Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 64 (1923)
- Issue
- Heft 22 (31.5.1923)
- Date
- 1923-05-31
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 22 D e r Israeli t 31. Mai 1923 Wochenrundschau. Die berliner Svnntassrrsormer. 'Tie Berliner S o n n ta g s r c f o rmer haben cs mit den Sonntagsjägern gemein, daß. sie selten etwas erjagen und fast immer Böcke schießen. Immerhin fühlen sie ihren Platz im Mutterschoße der Berliner großen Gemeinde so wohl gesichert, daß sie neue An- -sprüche erheben zu dürfen glauben. Ihr bescheidener Wunsch geht'dahin, ihnen die Synagoge in der Fasanenstraß e für.Sonntag gol Lesdien st zur Verfügung zu stellen. Da die Johannisstraße ein wenig abgelegen ist (sie ist sehr weit von.der jüdischen Straße abgelegen . . .) müssen neue Zentren der Reform geschaffen werden. „Und da wir steuerzahlende Mitglieder der großen Gemeinde sind, so können wir die Synagoge in der Fasanenstraße zu dem Zwecke verlangen," so ungefähr sagte Prediger Dr. Coblenz in einer dieser Forderung dienenden Versammlung der Liberalen Bereinigung. Der gleiche Herr berief sich auch auf die M!ä n n e r d e r g ro ß e n Synode, die vor Zeiten für „die Marktbesucher den Gottesdienst mit Thoravorlesung von Sabbat auf Montag und ^Donnerstag verlegt" hätten. Mit dem ersten Argumente scheint uns Herr Dr. Coblenz von seinem Standpunkte aus garnicht so im Unrecht zu sein. Wenn,Vorstand und Repräsentanten, der Sonntagsreformgemeinde durch gern bewilligte Subventionen hin und wieder bestätigen, daß sie Fleisch vom Fleische und Bein vom Gebeine der großen Ge», meinde sei, so ist es nicht recht.erklärlich, warum nicht auch eine weitergchende moralische Unterstützung in der Form von Sachabgaben erfolgen sollte. Wenn schon, denn schon! Vielleicht haben die Herren in Vorstand und Reprasentantenversammlung bei der Bewilligung garnicht so weit gedacht und wird ihnen erst durch den neuen Anspruch zu Bewußtsein kommen, wie sehr sie sich mit der ,wohlwollenden Unterstützung zugleich auch mit den Bestrebungen in der Johannisstraße solidarisch erklärt und sich für diese mitverantwortlich gemacht haben! Ein Wort aber noch zur Anrufung der Instanz der Großen Synode. Mit Verlaub, Herr Dr. Coblenz! Sie haben die betreffende Talmudstelle vielleicht aus zweiter oder dritter Hand und sind daher über die Einrichtung ganz falsch Unterrichtet. Zu den „zehn .Einrichtungen", die Esra bei der Konsolidierung des Synagogengottesdienstes' nach der Errichtung des zweiten Tempels getroffen hatte, gehörte auch diese, beit Torfleuten, die an Wochentagen, vielleicht auch am Sabbat in ihren kleinen Niederlassungen keine Gelegenheit zum gemeinsamen Gottesdienste hatten, am Montag und Tonnerstag, den 'v', da sie zum Markte und zur. Erledigung ihrer Gerichtsangelegenheiten nach der Stadt kamen, mit öffentlicher Thoravorlesung das Gefühl der jüdischen Zugehörigkeit zu stärken, ihnen vielleicht durch den feierlichen Gottesdienst auch den scktigenden Auftakt für des Tages Handel und Wandel zu bieten, vor allem aber, denen, die die Woche über wenig Zeit und Muße für das Forschen der Schrift hatten, den Anteil am heiligen Vätererbe zu sichern. Es sollte ihnen diese Einrichtung darüber hinaus kalendarisch den mit den Wochenabschnitten wie mit Marksteinen bezeichnten Weg zum jüdischen Leben anzeigen. Am Sabbat hatten sie in der Heimat, wie die Vorschrift lautet, mit dem Wochenab-! schnitt wieder von vorne zu beginnen, ohne Anrechnung der bereits am Montag und Donnerstag verlesenen Teilabschnitte. Soweit die Einrichtung Esras, darauf hinausgehend, des Sabbats einen Hauch in den Werktag zu tragen und ihn zu weihen. Was Sie, Herr Coblenz und Freunde, wollen, ist: die Sabbatschändung der Pflichtvergessenen am Sonntag, „dem christlichen und sozialen Ruhetage", durch einen Gottesdienst zu sanktionieren, die mit dem Judentum in der Tat.so viel gemein hat, wie die Berliner Svnntagsresorm