Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 64 (1923)
- Issue
- Heft 23 (7.6.1923)
- Date
- 1923-06-07
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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7. Juni 1928 And litt der Tal, hat 'denn Dßrser Sturm des Wrsfenrvollens in unserer Btust nicht offenbar, seine Berechtigung? Fassen wir doch Zusammen, was uns gemeinhin Leben!und Dasein heißt: Wir rackem uns ab und streben, wirken und schaffen. Wir erleben dabei Freuden und -Schmerlen, hegen Hoffnungen und werden geprüft von Enttäuschungen. Wir erscheinen auf dem Plane des Daseins und treten früher oder spater wieder ab. Ein Geschlecht geht, das andere kommt. Hat dies alles 'Sinn. Zweck, Z-el und Plan? And wenn guch, worin besteht der Sinn, wo liegt das Ziel, was W der WM? Ist es'das Gute,, das Mir obwalten sehn und inehr oder weniger davon genießen oder genießen wollen, oder ist es /das Böse, das sich nicht minder im Leben durchsetzt und das wir meiden und fliehen, oder liegt das Ziel gargaW ■ jenseits von dem, was uns als Gut und Böse in Erscheinung tritt? Haben die die Mahre Wesenheit von Welt und -Leben erfahren, denen sich alles von der sogenannten guten Seile/kund gibt, oder jene, die allesvon der schlimmen Seite kennen? Und drängen sich uns Zuweilen auchdie Leiden Kehrseiten der „Medaille" sauf, so werden wir uns nicht minder fragen Müssen, was denn überwiege. Äst die Eristenzi in der Wcklt über:- wiegend glücklich oder unglücklich, schön oder häßlich, gut oder böse: bringt Uns der.Platz, auf den wir gestellt sind, mehr Wohl oder mehr Wehe? Ist demnach Glück. und Lust das Lebensfazit oder ist es das Gegenteil davon? Dabei -handelt es sich bisher nur um eine Seite -des diesbezüglichen großen Fragenikom- Plexes. nämlich um die physisch-eudämonMsche, die im Grunde genommen das Problem garmcht im Herzen trifft. Es rsind Diesdie Fragen (des sogenannten Hedonismus, der Auffassung nämlich, daß das Vergnügen das höchste Gut ist, Fragen, denen eigentlich keine Wissenschaftlichkeit im strengen Sinne tzukommt, die vielmehr ln den. meisten, wenn nicht itn ollen Fällen auf -SUbjetiiviiät, auf Stimmung 'und Laune hinauslaufen. auf Neigung und Veranlagung oder gar Egoismus des fragenden Individuums. Bald himmelhoch jauchzend, bald zu Tode betrübt, sieht man diese Hedoniker des Lebens ihr persönliches Empfinden zu einem „Problem" aufbauschen und aus Langweile oder llebermut sich eine „Weltanschauung" , Zimmern. Wie der verdrießliche Held des Eudämonismus bei Kohelech: „Zu.-dem Lachen sprach ich: Toll! und izur Freude: Was schafft die?" (Koheleth 2, 2) Oder wie der Dichter singt: „Ich denke dies und denke das. Ich sehne mich und weiß nicht nach was: Halb ist es Lust, halb ist es Klage: Mein Herz, mein Herz, o, sage!" (Ed. MÜrKe.) Wie sehr diese gange.n Fragen oft nur von Der Subjektivität des Individuums abhängsn. Zeigt das verschiedenartige Verhalten der Menschen, wenn Freuden oder Leiden über sie kommen. So bemerkt Rabbi Akibah im Talmud (Semachott 8): „In vierfacher Weise verhalten sich die Menschen, wenn Leiden sie treffen: Der Eine murrt, der Andere bittet Um Gnade, der! Dritte schweigt, der Vierte, spricht: Batch, schlage uur zu! Der Erste ist Hiob, der Zweite Hiskia, Der Tritte 'Abraham, der Vierte David." Die wenigsten verhalten sich freilich wie Hiskia, Abraham rmd David, sondern eher wie Hiob und murren: murren, klagen und fragen. Aber gerade Deshalb will erst recht üuch Das „Warum?" dieser nicht minder beachtet werden, soll Dicht ihr seelisches Gleichgewicht der Gefahr einer vollen Entgleisung ausgesetzt bleiben. Tiefer gehen jene nach Dem Wissen ringenden Fragen, die über Dem Eudämonismus des eigenen Ick hinausgeben, die hoch übdr die persönliche Glückseligkeit gestellten reinen philosophischen Bedürfnisse der Menschen. Das find die metaphysischen und moralischen Fracen . über Sinn,. Zweck, Ziel, Plan und Wert von Welt und Leben, von Existenz 'und Dasein. Von Hnen hängt nicht bloß Die praktische, sondern Der Israeli t auch die theoretische Festlegung einer Welt-, und Lebensanschauung ab, letzten Endes die wissenschaftliche Fundierung einer Ethik. Auch, hier txf tt das „Warum?" mit gebieterischer Forderung auf, Hoch halt es sich von subjektiver Trübung frei und ist mehr der (kühne Griff nach Dem letzten Schleier des obWivyir ErkeNstsns. 'In der heiligen Schrift Men wir Mer von' dem Aufrveirfön dieses „Wann? Wie?" und „Warum?" So ruft Moses beim'Anblick des staunenerregenden Dornbuschbrandes, der die Ewigkeit des -brennenden Leides versinnbildlicht, erkenntnisdurstig aus: „Hintreten will ich und sehen Diese große Erscheinung, warum verbrennt nicht der Dornbusch?" (2. B. M. &, 8). Er will 'es wissen, wie er denn später Überhaupt die' GöttesrvegH erkennen und begreifen, ja stelbst ches Ewigen Herrlichkeit an sich erschauen will (2. B. M. 33, 13, 18) Auch David leidet es einmal im stürmischen Drange nach dem Erkennen Der Wegh des Herrn und seiner 'Pfade /(Psalm 25, 4) nicht länger im Schatten Des Nichtwissens. Es dürstet seine Se^e nach sGott (und „wann werde ich kommen und vor idem Antlitz Gottes erscheinen?" fragt er in brennendem Erikenntniseifer (Psalm 43, 2).Daniel, Der bis zum Verborgenen und Verschlossenen Vordringende, bcischeidet sich nicht zu wissen, Daß emst em Ende' des Geheimnisvollen kommt, er dringt vor und fragt' „Bis wann währt das geheimnisvolle Ende?" (Dan. 12, 6). Ebeüso fragt Jesaja: „Wie lange, o Herr?" (Jesaja 8, 11): Sc wenig Auserlesene sich nun' auch zu dieser höchsten Stufe des Erkenntnisdranges erheben, eines haben auch diese Fragesteller mit allen anderen gemein, denen sich das „Warum?" auf die Lippen drängt, .nämlich — die gleiche treibende Kraft hie u. d'e'elbe Qu^le des Staunens und der Verwunderung. Diese liegt auch beim hochragendsten Geistesstürmer wie beim Eudämonisten oder schlichten Alltagsdenker in Der Erfahrungswelt des Lebens. Das Dilemma, der Widerspruch des Wah-genommenen treibt hier wie dort, bei diesen ünd (bei jenen das .Wissenwollen an. ist der Pater Des „Wie?" und des ..Warum?" * „Ia/ der sogar, der ruhig und gelassen, Mit dem Vewußtsein. was er soll, geboren. Frühzeitig einen Lebensgang erkoren. Muß vor des Lebecks Widerspruch erblassen" läßt ein deu'scher Lyrijker sich' vernehmen (Aug. Graf von Maten) und nicht mit Unrecht. (Forts, folgt.) Korrespondenzen« nacbricbten. De»ttf«0es 3sraelitifdier Lefireroerein Bayern. Mürzvur-, 30. Mir. Tie am 10. Mai 1923 in Würzburg tagende ordentliche Mitgliederversammlung des Israelitischen Lehrervereins für Bayern hat einstimmig folgende Entschließung gefaßt: Tie vom Verband 'Bayer. Jsr. Gemeinden zur Zeit für leistungsschwache Gemeinden empfohlene Besoldung ihrer Beamten mit % der staatlichen Sätze hat bei der in vielen Gemeinden herrschenden Leistungsunwilligkeit, trotz der Zuschüsse des Verbandes', zahlreichen Beamten noch nicht % Besoldung gesichert. Leistungsfähige Gemeinden, wie z. B. die