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Der Israelit · 1923-06-07 · Heft 23 (7.6.1923) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
64 (1923)
Issue
Heft 23 (7.6.1923)
Date
1923-06-07
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 Nr. 23 Din? „Ich grüble, es zu wissen-" (Psalm 73/16) und wie es im Hochgesange RabbiJehuda, des Frommen^ ("1122N->'V) heißt: „Meine Seele schmachtet im Schatten deiner Hand, zu erforschen der Geheimnisse Tiefen." Ob dies ein Segen ist; oder umgekehrt, nur „ein leidig^ Drang", wie Kohelett meint, „den Gott dem Menschen zu seiner Qual gegeben" (Kohelett I13) wird freilich zu erwägen bleiben, aber gleichviel, der Trieb ist da, ist eingewurzelt in der Menschenbrust und bedeutet ernsten Naturen, nächst dem Triebe zur Selbsterhaltung, die erste und wichtigste Sache von der Welt. Philosophie dieser ursprünglichsten Art wird weder anerzogen noch erlernt, sondern wohnt so zusagen a priori, dem Menschen inne. Me Kant sagt: „Die menschliche Vernunft hat das besondere Schicksal, daß sie durch Fragen belästigt wird, die sie nicht abweisen kann". (Einleit. z. Krit. d. rein. Vernunft). Eine dieser unabweisbaren Fragen an die Vernunft ist die uralte und ewig neue Frage nach dem 'Sinn des Daseins, nach dem Werte oder Unwerte des Lebens. 722 DTK? fnn’ HO Wötprr rnn 7öirNvp..Was ist des Menschen Gewinn bei all seiner Mühe, womit er sich abmüht unter der Sonne?" so läßt sich schon der dem Sinne und Werte des Daseins in der anschaulichsten Weise nachspürende Kohelett (Kohelett 1/3) vernehmen und spricht damit zweifellos den meisten Menschen, die nicht gedankenlos durchs Leben gehen, aus der Seele. Unter allen Problemen und Rätseln, die der Menschenvernunft aufgegeben sind, ist denn auch diese Frage am populärsten; sie beschäftigt nicht nur den nach Weisheit und Wissen Ringenden, sondern auch den schlichten denkenden Mann aus dem Volke. Sie ist aber deshalb nicht „vulgär" und minder schwierig, sondern hat im Gegenteil ebenso wie viele andere große philosophische Fragen die bedeutendsten Köpfe aller Zeiten und Zonen herausgefordert. Was aber die Gelehrten in Fachausdrücken äußern, das gibt sich bei der schlichten Menschenseele, die nach Erkenntnis dürstet, oft in einem - einzigen Wortlein kund, das sich frisch weg vom Herzen losringt. Zn unserer Frage pflegt sich alle Qual und.Sehnsucht nach dem Wissen und Verstehen dessen, was wie ein Alp die Brust bedrückt und beengt, in dem kleinen aber schwerwiegenden Wörtchen Nv? oder tfHö zu äußern, in dem Fragerufe: Warum? Dias ganze heilige Schrifttum und ähnlich die Literaturen aller Völker sind erfüllt von dem Seelenaufschrei dieses Fragewörtchens. Wenn der große Goethe sich vernehmen läßt: lung," dieses Vereinigen frommen Gepränges mit unsozialer Gesinnung ist das Ziel des prophetischen Zornes. Beim Anblicke von Männern, die nach rücksichtslos verbrachter Geschästswoche händereibend vor Unschuld strahlend ins Gotteshaus geben, 'erinnert man sich dieses Wortes. (Forts, folgt.) Kleines Feuilleton. Die Juden in Tripolis. Nach Mitteilungen des in Rom weilenoen Großrabbiner von Tripolis Dr. Eliahu Artorn berichtet der römische Korrespondent des „Jewistz Chronicle" über das jüdische Leben in Tripolis wie folgt: - Im Gegensatz zu Italien herrscht in Tripolis ein sehr reges und auch nach außen hin bemerkenswertes jüdisches Leben. Obgleich die Juden bloß ein Fünftel der Gesamtbevölkerung darstellen, macht Tripolis auf den Besucher den Eindruck einer jüdischen Stadt. Das ist in erster Reihe dem' Umstand zuzuschreiben, daß die Juden in Tripolis in der Bevölkerung eine sehr bedeutende Rolle spielen und dabei dennoch die Traditionen des jüdischen Lebens auf das strengste beobachten. Sie machen garnicht den Versuch, ihr Judentum auch nur im geringsten zu verbergen, und sie sind vom Gesetze auch als Juden anerkannt. Praktisch gesprochen, rst am Sabbat in Tripolis jedes Geschäft geschlossen, und die Stadt trägt ein festliches Aussehen. Weder am muselmanischen Freitag oder am christlichen Sonntag weist das wirtschaftliche