Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 64 (1923)
- Issue
- Heft 22 (31.5.1923)
- Date
- 1923-05-31
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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31. Mai 1922 Mir Möchten in diesem Sinne einige Stellen aus dem Merke cmsHugsjmeise wiedergeben, die Don Besuchen der jugendlichen Eonftance von Rothschild bei chrer Frankfurter Verwandtschaft erzählen. Ms' Kind hat Lady Battersea noch die Urgroßmutter, die berühmte Mutter der „fünf Frankfurter", Gud ula Ro ths child in der Judengasse mit flüchtigem Blicke erhascht.. Sie.schreibt darüber: „Als ganz junges Kind war ich einige Monate bei meinen Verwandten in Frankfurt a. M, vor Dem Tode der Urgroßmutter, und ich wurde hingeführt, um meine - ehrwürdige Verwandte zu sehen, oder besser von ihr beschaut zu werden. Ich erinnere mich, daß ich von 2 Mädchen in ein Zimmer und an eine Lagerstätte ^geführt wurde, auf der die schmächtige Form einer kleinen alten Dame ruhte, die eine große Haube trug, die ihr Gesicht beschattete und ihr Haar verbarg. Sie richtete sich ein wenig auf und sagte einige Worte auf Deutsch Zu mir. Ich schrak etwas beunruhigt zurück, aber die beiden Mädchen boten mir Kuchen und Früchte an, worauf ich: wieder aus dem Zimmer geführt wurde. -Erst Jahre nachher war es mir klar, daß ich eine'bemerkenswerte Persönlichkeit gesehen hatte, die Mutter von 19 Kindern, von denen 10 zu großem Ansehen gelangt sind. Lange vor der französischen Revolution-geboren,.bie^-.das--AuLsehen.-Eurobas,--in Verwirrung brachte und veränderte, wollte meine Argroßmutter ihr altes Heim in der Judengasse, dem Judenviertel ..der Stadt, niemals verlassen. Kein Drängen ihrer Söhne konnte sie dazu bewegen, in eine modernere und freundlichere Gegend zu ziehen, oder ihren jüngsten Söhn James nach Paris zu begleiten, wo er in sein neues Heim übersiedelte und seine Stellung als Chef des Pariser Bankhauses einnahm. Sie lebte unter den einfachsten Lebensbedingungen, beständig von ihren Kindern und Enkeln, die sie hoch verehrten, besucht." Einen großen Raum in dem M'emoirenwerke nehmen die Berichte über die häufigen und weiten Reisen, die Lady Battersea in den früheren Jahren in Begleitung ihrer Eltern, 'später mit ihrem Gatten durch Europa unternahm, ein. Sie benutzt diese Reiseberichte, um die einzelnen Zweige der ausgedehnten Verwandt-- schüft zu charakterisieren. Sie schreibt u. a.: „Es ist natürlich, daß ich von Frankfurt, der alten Heimat der Rothschilds, zuerst spreche, zumal einige meiner frühesten Erinnerungen unlösbar mit dieser Stadt verknüpft sind. Frankfurt hat seine eigne und eigentümliche Lage. In jenen Tagen, um die Mitte des 19. Jahrhunderts, war es noch eine der vier Freien deutschen Städte, gewissermaßen zur hanseatischen Gruppe gehörend, neben Bremen, Lübeck und Hamburg. Frankfurt war die Hauptstadt einer kleinen Republik, der Sitz des deutschen Bundestages. Vertreter deutscher und .fremder Höfe und Staaten waren bei dieser kleinen aber wichtigen Hauptstadt accreditiert, die auf diese Weise keinen unbedeutenden sozialen Rang einnahm. Sie hatte in der Tat etwas von dem Charakter einer Metropole. Die alte Stadt mit ihren engen Straßen und Giebelhäuschen, ihren spitzen Michern und ihren vier alten Türmen, welche vier der hauptsächlichsten Landstraßen aus der Stadt ins Land hinaus beherrschten, trocken. Wir sehen, welch wissenschaftliche Wahrheit auch den so scheinbar nebensächlich eingesügten