Großgemeinde München, besoldet seit Monaten, wenn auch vorläuifg nur unverbindlich, ihre Beamten mit 3A der staatlichen Sätze. Eine solche Besoldung erscheint nicht gerechtfertigt und must unheilvoll wirken. Sie drückt die Gehaltsempfänger, welche _Nr. 23 Seite 5 Anspruch auf Bezahlung nach Gruppe yi—VIII hätten, in die Gruppen III—V herab; sie mutet den GemeindecmgestÄlten zu, 25o/o des gesamten Personaletats auf ihre schwachen Schultern zu nehmen, ein Opfer, das' in der Regel die Knltussteuerleistung auch der bestsituierten Gemeinde- Mitglieder weit übersteigt; sie degradiert der Außeirwelt gegenüber die .Arbeit der Rabbiner und Lehrer und setzt das Ansehen des' Judentums herab. Das' ^Beispiel hat besonders verheerend auf die Lerstungswilligkeit mancher Klein- und Mittelgemeinde -gewirkt und in vielen Fällen die Besoldung tief herabgedrückt. So ist auch in Bayern trotz der 75 prozentigen Eingruppierung der jüdische Beamtenstand in seiner wirtschaftlichen 'Existenz schwer bedroht. Die Folgeerscheinungen sind, wie allgemein in Deutschland, auch hier: Flucht aus dem jüdischen Beamtenstand, Entvölkerung der Lehrerbildungsanstalten, in vielen Gemeinden bereits das Fehlen jeder religiösen Unterweisung für Jugend und Erwachsene. Der Israelitische Lehrerverein für Bayern' weist die breiteste jüdische Oeffentlichkeit, ganz besonders aber die verantwortlichen Führer in den Gemeinden und im Landesverband, nachdrücklich auf die Gefahren hin, w'elche dem Judentum aus der schon Jahrzehnte dauernder! wirtschaftlichen Notlage des jüdischen BeaMtenstandes drohen und erwartet dringend Abhilfe, .damit der völlige Zusammenbruch des jüdischen Lebens in den Gemeinden und der damit unvermeidliche Ehikul haschem gegenüber der nichtjüdischen Oeffentlichkeit verhütet werde. WMorgen 9er Breslauer Bemeinöe. Wrestau 1. Juni. Angesichts der bevorstehenden Repräsentantenwahlen wird hier von mancherlei Seite auf die Schaffung einer neuen Wahlordnung gedrängt. 'Tie alte Wahlordnung geht auf das Jahr 1847 zurück und erscheint in mancher Hinsicht wirklich veraltet. In der letzten Repräsentantenversammlung wurde jedoch'von der Mehrzahl die Meinung vertreten, daß, solange das genannte Gesetz nicht aufgehoben ist, eine Aenderung des Wahlsystems ein Mweichen von der gesetzlichen Grundlage bedeuten würde. So werden die nächsten Wahlen noch nach dem alten Modus vor sich gehen. Von liberaler 'Seite geht die Agitation . auf Durchsetzung des Frauenwahlrechtes hinaus. Die nusfdireifiHigen ift Leipzig. Leipzig, 6. Juni. Tre hier seit Tagen herrschenden schweren Unruhen nahmen bon der Unzufriedenheit der Erwerbslosen und von der Erbitterung über die neue Teuerungswelle ihren Ausgang. Doch versuchten gleich die notorischen Hetzer, die einmal entfesselten Leidenschaften gegen die Juden abzulenken und hatten beim Janhagel auch einigen Erfolg. In manchen Straßen richteten sich die Attacken speziell gegen jüdische Geschäftshäuser und jüdische Cafes, und jüdische Passanten wurden mit Beschimpfungen und Bedrohungen reichlich bedacht. Es gelang jedoch der Polizei, größeres Unheil zü verhüten, und darf man hoffen, daß bald volle Beruhigung eintritt. Sabbat-Anfang und -Ausgang. ~\b rfrty Ort: Anfang Uhr >Min. Dc ,1923 j l tum 6683 Am Uhr I Mn. Frankfurt a. M. 7 45 9. 25. 9 35 Berlin .... 7 30 Juni Siwan 9 26 München ... 7 15 9 03 Köln ..... 7 45 9 45 Stuttgart , 7 - 9 20 Breslau.... — - — — Nürnberg . . . 7 30 9 14 Hamburg . . . - - - — ■II - -v §