Leben ein solches Feiern auf wie Der Israelit „Me? Mmn? und Wo? Tie Götter bleiben stumm!!Tu halte dich ans Weil Und frage nicht warum!" (Goethe Spr. i. Reimen, Gott, Gemüt und Welt.) so half seine Beschwichtigung so wenig, wie die der Religionen und Philosopheme aller Zeiten. Die Menschen, die Frommen wie die Gottlosen, hörten niemals ,anf und werden niemals aufhören, wissen zu wollen, „weshalb" und. zu fragen, „warum". Treffend widerspiegelt .sich dies in einem Gebete, das wir zu Selichot, am Rüsttage des Neujahrsfestes und zu Schach rit am Bersöhnungstage sprechen.!Ter Refrain des betreffenden Gebetstückes klingt nämlich immer in einem Satze aus dem biblischen Schrifttum aus) der das wehmütige, erschütternde Fragewörtchen enthält. „Warum, o Herr, stehst du von ferne, ziehst dich zurück zur Zeit der Not? Warum, o Gott, verstoßest du auf ewig? Warum soll ich getrübt einhergehen, gebeugt von Drangsal? Warum soll meine Seele des Friedens beraubt sein? —-" So und dergleichen mehrere des „Warum?" werden mit 'David und Moses, mit Jeremia und Anderen immer und wieder in langer Reihe vvrgebvacht. Und wahrlich, wo und bei wem hätte sich nicht Drang! und Anlaß gefunden, das „Warum?" des' gepreßten Herzens hervorbrechen zu lassen! Am ehesten freilich bei denen, die sich persönlich unmittelbar.an der Frage stoßen, die durch den Mangel an Freude, Glück und Gelingen, wenn nicht gar durch Uebel und bittere Leiden zum Staunen und zur Verwunderung über den Sinn .ihres Daseins hingelenkt werden, die natürlich am stürmischsten nach Aufschluß!, nach Dieutung, nach Erklärung lechzen, wie sich dies z. B. bei dem von Heimsuchungen gepeinigten Hiob und bei dem im Elend erprobten Jeremia in dramatischer Weise zeigte. Diese Hiobs und Jeremias — und zu ihnen gehören, ach, gar viele Kinder dieser Erde — fassen alle Bitterkeit, die sie erfüllt und alle Unfaßbärkeit, die sie bewegt, am liebsten und bequemsten in den Vorstoß der einen grübelnden Frage zusammen: Warum? „Warum hast du mich hintergangm?" rang es sich einst verbittert aus Jacobs Brust zu Laban hervor (I. B. Mi. 29/25) und gar mancher, der menschlichen Böswillen erfahren hat, mag, so fragend, seinen Nächsten anzuklagen haben vder ftndet gar zu dem gequälten Borwurf: „Warum HM ihtz mir das zu Leide getan?". am Mischen Sabbat. Dies macht sich auch in den Schulen und in den Regiernngsämtern fühlbar, in denen' das Fehlen des Mischen. Dolmetschers sich sofort bemerÄar macht. Die Juden von Tripolis sind zum' größten Teil nicht Kaufleute oder Krämer, sondern Handwerker. Sie bilden eine gleichgeartete Beoölkerungsschicht und werden gesetzliche Einheit anerkannt. Ihre Autonomie ist jedoch rein religiöser Natur. Die Familieneinrichtungen, Eheschließungen und Ehescheidungen usw. gehören ausschließlich in den Wirkungskreis der Rabbinatsgerichte. Was das Kulturleben betrifft, so kann festgestellt werden, daß Analphabeten in dem Sinne, daß die Betreffenden jeder Bildung entbehren, wenn man von den Frauen absieht, nur in verschwindender Zahl vorhanden sind. Die meisten männlichen Personen haben hebräische Studien betrieben. Dann gibt es eine, wenn auch kleine dritte Gruppe, die sowohl eine hebräisch-jüdische als auch eine allgemein italienische Erziehung genoß. Die allgemeine Verkehrssprache unter den Juden, der lokale arabische Dialekt wird mit hebräischen Lettern geschrieben: Die von der Alliance, versuchte Angliederung an die allgemeine europäische Kultur muß als gescheitert angesehen werden. Die Ursache hierfür liegt in der Unbeliebtheit der Alliance-Schule bei den tripolitanischen Juden, die ihre Kinder nicht gerne in diese Schule schicken. Nur auf dem Gebiete der Frauenbildung hat die Alliance einige -Resultate erzielt. Die Mische Frau in Tripolis zeigt auch kein besonderes Verlangen, sich eine Bildung cmzueignen. Das ganze Sinnen der Mischeri Frau in Tripolis ist auf eine baldige Eheschließung gerichtet, und tatsächlich gibt es dort fast keine unverheiratete Frau in heiratsfähigem' Alter. Es verdient hervor- _ 7. Juni 1923 wie eben derselbe Jakob' seinen eigenen.Kindern gegenüber (I. B. Mi. 43/6), traurigen Grün!