mit oen Einrichtungen der „Männer der Großen Synode" ... Und dazu gibt die Berliner große Gemeinde ihr Geld und soll jetzt auch noch ihre Synagogen hergeben. S»lu«sünden in Srer lUrwi. Ter Kampf innerhalb der Jerusalemer jüdischen Bevölkerung nimmt immer häßlichere Formen an, und man schämt sich geradezu, es erleben zu müssen, daß im Interesse eines Mannes, der persönlich über alles Niedrige gewiß hocherhaben ist, mit den Mitteln der Irreführung und Fälschung gearbeitet wird. Was denken sich die Leute eigentlich, die Druckerschwärze und Papier dazu mißbrauchen, um die Diaspora mit angeblichen Kundgebungen Rabb. 'Di s k i ns gegen Oberrabbiner S o n n.e nfeld zu überschwemmen, die nachher innerhalb weniger Tage von dem Unterzeichner selbst telegraphisch als schändliche Erfindungen .gebrandmarkt werden? Fast ebenso schlimm ist der Feldzug, den die dem Oberrabbinat' nahestbhenden Kreise — man vermutet wieder den bekannten Herrn S. A. Weber dahinter — gegen das Tis k in sch e Waisenhaus eingeleitet haben, um die dort beschäftigten Führer der Ag n d a s I i s r oel- I u g e n d g r u p p e um ihre Aemter zu bringen^ Die Agndakr'eise in Jerusalem verstehen es sehr gut, ohne alle Zimperlichkeit zu kämpfen, und ihre Tonart ist sicherlich zuweilen schärfer, als es unsrem europäischen Geschmacke znsagt. Aber das muß ausgesprochen werden: von solchen Ausschreitungen und sittlichen Verirrungen, wie sie die hier gekennzeichneten neuesten Kampfmittel der Parteigänger des Oberrabbinats darstollen, ist der Schild des Sonnenfeld schen Kreises bisher denn doch rein geblieben. Wo soll dieses Kesseltreiben enden? Sollte es' dem Oberrabbinat nicht möglich sein, sich seiner bösen Dämonen zu entledigen, einiges .Verständnis für die abweichende gemeinde-; politische Auffassung der SonneNfeldschcn Kreise zu gewinnen und die Hand zu einem moäus vivendi zu bieten, der beiden Richtungen der Orthodoxie Atemspielranm gewährt und dem. empörenden Ehillul haschem dieser Fehden ein Ende bereitet? - Rothschild-Erinnerungen. In einem stattlichen, in stolzer Einfachheit: gehaltenen Bande von nähezn 500 Seiten liegen uns die Leiblenserinnerungen der Lady Battersea (London 1622 M^cmillan L Co. Limited)^ vor. Cvnstance Battersea ist eine Urenkelin Meyer Amschels von Rothschilds die -Enkelin Nathan Meyers, der das Londoner Bankhaus ins' Sebfeit rief. Ihr Vater war der zweite Siohn dieses Begründers' des englischen Zweiges des' Welthaus^, im Jahre 1810 geboren nnd seit 1840 mit einer Tochter Montefiores verheiratet. Lady Battersea, die heute: 80 Jahre alt ist, hat ihr Memoirenwerk im Oktober 1922 vollendet. Obgleich ihr Lebensweg sie weitab! ans ihrem angestammten Kreise hinaussührte in die Umwelt und sie oft der Seite eines christlichen Gatten, des liberalen Politikers und Parlamentmitgliedes Cyrill Flower, des spateren Lord Battersea, naturgemäß zu einem Wirken innerhalb der jüdischen Gemeinschaft ihres Vaterlandes nicht mehr kommen ließ, bieten die Memoiren doch /auch für jüdische Leser viel des Interessanten und Bemerkenswerten. Vor allen Tingen erfährt man eine Fülle von Einzelheiten und charakteristischen Zügen aus der Geschichte der Familie von Rothschild, wobei einzelne Schlaglichter auch auf diejenigen Zweige des Hauses fallen, die drei Generationen lang völlig auf dem Boden des überlieferten Judentums verharrten. iiwAum Körper und Geist. Eine talmudisch-psychologische Skizze von . Rabbiner Dr. stnsßacher in Strrtlrirrrt. Von altersher hatte man die lleberzeugung, daß Körper und Geist, wenn auch zwei verschiedene Weseaseinheiten als Teile des Menschen dennoch im engsten Zusammenhänge stehen, ja daß kaum ein Vorgang innerhalb der Sphäre des einen ohne Wirkung auf den anderen bleibe, ein psycho-vhysischer Parallelismus das gesamte Leben des Menschen beherrsche. Oft sind es daher scheinbar geringfügige Ursachen, die bedeutende'Folgeerscheinungen aufzuweisen haben. Aus diese