Aussprüchen und Ueberlieferungen unserer zu Grunde liegt und wie sich auch hier das Wort bestätigt: DDnDDn wn T- Die Thauro ist unsere Weisheit in Den Augen der Völker, indem die Großen unserer Vergangenheit aus dem Wege der tiesgründlichsten Thaurokenntnis zu Resultaten komrnßn, die nach Jahrtausenden die Männer der profanen Wissen- -schast aus dem Wege der experimentellen Forschung fanden. Kleines Feuilleton. Ser Emigrant. Von I. L. e r e z. Ich öffne die Tür. Ein leeres Zimmer, ohne Betten und Hausgerät. In vier Winkeln.ist Stroh .angehäuft. In der Mitte des Zimmers steht ein umgestülptes Faß. Um das Faß hocken vier ausgemergelte Kinder mit zerrauftem Haar und löffeln mit grünlichen Blechlöffeln einen Brei aus einer irdenen Schüssel. In der freien Hand hält jedes ein Stück Kleiebrot. In einem Winkel sitzt aus dem Stroh ein blasses, verhärmtes Weib. Ihre Tränen fallen auf die Kartoffeln, die sie eben schälen will. In einem anderen Winkel liegt ein Mann im Stroh ausgestreckt. Der Israelit_ machte einen mittelalterlichen Eindruck und war für unsre kindlichen Augen immer interessant. Die Judengasse, die meine Urgroßmutter niemals verließ, war eine außerordentlich enge und gewundene Straße. Sie war vollgestopft mit Erinnerungen an die Vergangenheit, auch konnte sie von dem Ursprung unsrer Familie erzählen. Sie stand .in auffallendem Gegensatz zur modernen Stadt Frankfurt mit ihren eleganten Straßen und geräumigen Wohnungen, wo viele unserer Glaubensgenossen, namentlich viele Mitglieder unserer eigenen Familie wohnten. Wer ich glaube, daß die Romantik und die Geschichte, die der- Judengasse innewohnte, sie für mich gerade sehr anziehend machte. Die ersten beiden Besuche, die wir Frankfurt abftatteten, als ich noch kaum mehr als ein Baby war, wurden in Gesellschaft meiner Großmutter unternommen, die regelmäßig ihre 'eigene Mutter zu besuchen pflegte; später wurden diese Besuche wiederholt, als einige englische Mitglieder unserer Familie durch ihre Heirat wieder in der alten Staat sich niederließen. Ich will versuchen, von einigen meiner Verwandten einen kurzen Bericht zu geben. Da war, um damit zu beginnen, ein sehr alter Onkel; er muß der älteste Sohn meiner Urgroßmutter gewesen sein. Er hieß Amschel, seine Frau Eva; ich erinnere mich, ihrer als einer großen rundlichen Dame. Er wohnte in einem hübschen villenähnlichen Hause, ich glaube, auf der Bockenheimer Chaussee und ich erinnere.-mich dieser durch ein interessantes Erleb nis. ' * Wir blieben zufällig in Frankfurt während der jüdischen Feiertage, die in die Herbstmonate fallen. Ich Durfte meine Eltern zum Abendessen begleiten, das in Onkel Amschels Sukko, im Gartenhaus, aufgetragen wurde, wo er und seine Frau mit andern Familienmitgliedern das Hüttenfest feierten. An einem schönen Tisch mit Früchten und Blumen sitzend, wo der Rotwein von einem Gast zum andern die Runde machte, hieß uns mein Onkel willkommen und begann ein langes hebräisches Gebet zu sprechen, bevor wir das erste Gericht versuchen dursten. Ich erinnere mich, daß ein schöner, junger Mann, einer unserer Wettern, anwesend war, der seinem Onkel zur. Seite stand. Das Gartenhaus war geschmückt und sah aus wie ein Schmuckkasten. Das Dach ließ kleine Zwischenräume offen, durch die man den Himmel sehen konnte, der in jener Nacht hell ausgefternt war, auf daß wir uns der Israeliten erinnerten, die in den Hütten wohnten, während der 40 Jahre chrer Wüstenwanderung. Außer diesem meinem