Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 64 (1923)
- Issue
- Heft 23 (7.6.1923)
- Date
- 1923-06-07
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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7." Juni 1922 Der Israelit Nr. 23. Seite 3 Liese Scharfmacherei noch aus „Hapoel Hazair" stammt oder der eigenen Ansicht des Berliner ZwnisLenblaltes entspringt. Beider Ansichten und Wünsche dürsten sich hier .treffen. Die Rundschau beschwert sich auch — wiederum im Sinne und im Tone des „Hapoel .Hazair" — über einen von Beamten gemachten Versuch, ChalMim während ihres Aufenthaltes in der Quarantäne jurn gemeinsamen Ge- L et e Mi veranlassen. Es soll Labei auch zur Verweigerung der Nahuüngsabgabe an dre Nicht- Letenden und einem solidarischem Hungerst r e i'k e gekommen fern. Die „Rundschau" nennt dies „skandälWfe Vorfälle" ... Auch .wir haben keinen besseren. Ausdruck, für die jüdischen jungen Leute nämlich, 'die als „Pwniere" nach Palästina gehen und.kein Gebet :m Munde haben und schon -an (her Schwelle des Landes, das ihrer jüdischen Arbeit harrt, lrebör hungern, als den Namen joesien /anrufen, der feinen Thron ernstens auf dieser Erde Errichtet und noch errichten wird! Wir haben nicht viel M erwarten von Chatuzim, die ihre PlonieMrbeft dergestasi einleiten. Es sind M der Tat skandalöse Vorfälle! .... Der Predigtgottesdienst. Von Rabbiner Dr. S. Kaatz in Hindenburg O.-S. D?er bekannte protestantische Theologe Dr. Friedrich Rittelmeyer veröffentlicht in der von Professor Rade--Marburg herausgegebenen .^Christlichen Welt" Nr. 18/19 unter dem Titel „Neuer Kultus" einen Artikel, der, obwohl er .sich auf eine Frage der christlichen Kirche, auf Len protestantischen gottesdienstlichen Kultus bezieht, dennoch -auch für uns .Juden - von besonderem Interesse ist. Rittelmeyer, ein hochangesehener Pfarrer und gefeierter Kanzelreoner, Ler neben zahlreiche!: wissenschaftlichen theologischen Schriften auch mehrere Bände Predigten veröffentlicht hat, die zu dem Besten gehören, was die moderne evangelische homiletische Literatur aufweist, hat sein liebgewordenes kirchliches "Amt in einer Berliner evangelischen Pfarrgeweinde niedergelegt. Er bekennt in dem Artikel, daß das, was ihn ans den: kirchlichen Predigeramte herausigetrieben habe, die Gottes- Lienstnot des Protestantismus gewesen .sei, und -er versteht darunter die Besonderheit des evangelischen Gottesdienstes, der im Gegensatz zum katholischen Kultus allein oder doch im wesentlichen auf der Predigt beruht. Er habe auf .sei:: Amt verzichtet, weil er zur Ueberzeugung gelangt sei, daßder „reine Predigjtgottesdienst", wie er in der evangelischen Kirche gchandhabt wird, an schweren inneren Schäden kranke, die Besucher unbefriedigt lasse und keinen Kräftezuftrom für das innere Leben ans der religiösen Welt biete. Rittelmeyer, der von dem Wert und der Bedeutung der Predigt durchdrungen ist, der sich erfolgreich bemüht hat, sie durch seine überragenden Gaben zu möglichster Vollendung zu bringen, und der der Meinung ist, daß die eigentliche Höhe für die religiöse Rede noch nicht gekommen sei, gesteht, daß ein reiner Predigtgottesdienst eine „Uebersorderung des Predigers und eine Unterernährung der Gemeinde" bedeute. Welche Art von Neugestaltung des evangelischen Kultus Rittelmeyer anstrebt, darauf braucht hier nicht eingegangen zu werden. Was uns an .seinen Darlegungen berührt und zum Nachdenken anzuregen vermag, ist der Umstand, daß es gerade der evangelische Predigtgottesdienst ist, der es den Vertretern der jüdischen Reform angetan hat und ihnen als Ideal vorschwebt. So schreibt May bäum in seiner „jüdischen .Homiletik": „Die Predigt hat sich überall denjenigen Platz im Gottesdienst erobert, ... der allein ihrer hohen Bedeutung entspricht. Sie wird nicht mehr auS dem Gottesdienst ansgeschieden, . . . ihr Platz ist in der Synagoge, wo sie den Mittelpunkt des Gottesdienstes bildet." Diese Ueberschätzung der Predigt war es, durch die unsere alten heiligen Gebete verdrängt wurden, aus denen Kraft und Leben, jüdischer