Weise erklären sich auch manche Aussprüche unserer Weisen ^“v?, die dem Laien oft schwer verständlich oder gar mysteriös klingen. Daß unsere Chachomim, denen in ihrer universellen Weisheit kein Gebiet fremd war, auch ihre Diätetik desGeisteslebens hatten, ist nicht zu verwundern. Ja man kann wohl sagen, daß sie auch hierin mit scharfem Blick in die verborgensten Tiefen des Menschengeistes gedrungen. Unsere mo-f Aber, auch die entgegengesetzte Wirkung ist am derne Literatur ist nicht arm an Werken, wie-wir i vielen Beispielen zu beweisen. Geistige Anstrengung „u n s er Ged ä ch tni s steig ern", unsere geistiges oder Gemütserregungen rufen" naturgemäß körper- Arbeit fördern ufw.. die aber vft nichts als! liehe Vorgänge hervor, die. der seinen Beobachtung allgemeine Redensarten oder bekannte Ratschläge nicht verborgen bleiben und in Zukunft vielleicht enthalten, und nur den einen Erfolg bringen,! noch Gegenstand sehr interessanter Untersuchungen daß unser Gedächtnis um einige mehr losfein werden. O. S. Morden berichtet von einem gewordene Mark — nach der Schlüsselzahl amerikanischen Professor, der den Versuch anstellte, — bereichert ist. Der Talmud zählt dagegen j G e d a n k e n b u ch st ä b l i ch z u' w ä g e n. Er» verschiedene Dinge auf, die r~ZZ'L m??, die siegte Studierende auf eine Wage entsprechend ihrem > Verge^'ltch.kmt fordern zum scheinbar keme z natürlichen Schwerpunkte. Nachdem er ihnen Rech endirek t'e'Einwirkung W die^Geistiakeit zu üben jaufgaben stellte, und durch die geistige Arbeit vermöoen. und dock wohl nicht ohne inneren Zu-i Blut in die Hirnnerven strömte, v erlebte sich der sammenhanq mit derselben bleiben dürsten. So z. 23. j Schwerpunkt dem Kopfe zu und die Wage schlug soll mau nickt zwei Kleidungsstücke zugleichnmck 1ener 0eüe llö*r- Je schwerer die gestellten au- oder anszichen, nicht die Kleider beim Sckiafsn | Aufgaoen waren, desto starker wurde das Uebergeunter s Hauvt leaen, nickt aus dem Zimmer i wicht. Eoenso rufen steuoige oder traurige Gemütsgehen. ehe man das benützte Buch schließt. O r dj errcnitngert Muskelanschwellungen bezw. Zusammenn u n g s s i n n ist die erste Vorbedingung zum Erfolg! schrumpiungen hervor, die durch feine Meßinstrumente - der geistigen Arbeit. Wer zu wenig Selbstbeherrschung \ festzustellem sind. So erscheint aNch die Erzählung besitzt, sich Zeit zum ordentlichen An- und Ausziehen r (Talmud Gnttm 5b b) m wrfienschaitlichem Lichte ' - ----- - Als R. Iochanan b. Sakkai den Fcloherrn Despafian als „Kaiser" betitelte, und er darüber der Verden rechten Platz zu nehmen, oder ferne .Kleider an c - zu legen, oder feine Lektüre richtig anizusewayren, i dessen geistige Arbeit wird gleichfalls sehr lückenhaft; sein. Stellen wir uns vor, wir kanten in die We r kst a t t eines Handwerkers, es läge etwa der Hammer am Fensterbrett, die Zange unterm Tisch, der Arbeitsstuhl stünde etiva hirtter der Türe, sodaß er beim Oeffncn derselben rmsalle, was wütden wir von dessen Arbeit halten? Mit Recht herzlich wenig. Ebenso ist es auch beim geistigen Arbeiter. Die Redensart vom zerstreutenGelehrten hat.in der jüdischen Auffassung k eine Berechtigung. Ein geordnetes Wissen setzt auch Ordnung in der Art der Aneignung voraus. So wirken scheinbar äußerliche Dinge auf die geistige Verfassung. höhnung bezichtigt wurde, gab er zur Antwort, er sei bereits zu diesem ernannt. Als V. hierauf den Schuh anztehen wollte, war er ihm zu enge, der Rabbi erklärte es ihm jedoch unter Berufung auf den Satz ',unn eine frohe Botschaft macht die Gebeine fett fMischle 15,301 damit, daß die unerwartete freudige Nachricht seine Füße anschwellen ließ. Der Weise war aber auch imstande, ihm ein Gegenmittel zu empfehlen, indem er vor ihm einen ihm verhaßten Menschen Vorbeigehen ließ», durch dessen Anblick die Anschwellung wieder zurück-- ging, entsprechend dem Satz niC’2 mn f>b. 17,22] CU egm» ein betrübter Geist macht die Gebeine'