alten Onkel, der starb, während wir Kinder noch ganz jung waren, lebte um jene Zeit in Frankfurt, auch noch ein einziger Söhn Salomo ns von Rothschild, eines der fünf Brüder und zwar desjenigen, der das Bankhaus in Wien gründete. Dieser Sohn, Anselm, heiratete die älteste Schwester meines Vaters, Charlotte. Er hatte eine reizende Billa, die Grüne bürg, in der Umgegend von Frankfurt, wo er eine Zeitlang mit seiner. Familie lebte. Später übersiedelte er nach Wien und blieb hier an der Spitze des österreichischen Zweiges des großen Bankhauses. — — Die Familie meines Onkels und meiner Tante bestand aus sieben Kindern, vier Töchtern und drei Söhnen. Julia und Mathilde, die beiden älteren, waren liebenswürdige schöne Mädchen und von äußerst distinguiertem Aussehen. Sie waren meiner lieben Mutter außerordentlich anhänglich, der sie übrigerrs zum Verwechseln ähnlich sahen. Sie waren beide hochbegabt. Julia war eine wahre Künstlerin im besten Sinne des Wortes und Mathilde „M ist unnütz gewesen, daß Ihr Euch herbemüht habt!" — ruft er mir entgegen, ohne sich zu erheben. — „Ich zähle in der Stadt nicht mehr mit." Da er sieht, daß ich keine Miene mache, wegzugehen, erhebt er sich langsam und sagt verdrießlich: „Wo ich euch einen Platz anbieten soll, weiß ich wirllich nicht!" „Ich muß nicht sitzen, ich kann auch stehend schreiben!" „Was wollt Ihr denn von mir aufschreiben? Ich warrte nur auf die Schiffskarte. Ihr seht ja: ich habe alles Gerät, auch mein Handwerkszeug verkauft!" „Ihr seid Handwerker?" „Schneider." „Was nötigt Euch auszuwandern?" * „Der Hunger". — Und der Hunger spricht wirklich aus seinem Gesicht, aus dem der Frau und noch mehr aus den heißen Augen der Kinder, die bei, der Schüssel sitzen. „Findet Ihr hier keine Arbeit?" Er zuckt mit den Achseln. Das heißt: Es ist schade, die Zeit mit dem Suchen zu verlieren. . „Wohin fährt Ihr?" „Rach London. Ich war schon einmal dort. Habe schönes Geld verdient. Jede Woche konnte ich 10 Rubel nach Hause schicken und habe ordentlich gelebt. Da hat mich der Teufel wieder hergebracht." Ich vermutete, was der „Teufel" wohl - sei und frage: „Warum habt Ihr die Familie nicht hinübergeholt?" „Ich selbst habe mich hergesehnt! Dort ist cs so finster und stickig! Wenn ich die Augen schloß, habe ich das Städtchen gesehen, den Fluß und den Nr. 22. Seite 3 eine glänzende Pianistin und reizende Komponistin. Die beiden Schwestern waren die beiden ersten weiblichen Raucher, denen ich jemals begegnet war und meine jugendlichen Augen blickten mit Erstaunen auf «diese männliche Gepflogenheit — die Damen rauchten nicht einmal Zigaretten, sondern Zigarren. Die Schwestern heirateten Brüder, Adolf und Willy von Rothschild, die Söhne des Hauptes des Neapeler Hauses. Und hier möchte ich ein Wort über dieses Jneinanderheiraten in meiner Familie sagen, das sich durch zwei Generationen hindurch, über welche ich schreibe, im Gebrauch erhielt. Um jene Zeit hatte die Familie Rothschild eine sehr bemerkenswerte Stellung in England, Frankreich, Deutschland, Oesterreich und Italien erlangt. Sie verdankten diese Stellung ihrem Finanzgenre, ihrem gefchästsmännischen Vorgehen und dem Familiengefuhl, das die Interessen jedes einzelnen Zweiges zu denen der Gesamtheit machte. Sie verwirklichten in ihrem Leben den Fanrilienwahlspruch: Einigkeit, Untadekhafttgkeit, Fleiß! Ihre geivaltigen finanziellen Unternehmungen in den fünf europäischen Hauptstädten brachten sie in engste Berührung mit den