> und Anlaß. Me viele, die schnöden Undank erfahren und Enttäuschungen erleben, seh!en sich, wie einst Josef, staunend zu fragen veranlaßt: „Warum habt ilft vergolten Böses für Gutes!?" (I. B. M. 44/4). Ungezählte, die unverdiente Demütigungen und Zurücksetzungen durchkosten, müssen, hören wir täglich und allerorten mit. den Töchtern Zelvphchads fragend ausrufen: „Warum so geringgeschätzt?" (IV. B. M. 27/4). „Warum machst du es so arg diesem Volke?" werden wir mit Mioses (II. B. M. 5/22) zu fragen gedrängt, wenn wir das alte Leid und die ewig sich wiederholenden neuen Marter des Judentums betrachten. „Warum vergißt du Uns gänzlich, verlassest uns so lange Zeit?" klagt und fragt Israel schon seit Lausenden Jahren mit seinem Leidapostel Jeremia (Jeremia Klagelieder 5/20). „Warum h>at alles dies' uns betroffen?"' entringt es sich unseren bebenden Lippen mit Gideon (Richter 6/13) angesichts des unermeßlichen Weltenleids, das der verflossene große Krieg über das. Geschlecht unserer Tage gebracht. „Warum wird dem Mühseligen das Licht und Leben den betrübten Gemütern gegeben?" hat schon jio' mancher, der auf Glück' gehofft und Unglück kommen sah, auf Licht harrte und Dunkel erlebte, mit Hiob gefragt und sich selbst verwünschend ausgerufen: „Warum starb ich nicht vom Miutterschoße weg?" (Hiob III 11, 20 XXX 26). Ja, warum dies Und wieso jenes, warum so und nicht anders, fv widerhallt es aus Sprüchen und Gebeten, aus- Seufzern und Liedern, aus Büchern und Erlebnissen, aus Palästen und Hütten der leid-' beschwerten und grambeladenen Mienschheit. Aber auch die Glücklichen, was man s» nennt, die fonnenbegnadeten.Kinder des Wohl-' ergehns, der Freude und des' Gelingens können unmöglich an der Frage nach dem Sinn des 'Tiaseins, an dem „Warum?" des Lebens vorbeigchn, wie ja, wie erwähnt, selbst: ein Kohelett, der als König von Jerusalem spricht, ihr nicht auszuweichen vermag. Ebenso werden die Neu-' traten — wie wir den Miitteltyp der ringenden Mienschheit nennen wollen» — es nicht vermögen. Der Psalmist hat nicht bloß Leid und" Uebel erfahren, sondern auch viel Glück unb Freude und dennoch ward, wie er im Liede klagte heiß sein Herz in seinem Inneren, brannte fin seinem Gemüte Feuer und er redete mit seiner Zunge: - „Mache mir kund, v .Herr, mein Ziel und den Wertmaß meiner Tage, was sie bedeuten, ich will wissen, wie vergänglich ich bin." (Psalm 39, 5). gehoben zu werden, daß in den seltenen Fällen von Mischehen zwischen Juden und Nichtjuden den Mische Teil immer die Frau ist, weil sie eben mangels einer gründlichen Mischen Erziehung nur geringere Widerstandsfähigkeit gegenüber dem nichtjüdischen Bewerber besitzt. Unter solchen Umständen kann von einer Assrnr i l a t i o n praktisch nicht gesprochen werden, doch zeigen sich bereits Anzeichen für einen beginnenden Zug zur Assimilation. Solange die Juden bloß rrfir. den einheimischen Arabern, deren Kulturstufe zu tief war, um eine Anziehungskraft auf die Juden auszuüben, Verbindung hatten, hat eine Ässiini,-- lationsgefahr nicht bestanden. Mit der italienischen Okkupation hat sich die Lage wesentlich verändert, und wenn auch nur sehr langsam und noch kaum auffallend, beginnt doch das ttaditionelle Mische Leben, bereits aSmählich an Boden zu vertieren. Insofern iK jeder Jude ln Tripolis national, indem die Liebe für Palästina in jedem tief eingewurzelt lebt. Besonders unter den Handwerkern und Gewerbetreibenden zeigt sich ein lehr großes Interesse für die Wiederaufbauarbeiten in Palästina. Die dringendste Aufgabe in Tripolis ist die Heranbildung brauchbarer Mischer Lehrer und Erzieher, welche dasjüdische Schulwesen in die Hand nehmen und die jüdische Jugend zu bewußten Juden heranbilden. Gelingt dies, so kann dos tripolitanische Judentum ein wichtiger und verläßlicher Pfeiler des Gesamtjudentums werden. Der Rabbiner Artom erwartet alles Heil vom . Zionismus, der in Tripolis Verbreitung finde. Mir wünschen ihm, daß er keine Enttäuschung erlebe.

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