war, versprach Nachprüfung und Beseitigung von Ungerechtigkeiten. Der jUdifdie Religionsunterricht. Warschau, 4. Juni. Auf der letzten Sitzung der Bildungskommission des Sejm brachte das Kommissionsmitglied, Deputierter Rabbi Lewin, zur Sprache, daß bei der Ausarbeitung des Reglements für den Religionsunterricht in den Mittelschulen, der jüdische Religionsunterricht vollkommen übersehen wurde. Der Interpellant bittet, daß die Angelegenheit noch vor Beginn des neuen Schuljahres erledigt werde. Auch die Festsetzung des Bildungszensus für die jüdischen Religionslchrer sei noch nicht erfolgt und führe zu großen Unklarheiten. Der Vertreter des Ministeriums versprach baldige Erledigung und Beantwortung der Interpellationen. Pas neue Ministerium Warschau, 30. Mai. Dem Kabinett Schikorski werden von jüdischer Seite keine Dränen nachgeweint. Er nahm einen Anlauf, es allen recht zu Machen, schloß jedoch, in Bedrängnis gekommen, bald genug einen Bund mit der extremen Rechte auf Kosten der Juden. Seinem Nachfolger Vitos geht gewißlich kein Ruf gls Judenfreund voraus. Er ist in erster und letzter Reihe Bauernminister, aber als solcher genießt er auch wenig Vertrauen und Unterstützung bei den eigentlichen reaktionären Parteien. Einer jüdischen Delegation, die ihn begrüßte, gab er die Versicherung, daß er den neuesten Ausfluß des Antisemitismus in per Form des Numerus clausus nicht zulassen werde. Immerhin etwas. Und entschließt er sich, im Gegensatz zu seinem Vorgänger, auch auf dem Gebiete von Handel und Industrie statt durch eine Politik der Schikane die jüdische Initiative zu töten, sie, zu wecken, heranzuziehen und für den Neuaufbau fruchtbar zu machen, so wären die Voraussetzungen für ein gedeihliches. Wirken der neuen Regierung wirklich gegeben. Tie vielen Attentate der letzten Zeit, in der Hauptsache gegen jüdische Häuser und Unternehmungen, werden doch vielleicht bald ihre Sühne finden. Tie Polizei ist den Bombenwerfern auf der Spur. Es stellt sich allerdings! dabei heraus, daß das Attentat gegen die antisemitische Zeitung .,'T!wa Groscha" mehr ein Schreckschuß ohne gefährlichen Charakter war, was die Meinung bestätigt, daß es sich auch hier um den Versuch antisemitischer Provokateure handelt. Die CheBarim in Manen. Korvrro, 1. Juni. Am letzten Sonntag im Mjai gab es eine bewegte Sitzung im Gemeindekomitee, und es sah fast so aus, als galt es, nach russischem Muster über den Cheder zu Gericht zu sitzen. Auf der Tagesordnung standen die Subventionen für die Chederschulen aus den Geldern des Schulbudgets der Gemeinde. Es handelt sich um die drei Ehedarim der A-gudas Jisroel, des ,Jagdil Thora" und das Jabne (Slabotko). In. diesem Ehedarim lernen über 300 Minder, zumeist ans den ärmsten Schichten, die eiye volle Bezahlung nicht aufbringen können. Ohne namhafte Unterstützung von Seiten der Gemeinde müssen diese Chederschulen geschlossen werden. Ten Antrag begründete in einer längeren Rede Herr Schmuelowitz. Er hebt hervor, daß bisher von der Gemeinde nur solche Schulen unterstützt werden, die fast gar keine jüdische Tisziplipen haben Md in denen dem Kinde alle heiligen Gefühle Ms dem Herzen gerissen werden, während die Ehedarim und Jeschiwos, die die Lebensquellen des jüdischen Volkes bilden, von der Kehillo unbeachtet bleiben. Er bittet um Annullierung der Beschlüsse der Kulturkommission zu Gunsten der unjüdischen Schulen und Unterstützung der Ehedarim. Tie Jungzio nisten und Vertreter der Linken opponieren mit scharfen Worten gegen dm Cheder. Herr S. Schereschewski stellt an diese die Frage, ob sie es mit ihrem nationalen Gewissen vereinbaren können, die Institutionen zu bekämpfen, die unsere Nation bisher am Leben erhalten haben? In den.Schulen der Kulturliga würde zumeist der Sabbat dazu benutzt, die Kinder ins Feld hinaüszuführen und sie mit Gartenarbeiten zu beschäftigen. Seine Rede wird wiederholt von der linken