Herrschern und Staatsmännern dieses Landes; keine anderen jüdischen Finanzleute hatten es vorher zu solcher Stellung gebracht, oder aber, wenn sie solche Stellungen erlangten, hatten sie aufgehört Juden zu sein. Aber die Rothschilds hielten strikt an ihrem Glauben fest und nahmen das lebhafteste Interesse an den Angelegenheiten unserer Gemeinschaft. Sie wurden, wo sie auch lebten, als die Führer der Juden angesehen und verdienten diese Wertschätzung. Aus allen diesen Ursachen waren sie nun in einer ganz andern sozialen Position wie ihre Glaubensgenossen und lebten sich allmählich in eine Welt ein, die vielen ihrer eigenen jüdischen Freunde und Beziehungen verschlossen waren. Aber als orthodoxe Juden waren sie die entschiedensten Gegner der Mischehe; daher nuu kam das. häufige Jneinanderheiraten unter den Verwandten als einziger Weg aus einer Schwierigkeit, die das Ergebnis der Umstände war. — — Mathildens Gatte, Willy, wurde noch, währeno er ein ganz junger Mann war, außerordentlich orthodox in seinen.Anschauungen. Bevor er heiratete, nahm er seiner Braut das Versprechen ab, seine orthodoxen Anschauungen unverbrüchlich zu respektieren. Das Versprechen wurde gegeben und ist in 50 jähriger (He treu gehalten worden. Die junge Braut band, indem sie in die Ehe trat, ihre braunen Locken unter eine enganschließende Haube, ritt oder fuhr niemals am Sabbat, aß niemals talmudifch verbotene Nahrung, speiste niemals auswärts oder ließ sich Speisen austragen; die besonders für sie hergestellt waren und reiste niemals ohne den Schochet oder Aufseher über die Nahrungsmittel, der in den Diensten ihres Gatten stand. Das Heim des jungverheirateten Paares war in Frankfurt, wo Willy an der Leitung des Familienbankhauses teilnahm. *) Eine ihrer Töchter ist die Baronin Edmund von Rothschild in Paris." ' Eines der interessantesten Kapitel des Werkes schildert die Beziehungen der Verfasserin zu den englischen Premierministern von Disraeli dis Asquith. Schon als die junge Constanze von *) Mathilde von' Rothschild hat am 5. März 1922 das Alter von 90 Jahren erreicht, bei welcher Gelegenheit sie, umgeben von den Mitgliedern ihrer Familie, zur Feier des Tages ein Festmahl gab. Sie ist im Vollbesitz all ihrer geistigen Fähigkeiten. Wald! Mir war es zu eng — zum Ersticken . . . Es zog und zog mich her! . . " „Ra, die Gegend hier ist herrlich!" „Hier ist Luft, eine wunderbare Lust! . . . Und von der Luft leben wir schon drei Jahre. Es geht nicht mehr so weiter. So fahre ich jetzt mit Wew und Kind . . . Daß das Elend ein Ende hat . . „Werdet Ihr nicht wieder nach dem Wald Sehnsucht haben?" „Der Wald?!" — Ein bitteres Lachen verzerrt sein Gesicht. — „Meine Frau ist vorgestern in den Wald gegangen, um Erdbeeren zu sammeln. Da haben sie ihr die, Peitsche zu kosten gegeben ..." Ich will ihn von den traurigen Gedanken ablenken: „Ihr seid aber ein guter Freund des Muffes —" „Der -Fluß — ha, ha! — der hat mir im letzten Sommer ein Kind geraubt!" — (Iavid, König Israels.) Zu Herrn Dr. Kanters geistreicher Erörterung über die Frage, warum wohl Rabbi Jehudo hanotzi die Meldung seiner Jünger, daß der Neumond sestgestellt sei, just durch den Satz cppl Ti TH verlangte, sei ein Hinweis mitgeteilt, den dch vom Halberstädter Klausrabbiner Josef Nobel p**;; hörte: Der Zahlenwert von TI CPpl Ti pPs (819) ist gleich demjenigen von VIT Zugleich erklärt sich damit, warum wir den Satz dreimal sagen: das, Wort VllpQ wurde auch dreimal ausgesprochen. G.