Gottesgeist und jüdischer Gemeinschaftsgeist spricht und in die Seelen der Beter überströmt. In der Form des protestantischen Predigtgottesdienstes sah man das absolute Vorbild, das man für die .Synagoge erstrebte. Man lese den begeisterten Hymnus, den Z u n z am Schlüsse seiner „Gottesdienstlichen Vorträge" auf die Einführung der Predigt anstimmt: „Unwiderruflich, wie der Sieg der Freiheit und der Zivilisation . . . ist die Reform und der Triumph des diese Reform . offenbar machenden Wortes. Beglückter als Propheten und Emoras, als Hägadisten und Tiarschanim soll die Predigt des Rabbinen . . . Segen und Freude gewähren, Sögen dem freien Israel, Freude aber dem versöhnten Europa." An den synagogälen Predigtgottesdienst knüpft er die überschwängliche Hoffnung: „'Dann wird wiederum in deine Tempel, o Tochter Zion! der göttliche Geist einkehten, wird sich vernehmen lassen in dem lebendigen, Daten weckenden Wort, der Begeisterung voll, Institutionen für Israel erzeugend." So schrieb Zunz vor etwa hundert Jahren. Was ist Wahrheit geworden- Hat der synagogale Gottesdienst, dessen Mittelpunkt nach protestantischem Muster die Predigt bildet, „in deine Tempel, o Tochter Zion! wiederum den göttlichen Geist einkehren lassen",? Es ist ungemein lehrreich, das Urteil zu vernehmen, das ein so maßgebender protestantischer Theologe wie Rittelmeyer, dessen ganze Lebensärbeit einerwirksamen Gestaltung der Predigt galt, auf Grund seiner eigenen Erfahrungen über den reinen Predigtgottesdienst fällt. Das Gute und Böse in philosophischer und religiöser Beleuchtung. Kirre Stndie über den Sinn des Daseins von Oberrabbiner Dr. Adolf Altmann in Trier. „Das Rechte lasset uns wählen für uns; Lasset uns erkennen, was gut ist." (Hiob XXXIV >3).' „Kundgetan ist dir, o Mensch, was gut ist-". (Micha VI 8). Plato und Aristoteles stellen die Behauptung auf, daß die ursprüngliche philosophische Reflexion des Menschen, das früheste Nachsinnen und Denken des Erdensohnes in der Verwunderung, dem Staunen, seine. Quelle hat. Von Stauneu ergriffen ob der Welt um ihn her mit ihren tausenden Rätseln und Wundern, von Verwunderung erfüllt über die Welt in ihm selbst mit den Mysterien des Seelenlebens, den bald ratenden, bald mahnenden, hier frohlockenden, dort klagende:: Stimmen der Psyche, geht dem Menschenkinde die Selbstbesinnung auf, erwacht der Trieb nach Zurechtsindung, nach Orientierung in Welt und Leben und nach dem Verstehn seiner selbst. Dem einmal so Erwachten genügt dann die naive Hinnahme des 'Daseins nicht mehr; er sucht und forscht nach Gründen, nach Zusammenhängen, nach Erkenntnissen. Dieser Erkenntnisdurft ist die Philosophie in ihrer ureigentlichsten Bedeutung, ist die — Liebe zur Weisheit. Philosophie in diesem Sinne ist keine Fachgelehrsamkeit, keine zünftige Wissenschaft, sondern das, was jedem das Nächste, Wichtigste und Interessanteste ist, das „metaphysische Bedürfnis", um mit Schopenhauer zu reden, ein natürlicher, unabweisbarer iDrang zur Erforschung der Wahrheit und zur Lösung des!Täseinsrätsels. Wie!T«aLid ausruft: N2VNX1 barer gehalten, bis uns der Krieg eines Besseren Leiehrte. Zur Zeit des Jesaja war von einer kriegerischen Besetzung des Landes Jehuda noch keine Mede. Auch die „Verödung", von der Jesaja hier spricht, ist genannt: „gleich der Zerstörung durch Fremde."!Es war also noch keine Zerstörung tatsächlich .vorgekommen. Danach ist hrer von einem Verfall der Bodenkultur die Rede, an dem nicht Lie Feinde, sondern die eigenen Landsleute die Schuld haben, — also von mutwilliger Vernachlässigung des Bodens. Diese Deutung ist auch schon deshalb nötig, weil Jesaja doch nicht von irgendwelchem politiphen Anglück und der Notwendigkeit, es zu beheben, sondern nur von Sünden seines Volkes in diesem Kapitel spricht. Allerdings ist dann JVßvn? Dyny schwierig ln diesem Zusammenhänge. 