Seite unterbrochen, ohne aber, daß seine Ausführungen bestritten oder gar widerlegt wurden. Auch ein Vertreter der zionistischen Fraktion.,' Herr Wolf, spricht sich im Namen seiner Fraktion gegen eine Unterstützung der Ehedarim aus. Darauf ergreift Oberrabbiner Schapirv das Wort für das System der Ehedarim überhaupt wie für die in Frage kommenden ChHarim insbesondere. Die Chederschule der Agudas Jisr v e l weise alle Vorzüge einer modernen Schule auf, zum Mücke aber nicht auch die Fehler derselben. Dias Pensum für die 'profanen Fächer ist dort mehr wie genügend. Auch wird dort allen pädagogischen und hygienischen Anforderungen voll entsprochen. Ihr Vergehen besteht höchstens darin,. daß dort auch viel Chümifch, Danach und Gemoro gelernt wird, wofür man sie mit einer Verweigerung der Unterstützung bestrafen will. Als jüdische Elementarschule könne nur der Weder gelten, nach außen mo-- dern ausgestattet, in seiner inneren Struktur aber auf der alten bewährten Basis beruhend, die die innere Quelle unserer Kraft war und bleibtt Wenn wir in Kowno 350 Vater haben, die ihre Kinder gerade in diese Schulen schicken, so ist es der beste Beweis, daß diese Schulen als die eigentlichen jüdischen Primarschulen vvü den Massen anerkannt sind, und die Kehilla als Repräsentanten dieser Massen hat dem unbedingt Rechnung zu tragen. — Unter dem starken Eindruck dieser. Rede geht man an die Abstimmung. Tie Linken ließen sich aber nicht überzeugen. Ter Antrag zur Unterstützung der Ehedarim wurde angenommen, aber das Resultat ist nichtsdestoweniger beschämend, denn 15 Stimmen sprachen dagegen, 16 dafür. So wurde der Cheder mit einer Stimme Mehrheit in Kowno gerettet. Rus Rußland. (AuS einem Privatbriefe). Moskau, 8. April. „ . . . Der Häuserpveis ist stark gesunken» weil viele ihre Häuser verlassen, um der steigenden Not zu entfliehen. Tie Steuern gehen monatlich in die Hunderte von Millionen. Wer nicht gleich zahlt, hat das vier- und fünffache zu bezahlen ... Biele ziehen es unter solchen Lasten vor, ihre Geschäfte ganz zu schließen. Es herrscht große Arbeitslosigkeit. Ter Getreidepreis ist bis auf 12—13 Millionen Rubel für Pud (40’ Pfund) „gesunken". Dagegen kosten ein Pfund Zucker 9 Millionen Rubel, ein paar einfache Schuhe Hunderte von Millionen —-. Tie geistigen und religiösen Tinge liegen sehr im Argen. Chedorim sind geschlossen, Synagogen zu Konzerthäusern umgewandelt. Für religiöse Ermahnungen setzt mqn sich schwersten Gefängnisstrafen aus. — Rabbinern wird der Prozeß gemacht, weil sie den M des Chome'zverkaufs ausgeführt. haben-:-. Am Pessachabend wurde ein öffentlicher „Seder" mit Brot und Bier arrangiert, und wer von der Jugend der Einladung nicht folgte, machte sich sehr mißliebig ... Es fällt schwer, die Miloh durchzuführen -. Wer noch zu Gott HAt und flüchten kann, flüchtet, ohne zu wissen wohin-- — Mit großen Hindernissen konnten wir uns Mazzoh beschaffen, 60 Pfund, es kam auf 140 Millionen. — — — Gestern ertappte man mich bei einem schweren Verbrechen: Ich betete Maar iw mit jungen Leuten unter achtzehn Jahren und wurde icy verhaftet. Ich mußte unterschreiben, daß ich die Stadt nicht verlasse, auf daß ich mich dem Prozesse nicht entziehe wegen religiöser Beeinflussung Minderjährrger — —" von der Sorojef'JnQUifttion. Htiga, 30. Mai. Wie aus Bobrausk berichtet wird, hat dort die Sowjetjustiz wiederum über 12 jüdische Lehrer und einige Synagogenvorsteher zu Gericht gesessen. Ein Lehrer erhielt ein Jahr Zwangsarbeit, die anderen wurden wegen Mangels an Beweisen freigesprochen, währenddie Vorsteher eine Geldstrafe in der Höhe von 100 Dollar erhielten. Das schwere Verbrechen des Lehrers bestand darin, daß er an jüdische- Kinder Religionsunterricht erteilt hat. Auflage der Krimiodm. ftiftt, 37. Mai. Ein Notruf kommt aus der Halbinsel Krim, wo ungefähr 4000 Juden, darunter 500 Kinder buchstäblich Hungers sterben und an Epidemien.