8. „Zions Einwohnerschaft wird übrigbleiben gleich einer Hütte im Weinberge, gleich einer Uebernachtungsftätte im Kürbisfelde, gleich einem angebundenen Füllen." Die Oede und Verlassenheit einer 'Weinbergshütte nach der Lese muß. man an Ort und Stelle empftlnden haben, um die Macht dieses Vergleichs zu begreifen, ähnlich dürste es mit der .Kürbiswache bestellt sein. Ob rm: n>y eine - behütete Stadt bedeuten muß, ist nicht überliefert, vy als „Füllen", das fern von den Zuchttieren wegen feiner Wildheit gescfselt wird, ist jedenfalls ein deutlicheres Bild der Einsamkeit. Nachdem Jesaja die Landflucht seiner Zett, die Vernachlässigung des Ackerbodens getadelt hat, prophezeit er den sorglosen Volksmassen der Städte Verernsamung, zunächst vielleicht als Folge der Bodenbrachwirtschaft, 'weiter ausgreifend Wohl auch als Folge des politischen "Niederganges. 9. „Hätte der allgütige Gott der Willenseinheit mns nicht einen Flüchtling gelassen, — viel hätte nicht gefehlt, — Sedom gleich waren wir gewesen» Amvra hatten wir ähnlich gesehen." Die „Flüchtlinge" dieses Wortes sind selbsttedend die Stämme Juda und .Benjamin, nachdem die übrigen Stämme ins Exil geschleppt waren. Die „Flüchtlinge" nennt er sein ganzes Volk. Gott hat einen „Rest" gerettet. Wie muß er mit diesen Worten den Stolz seines Volkes gebest haben! Das Wort bezeichnet die Summe aller den W llen (p'ast) Gottes ausführenden Wesen. Mit „Sedom und Amvra" vergleicht Jesaja sein Volk, also mit Städten, deren Untergang vollständig und selbst verschuldet war. Von allem' Volke des ganzen Landes war nur der in die Hauptstadt geflüchtete Rest verblieben. Ein kleiner weiterer Heereszug der Eroberer hätte auch diese in deren Gewalt bringen können. Es war aber kein verdientes Ueörigbleiben, sondern ein Uebriglassen durch Gott, dessen Allgirte allen Geschöpfen und sogar den Boten seines Zornes Willensgrenzen setzt, und nur so ist von den Stürmen der Zeit Zion bewahrt geblieben. 10. Der Vergleich mit Sedom und Amvra wird in einer für die Zuhörer unerwarteten Gestatt ausgebaut: „Höret des Allgütigen Wort, ihr Großen von Sedom —, horchet die Lehre unseres Gottes, Volk von Amora." Die Großen Israels tun es an Uebervorteilung der Armen denen von (sedom gleich; daher steht der Prophet dem Volke mit seinem Herzen näher und ruft diesem sein trauliches „Horchet!" zu, den Großen aber ein fernes, gestrenges „Höret!" Dennoch ergeht die Lehre des strenge richtenden Gottes Israels gerade an das Volk, den einfachen Mann, von dem aus ja, wie anfangs gesagt, das Verderben begonnen hat. Die Schuld der Großen ist, daß sie ihre „bessere Seele" verleugnet und sich in. die Korruption haben willenlos hineintreiben lassen. Eine solche Zurechtweisung hatte das zuhörende Volk nicht erwartet, sondern bei den Worten „Sedom und Amora" nur an sein Unglück, nicht an seine Schuld sich erinnert. 11.—12. „Was soll mir die Menge eurer Opfer?" — spricht Gott, — „ich bin satt der Ganzopfer der Widder und des Fettes der Mastschase, — und Blut von Rindern, Lämmern und Böcken will ich, nicht. Wenn ihr kommet, vor mir zu erscheinen, wer hat das aus eurer Hand verlangt, meine Höfe zu treten?" Oberflächliche Wissenschaftlichkeit steht in diesen Sätzen eine Ablehnung des Opfers überhaupt. Damit wäre jedoch dem Jesaja auch über das Sichsehenlassen vor Gott ein absprechendes Urteil zugeschrieben. Selbstredend kann Beides nur dann Gott zuwider sein, wenn es ohne rechten ftommen Sinn geschieht, und auch Jesa;a meint nichts Anderes. Wenn ihr kommet, ihr sowie ihr seid, um ju opfern und den Tempel zu besuchen, — von „euch" hat es niemand verlangt. Ihr seid der Opfer und Gebete nicht wert; — kann man heißere Worte für die Opfer reden? 13. „Bringet mir nicht weiter falsches Mehlopfer; Räucherwerk — ein Greuel ist es mir; Neumond und Sabbat, Versammlung berufen, — ich kann es nicht leiden, — Machtmißbrauch und Festversammlung!" Das Mehlopfer ist die Gabe des Aermsten, — Räucherwerk das Symbol des Reichtums, das nur W nns p« die Gemeinde Israels geben darf, — und beide sind Gott zum Abscheu geworden. Neumond ist der geringste, Sabbat der heiligste Feiertag, — und beide sind Gott zum Abscheu geworden. Reich und Arm, Festtag und Alltag, — alles die gleiche Verderbnis. „Machtmißbrauch und Festversarnm-